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Zeitgeschichte (nach 1945)

D. Oels: Rowohlts Rotationsroutine

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Rowohlts Rotationsroutine. Markterfolge und Modernisierung eines Buchverlags vom Ende der Weimarer Republik bis in die fünfziger Jahre
Ort:Essen
Verlag:Klartext Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8375-0281-7
Umfang/Preis:440 S.; € 29,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Wiebke Wiede, Fachbereich III/Neuere und Neueste Geschichte, Universität Trier
E-Mail: wiedeuni-trier.de

Rotation ist das Leitmotiv dieses Buches: die technischen Rotationen von Druckmaschinen und Tonbändern, aber auch ideelle Rotationen von Verlagsprogrammen und biographische Rotationen angesichts historischer Umbrüche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. „Rowohlts Rotationsroutine“ lautet der suggestive Titel der vorliegenden Dissertation, den der Autor David Oels seinem Doktorvater Erhard Schütz, Germanist an der Humboldt-Universität zu Berlin, verdankt. Rowohlts Rotationsromane, rororo Taschenbücher und rowohlts deutsche enzyklopädie (rde) waren die bekannten Produktreihen des Rowohlt-Verlags, dessen Geschichte vom Ende der Weimarer Republik bis in die 1950er-Jahre David Oels hier vorlegt.

Der Rowohlt-Verlag, den Ernst Rowohlt 1908 gründete und 1910 in das Leipziger Handelsregister eintragen ließ, gehörte zu den erfolgreichsten Verlagen der frühen Bundesrepublik, ein eigenes Profil pflegend, das zwischen kulturpolitischem Konservatismus und intellektueller Popularität oszillierte. Methodologisch erfreulich geht Oels sehr selbstverständlich davon aus, Verlage gleichermaßen als Wirtschaftsunternehmen und als kulturelle Akteure zu betrachten. Demnach sind die intellektuellen Bewegungen, die der Verfasser unter dem Begriff der „Modernisierung“ beschreibt, immer an ihren „Markterfolg“ gebunden, der nicht nur Auskunft über Gewinn- und Verlustlage einzelner Publikationen gibt, sondern auch die Publikationsstrategien und deren Modifikationen seitens der Verleger und Verlagsleitungen erst vollständig erklärt. Freilich hapert es im Fall des Rowohlt-Verlags für eine erschöpfende wirtschaftshistorische Betrachtung an einer zureichenden Quellenlage, bedingt durch Kriegs- und Nachkriegsverluste in der Verlagsüberlieferung. Oels nutzte verbliebene Archivbestände, die 2007 an das Deutsche Literaturarchiv Marbach sowie das Institut für Buchwissenschaft der Universität Mainz übergeben wurden (wo der Autor seit 2011 als Juniorprofessor tätig ist) sowie Autorennachlässe aus Marbach, der Berliner Akademie der Künste und verstreute Bestände aus Yale, Boston oder dem Bundesarchiv, die leider nicht in einem gesonderten Quellenverzeichnis aufgeführt, sondern lediglich in den Fußnoten nachgewiesen sind.

Die Arbeit gliedert sich einschließlich der Einleitung in fünf Teile. Der erste Hauptteil (das heißt das zweite Kapitel) ist chronologisch angelegt und behandelt die Verlags- und Verlegergeschichte 1931–1946. Mit der Weltwirtschaftskrise einsetzend, beginnt Oels die Geschichte des Rowohlt-Verlags von einem Ende her zu erzählen, dem Konkurs des „zweiten“, 1919 gegründeten Verlags (nachdem der „erste“ Rowohlt-Verlag 1912 von Kurt Wolff übernommen worden war). 1931 wurde der Verlag vom Ullstein-Konzern aufgekauft und geriet damit 1934 oder 1936, hier bleibt Oels unentschieden, als nunmehriges Tochterunternehmen Ullsteins in den Besitz des NSDAP-Parteiverlags Eher. Rowohlt publizierte nach 1933 in einer Art „Mischkalkulation“ (S. 61) teilweise NS-affine Militaria, teilweise nun verfemte Autoren der Weimarer Zeit (Musil, Ringelnatz, Kaléko). 1938 wechselte der Verlag erneut den Eigentümer. Als Teil der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) siedelte das Unternehmen nach Stuttgart um. Während der Verlag mit Büchern über Ski- und Bergsport (etwa Luis Trenkers „Kameraden der Berge“), Kochbüchern und Ratgebern vom Bücherboom der ersten Kriegsjahre profitieren konnte, hatte Ernst Rowohlt Deutschland bereits verlassen, nachdem er 1938 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen worden war. Über die Schweiz, London und Paris schiffte Rowohlt 1939 nach Brasilien aus, kehrte allerdings 1941 nach Deutschland zurück und stellte sich als Propagandaoffizier im Nahen und Mittleren Osten in den Dienst der Wehrmacht. Die Geschichte des „zweiten“ Rowohlt-Verlags ging 1943 zu Ende, als die DVA sämtliche Vermögen und Verbindlichkeiten des Unternehmens übernahm.

