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Zeitgeschichte (nach 1945)

H. Köhn: Die Lage der Lager

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Die Lage der Lager. Displaced-Persons-Lager in der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands
Ort:Essen
Verlag:Klartext Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8375-0199-5
Umfang/Preis:464 S., zahlr. Abb.; € 34,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Jeannette van Laak, Historisches Institut, Universität Gießen
E-Mail: <jeannettevanlaakt-online.de>

Die historische Auseinandersetzung mit Lagern konzentrierte sich bislang auf entsprechende Einrichtungen der Exklusion und wird hauptsächlich von der NS-Forschung dominiert.[1] Untersucht wurden darüber hinaus auch die Geschichte des Reichsarbeitsdienstes und seiner entsprechenden Lager bzw. die Geschichte der Kriegsgefangenenlager, deren Nutzung bis weit in die zweite Hälfte der 1940er-Jahre reichte. Heute ist bekannt, dass die Geschichte der bis Kriegsende eingerichteten NS-Lager nicht im Mai 1945 endete. Vielmehr wurden diese Provisorien dringend gebraucht, waren doch in jener Zeit Millionen von Menschen in Mitteleuropa unterwegs, die vorübergehend ein Obdach benötigten. Außerdem internierten die Besatzungsmächte viele Deutsche in Lagern, weil sie deren aktiven Widerstand gegen die Besatzung fürchteten.[2] Zu den als heimat- und obdachlos zu bezeichnenden Menschengruppen gehörten Evakuierte und Ausgebombte, Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, heimkehrende Soldaten und Kriegsgefangene sowie die „Displaced Persons“ (DPs). Bei Letzteren handelte es sich um aus den NS-Lagern befreite Zwangsarbeiter und Konzentrationslagerhäftlinge, die aufgrund der Kriegsereignisse ihre Heimat verloren hatten und nicht repatriiert werden konnten, aber auch um Emigranten, die nach Kriegsende nach Deutschland zurückkehrten. Da die vorhandenen Lager-Kapazitäten bei weitem nicht ausreichten, um jene Menschen zu beherbergen, wurde zum einen auf die vorhandenen Lager zurückgegriffen; zum anderen wurden zivile Einrichtungen wie Gaststätten, Schulen und Turnhallen zeitweilig als Flüchtlings- bzw. DP-Lager umgenutzt.

Holger Köhn hat sich in seiner Darmstädter Dissertation nun mit den DP-Lagern in der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands zwischen 1945 und 1952 beschäftigt. Gab es 1945 etwa 135 DP-Lager in der amerikanischen Zone, so wuchs deren Zahl 1946 auf etwa 450, in denen rund 380.000 DPs betreut wurden. Die Verantwortlichkeit für die DP-Lager war auf zwei Institutionen verteilt: Während die US-Army für die Einrichtung, Kontrolle und Sicherheit zuständig war, organisierte die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) und ab 1947 die IRO (International Refugee Organization) die Ausstattung der Lager und die Versorgung der DPs. Bei der Übergabe der Verantwortung für die DP-Lager in deutsche Hände, im Juni 1950, existierten noch 60 Lager mit knapp 30.000 Bewohnern. Zwar umreißt Köhn die politischen Überlegungen und die Verantwortlichkeiten für die Betreuung der Heimatlosen ausführlich[3]; im Mittelpunkt seiner Betrachtung steht aber die territoriale Anordnung in der mittel- und unmittelbaren Nähe der Städte und Gemeinden. Köhn bezieht damit das Raumkonzept in die historische Auseinandersetzung mit Lagern und ihrer Umgebung im 20. Jahrhundert ein – vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die DP-Lager von der einheimischen Bevölkerung ganz unterschiedlich wahrgenommen und heute erinnert werden. Deshalb wird nach dem Zusammenhang zwischen dieser Wahrnehmung und den von der Besatzungsmacht ausgewählten Territorien und Räumen gefragt, in denen DP-Lager eingerichtet wurden.

Den theoretischen Ausführungen zur Dimension des Raumes schließen sich die von Köhn ausgewählten Raum-Begriffe an, die er seiner Arbeit analytisch zugrunde gelegt hat. Dabei überzeugt sowohl die Darstellung zur Dimension des „Territoriums“ als auch zur Dimension der „Identitätsräume“. An diesen Ausführungen zu Lagern als Raumphänomenen wird die aktuelle Forschung fortan kaum mehr vorbei kommen, da Köhn die historischen, soziologischen und philosophischen Betrachtungen des Raum-Konzepts überzeugend zusammenführt, die bislang von der NS-Forschung dominierte Lager-Definition öffnet und sie für eine Auseinandersetzung mit Lager-Phänomenen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fruchtbar macht. Köhn zufolge kann ein „bestimmtes Territorium, auf dem provisorisch eine große Anzahl von Menschen untergebracht werden kann“ (S. 68), als „Lager“ bezeichnet werden. Weitere Kennzeichen seien „räumliche Enge, niedriger Komfort und zumindest die Einschränkung von Privatsphäre“ (ebd.), womit er sich an eine 1987 von Ulrich Herbert vorgeschlagene Definition anlehnt.[4] Wie das Raumphänomen „Lager“ dann genutzt werde – ob als „Raum der Erholung“, etwa als Ferienlager, oder als „Raum der Tötung“ (ebd.) –, sei vom politischen Willen derer abhängig, die über den Raumausschnitt verfügten.

