1 / 1 Rezension

Zeitgeschichte (nach 1945)

J. Becker: Elisabeth Noelle-Neumann

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Elisabeth Noelle-Neumann. Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus
Ort:Paderborn
Verlag:Ferdinand Schöningh Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-506-77614-3
Umfang/Preis:369 S.; € 29,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Norbert Grube, Zentrum für Schulgeschichte, Pädagogische Hochschule Zürich
E-Mail: <norbert.grubephzh.ch>

Drei Jahre nach dem Tod von Elisabeth Noelle-Neumann (1916–2010) versucht der emeritierte Politikwissenschaftler Jörg Becker, der Biografie der Gründerin des Allensbacher Instituts für Demoskopie (IfD) nachzuspüren. Die 18 Buchkapitel scheinen zunächst klassisch-chronologisch aufgebaut: Rückblicken auf „Familie, Schulzeit, Studium“ folgen sechs Kapitel über „die Promotion“, journalistische Berufstätigkeit und Konflikte in der Zeit des Nationalsozialismus (NS), kulturpolitische Nachkriegsambitionen in Tübingen, Umfragen für die französischen Besatzungsbehörden und die Gründungszeit des IfD 1947/48. Die additiven zwölf Folgekapitel zeigen, dass Becker sich unausgesprochen an einer Doppelbiografie von Elisabeth Noelle und ihrem ersten Ehemann Erich Peter Neumann (1912–1973) versucht. Abschnitte über ihre Verbindungen zu Geheimdiensten, zu Ernst Jünger und über Entnazifizierungsvorgänge werden durch zahlreiche biografische Parallelminiaturen anderer Personen und durch weitere Kapitel zur Geschichte des IfD und der von Neumann als Konrad Adenauers Berater betriebenen Propagandaorganisationen unterbrochen. Am Ende wechseln sich Darstellungen zu „Noelle-Neumanns Antisemitismus“ und Kontakten zur Neuen Rechten mit Spekulationen über NS-kompatiblen Obskurantismus und (sehr kurz geratener) Kritik an Allensbacher Umfragemethoden sowie am Konzept der „Schweigespirale“ ab.

Trotz neuer Quellenfunde trägt die hier skizzierte unsystematische Darstellungsweise und Beckers fast obsessive Fahndung nach NS-Kontinuitäten nicht zur Realisierung der Forderung bei, Weltbilder und Wissensproduktionen aus Allensbach differenziert zu analysieren.[1] Statt Nicht-Stringentes im Zusammenhang historischer Kontexte zu berücksichtigen, begibt sich Becker besonders in der zweiten Hälfte seines dezidiert als Anti-Erinnerungsbuch konzipierten Werks (S. 7) auf ein Niveau, das er selbst an den 2006 erschienenen „Erinnerungen“ Noelles vehement kritisiert. Sein hier zu besprechender Umgang mit Quellen und Forschungsliteratur ist weniger durch einen historisch-analytischen Zugriff, sondern durch Fortschreibung jahrzehntelanger medial geführter politisch-personalisierender Auseinandersetzungen gekennzeichnet.

Die zahlreichen, teils neuen Quellen hat Becker vor allem aus US-amerikanischen Archiven und aus dem Berliner Universitätsarchiv gehoben. Demnach sind Elisabeth Noelles Presseartikel aus ihrer Zeit als Austauschstudentin in den USA 1937 und als Journalistin in Deutschland unter anderem für die Wochenzeitung „Das Reich“ ab 1941 sowie ihre 1940 veröffentlichte Dissertation über Massen- und Meinungsforschung in den USA „dem Zeitgeist verpflichtet“ (S. 33). Sie zeigen, so Becker (S. 33, 62, 72) in enger Anlehnung an Christopher Simpsons bereits 1996 erschienenen Aufsatz, Anpassungen an die Sprache, Denkmuster und Einstellungen des Nationalsozialismus. Widersprüchlich sind Beckers Urteile über Noelles Dissertation, die er gleichermaßen als „wissenschaftsgeschichtlich innovativ“ (S. 34) und als unselbstständige Arbeit (S. 45) einstuft. Seine Vermutungen über Kontakte Noelles zum Propagandaministerium und zum Sicherheitsdienst (SD) bleiben eingestandenermaßen ohne Quellenbelege (S. 46, 71). Bei seinen Thesen über die Unterstützung von Noelles Dissertation durch das Propagandaministerium folgt Becker einem Verdacht der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutz des NS-Schrifttums, den er durch nahezu romanhafte Kommentierungen von Noelles Reaktion darauf zu erhärten sucht. Als Indiz für ihre Kooperation mit dem SD wertet Becker wiederum die zeitliche Parallelität von Noelles „Reich“-Artikeln und geheimen Lageberichten (S. 70), ohne den zeitlichen Publikationsvorsprung von Noelles Zeitungsbeiträgen gegenüber den SD-Berichten (S. 67) zu erklären. Beckers historische Interpretationen ähneln mitunter einem Verfahren, das er Allensbacher Umfragedeutungen vorwirft (S. 219): Sie tendieren zur Unterstellung von Kausalität, die erst nachzuweisen wäre. In einem Fall muss Becker nun seine Darstellung korrigieren: In einem von Ralph Erich Schmidt, Großneffe und Inhaber des Nachlasses von Frau Noelle, angestrengten gerichtlichen Verfahren hat das Landgericht Köln Beckers Behauptung, Noelle habe ihren Entnazifizierungsbescheid offenbar gefälscht, als nachweislich falsch gewertet.

