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Nationalsozialismus

L. Ciminski u.a. (Hrsg.): A. Stein: Adolf Hitler

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ulrich Prehn <ucprehnGMX.DE>
Titel:Alexander Stein: Adolf Hitler. Schüler der „Weisen von Zion“
Herausgeber:Ciminski, Lynn; Schmitt, Martin
Ort:Freiburg im Breisgau
Verlag:ça ira
Jahr:
ISBN:978-3-86259-103-9
Umfang/Preis:316 S.; € 20,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Mathias Schütz, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
E-Mail: <mathias.schuetzmedizin.uni-halle.de>

Angesichts des 2015 auslaufenden Urheberrechts für Adolf Hitlers Mein Kampf hat das Institut für Zeitgeschichte das groß angelegte Projekt einer kritischen Ausgabe initiiert. Ziel ist es, „den Mythos“ um dieses Schüsselwerk nationalsozialistischer Weltanschauung „zu brechen“.[1] Einen Beitrag zur Entmystifizierung liefert derweil die Neuausgabe einer Schrift, die erstmalig 1936 in der Tschechoslowakei veröffentlicht wurde und die sich auf – auch heute noch – erhellende Weise mit der antisemitischen Verschwörungsideologie des Nationalsozialismus auseinandersetzt: Adolf Hitler – Schüler der Weisen von Zion des in Lettland geborenen jüdischen Journalisten und Publizisten Alexander Stein[2] (1881–1948). Die Wiederveröffentlichung dieses Buches folgt einer Reihe weiterer Neuausgaben des Freiburger ça ira-Verlags, die jeweils zeitgenössische, unkonventionelle Analysen des Nationalsozialismus von Autoren aus dem sozialistischen Spektrum zum Gegenstand hatten.[3]

Aus heutiger Perspektive ist Steins Buch weniger als Beitrag zur Entlarvung der gefälschten, erstmals 1903 in Russland veröffentlichten Protokolle der Weisen von Zion interessant.[4] Zwar widmete sich der Autor auch dieser Sisyphusarbeit, der anhaltende Wert seines Werks liegt aber in seinem Beitrag zum Verständnis der nationalsozialistischen Weltanschauung und politisch-propagandistischen Strategie: Stein stellte Passagen aus den Schlüsselwerken nationalsozialistischer Ideologie wie Mein Kampf oder Alfred Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts den Protokollen gegenüber. Durch diese Gegenüberstellung konnte er nachweisen, dass der Nationalsozialismus im Grunde politisch nur anstrebte und umzusetzen versuchte, was er unter anderem anhand der Protokolle den Juden zuschrieb: den Willen zur Weltverschwörung und Welteroberung. Hitler und Rosenberg stimmten nicht nur in der generellen Zielsetzung mit den Protokollen überein, sondern in vielen strategischen Überlegungen, die zur Erreichung des Ziels angestellt wurden. Darin folgten sie bewusst oder unbewusst einer Empfehlung des deutschen Herausgebers der Protokolle, des völkischen Antisemiten Theodor Fritsch, der gefordert hatte, deutsche Politiker sollten „bei den Generalspitzbuben aus dem Orient in die Lehre […] gehen“ (S. 54).

Steins These war zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung nicht neu, sie entstand unter dem Eindruck des Berner Gerichtsprozesses um die Protokolle von 1933/35. Schon der Prozessgutachter Carl Albert Loosli hatte über das Verhältnis des Nationalsozialismus zu den als antisemitisches Propagandamittel intensiv genutzten Protokollen geurteilt: „Die Protokolle entsprechen nicht dem Geist der Juden, sondern dem Geist des heutigen Deutschland.“ (S. 48) Dieses Urteil versuchte Alexander Stein durch seine Gegenüberstellung zu erhärten und mit der zeitgenössischen nationalsozialistischen Politik abzugleichen. Er unterschied sich also in erster Linie von vielen seiner Zeitgenossen darin, dass er gewillt war, die ideologische Produktion des Nationalsozialismus, die Schriften und Reden Hitlers und seiner politischen Weggefährten ernst und beim Wort zu nehmen. Was in Mein Kampf stand, das galt Stein als Grundlage nationalsozialistischer Weltanschauung und Politik.

Die von Stein vorgenommene Gegenüberstellung ist aus heutiger Perspektive keinesfalls in allen Punkten stimmig und wirkt stellenweise etwas bemüht: So vergleicht er etwa die in den Protokollen erwähnte Möglichkeit der „Weisen“, ihre Gegner von der Öffentlichkeit vollkommen unbemerkt töten zu lassen, mit den Meuchelmorden des Regimes vom Juni 1934 (S. 104f.). Dennoch konnten durch das gegenüberstellende Verfahren zahlreiche Übereinstimmungen in den verglichenen Schriften nachgewiesen werden. Ob es um die Verherrlichung der Macht und des Kampfes, das Führerprinzip, die Zerstörung der Demokratie mit ihren eigenen Mitteln, die Fanatisierung der Massen, die Umwälzung des Systems, Terror und Unterdrückung im Innern oder Täuschung und Intrige in den Außenbeziehungen der Staaten und schließlich um die angestrebte Eroberung der Weltherrschaft ging: In all diesen Aspekten waren die Protokolle als Inbegriff einer vom Nationalsozialismus verteufelten „jüdische[n] Wesensart“ (S. 74, Zitat aus Mein Kampf) mehr oder weniger identisch mit dessen eigener Strategie der Machteroberung. Was Stein also freilegte, war die projektive Funktion des nationalsozialistischen Antisemitismus.

Dies ist besonders interessant angesichts der sozialdemokratischen Politisierung Steins. Er war 1905 vor der zaristischen Geheimpolizei nach Deutschland geflohen, arbeitete für die SPD, musste 1933 in die Tschechoslowakei und 1938/40 erneut nach Frankreich bzw. in die USA emigrieren. Ein mit dieser Politisierung grundsätzlich einhergehendes Verständnis vom Antisemitismus als „Ablenkungsmittel für das Regime“ (S. 145) scheint zwar noch an einigen Stellen durch. Doch die Inspiration der nationalsozialistischen durch die projizierte jüdische Weltverschwörung wollte er nicht als bloße instrumentelle Aneignung und den Antisemitismus nicht als strategisch-propagandistische Lüge verstanden wissen, sondern als wahnhafte Fundamente des Regimes und dessen gesamter Politik: „Judenhaß und Terror sind so eng mit dem pathologischen Charakter des ganzen Systems und der ‚Weltanschauung‘ der führenden Männer verbunden, daß sie sich selbst preisgeben würden, wenn sie ihren Standpunkt in dieser Frage änderten.“ (S. 147)

Die Analyse nationalsozialistischer Ideologie und Politik, die Stein im zweiten Teil des Buches vornahm, hatte demensprechend vor allem die Bedeutung des Antisemitismus zum Inhalt. Dieser spielte für ihn gerade hinsichtlich der Außenpolitik des Nationalsozialismus eine herausragende Rolle, etwa bezüglich der strategischen Überlegung, ob ein Staat und eine Gesellschaft „verjudet“ und insofern als gleichermaßen feindlich wie verkommen einzuschätzen und entsprechend zu diffamieren seien. Bemerkenswert ist hier wiederum, dass Stein schon zu diesem frühen Zeitpunkt auffiel, wie intensiv sich die antisemitische Propaganda den arabischen Ländern widmete.[5] Was Stein letztlich auf Grundlage seiner Analyse voraussah, war ein „Welt-Pogrom[] gegen Freiheit, Menschlichkeit und Kultur“, welches sich gegen die „Wahnidee“ der jüdischen Weltverschwörung richtete und so „das Weltmachtstreben des Nationalsozialismus als eine Realität“ durchsetzte: „Sein Traum ist der, den er dem ‚jüdischen Dämon‘ zuschreibt: Gold und Weltherrschaft.“ (S. 161; Hervorhebung im Original)

