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Alte Geschichte

D. Bremer (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Titel:Frühgriechische Philosophie
Reihe:Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike 1
Herausgeber:Flashar, Hellmut; Bremer, Dieter; Rechenauer, Georg
Ort:Basel
Verlag:Schwabe Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-7965-2598-8
Umfang/Preis:1061, LIX S.; € 301,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Jan Dreßler, Excellence Cluster Topoi, Berlin
E-Mail: <jandresslergooglemail.com>

Der erste Band des neuen ‚Ueberweg‘ zur frühgriechischen Philosophie, der nun nach langem Warten in zwei umfangreichen Teilbänden erschienen ist[1], verdeutlicht die Fortschritte, die die Forschung zu den sogenannten Vorsokratikern in den letzten Jahrzehnten erreicht hat.[2] Nicht nur die Bandbreite des philosophischen Denkens von Thales bis Demokrit, sondern vor allem auch die in der Forschung aufgeworfenen Probleme sowie die vorgeschlagenen Lösungen erweisen sich dabei als so umfangreich, dass eine Aufteilung des Handbuchs an mehrere Autoren sicher ratsam war. Die einzelnen Kapitel, jeweils von namhaften Vertretern der Forschung verfasst, bieten eine ausführliche Synthese des aktuellen Forschungsstands nicht nur zum Werk der einzelnen Denker, sondern auch zur Überlieferungs-, Rezeptions- und Forschungsgeschichte. Eingangs findet sich jeweils ein Überblick zur Quellen- und Überlieferungssituation sowie zur Forschungsgeschichte; darauf folgt eine Exposition des Werks und der für den jeweiligen Philosophen belegten Schrift(en); den Hauptteil bildet eine ausführliche Darstellung der Lehre(n), gefolgt von einem in jedem Fall interessanten Überblick zur Rezeptionsgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart, der so in einschlägigen Handbüchern nur selten zu finden ist, und schließlich einer jeweils auf die einzelnen Kapitel bezogenen umfangreichen Bibliographie. Dabei werden nicht nur die bekannten frühgriechischen Philosophen (Thales, Anaximander und Anaximenes, Xenophanes und Pythagoras, Parmenides und Zenon, Heraklit, Empedokles, Anaxagoras sowie die Atomisten Leukipp und Demokrit), sondern auch ‚kleinere‘ Vorsokratiker wie der Athener Archelaos und Diogenes von Apollonia (beide von Georg Rechenauer) und der Eleat Melissos (von Christof Rapp) mit eigenen Abschnitten berücksichtigt; ebenso finden sich ein Kapitel über „Kratylos und die Herakliteer“ von Dieter Bremer sowie ein Überblick über die pythagoreischen Philosophen (neben und nach Pythagoras) von Leonid Zhmud im Rahmen seines Beitrags über „Pythagoras und die Pythagoreer“.

Wie in den einzelnen Beiträgen deutlich wird, hat sich die Forschung in den letzten Jahrzehnten intensiv bemüht, durch die Untersuchung des jeweiligen textlichen und ideengeschichtlichen Kontexts, in dem die Vorsokratiker überliefert sind, deren genuines Gedankengut von den Fragestellungen und Begriffen späterer Philosophen und Doxographen zu scheiden. Angefangen bei Aristoteles und Theophrast, auf den die antike Doxographie in vielem zurückgeht, zum Teil auch schon bei den Sophisten und Platon, bis zu den Neuplatonikern und Kirchenvätern der Spätantike hat deren Blick und Zugriff auf die frühgriechische Philosophie die Überlieferung nicht unwesentlich geprägt. Dies gilt nicht nur für die sekundäre Überlieferung, die die vorsokratischen Lehren zumeist im Licht späterer philosophischer Systeme deutet, sondern auch für die wörtlichen Fragmente, die höchst selektiv und entsprechend der jeweiligen Interessenlage späterer Autoren überliefert sind. Der Überlieferungskontext ist also auch für das Verständnis der – vermeintlichen oder tatsächlichen – Originalfragmente immer mit zu berücksichtigen. Fragmentsammlungen wie die von Diels und Kranz, so hilfreich sie sein mögen, verstellen hier zuweilen den Blick auf die sekundäre Formung des Materials, das sie präsentieren.

Vor diesem Hintergrund kann es sicher als wesentlicher Vorzug des neuen ‚Ueberweg‘ gelten, dass die Lehren der behandelten Philosophen nicht einfach in einheitlicher und geglätteter Form dargestellt, sondern in systematischer Auseinandersetzung zum einen mit der antiken Überlieferung, ihren jeweiligen Vorannahmen und zurückprojizierten Begrifflichkeiten, zum anderen mit praktisch allen relevanten neuzeitlichen Forschungsansätzen rekonstruiert werden. Unterschiedliche Positionen in der Forschung werden dabei von einigen Autoren – was der Sachlage durchaus entspricht – eher nebeneinander gestellt, ohne dabei zu einem abschließenden Urteil zu kommen, während andere Beiträger mehr Entscheidungsfreude zeigen. In jedem Fall werden aber Unsicherheiten und Kontroversen der Forschung immer als solche kenntlich gemacht und ausführlich diskutiert. Ebenso wird jeweils aufgezeigt, was sich entweder aufgrund mangelnder Überlieferung oder aber offener Forschungsdiskussionen nicht mit Sicherheit entscheiden lässt – zum Teil verbunden mit notwendig unsicheren Überlegungen, in welcher Richtung die Lösung zu suchen wäre.