Fragen nach Kontinuitäten, neuerlichen politischen Anpassungen, semantischen Verschiebungen oder Zäsuren von Sprache, Gesellschafts- bzw. Gemeinschaftsbildern und nationalen Stereotypen in Noelles Publikationen und in Allensbacher Umfragen nach 1945 müssen auf wesentlich breiterer Quellenbasis analysiert werden als Becker dies tut. Er meint, diese Zusammenhänge mithilfe einiger Gutachten über Elisabeth Noelle von US-amerikanischen Behörden der Vor- und Nachkriegszeit aufzeigen zu können (S. 26ff., 169–179). Doch an diese Dokumente und den 1997 verschriftlichten Erinnerungen seiner Hauptquelle – des Umfrageforschers der US-amerikanischen Militärregierung Fred Williams (S. 185) – legt Becker nicht dieselbe Quellenkritik an wie an Noelles „Erinnerungen“. Schließlich sagen diese Gutachten mindestens ebenso viel über Elisabeth Noelle wie über ideologische Weltbilder und die Kultur des Kalten Krieges aus. Dieser Kontext bleibt für den Aufstieg der Demoskopie und Noelles außen vor. Gleiches gilt für Quellen, die Beziehungen zu Wissenschaftlern und Wissenstransfers aufzeigen. Zu Theodor Adorno etwa bestand in den 1950er-Jahren enger Kontakt wegen seiner Betreuung von Noelles Habilitationsvorhaben und – ausweislich der Adorno-Briefedition – wegen der gemeinsam projektierten Auswahlstudie zur Rekrutierung neuer Bundeswehrsoldaten.

So gelangt Becker für die Zeit nach 1945 zu manch verkürzenden oder fragwürdigen Einschätzungen, etwa in seiner überzogenen Bezeichnung des 1948 gegründeten IfD als „Tarninstitut“ (S. 108) der französischen Besatzungsbehörden, ohne vergleichbare Gründungskontexte anderer Institute, zum Beispiel des Deutschen Instituts für Volksumfragen (DIVO), im Zusammenhang mit alliierten Umfragestellen zu berücksichtigen. Der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) wiederum war zwar ein früher Auftraggeber des IfD ab 1948, nahm aber entgegen Beckers Annahme (S. 152) anfangs der 1950er-Jahre an Bedeutung für den Umsatz ab, da der NWDR nach den Akten des Hamburger Staatsarchivs das Allensbacher Institut nur noch sporadisch beauftragte und Infratest sowie das Deutsche Institut für statistische Markt- und Meinungsforschung (DISMA) bei der lukrativen Hörerforschung präferierte. Zusätzlich konkurrierte das IfD hier wie auch bei Reemtsma mit internen Forschungs- und Marketingabteilungen.

Diese und andere Zusammenhänge vernachlässigt Becker ebenso wie weite Teile des Forschungsstandes.[2] So sind Trugschlüsse hinsichtlich der demoskopischen Politikberatung (S. 126f., 188) die Folge, etwa wenn er sie ohne Nachweis mit der Organisation Gehlen in Verbindung bringt. Oder er deutet einen Angriff von Vertriebenenminister Theodor Oberländer gegen eine ihm unliebsame IfD-Umfrage als Beleg für NS-Netzwerke um, statt zahlreiche Publikationen über die Beteiligung von Journalisten aus der NS-Zeit an der Öffentlichkeitsarbeit der Regierung aufzugreifen.

