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Mittelalterliche Geschichte

S. Reynolds: The Middle Ages Without Feudalism

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Wolfgang Eric Wagner <wolfgang-eric.wagneruni-muenster.de>
Autor(en):
Titel:The Middle Ages Without Feudalism. Essays in Criticism and Comparison on the Medieval West
Reihe:Variorum Collected Studies CS 1019
Ort:Farnham
Verlag:Ashgate
Jahr:
ISBN:978-1-4094-5674-2
Umfang/Preis:328 S.; £ 85,00; ca. € 112,32

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Torben R. Gebhardt, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <torben.gebhardtuni-muenster.de>

Das Lehnswesen des Mittelalters schaut auf eine lange Forschungsgeschichte zurück, die bis weit in das 19. Jahrhundert reicht. Dennoch erlebt das Thema auch im 21. Jahrhundert noch neue Forschungsimpulse, wie kürzlich erst ein Sammelband zum Thema Lehnswesen im Hochmittelalter zeigte.[1] Bedeutenden Anteil an der Diskussion der letzten Jahre hatte das 1994 von Susan Reynolds veröffentlichte Buch „Fiefs and Vassals“.[2] Darin stellt Reynolds die zuvor als feste Institution verstandene Verbindung zwischen Lehnsgeber und Vasall in Frage. Dabei handle es sich um eine gedankliche und juristische Konstruktion der Frühen Neuzeit, mit deren Hilfe man auf Rechtsquellen des 12. und 13. Jahrhunderts zurückgegriffen und diese zum Teil missinterpretiert habe. Folgerichtig sei die Anwendung des Begriffs auf die Gesellschaft oder die Verfassung des Früh- und Hochmittelalters anachronistisch. Zwar wurden einzelne Befunde aus Reynolds Studie stark kritisiert, die Grundthese wurde jedoch überraschend weiträumig und ohne größeren Widerspruch akzeptiert.

Der vorliegende Band stellt einen Querschnitt aus dem Werk von Susan Reynolds dar, der enge Bezüge zu ihrer wichtigen Studie von 1994 aufweist. Man kann darin die Weiterentwicklung ihrer Idee gut verfolgen, denn alle darin versammelten Aufsätze wurden nach der in „Fiefs and Vassals“ formulierten „attack on the concept of feudalism“ (S. ix) veröffentlicht. Entsprechend eng schließt sich auch die Einleitung an dieses Thema an, bespricht vor allem die Aufnahme des Werkes in der internationalen Forschung und mahnt noch einmal einen vorsichtigen Begriffsgebrauch an. Die Kenntnis von „Fiefs and Vassals“ wird allerdings vorausgesetzt.

Die einzelnen Beiträge des Bandes sind in drei Sektionen gegliedert. Ein übergreifender Zusammenhang soll dabei im Spiegel von Reynolds Buch von 1994 gegeben sein. Dies gelingt allerdings nur bedingt. Die erste Sektion trägt den Titel „Feudalism“ und hat damit den offensichtlichsten Bezug zu „Fiefs and Vassals“, der sich ebenso inhaltlich in den Essays widerspiegelt. Die Aufsätze in diesem Teilabschnitt führen die Thesen des Buches weiter und reagieren auf einzelne Kritikpunkte der Forschung. Die beiden anderen Sektionen, betitelt „Law“ und „States and Nations“, dienen vor allem dazu, die Untersuchungen des Buches auf andere Aspekte des Mittelalters auszuweiten. In dem nur aus zwei Aufsätzen bestehenden zweiten Teilabschnitt beschäftigt sich Reynolds mit dem mittelalterlichen Rechtswesen. Zwar spielte dies auch in „Fiefs and Vassals“ eine entscheidende Rolle, wird in den Beiträgen aber allgemeiner behandelt und nicht anhand der These des Buches. Ähnliches gilt auch für die dritte Sektion. In dieser zieht sich das Oberthema „States and Nations“ zwar durch alle Essays, der Fokus geht aber zum Teil weit auseinander. So wird Englands Eigendarstellung im Kontrast zu anderen Staaten („How different was England?“ [XII]) behandelt, ebenso wie die Frage nach der Berechtigung, im Mittelalter vom „Staat“ zu reden („The historiography oft the medieval state“ [X]). Eine große Rolle spielt bei vielen Beiträgen sowohl der ersten als auch der dritten Sektion der Vergleich („Comparison“) als Methode, wobei auf Gefahren, aber vor allem auf die Potenziale dieses Verfahrens eingegangen wird (siehe beispielsweise Aufsatz XV der sich dem Vergleich von Reichen [„Empires“] widmet).

Der Band beinhaltet 17 Aufsätze von Susan Reynolds, die zwar durchaus ihre aktuelle, aber nur bedingt neue Forschung widerspiegeln. Der ursprüngliche Text wurde weitestgehend beibehalten. Ein Großteil der Essays wurde um kurze „Afterthoughts“ bereichert, die weiterführende Literatur, Beispiele oder einfach nur Kommentare dem Original hinzufügen. Diese untypischen Erweiterungen erweisen sich als sinnvolle Ergänzung. Ebenso untypisch, aber erfreulich ist es, dass zwei der Essays bisher unveröffentlicht waren. Der eine davon befasst sich mit Vertrauen („Trust“) im Mittelalter („Trust in medieval society and politics“ [XIII]) und wirft zu diesem Zweck einen breit angelegten Rundumblick auf Bereiche der mittelalterlichen Gesellschaft, in denen dieses eine wichtige Rolle spielt. Besonderes Augenmerk wird beispielsweise auf die Bedeutung des Vertrauens beim Eid im mittelalterlichen Rechtswesen gelegt. Der zweite Aufsatz behandelt das Problem verschiedener Terminologien in interdisziplinären Arbeiten. Susan Reynolds plädiert hier für Vorsicht bei der Verwendung von Begrifflichkeiten anderer Disziplinen und verdeutlicht dies anhand der terminologischen Gebiete ‚Tribes‘, ‚States and other polities‘ und ‚Rulers and subjects‘.

Wie in allen Bänden der "Variorum Collected Studies Series" wurden die Formatierungen und Seitenzählungen der Originalpublikation weitestgehend beibehalten. Eine eigene Zählung erfolgt nur durch römische Ziffern, die jedem Aufsatz zugeordnet sind und die sich auf jeder Seite wiederholen. Dank der vollen Zitation der Erstpublikation (bereits im Inhaltsverzeichnis) ist die nötige Übersicht weiterhin gegeben und birgt, gerade für die wissenschaftliche Arbeit mit dem Band, durchaus Vorteile. Einem guten Lesefluss sind die häufigen Formatänderungen von einem Aufsatz zum nächsten, beispielsweise von Fußnoten zu Endnoten, allerdings eher abträglich.

Susan Reynolds hat 1994 mit „Fiefs and Vassals“ ein bedeutendes Werk vorgelegt, das die bisherigen Vorstellungen vom mittelalterlichen Lehnswesen grundsätzlich und trotz aller berechtigter Kritik auf anregende Weise in Frage gestellt hat. Zwar hat die Forschungslandschaft gerade im anglo-amerikanischen Raum auf das Werk sehr unterschiedlich reagiert, kalt gelassen hat es sie aber nicht. Insofern ist der vorliegende Band vor allem als eine Ergänzung zu verstehen und erfüllt diesen Zweck gerade im ersten, mit „Feudalism“ betitelten Teilabschnitt ausgesprochen gut. Besonders die „Afterthoughts on Fiefs and Vassals“ (I) erweitern die Thesen des Buches mit einem detaillierteren Blick auf die dort etwas kürzer gekommene Vasallität. Andere Beiträge wenden die Thesen der Verfasserin auf weitere geographische Bereiche, wie Schottland („Fiefs and vassals in Scotland: a view from outside“ [IV]) oder Jerusalem („Fiefs and vassals in twelfth-century Jerusalem: a view from the West“ [III]), an. Entsprechend richtet sich „The Middle Ages without Feudalism“ vor allem an jene Wissenschaftler/innen, die sich intensiv mit den Thesen Reynolds' zum Lehenswesen auseinandersetzen wollen. Für sie bietet das Werk einen einmaligen Überblick über Reynolds' Arbeiten seit 1994.

Anmerkungen:
[1] Jürgen Dendorfer / Roman Deutinger (Hrsg.), Das Lehnswesen im Hochmittelalter. Forschungskonstrukte – Quellenbefunde – Deutungsrelevanz, Ostfildern 2010.
[2] Susan Reynolds, Fiefs and Vassals. The Medieval Evidence Reinterpreted, Oxford 1994.

ZitierweiseTorben R. Gebhardt: Rezension zu: Reynolds, Susan: The Middle Ages Without Feudalism. Essays in Criticism and Comparison on the Medieval West. Farnham 2012, in: H-Soz-u-Kult, 08.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-099>.

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