Zwar hatten die Alliierten bereits vor Kriegsende konzeptionelle Planungen über die Repatriierung der DPs angestellt, doch waren die Lebensbedingungen in den DP-Camps dann so problematisch, dass sie schon im Bericht des Juristen Harrison an den US-Präsidenten vom August 1945 kritisiert wurden. Köhn arbeitet heraus, dass die amerikanischen Militärregierungen vor Ort darüber entschieden, wo ein DP-Lager eingerichtet wurde. Während sich einige Offiziere vom Schicksal der Zwangsarbeiter und überlebenden Konzentrationslagerhäftlinge leiten ließen und für die Unterbringung der DPs privaten Wohnraum beschlagnahmten, hatten für andere pragmatische Überlegungen Vorrang – etwa die Order, dass die Lager nicht so bequem ausgestattet sein sollten, dass die DPs sich in ihnen auf Dauer einrichteten. Auch das Problem der Wohnungsnot in den Städten und Gemeinden entspannte sich nicht, weshalb die Militärregierungen ab 1946 zunehmend auf noch vorhandene Lagerkapazitäten zurückgriffen.

Für den analytischen Begriff des Territoriums hebt Köhn drei verschiedene Kategorien von Lagern hervor: Zu den Lagern im „nicht-privaten Raum“ gehören für ihn die Kasernenlager Landsberg, Babenhausen, das DP-Lager Flossenbürg und das Steinbarackenlager in Zeilsheim. In der zweiten Kategorie fasst er Lager im „privaten Raum“ zusammen, die „geschlossen“ und „peripher“ zu den Wohnorten bzw. Städten lagen. Dies waren die Arbeitslagersiedlung Föhrenwald, das Lager Voithsiedlung bei Heidenheim und das Lager Pliensauvorstadt bei Esslingen. In der dritten Kategorie werden Lager vorgestellt, die sich ebenfalls im „privaten Raum“ befanden, die aber weder dezentral noch abgeschlossen waren. Es handelt sich um die DP-Lager in Geislingen, Zeilsheim 2, Lampertheim und Dieburg, wo innerhalb dieser Kleinstädte Häuser und Straßen zur Unterbringung von DPs beschlagnahmt wurden, die jedoch keine formale, für jeden sichtbare Abgrenzung nach außen erfuhren (etwa durch einen Zaun). Diese Lager waren vor allem bis Dezember 1945 eingerichtet worden, während ab 1946 nur noch sehr selten privater Wohnraum für die Unterbringung der DPs beschlagnahmt wurde. Die besondere Stärke von Köhns Untersuchung liegt darin, dass der Autor sowohl die Geschichte der Städte und Gemeinden als auch die Vorgeschichten der DP-Lager und deren Auflösung beschreibt; damit werden die Kontinuitäten und Brüche der längerfristigen Nutzung der Lager anschaulich.

Unter dem Aspekt der „Identitätsräume“ werden das nicht immer spannungsfreie Verhältnis zwischen Militärregierung vor Ort und der UNRRA sowie das Beziehungsgeflecht der DP-Lager mit der jeweiligen Umgebung analysiert. Hierfür greift Köhn neben den Archivmaterialien auf die Erinnerungen der einheimischen Bevölkerung zurück. Diese spiegeln die vielfältigen und differenzierten Kontakte und Begegnungen zwischen der einheimischen Nachbarschaft und den DPs, die sowohl privater als auch wirtschaftlicher Natur gewesen waren, womit sich abzeichnet, dass auch die DP-Lager – unabhängig von ihrer Abgrenzung – keine Orte der „totalen“ Exklusion gewesen waren. Abschließend wird herausgearbeitet, dass die wenig bis gar nicht abgeschlossenen Lager kaum bzw. keine Spuren in der Erinnerung der lokal ansässigen Bevölkerung hinterlassen haben, während die abgeschlossenen DP-Einrichtungen in den Erinnerungen der Einheimischen meist weiterhin als Lager der Exklusion wahrgenommen wurden.

Zu kritisieren bleibt an Holger Köhns Untersuchung allenfalls der manchmal sehr an Abstraktionen und technische Vokabeln angelehnte Begriffsapparat, der menschliche Interaktionen gleichsam entpersonalisiert und darüber hinaus den Lektürefluss beeinträchtigt. Ob sich ein Begriff wie „Kontaktraum“ in der Historiografie durchsetzen wird, um Begegnungen und Konflikte zwischen Einheimischen und Fremden auf dem Bahnhof, bei der Arbeit, in Warenhäusern oder auf dem Fußballfeld zu beschreiben, bleibt daher abzuwarten. Was neben dem sehr vielfältigen Bild unterschiedlicher DP-Lager aber sicher fortwirken wird, ist Köhns Überlegung, inwieweit der Lager-Begriff als Quellenbegriff nicht selbst Ausdruck eines Provisoriums und damit eine Kennzeichnung von Übergangssituationen ist.

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Bericht von Sebastian Bischoff zur Tagung „Die Welt der Lager: Ausgrenzung, soziale Kontrolle und Gewalt in transnationaler Perspektive“, 14.–16.04.2011, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 09.06.2011, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3676> (22.08.2013).
[2] Vgl. Heinrich Wember, Umerziehung im Lager. Internierung und Bestrafung von Nationalsozialisten in der britischen Besatzungszone Deutschlands, Essen 1991.
[3] Vgl. dazu früher bereits Wolfgang Jacobmeyer, Vom Zwangsarbeiter zum heimatlosen Ausländer. Die Displaced Persons in Westdeutschland 1945–1951, Göttingen 1985.
[4] Ulrich Herbert, Lagerleben – Über die Dynamik eines Provisoriums, in: Journal für Geschichte, Heft 2/1987, S. 27–35.

ZitierweiseJeannette van Laak: Rezension zu: Köhn, Holger: Die Lage der Lager. Displaced-Persons-Lager in der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands. Essen 2012, in: H-Soz-Kult, 27.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-195>.

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