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Arbeitskreis Historische Friedensforschung

H. Sundhaussen: Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Alexander Korb <ak368le.ac.uk>
Autor(en):
Titel:Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen
Ort:Wien
Verlag:Böhlau Verlag Wien
Jahr:
ISBN:978-3-205-78831-7
Umfang/Preis:567 S.; € 59,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Ludwig Steindorff, Historisches Seminar, Osteuropäische Geschichte, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
E-Mail: <lsteindorffoeg.uni-kiel.de>

Mit dem vorliegenden Band hat Holm Sundhaussen seine Reihe an Monographien zur Geschichte Jugoslawiens und Serbiens noch einmal fortgeschrieben.[1] Schon beim Blick auf den Buchdeckel fallen zwei Dinge ins Auge: der Titel und die Abbildung. Während die meisten Synthesen zu Jugoslawien – mit oder ohne Ausblick bis in die Gegenwart – auch das erste Jugoslawien einbeziehen, setzt hier die eigentliche Erzählung erst 1943 ein, mit der Proklamation des Ziels durch den Antifaschistischen Rat der nationalen Befreiung, Jugoslawien wieder zu errichten und diesmal als Föderation zu gestalten. Zum einen kann sich Sundhaussen hier gewiss darauf berufen, die Zeit vorher, von der Staatsgründung 1918 und ihrer Vorgeschichte bis zum Zweiten Weltkrieg, schon in seiner „Geschichte Jugoslawiens“ von 1982 ausführlich behandelt zu haben, zum anderen jedoch mag man hinter der Zeitgrenze eine Botschaft lesen: Das sozialistische Jugoslawien hatte die Chance zu einem vollkommenen Neuanfang. Es war nicht nur die positive Antwort auf die im Buch angesprochenen nationalistischen und rassistischen Exzesse der Jahre 1941–1945, es war auch unbelastet von Hypotheken aus dem ersten Jugoslawien. Und wie diese Chance verspielt wurde, dieses Motiv zieht sich durch das ganze Buch.

Hierzu passt auch das Titelfoto, eine tote Landschaft halbzerstörter Häuserblöcke in Sarajevo. Das Bild passt zur großen Skepsis, die Sundhaussen den Nachfolgestaaten gegenüber hegt. Den Staaten seien aus „hastig anberaumten Volksbefragungen“ hervorgegangen (S. 15), das heißt ohne gewachsene Legitimität. Sie seien alle, von Slowenien abgesehen, nicht konsolidiert und nicht fähig, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern (S. 531).

Die Erzählung ist weitgehend chronologisch aufgebaut, eingeschoben sind zwei Exkurse „Über die Vollstrecker von Massengewalt“ und „Über die mentale Seite der Kriege: ‚Orientalismus‘, ‚Balkanismus‘ und ‚Okzidentalismus‘“. In Ersterem führt Sundhaussen unter Berufung auf sozialpsychologische Forschungen aus, wie leicht bei entsprechenden Gegebenheiten die Bereitschaft zur Massengewalt entstehen kann. Sie ist kein balkanisches Spezifikum. In Letzterem geht es um die Widersprüchlichkeit der verschiedenen Selbstverordnungen und Feindbilder.

Für Sundhaussen war die 1943 angekündigte und 1945/46 umgesetzte föderale Ordnung „ein genialer – oder sagen wir: fast genialer – Neuanfang“ (S. 74). Eine Neuordnung fast genau in diesen Einheiten hatte dabei, folgt man seinen Memoiren, schon der kroatische Oppositionsführer Vladko Maček 1928 König Alexander vorgeschlagen.[2] Die Grenzen der drei westlichen Republiken stammen im Übrigen nicht nur aus der Zeit „vor den Balkankriegen“ (S. 71); sie gehen auf das 18. Jahrhundert und im Falle der kroatisch-slowenischen Grenze oder derjenigen zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina bei Dubrovnik auf noch frühere Jahrhunderte zurück. Diese wiederbelebten Grenzen waren seit Langem in der mental map der Menschen fest verankert.

