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Alte Geschichte

C. Andrews: Roman Seal-Boxes in Britain

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Roman Seal-Boxes in Britain
Reihe:BAR, British Series 567
Ort:Oxford
Verlag:Archaeopress
Jahr:
ISBN:978-1-4073-1041-1
Umfang/Preis:IX, 158 S.; £31.00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Peter Kritzinger, Institut für Altertumswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität Jena
E-Mail: <peter.kritzingeruni-jena.de>

Es ist schon merkwürdig: Obwohl sich aus dem Altertum für die meisten Epochen nur eine überschaubare Zahl an Quellen erhalten hat, bleiben trotzdem ganze Quellengattungen weitgehend unberücksichtigt. Zu diesen vernachlässigten Quellen sind zweifelsohne auch die sogenannten Siegelkapseln zu zählen. Dabei handelt es sich um kleine Metalldöschen, die dazu dienten, das eigentliche Siegel zu schützen. Durch eine unlängst veröffentlichte Monographie von Alex R. Furger, Maya Wartmann und Emilie Riha wurden sie zumal im deutschsprachigen Raum in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt.[1] Colin Andrews hat sich mit der hier zu besprechenden Arbeit das ambitionierte Ziel gesetzt, nicht nur das gesamte Material für das römische Britannien gesammelt vorzulegen, sondern daneben auch eine neue, verfeinerte Kategorisierung zu erstellen (S. 2).

In einem Forschungsüberblick erfährt der Leser, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Siegelkapseln in Britannien bis in das ferne Jahr 1854 zurückreicht, wobei die Artefakte freilich bis 1911 vornehmlich als Duftspender gedeutet wurden (S. 3f.). Es ist erstaunlich, wie viele dieser Objekte bereits entdeckt und publiziert wurden, ohne jedoch wirklich als Informationsquelle für die antike Welt herangezogen zu werden. Allein für Britannien wurden von Andrews 871 Siegelkapseln (S. 5) berücksichtigt.

Andrews’ methodische Vorüberlegungen sind in jeder Hinsicht lesenswert, da sie nicht nur die eigene Auswertung betreffen, sondern darüber hinaus moderne Einflüsse – wie etwa Kunsthandel oder den Forschungsstand – berücksichtigen (S. 7–11). Gerade der Kunsthandel entwickelt sich bei antiken Sammlerobjekten zu einem Einflussfaktor, der auch wissenschaftlich berücksichtigt werden muss. Im dritten Kapitel erklärt Andrews seine Kategorisierung, die der Studie zugrundeliegt (S. 12–44). Grundlegend für die Einteilung sind sechs Grundformen (piriform, square, circular, lozenge, vessica, other). Dieses Raster wird durch Untergruppen (zum Beispiel piriform-ovate) zusätzlich verfeinert (S. 12). Für jede, auf diese Weise definierte Untergruppe gibt Andrews vier Zusatzinformationen: die Stellung und Art der Befestigungslöcher, die Art der Dekoration, das jeweils gängigste Motiv sowie eine 1:1-Skizze. Im Anschluss erfolgt eine Auswertung der einzelnen Kategorien (S. 17–44). Als Detailstudie untersucht Andrews im fünften Kapitel die Regionen London und Norfolk sowie die nördliche Grenzregion (S. 45–71). Im folgenden Kapitel geht der Autor der chronologischen Entwicklung der Siegelkapseln in Britannien nach (S. 72–79). Offenbar importierte man die frühesten Exemplare vom Festland (S. 72–74), bald schon wurden aber auch in Britannien selbst Siegelkapseln hergestellt (S. 74–79).

Im nächsten Kapitel geht Andrews der Frage nach, wie die Siegelkapseln genutzt wurden (S. 80–92). Der Autor kommt durch Auswertung der wenigen literarischen Quellen, der Indizien an den Kapseln sowie durch Experimente zum Schluss, dass die Siegelkapseln nicht, wie bisher verschiedentlich angenommen, an tabulae, sondern vielmehr an „cloth or leather bags or purses“ angebracht waren (S. 92). Durch praktische Versuche konnte Andrews überzeugende Argumente für seine These vorlegen, wenngleich es ihm nicht gelingt, alle Fragen und Probleme auszuräumen.[2] Die meines Erachtens zentralen Bedenken seien angeführt: Bei Andrews’ praktischen Versuchen enden die Schnüre, welche die Börse verschließen, lose außerhalb der Siegelkapsel (S. 91, Fig. 76a–c). Ein Siegel ist jedoch nur sinnvoll, wenn es auf dem einzigen oder – insofern mehrere vorhanden sind – auf allen Knoten angebracht wird. Andrews vermutet dagegen, dass zwar die Schnur durch die Siegelkapsel geführt worden sei, der Knoten jedoch sich auf der Rückseite der Geldbörse befunden habe (S. 92: „knotted at the back of the bag“; vgl. auch S. 92, Fig. 79a–c). Wozu sollte aber das Siegel gedient haben, wenn der Knoten problemlos gelöst werden konnte, ohne das Siegel zu erbrechen? In eine ähnliche Richtung geht die Frage, weshalb man sein Portemonnaie mit einem Wachssiegel hätte verschließen sollen. Andrews erklärt dies durch Geldüberweisungen, die in der Antike meist bar erfolgt seien, wobei „for the protection and the peace of mind of both parties the money bag would need to be sealed“ (S. 96). Dass durch ein Wachssiegel weder Sicherheit noch ein ruhiges Gewissen zu erlangen war, wird anhand des von Andrews selbst angeführten Belegs (Lukian. Alex. 19–20) recht deutlich. In diesen Punkten scheint mir noch Klärungsbedarf zu bestehen. Überzeugend ist jedoch die Ansicht, dass Siegelkapseln an Taschen oder ähnlichen Behältnissen und eben nicht an tabulae angebracht waren.