Die zu selektive und mitunter verkürzte Rezeption des Forschungsstands geht phasenweise mit einer teils pauschalen Diskreditierung der Kommunikationswissenschaft (S. 8, 78) und einzelner Autoren (S. 134f., 241) einher. Vor allem befördert die weitgehende Ausblendung einschlägiger Untersuchungen über Machtfülle, aber auch Grenzen demoskopisch grundierter Regierungspropaganda eine übersteigerte Absolutsetzung Noelles und Neumanns, die fast durch alle historischen Phasen hindurch als zu machtvoll, intentional und perfide Handelnde erscheinen. Diese selbst für eine Biografie übertriebene Akteurszentrierung zeigt sich etwa im Kapitel über Noelles und Neumanns mögliche geheimdienstliche Aktivitäten 1946/47. Wie sind sie angemessen zu bewerten, ohne auf zahlreiche Studien über die US-amerikanische geheimdienstliche Finanzierung des „Congress of Cultural Freedom“ oder die CIA-Indienstnahme anderer Wissenschaftler, etwa von Beckers Gewährsmann Williams oder von Herbert Marcuse, einzugehen? Nicht belegte, daher historische Neuigkeit lediglich simulierende Spekulationen über Neumanns Kontakte zum Gladio-Geheimbund hätten durch die Berücksichtigung der bereits untersuchten Kooperation Neumanns mit Giulio Andreotti versachlicht und konkretisiert werden können. Statt der biografischen Entmystifizierung befördert Beckers Vorgehen eine erneute, nunmehr dämonisierende Legendenbildung und konstruiert phasenweise eine Allmacht brauner Netzwerke, die etwa Noelles und Neumanns Wohnortwahl in Tübingen, am Bodensee oder im Tessin geleitet haben sollen (S. 88, 102f., 148, 155ff.). Diese Konstruktion erschwert eher eine präzise Untersuchung, wie Noelle und Neumann in diversen Netzwerken agierten und wie umfassend oder begrenzt ihr Einfluss auf Politik, Wirtschaft, Medien und Wissenschaft war.

Eine umfassende kulturgeschichtlich grundierte Biografie sollte Ambivalenzen nicht ignorieren. Sie wären im Falle Neumanns etwa an den selbst von Simpson erwähnten Akten seines sukzessiven Ausscheidens aus der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) im Jahr 1941 und seinen langjährigen Verbindungen zu links-intellektuellen Personenkreisen zu untersuchen. Im Hinblick auf Noelle gibt es Hinweise, dass ihre erste Nachkriegsoption keineswegs die in ihrer Dissertation als „Tyrannei der Zahlen“ bezeichnete Demoskopie war, sondern die Tätigkeit im Journalismus oder sogar im Kulturbund des Nachkriegs-Berlins. Hier hätten Noelles bereits von Wolfgang Schivelbusch erwähnter brieflicher Kontakt zu Johannes R. Becher 1946/47 oder mögliche Verbindungen zu den Zeitschriftherausgebern des „Ruf“ aufgegriffen werden können. Auch die Allensbacher Auftraggeberschaft war, etwa mit den Rundfunkintendanten Fritz Eberhard oder Friedrich Bischoff, differenzierter als Becker glauben machen will. Diese schon am Beispiel Adornos angedeuteten vielfältigen Verbindungen von Noelle und Neumann lassen sich möglicherweise als Ausdruck von politisch links bis rechts vorhandenen wie zugleich konfliktreichen Vorstellungen von geistiger Aristokratie, Masse und Volkserziehung analysieren.

Beckers Biografie lässt gerade diese auch wissenschaftshistorisch relevanten Bezüge durch seine Fixierung auf eine Art NS-Wirkungsgeschichte und durch die Negativ-Stilisierung Elisabeth Noelles außer Acht. Gleichwohl kann das Buch zum Anlass genommen werden, abseits biografischer Verengungen Strukturen, Traditionen und Neujustierungen von Allensbacher Weltanschauungen, Wissensproduktion und -distribution sowie Anwendungskontexte und Grenzen demoskopischer Politikberatung zu untersuchen.

Anmerkungen:
[1] Lutz Raphael, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), Heft 2, S. 165–193, hier S. 190f.
[2] Anja Kruke, Demoskopie in der Bundesrepublik Deutschland. Meinungsforschung, Parteien und Medien 1949–1990, Düsseldorf 2007; vgl. die Rezension von Norbert Grube, in: H-Soz-u-Kult, 08.06.2007, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-2-147> (09.07.2013); Mark E. Spicka, Selling the Economic Miracle. Economic Reconstruction and Politics in West Germany, 1949–1957, New York 2007; vgl. die Rezension von Mark Spoerer, in: H-Soz-u-Kult, 23.05.2008, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-127> (09.07.2013).

ZitierweiseNorbert Grube: Rezension zu: Becker, Jörg: Elisabeth Noelle-Neumann. Demoskopin zwischen NS-Ideologie und Konservatismus. Paderborn 2013, in: H-Soz-u-Kult, 26.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-064>.

Reaktionen / Kommentare

08.08.2013 Redaktion, HSK <hsk.redaktiongeschichte.hu-berlin.de>
Anmerkung der Redaktion

Copyright (c) 2013 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension