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Mittelalterliche Geschichte

M. Toch: The Economic History of European Jews

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Wolfgang Eric Wagner <wolfgang-eric.wagneruni-muenster.de>
Autor(en):
Titel:The Economic History of European Jews. Late Antiquity and Early Middle Ages
Reihe:Études Sur Le Judaïsme Médiéval 56
Ort:Leiden
Verlag:Brill Academic Publishers
Jahr:
ISBN:978-90-04-23534-2
Umfang/Preis:X, 374 S.; € 146,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Christian Scholl, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <christian.scholluni-muenster.de>

Die Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter gehört zu den Feldern der jüdischen Geschichte, die in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten am intensivsten bearbeitet wurden. Allerdings sind die meisten Arbeiten, die in diesem Kontext entstanden sind, entweder auf ein bestimmtes Tätigkeitsfeld – in der Regel die Geldleihe – oder eine bestimmte Region fokussiert, sodass für branchen- und territorialübergreifende Fragestellungen bisher nach wie vor auf das zweibändige Werk von Georg Caro aus dem frühen 20. Jahrhundert zurückgegriffen werden musste.[1] Für die Spätantike und das Frühmittelalter liegt nun mit der vorzustellenden Monographie von Michael Toch, der bereits zahlreiche Arbeiten zu den wirtschaftlichen Tätigkeiten der Juden im Mittelalter publiziert hat[2], eine neue Überblicksdarstellung vor. Für das Hoch- und Spätmittelalter hat Toch zudem zwei weitere Darstellungen angekündigt, von denen eine den Mittelmeerraum und die andere die Regionen nördlich der Alpen abhandeln soll, sodass in naher Zukunft hoffentlich das gesamte Mittelalter in Form von Überblicksdarstellungen zur Wirtschaftsgeschichte der Juden abgedeckt sein wird.

Tochs darstellender Teil ist in zwei Großkapitel gegliedert: Der erste, ausführlichere Abschnitt ("Stocktaking: Regional Populations and Livelihoods", S. 9–174) trägt minutiös die byzantinischen, lateinischen und hebräischen Quellenbelege zusammen, die Auskunft über die Niederlassungen und Tätigkeitsfelder der Juden im Byzantinischen Reich, in Italien, im heutigen Frankreich und Deutschland, auf der Iberischen Halbinsel sowie in Osteuropa geben, wobei sich die hebräischen Quellen als besonders aufschlussreich erwiesen haben. Der daran anschließende Teil ("Economic Functions and Significance", S. 177–256) interpretiert die im ersten Abschnitt gewonnenen Erkenntnisse und ordnet diese in einen größeren Zusammenhang ein, etwa indem nach der Bedeutung der Juden für die europäische Wirtschaft im betrachteten Zeitraum gefragt wird. Es folgt ein Anhang (S. 257–373), der neben Index und Bibliographie mehrere Karten sowie eine Zusammenstellung der jüdischen Niederlassungen in den von Toch behandelten Regionen umfasst; lediglich Osteuropa findet sich hier nicht, da für diesen Raum aufgrund der Quellenarmut kaum verlässliche Aussagen über jüdische Niederlassungen möglich sind. Diese Zusammenstellung ist insbesondere im Hinblick auf die nichtdeutschen und damit die nicht von der Germania Judaica erfassten Orte – für die restlichen Regionen Europas fehlt ein vergleichbares Standardwerk – von hohem Wert, da sich darin knapp und prägnant zusammengestellt die wichtigsten Informationen und Quellenangaben zu jüdischem Leben im Frühmittelalter finden.

Bereits in seinen Ausführungen über die jüdischen Niederlassungen im spätantiken und frühmittelalterlichen Europa revidiert Toch mehrere von der älteren Forschung vertretene Ansichten. So schloss diese beispielsweise aus den zahlreichen antijüdischen Dekreten, die die westgotischen Könige und Konzilien im Anschluss an die Konversion der Westgoten zum Katholizismus auf dem 3. Konzil von Toledo (589) verabschiedeten, auf eine massive Präsenz von Juden im frühmittelalterlichen Spanien. Demgegenüber kann Toch aufzeigen, dass es lediglich eine sehr geringe Zahl an jüdischen Niederlassungen im toledanischen Westgotenreich gab. Die in mehreren Fällen auffällige Diskrepanz zwischen einer nur marginalen jüdischen Bevölkerung und einem prominenten Platz von Juden entweder in kirchlicher Gesetzgebung (wie in Spanien) oder in hagiographischen Quellen (wie im Frankenreich) veranlasst Toch dazu, zwischen „real-life“ und „virtual Jews“ (S. 1) zu unterscheiden. Wie Toch überzeugend ausführt, haben diese ‚virtuellen‘ Juden die ältere Forschung viel zu oft dazu verleitet, von phantastischen jüdischen Einwohnerzahlen und einer nicht minder phantastischen Rolle der Juden in bestimmten Wirtschaftszweigen auszugehen. Dabei war der jüdische Bevölkerungsanteil im frühen Mittelalter nicht nur in Spanien marginal; auch im südlichen Frankenreich ist nur eine dünne jüdische Besiedelung im Frühmittelalter auszumachen, während auf den Gebieten des heutigen Nordfrankreich und Deutschlands bis ins 9./10. Jahrhundert gar keine jüdischen Gemeinden, sondern lediglich einige jüdische Kaufleute nachweisbar sind. Auch im byzantinischen Reich und in Italien lag die Zahl der jüdischen Einwohner und Gemeinden deutlich unter der der Spätantike.