Einleitend stellt Sundhaussen eine These auf, die er am Ende durch das in seinem Buch Erzählte bestätigt sieht: „Nicht die Geschichte, sondern die Menschen wiederholen sich“ (S. 12, 517), ähnlich auch der Untertitel des Buches: „Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen.“ In der Aussage bleibt offen, ob er das Agieren dieser Menschen für geradezu zwangsläufig hält und ob insofern auch das Geschehene als strukturgeschichtlich unvermeidlich erscheint oder ob Menschen nur dazu neigen, in bestimmten Konstellationen immer wieder dieselbe Wahl vorzunehmen. Man kann das Buch als Bekräftigung sowohl deterministischer als auch voluntaristischer Erklärungen für den Zerfall Jugoslawiens lesen. Doch zugleich ist offensichtlich, wie Sundhaussen immer wieder auf seiner Ansicht nach falsche Weichenstellungen, verpasste andere Möglichkeiten verweist, das heißt er sieht die Verantwortung für dann folgende Entwicklungen bei den Akteuren selbst.

Die eine Weiche liegt schon in der Zeit vor der Gründung von Jugoslawien, es waren die Grenzziehungen nach den Balkankriegen (S. 483), als das Kosovo trotz der schon damals gegebenen albanischen Mehrheit mit Berufung auf das historische Recht an Serbien kam. Serbien habe das Kosovo 1912 nicht befreit, es müsse sich jetzt vielmehr selbst vom Kosovo befreien (S. 492).

Geradezu kurios ist Sundhaussens Frage, „ob es nicht ‚besser‘ gewesen wäre, die späteren postjugoslawischen Kriege unmittelbar im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg auszutragen“ (S. 69). Er selbst verneint die Frage, weil die Bevölkerung das damals nicht gewollt habe. Aber schon die Frage zu stellen, impliziert die Möglichkeit, man hätte damals „Eindeutigkeit“ ethnisch homogener Staaten in welchen Grenzen auch immer schaffen können. Die Homogenisierung ist zwar durch die Kriege 1991–1999 weiter fortgeschritten, doch zum Glück ist die „Eindeutigkeit“ bis heute nicht erreicht. – Bei der föderalen Neuordnung Jugoslawiens nach dem zweiten Weltkrieg war es ein Fehler, das Kosovo als autonomes Gebiet innerhalb der Republik Serbien statt als eigene Republik zu konstituieren (S. 74). Aus damaliger Sicht war die Teilautonomie für das Kosovo und die Vojvodina die perfekte Kopie des sowjetischen Verfassungsmodells mit den autonomen Gebieten innerhalb der größten föderalen Einheit, der RSFSR.

Zu den falschen Weichenstellungen rechnet Sundhaussen den Wahlsieg der HDZ, denn, wie er apodiktisch sagt, Tuđman war „der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort“ (S. 285, ähnlich S. 445: „ungeeignet“). – Dass die Partei mit 40 % der Stimmen gleich eine solide absolute Mehrheit der Parlamentssitze und damit eine dem Wählerwillen kaum entsprechende starke Stellung erlangte, war im Übrigen eine Folge des Wahlgesetzes, das noch die Kommunisten erarbeitet und von dem sie selbst zu profitieren gehofft hatten. – In der Darstellung von Sundhaussen entsteht der Eindruck, als habe Tuđman ein klares, konsequent verfolgtes politisches Programm einschließlich der Annexion von Teilen von Bosnien-Herzegowina verfolgt, erst mit dem Vertrag von Washington 1994 habe „der Traum von einem Großkroatien“ sein Ende gefunden (S. 352). Aber es gibt auch viele Momente, in denen Tuđman eher als der ewige Zauderer erscheint, der noch auf ein Arrangement mit gegnerischen Akteuren hofft. Und auch während des kroatisch-bosniakischen „Krieges im Krieg“ 1993–1994 waren die Kontakte zur Regierung in Sarajevo ja nie gänzlich abgerissen. Vor kurzem hat Dunja Melčić zudem klar gezeigt, wie wenig das auch bei Sundhaussen angesprochene Treffen von Milošević und Tuđman in Karađorđevo im März 1991 (S. 299, 322) als Kronzeuge für einen festen gemeinsamen Plan zur Teilung von Bosnien-Herzegowina taugt.[3]

Nur knapp geht Sundhaussen auf den von Serbien zurückgewiesenen Vorschlag Sloweniens und Kroatiens vom Oktober 1990 ein, Jugoslawien in Weiterentwicklung der faktischen Konföderalisierung schon seit Ende der sechziger Jahre zu einer „Konföderation unabhängiger Staaten“ umzubilden (S. 296). Dies war meiner Ansicht nach die letzte verpasste Möglichkeit, die Eskalation bis zum Krieg zu vermeiden. Demgegenüber war die Bildung der „Gemeinschaft unabhängiger Staaten“ gut ein Jahr später das erfolgreiche Mittel zur Desintegration der Sowjetunion bei Aufrechterhaltung des Eisenbahnfahrplanes.

Als vertane Chance einer friedlichen Lösung für das Kosovo nennt Sundhaussen die Ausklammerung des Themas auf der Konferenz in Dayton 1995, und man hätte gleich nach dem Krieg 1999 die Status-Frage des Kosovo klären sollen (S. 490). – Doch wäre Milošević 1995 dann in Dayton zu Verhandlungen über Bosnien-Herzegowina bereit gewesen? Hätte man Serbien 1999 zu dem von Sundhaussen implizit verlangten Schritt des Verzichtes auf das Kosovo bewegen können, wenn das noch 2013 ein Tabu-Thema ist?

Eine klar ablehnende Haltung nimmt Sundhaussen gegenüber den sprachpolitischen Bestrebungen in Kroatien während des Kroatischen Frühlings 1967–1971 und nach 1990 ein. Er spricht von einer Entwicklung, die sich dann „wie ein Virus“ in Bosnien-Herzegowina und in Montenegro ausgebreitet habe (S. 173). Es gab aber entgegen Sundhaussen auch vorher keine „einheitliche Standardsprache“, die Sprecher mussten sich für eine der hochsprachlichen Varianten mit ihren normierten Unterschieden in Phonologie, Lexik und Syntax entscheiden, wollten sie korrekt sprechen oder schreiben, wobei sie sich – wie auch heute noch – gegenseitig verstanden. Es entsprach dabei dem jugoslawischen Alltag, dass entgegen dem Anspruch der Gleichberechtigung der Varianten die serbische allmählich zur faktisch bevorzugten Variante wurde. Was war 1967 illegitim daran, hiergegen zu protestieren? Was sprach gegen die Wiederbelebung älterer Wörter und die Schaffung von Neologismen nach 1990? Nicht das Streben nach Abgrenzung gegenüber dem Serbischen in der Ära Tuđman hat irritiert, sondern die Konnotation des Serbischen als „Feindsprache“. Dadurch dass nicht alle, aber viele der alt-neuen Wörter sich in der Gegenwartssprache durchgesetzt haben, gehören sie eben nicht mehr zu einem „untergegangenen Sprachzustand“ (so S. 174), sondern sind ein gleichberechtigter Teil der Lexik geworden. Die Pflege des Purismus einschließlich der Liebe zu Lehnübersetzungen hat das Kroatische im Übrigen mit dem Ungarischen, der Sprache des nördlichen, Kroatien kulturell stark verbundenen Nachbarlandes, gemeinsam.

Sundhaussen hält es im Zusammenhang der Darstellung der Arbeit des Haager Tribunals (S. 431) für sinnvoll und notwendig zu fragen, „wer den ersten Stein geworfen hat“. Doch hierüber sagt er selbst im Buch sehr wenig, und im Fazit zu den Kriegen 1991–1995 (S. 365) findet sich hierzu gar keine Aussage. Es fehlt die Erwähnung gerade mancher Ereignisse, die deutlich machen, dass es die serbische Politik war, die nicht nur in Intention und Ausmaß der Gewalt am weitesten gegangen ist (so S. 366), sondern auch immer wieder die Eskalation vorangetrieben hat.

So bleibt unerwähnt, dass die nationale Mobilisierung der Serben im Gebiet um Knin, von Belgrad aus gefördert, schon bei der dortigen Kosovo-Feier im Juli 1989 eingesetzt hatte.[4] Beim Lesen der Abschnitte zur Entwicklung 1990 erfährt man nichts von der „Baumstamm-Revolution“ bei Knin im August 1990, erst bei der Erzählung zum Juli 1991 wird rückblickend kurz darauf hingewiesen (S. 312). Wie früh Bahn- und direkte Straßenverbindungen von Nordkroatien nach Dalmatien durch serbische Kräfte bereits blockiert waren, wird kaum deutlich. – Unabhängig davon, dass es vorher Provokationen kroatischerseits gegeben hatte, brachte die ebenso unerwähnte Gewalttat von Borovo Selo bei Vukovar am 2. Mai 1991, als zwölf kroatische Polizisten getötet und verstümmelt wurden, doch eine neue Stufe der Gewalt. – Unbestritten hatten Slowenien und Kroatien bereits die Souveränität proklamiert und die Option der Unabhängigkeitserklärung angekündigt, doch diese erfolgte erst als Reaktion auf die hartnäckige Weigerung des serbischen Vertreters im jugoslawischen Staatspräsidium, Borisav Jović, turnusgemäß den Vorsitz an den kroatischen Vertreter Stipe Mesić abzutreten.[5] – Die Bezeichnung der serbischen Offensive und der damit verbundenen ethnischen Säuberungen in Nord- und Ostbosnien im Frühjahr 1992 als „Vorwärtspanik“ (S. 330) ist zwar im Text in Anführungszeichen gesetzt, dennoch enthält sie eine entschuldigende Konnotation. Dabei gibt es genügend Hinweise darauf, wie systematisch sich die bosnischen Serben, noch unterstützt von der Jugoslawischen Volksarmee, schon 1991 für einen Krieg vorbereitet hatten[6], und panisch verlief ihre Kriegsführung 1992 keineswegs.

