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Frühe Neuzeit

M. Mitterauer: Historische Verwandtschaftsforschung

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan Brademann <jan.brademannuni-bielefeld.de>
Autor(en):
Titel:Historische Verwandtschaftsforschung
Ort:Wien/Köln/Weimar
Verlag:Böhlau Verlag Wien
Jahr:
ISBN:978-3-205-78876-8
Umfang/Preis:248 S.; € 39,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Julia Heinemann, Historisches Seminar, Universität Zürich
E-Mail: <julia.heinemannhist.uzh.ch>

Familie und Verwandtschaft werden derzeit in der Geschichtswissenschaft stark diskutiert, haben aber nicht erst in den letzten Jahren Aufmerksamkeit unter Historikerinnen und Historikern erfahren. Michael Mitterauer bietet mit seinem aktuellen Buch, das sieben bereits publizierte Aufsätze und einen neuen Text vereint, einen Einblick in seine Forschungsergebnisse zu diesem Thema aus über 20 Jahren. Mitterauer, bis 2003 Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien, hat die deutschsprachige Verwandtschaftsforschung stark geprägt und war unter anderem einer der ersten Historiker, der die Forschungsergebnisse des Anthropologen Jack Goody rezipierte.[1]

Den Aufsätzen vorangestellt ist eine kurze Einleitung, in der Mitterauer in einer Rückschau auf Forschungstendenzen, Debatten der Gegenwart und „persönliche Erfahrungen“ (S. 10) seine Prämissen und Ansprüche an eine „problemorientierte Historische Verwandtschaftsforschung“ (S. 13) formuliert. Er geht dabei – wie in allen hier publizierten Aufsätzen – von einer Unterscheidung zwischen Haushaltsfamilie und Verwandtschaftsfamilie aus, wobei er letztere durch Abstammung und Heirat definiert und in den Mittelpunkt seines Interesses rückt. Als Klammer der hier gesammelten Texte nennt Mitterauer Forschungsrichtungen zu Familie und Verwandtschaft, die er den Sozialwissenschaften und der Sozialanthropologie zuordnet. Wünschenswert wäre hier eine Auseinandersetzung mit jüngeren geschichtswissenschaftlichen Forschungen gewesen. Seine eigene Mitarbeit an der Zeitschrift „Beiträge zur Historischen Sozialkunde“ bezeichnet Mitterauer als „Ausgangsbasis“ (S. 8) für den vorliegenden Sammelband (zwei der Aufsätze wurden zuerst dort publiziert), und seine dort gewonnene Prämisse, kulturell wie zeitlich umfassend und vergleichend zu arbeiten, zieht sich tatsächlich durch alle Texte. Mitterauer nennt dafür fünf „Ausdrucksformen von Verwandtschaft“, mit denen er sich befasst habe und die auch alle thematisiert werden: Namengebung, Heiratsregeln (Verwandtenheirat ist das dominante Thema dieses Sammelbandes), Umgang mit dem Tod, Blutrache und Erbe. Er bringt alle diese Phänomene mit „charakteristischen Erscheinungen“ des Christentums in Verbindung und benennt die „religiösen Bedingungen von Verwandtschaftssystemen“ als „Leitmotiv“ (S. 11) des Sammelbandes – eine Herangehensweise, die alle seine Forschungen prägt.

Die Texte machen deutlich, dass Mitterauers vor zehn Jahren aufgeworfene Frage nach den kulturellen Besonderheiten Europas unabhängig vom spezifischen Thema einzelner Texte – ob es nun um Ahnenkult geht oder um Verwandtenehen im Islam – von Beginn an im Mittelpunkt seiner Forschungen stand.[2] Mitterauer vertritt dabei eine grundlegende, sich an Max Weber und Jack Goody anlehnende These: Das christliche Europa sei durch einen Bedeutungsrückgang verwandtschaftlicher Bindungen seit dem Mittelalter charakterisiert (z.B. S. 7), der auf das Wachstum von ‚Staatlichkeit‘ und kirchlichen Institutionen zurückzuführen sei.[3] Jüngere Forschungen, mit denen sich der Autor leider nicht auseinandersetzt, stellen stattdessen einen Wandel verwandtschaftlicher Beziehungen fest, der gerade nicht mit einem Relevanzverlust gleichzusetzen ist. Hier wird im Gegenteil eine Stärkung verwandtschaftlicher Bindungen beobachtet, zum Einen, um 1500, im Zusammenhang mit staatlichen Verdichtungsprozessen in Richtung vertikaler Abstammungslinien, zum Anderen, um 1800, in Richtung horizontaler Netze.[4]

