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E. Maienfisch: „Das spezifisch frauliche Element…“

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Kirsten Heinsohn <xhq643hum.ku.dk>
Autor(en):
Titel:„Das spezifisch frauliche Element…“. Die Studentinnen des Technikums Burgdorf: eine Spurensuche 1892–2002
Reihe:Geschichte und Bildung 2
Ort:Münster
Verlag:LIT Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-643-80068-8
Umfang/Preis:336 S.; € 40,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Rebecca Loder-Neuhold, Vergleichende Religionsgeschichte und Interreligiösen Dialog, Université de Fribourg, Freiburg im Üechtland
E-mail: <rebecca.loderunifr.ch>

„Sind Sie lesbisch, suchen Sie einen Ehemann oder wieso sind Sie hier?“ (S. 225) Diese Frage stellte ein Deutschprofessor am Technikum Burgdorf vor versammelter Klasse einer Studentin, die zwischen 1990 und 2002 dort Architektur studierte. Die Historikerin Edith Maienfisch hat sich mit den Studentinnen des Technikums Burgdorf von 1892 bis 2002 beschäftigt, um Veränderungen und Konstanten in der Entwicklung des so genannten „Frauenstudiums“ an den Technika der Schweiz aufzuzeigen. Ihre Fragen bezogen sich vor allem auf deren Beweggründe zum für Frauen „untypischen“ Technikstudium, welche Fachrichtungen sie wählten und wie es ihnen im Studium und danach im Berufsleben erging. Das Buch, das auf der Lizentiatsarbeit der Verfasserin im Bereich Zeitgeschichte basiert, ist in drei Teile gegliedert: Es beginnt mit einem theoretischen Teil, für den die Soziologie des Habitus von Pierre Bourdieu und die Studien zu Geschlecht und Profession von Angelika Wetterer herangezogen werden. Darauf folgt ein Part über die Anfänge des „Frauenstudiums“ bis 1930 und in einen dritten Teil wird auf die Entwicklungen von 1930 bis 2002 eingegangen. Die Quellen für den zweiten Teil bilden vor allem lebensgeschichtliche Interviews sowie unveröffentlichte Lebenserinnerungen von ehemaligen Studentinnen in Privatarchiven. Edith Maienfisch hat auch visuelles Material zusammengestellt, zum Beispiel Fotografien der Studentinnen, Aufnahmen aus jener Zeit in Burgdorf, einen Abdruck einer Bescheinigung über ein ausgestelltes Chemiediplom von 1921 oder, als „krönenden“ Abschluss, eine wenig schmeichelnde Karikatur einer Studentin als „frauenrechtlerischer Fuchsmajor“ im Stammbuch der Gesangsverbindung Technikum Burgdorf.

Schon bei einem ersten Durchblättern wird klar, dass hier keine „gewöhnliche“ Abschlussarbeit vorliegt, was Umfang und Tiefe angeht. „Das spezifisch weibliche Element“ behandelt ein Thema, das der Autorin Edith Maienfisch sichtlich am Herzen liegt und der Grund dafür findet sich dann schon auf den ersten Seiten. Maienfisch ist selbst Tiefbauzeichnerin und hat anschließend am Technikum Winterthur Bauingenieurwesen studiert. Sie beschreibt ihre eigene Biografie eingehend und hält fest, dass ihre eigenen Erfahrungen Einfluss auf die Forschung haben, gerade bei forschungsproduzierten Quellen wie sie für diese Arbeit verwendet wurden. Bezüglich der Auseinandersetzung mit dem Technikums-Studium bringt sie eine interessante Selbstbeobachtung: Maienfisch hatte nie das Gefühl als Technikums-Studentin oder dann als Bauingenieurin aufgrund ihres Geschlechts in dieser „männlichen“ Profession benachteiligt oder anders behandelt worden zu sein. Doch durch das Verfassen der Arbeit kommt sie zur Erkenntnis: „Selbst erlebte geschlechtsspezifische Diskriminierungen in der eigenen Berufsbiographie fielen mir erst richtig auf, als ich mich im Rahmen der vorliegenden Arbeit mit dieser Problematik intensiv auseinander setzte und dadurch sensibilisiert wurde. Dies machte mir bewusst, dass es gerade aus der Perspektive der Betroffenen nicht leicht ist, geschlechtsspezifische Diskriminierungen als solche zu erkennen.“ (S. 31) Von daher sehe ich den dritten Teil, die aufwendige Erhebung unter Studentinnen nach 1930 mittels 153 Fragebögen, als das Herzstück der Arbeit. Doch vor allem die Frage nach dem persönlichen Erleben der Studentinnen kann Maienfisch anhand der ihr zur Verfügung stehenden klassischen Quellen nicht befriedigend beantworten. Ein Beispiel soll hier genannt werden: Warum schied eine Architekturstudentin wenige Wochen vor dem Diplom im Jahr 1913 aus dem Studium aus? Lag es an den wirtschaftlichen Veränderungen rund um den Ersten Weltkrieg? Lag es an ihrer zeitnahen Verlobung oder hatte der Quasi-Rausschmiss ihres Bruders, ebenfalls Architekturstudent, etwas damit zu tun (S. 122)? Maienfisch erklärt in diesem speziellen Fall sowohl das gesellschaftliche Klima, das den eigentlichen und natürlichen Sinn des Lebens einer Frau ohnehin in Ehe und Mutterschaft sah und ganz bestimmt nicht als Architektin auf einer Großbaustelle, für diesen Studienabbruch mitverantwortlich, was sie mit zeitgenössischen Schriften der deutsch-schweizerischen Frauenbewegung (1910 und 1911) belegt. Sie zeigt aber anhand von Lehrerkonferenzprotokollen (1909–1925) auch auf, dass – entgegen einer heutigen Bedeutung – das tatsächliche Technikerdiplom damals als nicht unbedingt erstrebenswerter Abschluss eines Studiums angesehen wurde. Edith Maienfisch spekuliert daher aufgrund der knappen Quellenlage nicht über die „wahren Beweggründe“, sondern zeigt vor allem den Kontext der Entscheidungen der jungen Frauen auf. Sind die zeitnahen Quellen zwar gut eingebracht, so wäre es auch bei solchen Beispielen notwendig gewesen, diesen Zeitraum behandelnde Sekundärliteratur hinzuzuziehen. Zur Einbettung in den Forschungsstand ist zu sagen, dass die Arbeit Literatur aus Deutschland, Schweden, Österreich, Argentinien und den USA aufnimmt. Was die Schweiz betrifft, so ist sie leider lediglich auf den deutschsprachigen Bereich ausgerichtet.