Toch macht bereits mit diesen Feststellungen zum jüdischen Bevölkerungsanteil im Frühmittelalter deutlich, dass die von der älteren Forschung postulierte überragende Bedeutung der Juden in den verschiedensten Branchen nichts als ein Mythos ist. Beispielsweise gingen frühere Forschergenerationen von einem über ganz Europa und den Mittelmeerraum miteinander verknüpften ‚Netzwerk‘ jüdischer Gemeinden aus, das die Basis für die ‚Monopolstellung‘ jüdischer Kaufleute im Fern- und insbesondere im Sklavenhandel gebildet hätte. Wann immer Juden in bestimmten Branchen nachweisbar waren, wurde ferner behauptet, ‚die Juden‘ hätten diese Branchen ‚dominiert‘ oder zumindest einen ‚bedeutenden Einfluss‘ auf diese ausgeübt. Dabei sind solche ‚Netzwerke‘ oder ‚Monopolstellungen‘ allein schon aufgrund des demographischen Befunds unmöglich; um eine solch dominierende Rolle in bestimmten Branchen zu spielen, gab es schlichtweg viel zu wenige jüdische Gemeinden und Einwohner. Auch sonst findet Toch keinerlei Quellenbelege, die derart weitreichende Schlussfolgerungen rechtfertigen. Beigetragen zu diesem verzerrten Bild haben nicht zuletzt antisemitische Pamphlete des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die in dem angeblich von den Juden monopolisierten Sklavenhandel einen Beleg für deren vermeintliche moralische Verderbtheit sahen. Auch die von Karl Marx postulierte „chimärische Nationalität des Juden [als] die Nationalität des Kaufmanns, überhaupt des Geldmenschen“[3] hat ihren unheilvollen Teil dazu beigetragen, in allen Juden zu allen Zeiten immer und überall Kaufleute – und insbesondere Geldhändler – zu sehen (S. 4).

Es ist das große Verdienst von Michael Toch, dieses verzerrte Bild geradezurücken und zahlreiche Mythen über die wirtschaftlichen Tätigkeiten der Juden im Frühmittelalter zu entlarven. So lässt Toch etwa aufgrund zahlreicher Quellenbelege keinen Zweifel daran, dass Juden natürlich in zahlreichen Tätigkeitsfeldern neben dem Handel aktiv waren. Dazu zählen unter anderem die unterschiedlichsten Handwerks- und Gewerbebranchen, die Landwirtschaft, das Medizinwesen und verschiedene Verwaltungstätigkeiten für lokale Herrscher. Dies bedeutet natürlich nicht, dass es keine jüdischen Händler gab, ganz im Gegenteil. Doch waren die weitaus meisten der im frühen Mittelalter nachgewiesenen jüdischen Kaufleute lediglich auf regionaler Ebene und nicht im Fernhandel tätig. Zu guter Letzt revidiert Toch noch einige Ansichten zum Geldhandel und Kreditwesen. Denn während die Forschung – inklusive Toch selbst – bisher davon ausging, dass Juden im Frühmittelalter keinen Geldhandel betrieben, sondern erst im Laufe des 12./13. Jahrhunderts dazu übergingen, kann Toch in der vorliegenden Studie mehrere Belege dafür beibringen, dass das Verleihen von Geld gegen Zinsen zu den frühesten Geschäftsformen gehört, denen Juden nachgingen. Folglich gab es keine „linear progression whereby money lending replaced trade at a later stage“ (S. 205). Damit ist auch der Mythos ausgeräumt, dass die Juden gegen ihren Willen in das Kreditgeschäft abgedrängt worden wären, weil ihnen eine Beschäftigung in allen weiteren Gewerben verboten worden sei (was ebenfalls nicht nachweisbar ist).

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die hier besprochene Darstellung ein Muss für jeden ist, der sich mit den wirtschaftlichen Tätigkeiten der Juden oder wirtschaftsgeschichtlichen Fragestellungen im Allgemeinen befasst. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch ebenso wie die beiden weiteren von Toch angekündigten Teile zum Hoch- und Spätmittelalter einen breiten Rezipientenkreis finden, damit die nach wie vor fest verankerten Vorurteile über die Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter minimiert werden und irgendwann ganz verschwinden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Georg Caro, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter und der Neuzeit, 2 Bde., Leipzig 1908–1920 (Nachdruck Hildesheim 1964).
[2] Vgl. dazu unter anderem den von Michael Toch herausgegebenen Sammelband Wirtschaftsgeschichte der mittelalterlichen Juden. Fragen und Einschätzungen, München 2008, der auch einen Aufsatz Tochs zu den „Economic Activities of German Jews in the Middle Ages“ beinhaltet (S. 181–210).
[3] Karl Marx, Zur Judenfrage, in: Deutsch-Französische Jahrbücher, Paris 1844, S. 212. Das Zitat hat Toch ins Englische übersetzt.

ZitierweiseChristian Scholl: Rezension zu: Toch, Michael: The Economic History of European Jews. Late Antiquity and Early Middle Ages. Leiden 2013, in: H-Soz-Kult, 12.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-188>.

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