Der „Sonderweg“ des christlichen Europas wird schon im ersten Kapitel und zugleich ältesten Aufsatz (1991) konturiert: Hier stellt Mitterauer das Verhältnis zwischen Lebenden und Toten im Christentum dem Ahnenkult in China gegenüber. Während die chinesische Kultur mit patrilinearen „Verbandsfamilien“ in Zusammenhang gebracht wird, sei dem Christentum der Ahnenkult fremd. Im Christentum als einer familienfeindlichen Religion – der Bezug auf Max Weber ist unverkennbar, wird aber nicht explizit genannt – habe die Kirche die Fürsorge für die Toten übernommen. Mitterauer zieht aus dieser These weitreichende Schlüsse, wenngleich er betont, dass er von „Idealtypen“ (S. 25) spricht: Während in vom Ahnenkult geprägten Kulturen beziehungsweise Religionen Patrilinearität und die Autorität der Älteren, verbunden mit konformistischen Haltungen in der Familie bestimmend sei, vollzogen christliche Gesellschaften eine „Sonderentwicklung“ (S. 19), die Mitterauer mit den Stichworten „Individualisierung“ und „egalitäre Gestaltungsformen“ charakterisiert. Unter Europa wird im Übrigen offensichtlich vor allem Westeuropa verstanden. Mitterauer spricht an anderer Stelle von „europäischen Randstaaten“ (S. 56) und nennt als Beispiel Polen; auch der Balkan gilt ihm als kontrastierende „Reliktzone“ (S. 121), in dem sich religiöse und verwandtschaftliche Strukturen seit vorchristlicher Zeit erhielten.

Das Bemühen des Autors, anhand von Verallgemeinerungen Kontraste und Kennzeichen einzelner „Kulturen“ und besonders eines christlichen Europas herauszuarbeiten, zieht sich durch alle Texte – interessante Einzelergebnisse treten dagegen leider immer wieder in den Hintergrund. Differenzierter fallen die Kapitel zur geistlichen Verwandtschaft (Kapitel 2) und zu Verwandtschaftsterminologien (Kapitel 3) aus. Hier arbeitet der Autor komparatistisch Kennzeichen verwandtschaftlicher Ordnungen im Islam und in verschiedenen christlichen Kirchen anhand theologischer Abhandlungen heraus und belegt überzeugend seine These, dass geistliche Verwandtschaft weder als Gegensatz, noch isoliert von anderen Formen von Verwandtschaft betrachtet werden kann. Zudem fokussiert Mitterauer anhand zahlreicher Beispiele auf verschiedene Verwandtschaftsterminologien und verfolgt ihre Verbreitung und ihren Wandel, getreu seinem Grundsatz, dass Änderungen im semantischen System als Folge eines Wandels sozialer Systeme zu betrachten sind. So gelingt eine Synthese diverser interessanter Forschungsergebnisse, wenngleich die Interpretation wiederum von der Annahme eines europaspezifischen Bedeutungsrückgangs vor allem patrilinearer Verwandtschaftsstrukturen ausgeht.

Mitterauers Kenntnisreichtum bezüglich christlicher, islamischer, jüdischer und buddhistischer Religionen und Regionen führt so immer wieder zurück zur Frage „Warum Europa?“, wie seine Auseinandersetzungen mit der „Inzestproblematik“, beziehungsweise der Verwandtenheirat zeigen. In Kapitel 4 (zuerst 1995 publiziert) erfolgt ausgehend vom Sassanidenreich des sechsten Jahrhunderts noch eine differenzierte und kritische Auseinandersetzung mit biologischen und soziologischen Konzepten des Inzesttabus, mit dem Ergebnis, dass es nie ein universales Inzesttabu gegeben habe. Mitterauer nimmt in den folgenden Kapiteln jedoch verstärkt die Perspektive eines weniger patrilinear geprägten und deshalb Verwandtenheiraten ausschließenden Christentums ein, das er sowohl mit einem auf Abstammung fixierten und deshalb Leviratsehen (Schwagerehen) praktizierenden Judentum kontrastiert (Kapitel 5), als auch mit endogamen Heiratsmustern im Orient als Folge tribaler Traditionen (Kapitel 8).