Im achten Kapitel bemüht sich der Autor konkrete Anwendungsbereiche für die Siegelkapseln auszumachen (S. 93–98). Andrews spricht sich meines Erachtens überzeugend gegen eine Verortung im kultischen und militärischen Bereich aus. Siegelkapseln seien vielmehr Zeugnisse wirtschaftlicher Aktivitäten, wobei sie wohl in einem gewissen Zusammenhang mit dem cursus publicus standen. Viele Siegelkapseln besitzen verzierte Deckel, deren Motive im Zentrum des nächsten Kapitels stehen (S. 99–103). Andrews vermutet bei einigen Motiven apotropäische Wirkung, allerdings bleiben seine Ausführungen zu den Darstellungen recht oberflächlich. Im letzten Kapitel werden die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst. Es folgt ein zweifacher Appendix: eine Tabelle mit allen wichtigen Informationen zu den einzelnen Stücken (S. 113–151) und ein – man kann es nicht anders sagen – bizarrer Dialog mit einem ebay-Verkäufer von Siegelkapseln (S. 152). Bibliographie und Index (S. 153–158) beschließen die Arbeit.

Andrews hat eine durchaus lesenswerte Studie vorgelegt. Die Ausstattung der Arbeit ist gelungen: Bilder und Zeichnungen sind fast ausschließlich von guter Qualität; Pläne und Fundkarten helfen dem Leser, sich eine räumliche Vorstellung zu machen; Tabellen erleichtern den Überblick. Einteilung und Präsentation des Stoffes sind ebenfalls gut gelungen. Wollte man ein Haar in der Suppe finden, so ließen sich die relativ vielen formalen Fehler (so etwa beim Zitat auf S. 81) oder Inkonsistenzen in der Bibliographie monieren (S. 153–157). Hier hätte die Arbeit von einer Endredaktion profitiert. Davon unberührt bleibt es Andrews’ mühevolles Verdienst, für Britannien eine weitgehend unbeachtete Quellengattung gesammelt und somit für die Wissenschaft erschlossen zu haben.

Anmerkungen:
[1] Alex R. Furger / Maya Wartmann / Emilie Riha, Die römischen Siegelkapseln aus Augusta Raurica, Augst 2009.
[2] Andrews argumentiert mit einer Mosaikdarstellung aus Piazza Armerina, worauf zwei Geldsäcke als Siegesprämie abgebildet sind. Dabei handelt es sich jedoch nicht um simple „money bags“ im Sinne von Geldbörsen, sondern vielmehr um normierte Geldsäcke (folles), die jeweils den Wert von 50.000 ägyptischen Drachmen bzw. 12.500 denarii comunes besaßen. Im Unterschied zu einem privaten Geldbeutel, der ja immer wieder geöffnet und verschlossen wurde, mussten, ja durften diese Beutel nicht geöffnet werden. Der Verschluss – wohl ein Siegel – garantierte den Wert des Inhalts. Für diese folles waren einfache Wachssiegel und folglich auch Siegelkapseln jedoch nicht geeignet, da sie der Belastung auf Dauer nicht gewachsen wären. In der Tat wurde unlängst – wie mir scheint – überzeugend dargelegt, dass in diesem Fall Bleiplomben eingesetzt wurden. Vgl. Wolfram Weiser, Die Tetrarchie – Ein neues Regierungssystem und seine mediale Präsentation auf Münzen und Medaillons, in: Dietrich Boschung / Werner Eck (Hrsg.), Die Tetrarchie. Ein neues Regierungssystem und seine mediale Präsentation, Wiesbaden 2006, S. 205–227, hier S. 206; Wilfried Knickrehm, Die Siegel der severischen Kaiser: Gold für Trier?, in: Trierer Petermännchen 24/25 (2010/11), S. 117–137, bes. S. 123–126.

ZitierweisePeter Kritzinger: Rezension zu: Andrews, Colin: Roman Seal-Boxes in Britain. Oxford 2012, in: H-Soz-u-Kult, 04.11.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-094>.

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