Wie Latinka Perović, einst Sprecherin des liberalen Flügels innerhalb des Bundes der Kommunisten Serbiens, vor kurzem in einem Interview in der serbischen Zeitschrift „Vreme“ ausgeführt hat, sah der damalige Vizepräsident der serbischen Akademie, Antonije Isaković, schon in einem Gespräch mit ihr um 1987 den Krieg als Mittel zur Durchsetzung serbischer Interessen gegenüber Slowenien und Kroatien. „Und dann heißt es, der Krieg kam überraschend – nein!“[7]

Dem Band ist ein Tabellenanhang mit Daten zur Bevölkerungsstruktur, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen beigegeben. Dabei ist die Tabelle 1 d) „Nationale Zusammensetzung der Bevölkerung in den Republiken und Provinzen 1981“ (S. 523) misslungen. Ein Spaltenname „Makedonien“ und die Zahlen der Spalte „Jugoslawien“ fehlen. Stattdessen stehen unter „SFRJ“ die Zahlen für Bosnien-Herzegowina, und die weiteren Zuordnungen sind auch falsch. Bedauerlich ist, dass es nur ein Personen-, jedoch kein Ortsnamen- oder gar Sachregister gibt.

Ob man je zu einer Geschichtserzählung über die jugoslawische Ära gelangen wird, die für alle gleichermaßen annehmbar ist unabhängig von ihrer Herkunft, Erfahrungen und Überzeugungen? Jedenfalls leistet das neue Buch von Holm Sundhaussen einen gewichtigen Beitrag dazu, sich diesem Ziel anzunähern. Ob seine düsteren Prognosen für alle Nachfolgestaaten außer Slowenien berechtigt sind, wird erst die Zeit zeigen.

Anmerkungen:
[1] Darunter die Synthesen: Geschichte Jugoslawiens: 1918–1980, Stuttgart 1982; Experiment Jugoslawien. Von der Gründung bis zum Staatsverfall, Mannheim 1993; Geschichte Serbiens. 19.–21. Jahrhundert, Wien 2007.
[2] Vladko Maček, Memoari, Zagreb 1992, S. 84 (englische Ausgabe: In the Struggle for Freedom, New York 1957). – Das Kosovo ist hier nicht erwähnt, die Vojvodina als gleichrangige föderale Einheit vorgesehen.
[3] Dunja Melčić, Croatia’s Discourse about the Past and Some Problems of Croatian-Bosnian Understanding, in: Sabrina P. Ramet, Konrad Clewing, Renéo Lukić (Hrsg.), Croatia since Independence. War, Politics, Society, Foreign Relations, München 2008, S. 107–140, hier S. 118-122.
[4] Vgl. zum Beispiel Marcus Tanner, Croatia. A Nation Forged in War, New Haven 1997, S. 219; Viktor Meier, Wie Jugoslawien verspielt wurde, 3. Aufl., München 1999, S. 221; Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen, hrsg. v. Dunja Melčić, 2. Aufl., Wiesbaden 2007, S. 551; Sabrina Ramet, Die drei Jugoslawien. Eine Geschichte der Staatsbildungen und ihrer Probleme, München 2011, S. 483, 799.
[5] Ramet, Die drei Jugoslawien, S. 518.
[6] Ibid., S. 552–556.
[7] Tamara Nikčević, Ostrašćenost je naša druga priroda. Intervju s Latinkom Perović, in: Vreme, Nr. 1176, 18. Juli 2013; unter <www.vreme.com/cms/view.php?id=1126532> (27.08.2013).

ZitierweiseLudwig Steindorff: Rezension zu: Sundhaussen, Holm: Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen. Wien 2012, in: H-Soz-Kult, 10.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-141>.

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