Dabei zieht Mitterauer vor allem in den beiden aktuellsten Texten (Kapitel 7 und 8) verstärkt biologische beziehungsweise medizinische Argumente heran – allerdings mit fragwürdigen Ergebnissen. Der hier erstmals publizierte Text bietet unter der Fragestellung, warum sich auf der iberischen Halbinsel eine im europäischen Vergleich erhöhte Rate „konsanguiner Eheschließungen“ (S. 150) finde, einen Überblick über dortige Heiratsmuster in den Fürstenhäusern zwischen etwa 800 und 1800. Dabei stehen überzeugende vergleichend herausgearbeitete Erklärungsansätze, wie kognatische Sukzessionsordnungen, Haushaltsstrukturen und weibliche Erbansprüche, neben Vermutungen über außereheliche Beziehungen, die zu starke „physische und psychische Beeinträchtigungen“ (S. 157) verhindern konnten.

Bedenklich wird es jedoch, wenn in Mitterauers Ausführungen das (wenn auch wohl nicht intendierte) Bild eines von Inzest geprägten – und damit quasi „vormittelalterlichen“ – Islams entsteht, der bis heute im Gegensatz zum Christentum vermehrt Cousinenheiraten praktiziere und deshalb von „hohen Raten genetischer Störungen“ (S. 215) betroffen sei. Der Autor verbindet seine Thesen dabei mit einem schon in der Einleitung explizit formulierten aufklärerischen Anspruch, der die Vermittlung historischen Wissens als „Bildungsarbeit“ (S. 12) versteht. So könnten zum Beispiel muslimische Migranten aus dem Nahen Osten aufgrund von medizinischen Forschungsergebnissen zum „Abschied von gesundheitlich problematischen Heiratsgewohnheiten“ (S. 230) bewegt werden. Forschungsergebnisse zu verstärkt endogamen Heiratsmustern, die sich vor allem in Form von Cousinenheiraten im 19. Jahrhundert gerade in Europa verbreiteten, werden in diesem Kontext leider nicht zur Kenntnis genommen.[5]

Der Sammelband fordert also dazu heraus, die Debatten zu Familie und Verwandtschaft fortzusetzen. Er bietet dafür einen aussagekräftigen Überblick über die vielfältigen Forschungen von Michael Mitterauer. In der Zusammenschau wird vor allem deutlich, dass sich die deutschsprachige Verwandtschaftsforschung nach wie vor über wichtige Fragen zu Wandel und Bedeutung von Verwandtschaft in und seit dem Mittelalter nicht einig ist. Mitterauer positioniert sich mit seinen Forschungen klar, nimmt aber leider kaum Bezug auf seinen Deutungen widersprechende Thesen. Zentrale Annahmen des Autors zu verwandtschaftlichen Strukturen und dem „Sonderweg“ eines christlich geprägten Europas sollten jedoch weiter kritisch diskutiert werden.

Anmerkungen:
[1] Jack Goody, The Development of Family and Marriage in Europe, Cambridge 1983.
[2] Michael Mitterauer, Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs, München 2003.
[3] Max Weber, Religion und Gesellschaft. Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Darmstadt 2012.
[4] David Warren Sabean / Simon Teuscher / Jon Mathieu (Hrsg.), Kinship in Europe. Approaches to Long-Term Development (1300–1900), New York 2007.
[5] David Warren Sabean, Kinship in Neckarhausen, New York 1998. Vgl. auch Sabean / Teuscher / Mathieu (wie Anm. 4), S. 20.

ZitierweiseJulia Heinemann: Rezension zu: Mitterauer, Michael: Historische Verwandtschaftsforschung. Wien/Köln/Weimar 2013, in: H-Soz-u-Kult, 25.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-188>.

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