Auf der dem Buch beigefügten CD befinden sich im pdf-Format 98 Seiten, davon allein 15 Seiten mit Tabellen, die die genaue Anzahl der männlichen und weiblichen Studierenden plus die Prozentangabe der Studentinnen für jedes Fach (Chemie, Architektur, Bauingenieurwesen, Maschinentechnik, Elektrotechnik) für den Zeitraum 1892 bis 2002 aufschlüsseln. Weitere Tabellen, Tortendiagramme und Verläufe zu all ihren im Buch behandelten Themen folgen, ebenso wie eine Auswertung ihres Fragebogens. Die Bereitschaft, die erhobenen Daten zur Verfügung zu stellen, muss hervorgehoben werden. Im Sinne der Nachvollziehbarkeit und Transparenz ist diese Arbeit ein ausgezeichnetes Beispiel.

Maienfisch zeigt die ganze Bandbreite des Handelns der involvierten AkteurInnen im Untersuchungszeitraum: von Barrieren für lernbegierige Frauen bis hin zu Vätern, die ihre Töchter zwangen, an dieser Institution ein Studium zu absolvieren (S. 213). Durch den langen Zeitraum entsteht eine Fülle von Ergebnissen. Um damit umgehen zu können, teilt Maienfisch sie in fünf Studentinnengenerationen ein. Zur ersten Generation (bis 1930) ist zu sagen, dass sie vor allem Chemie und Architektur, nicht die „harten“ Ingenieurfächer wählten. Dieses Ergebnis harmoniert auch mit dem Forschungsstand über die ETHs und Universitäten in anderen europäischen Ländern. Erst in den 1970er- und 1980er-Jahren konnten erste Ingenieurstudentinnen festgestellt werden, deren „Eindringen“ allerdings schwerer akzeptiert wurde. Des Weiteren kann Maienfisch bei fünf von sechs Studentinnen der ersten Generation einen direkten Zusammenhang zwischen Studienwahl und Elternhaus nachweisen, zum Beispiel besaßen die Eltern ein Bauunternehmen, in dem die studierte Tochter mitarbeiten konnte. „Unternehmerische Interessen hatten grösseres Gewicht als die Berücksichtigung von Geschlechterkonventionen.“ (S. 271) Dieses Ergebnis gilt auch für die zweite Generation: „Mehrere Studentinnen mussten gar auf Geheiss ihrer Väter am Technikum studieren, während sie selbst lieber einen ‚Frauenberuf‘ gewählt hätten.“ (S. 273) Dass manche Frauen selbst bei der Aufrechterhaltung von ungleichen (Macht)Verhältnissen zwischen den Geschlechtern mithalfen, bestätigt Maienfischs Blick auf die Erfahrungen der Frauen im Berufsleben. Die zweite Generation gab an, häufiger mit Frauen als mit Männern Probleme im Berufsalltag zu erfahren, da sie von den Männern nicht als ernstzunehmende Konkurrenz angesehen wurden. Alle der untersuchten Frauen gaben spätestens mit der Geburt des ersten Kindes ihren Beruf auf. Das änderte sich erst mit der vierten Generation (1970er- und 1980er-Jahre) und in diesem Zeitrahmen steigen auch die berichteten Probleme mit Berufskollegen (S. 277f.). Maienfisch kann auch nachweisen, wie sich die soziale Herkunft der Studentinnen verschob: Stammten die Pionierinnen noch aus der Oberschicht und oberen Mittelschicht, deren Eltern es sich leisten konnten, auch die Bildung ihrer Töchter zu finanzieren, so ändert sich dies bis zuletzt: Die Mehrheit der jüngsten Burgdorfer Studentinnen hat einen unselbstständigen Handwerker zum Vater.

Da Edith Maienfisch die Zitate aus ihrem Fundus geschickt auswählt und einen klaren Schreib- und Argumentationsstil zeigt, ist dieses Werk eine überdurchschnittliche Abschlussarbeit und ein weiterer Baustein für die Erforschung des Komplexes Gender, Bildung, Technik und Naturwissenschaft, da die Geschichte der Technika und ihrer weiblichen wie männlichen Studierenden im Schatten der großen ETHs stand.

ZitierweiseRebecca Loder-Neuhold: Rezension zu: Maienfisch, Edith: „Das spezifisch frauliche Element…“. Die Studentinnen des Technikums Burgdorf: eine Spurensuche 1892–2002. Münster 2012, in: H-Soz-Kult, 31.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-075>.

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