Den Schwerpunkt der einzelnen Kapitel bildet im klassischen Sinne die Rekonstruktion der einzelnen naturphilosophischen Systeme und Lehren. Dabei werden auch gewinnbringende Bezüge zwischen den einzelnen Denkern hergestellt. Besonders die grundlegende Bedeutung der parmenideischen und eleatischen Ontologie – so vor allem des ‚Verbots‘ eines Entstehens aus dem Nichtseienden und die daran anknüpfende Problematisierung von Bewegung und Veränderung – für die weitere Entwicklung des philosophischen Denkens wird eindrücklich herausgearbeitet. Dabei hat sich die Forschung in jüngerer Zeit auch eingehender mit dem weiteren Diskurszusammenhang sowie dem historischen und sozialen Kontext beschäftigt, in dem all dies stattfand. Solche Fragen, die von der klassischen Verortung der ‚Vorsokratiker‘ in der Entwicklung des philosophischen Denkens wegführen bzw. sie ergänzen, bleiben jedoch im Hintergrund; oder vielmehr: Sie werden ausgelagert in ein erstes Kapitel zu „übergreifenden Themen“ (S. 1–233). Hier wird etwa gefragt, was eigentlich das Wesen der frühgriechischen ‚Philosophie‘ – bevor dieser Begriff (und damit in gewissem Sinne auch die Sache selbst) in dem späteren Sinne, in dem wir ihn heute noch verstehen, überhaupt geprägt war – gewesen sein mag, was sie vom früheren Denken unterschied und was sie mit diesem gemeinsam hatte (Dieter Bremer zum „Ursprung der Philosophie bei den Griechen“). Auch werden mögliche orientalische Einflüsse (von Walter Burkert), mündliche und schriftliche „Ausdrucksformen der frühgriechischen Philosophie“ (von Andreas Patzer) sowie biographische (von Thomas Schirren und Georg Rechenauer) und ikonographische Aspekte (von Nadia Koch) behandelt. Solche Forschungsansätze sind also im neuen ‚Ueberweg‘ durchaus vertreten, doch stehen sie eher für sich und werden in den Kapiteln zu den einzelnen Philosophen zum Teil nicht weiter verfolgt. Eine Ausnahme bilden freilich Leonid Zhmuds Ausführungen zur doxographischen Tradition, der auch in allen weiteren Beiträgen viel Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Zwar bemühen sich die Beiträger nach Kräften, die Vorsokratiker aus der Umklammerung der späteren Philosophiegeschichte sowie (zum Teil) der neuzeitlichen Forschungsgeschichte zu befreien und demgegenüber die eigentümliche und originäre Form ihres Denkens zu rekonstruieren. Die Prämisse ist aber stets, dass es sich bei diesen in erster Linie um ‚Philosophen‘ handelte – als welche sie ja im vollen Sinne erst von den späteren Philosophen begriffen wurden. ‚Unphilosophische‘ Aspekte, die sich etwa in ihrem Denken, aber vor allem auch in ihrem gesellschaftlichen Wirken feststellen ließen, werden dagegen nur am Rande gewürdigt: ihr Auftreten als Dichter, als Politiker, als Charismatiker, als Denker, die sich an ein breiteres, im Einzelnen schwer zu bestimmendes, aber jedenfalls nicht notwendig ‚philosophisches‘ Publikum richteten. Andererseits wird man dies dem ersten Band einer Geschichte der „Philosophie der Antike“ vielleicht auch nicht zum Vorwurf machen können, zumal sich über solche Aspekte tatsächlich weit weniger mit Sicherheit sagen lässt als über die Rolle, die die Vorsokratiker als Teil der ‚Geschichte der Philosophie‘ gespielt haben, in die sie retrospektiv eingeordnet wurden.

Daran, dass der erste Band des neuen ‚Ueberweg‘ nun für lange Zeit als maßgebliches Handbuch der frühen griechischen Philosophie gelten kann, besteht kein Zweifel. Die Beiträge bieten eine prägnante und umfassende Darstellung der frühgriechischen Philosophie, die sich stets auf dem aktuellen Stand der Forschung und hohem Niveau bewegt. In den umfangreichen, thematisch geordneten Bibliographien sind weite Teile der modernen Forschung berücksichtig. Zudem zeigen die einzelnen Beiträge immer, dass es sich bei jeder Darstellung des vorsokratischen Denkens aufgrund der schwierigen Überlieferungslage um eine – in manchem vorläufige, unsichere und subjektive – Rekonstruktion handelt, an der sie den Leser zugleich teilhaben lassen. Vor allem dies, die umfassende Aufarbeitung und Darstellung des heterogenen, oft schwierigen Quellenmaterials sowie der daran anknüpfenden Forschungsdiskussion, auf denen alles aufbaut, was wir über die frühen griechischen Philosophen zu wissen meinen, macht den neuen ‚Ueberweg‘ nicht nur zu einem unverzichtbaren Arbeitsinstrument, sondern zugleich zum Wegweiser und Maßstab für die weitere Forschung.

Anmerkungen:
[1] Zur Editionsgeschichte vgl. Wolfgang Rother: „Vom alten zum neuen ‚Ueberweg‘“ (S. XV–XXV) sowie das Vorwort der Herausgeber (XXXI–XXXIII).
[2] Vgl. auch die Rezension von Tiziano Dorandi in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 6 (15.06.2013), <www.sehepunkte.de/2013/06/23048.html> (16.09.2013).

ZitierweiseJan Dreßler: Rezension zu: Flashar, Hellmut; Bremer, Dieter; Rechenauer, Georg (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie. Basel 2013, in: H-Soz-Kult, 14.10.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-036>.

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