Die Geschichte des „dritten“ Rowohlt-Verlags, beginnend 1945/46, behandelt Oels überzeugend in zwei Kapiteln, in denen er die Programmschwerpunkte des Verlags in eine Art verlagshistorischen Mikroblick nimmt. Zum ersten wird die Publikationsgeschichte des auf Zeitungspapier und in Quartformat gedruckten Reihenunternehmens Rowohlts Rotationsromane erzählt, dessen Erfolg im Wesentlichen auf der geschickten Verhandlungspolitik Ernst Rowohlts beruhte, der es verstand, sich den Publikationsvorstellungen der Westalliierten anzupassen und sowohl günstige als auch politisch korrekte Massenauflagen zu produzieren. Nach der Währungsreform wurden die Rotationsromane durch die rororo Taschenbücher ersetzt, die, in mehrfarbige, plakative Schutzhüllen gebunden, nun neben libertär-existentialistischer Belletristik (Hemingway, Tucholsky, Sartre, Camus, Fallada, Greene) politische Sachbücher und Reportagen umfassten. Zum Sachbuchprogramm zählte neben Hjalmar Schachts „Abrechnung mit Hitler“ oder Hans Zehrers „Der Mensch in dieser Welt“ (beide 1948) vor allem der archäologische Abenteuerroman und Bestseller „Götter, Gräber und Gelehrte“ (1949) von C.W. Ceram (Kurt Marek), dem sich Oels in einem weiteren Unterkapitel widmet. In der Darstellung von Entstehung und Verbreitung dieses Sachbuchs sowie Rowohlts Sachbuchprogramm insgesamt entfaltet Oels’ Arbeit ihre eigentliche Stärke. Der Autor begreift das Sachbuch nicht nur als Bezeichnung eines Genres, sondern darüber hinaus als Signatur einer kulturellen Epoche, der „Sach-Moderne“ (Erhard Schütz), die sich in Form der gebrochenen, „reflexiven“ und „kombinatorischen“ Moderne im Rowohlt-Verlagsprogramm abbilde (S. 384). Im Duktus viriler Rationalität (S. 27) sammelten sich unter dem Rowohlt-Verlagssignet die Gemengelagen der Gegenwart, die sich nach außen, wenn man so will bis hin zur Gestaltung des Buchumschlags, modern gaben, aber inhaltlich kulturpolitisch konservative Positionen vertraten.

Das resümierende Schlusskapitel der Arbeit gilt der Konstruktion von Erinnerung: dem autobiographischen Roman „Der Fragebogen“ (1951) Ernst von Salomons, der als Mitglied der Organisation Consul am Rathenau-Mord beteiligt war, den Fragmenten von Ernst Rowohlts Memoiren „Mein liebes, dummes, gefährliches Leben“ sowie der Verlagschronik von 2008. Nutzt der Bestseller „Der Fragebogen“ das Formular des Entnazifizierungsverfahrens zur biographischen Apologie, so wird in der Verlagschronik Rowohlt zum „Radar-Verlag“ (S. 380), zum Seismographen, aber keinesfalls intentionalen Sender kulturpolitischer Strömungen. In der Person Ernst Rowohlts schließlich kumulieren die sich widersprechenden Motive des Verlagsprogramms. So kann man bei Oels lesen, dass auf Rowohlts Beerdigung 1960 der ehemalige Freikorps-Aktivist und Theologe der Bekennenden Kirche Martin Niemöller die Trauerrede hielt und der damalige Leiter des Aufbau-Verlags Klaus Gysi aus Ost-Berlin angereist war. Gespielt wurden „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ und der „Marsch der Finnländischen Reiterei“. Die Memoiren Rowohlts, die im Gespräch mit dem Journalisten Josef Müller-Marein aufgezeichnet werden sollten, blieben Fragment, denn, so Müller-Marein: „Er [Rowohlt] war zu nobel für ein rotierendes Tonband.“ (zit. auf S. 376)

Das Buch von David Oels überzeugt vor allem im Gesamteindruck. Die gleichsam „rotierende“ Kontinuität kultureller Verlagspolitik des Rowohlt-Verlags von der Weimarer Zeit bis in die frühe Bundesrepublik wird stichhaltig und anhand zahlreicher Details fundiert vermittelt. An der einen oder anderen Stelle hätte eine etwas weniger investigative Distanzierung von naturwüchsig subjektiven Quellen, wie Verlagschroniken oder Verlags-Homepages, den genuin wissenschaftlichen Innovationsgehalt der Studie deutlicher gemacht, ist doch die beschönigende Sicht bundesdeutscher Verleger auf ihre eigene Vergangenheit spätestens seit der Studie über den Bertelsmann-Verlag (2002) an sich keine neue Erkenntnis.[1] Unter Umständen wäre es von Interesse gewesen, Anregungen der Ideengeschichte der Zwischenkriegszeit und die dort konstatierten Austauscheffekte zwischen rechten und linken politischen Lagern stärker zu nutzen. Dieser Kritikpunkt resultiert aber aus einer anregenden Lektüre, die weiterführende Fragen provoziert. Insgesamt bietet die Arbeit von David Oels eine Fülle neuer Einblicke in ein spannendes Forschungsfeld. Vor allem sollte das Buch auch außerhalb einer reinen Buchwissenschaft seine Leserinnen und Leser finden, eröffnet es doch ein breites Panorama kulturhistorischer Facetten des populären Konservatismus der frühen Bundesrepublik.

Anmerkung:
[1] Saul Friedländer u.a., Bertelsmann im Dritten Reich, Bd. 1, München 2002.

ZitierweiseWiebke Wiede: Rezension zu: Oels, David: Rowohlts Rotationsroutine. Markterfolge und Modernisierung eines Buchverlags vom Ende der Weimarer Republik bis in die fünfziger Jahre. Essen 2013, in: H-Soz-Kult, 04.12.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-182>.

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