Eingerahmt wird die Neuausgabe von bio- und bibliographischen Angaben zu Alexander Stein von dessen Tochter Hanna Papanek. Die Herausgeber, die den Originaltext der Erstausgabe durch eine Vereinheitlichung und Aktualisierung des Anmerkungsapparats behutsam bearbeitet haben, konnten ihre Edition zudem um einen Anhang von drei Essays zu den Protokollen und zum nationalsozialistischen Antisemitismus erweitern, die in den 1930er-Jahren in sozialdemokratischen Exilzeitschriften erschienen. Der erste dieser Essays stammt von dem russischen Historiker Boris Nikolajewski (1887–1966), dessen Kommentierung des Berner Prozesses eine weitere Inspirationsquelle für Alexander Stein darstellte. Die beiden anderen Artikel schrieb Stein in den Jahren 1937 und 1939, sie sind einerseits Kurzfassungen der wesentlichen Thesen seines Buches, andererseits deren Anwendung auf die praktische Politik des „Dritten Reiches“. Insbesondere der Artikel Judenfrage und Faschismus liest sich erneut als hellsichtige Analyse nationalsozialistischer Innen- und Außenpolitik im zeitlichen Umfeld des „Anschlusses“ Österreichs und der Zerschlagung der Tschechoslowakei, welche die Bedeutung des Antisemitismus für die erfolgte bzw. anvisierte Zerstörung der Demokratie und des europäischen Staatensystems verdeutlicht. Angesichts dieses „barbarischen Vernichtungsfeldzug[s] des Nationalsozialismus“ folgerte Stein: „Der Kampf gegen den Antisemitismus ist deshalb nicht nur ein moralisches Gebot, sondern in zunehmendem Maße auch ein Gebot nüchterner Realpolitik aller Staaten und Völker, deren Existenz vom ‚Dynamismus‘ der faschistischen Angreifer bedroht wird.“ (S. 295) In einem sehr ausführlichen Eigenbeitrag haben die Herausgeber zudem eine historische und ideengeschichtliche Verortung Steins und seiner Schriften vorgenommen. So wird seine These über die Bedeutung der Protokolle im Nationalsozialismus abschließend ihrer Rezeption durch Hannah Arendt sowie den Antisemitismusstudien der Kritischen Theorie gegenüberstellt. Hierbei wird noch einmal deutlich, wie bemerkenswert Steins These im Kontext ihres zeitlichen und politischen Entstehungszusammenhangs war und wie wegweisend sie sich für das Verständnis des Antisemitismus erwiesen hat.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Alexander Steins Untersuchung nicht in jedem Detail der Gegenüberstellung der Protokolle mit entsprechenden nationalsozialistischen Schlüsseltexten und politischen Maßnahmen des Regimes zutreffend ist. Dennoch gelingt ihm die Aufdeckung grundsätzlicher und nicht zu unterschätzender Übereinstimmungen zwischen der nationalsozialistischen Weltanschauung und ihrem absoluten Feindbild: einer auf die Juden projizierten Weltverschwörung. Der propagierte Kampf gegen die angebliche jüdische Weltverschwörung war nichts anderes als die Rechtfertigung der eigenen Welteroberungspläne des „Dritten Reiches“. Deswegen bleibt Steins Buch ein wichtiger, leider allzu lang in Vergessenheit geratener Beitrag zum Verständnis der nationalsozialistischen Ideologie und ihres verschwörungstheoretischen Kerns, des Antisemitismus.

Anmerkungen:
[1] Simone Paulmichl, Den Mythos um „Mein Kampf“ brechen, 07. November 2012, <www.ifz-muenchen.de/vollansicht.html?&tx_ttnews[tt_news]=757&tx_ttnews[backPid]=4&cHash=2fd96318db> (27.12.2012).
[2] Pseudonym für Alexander N. Rubinstejn.
[3] Willy Huhn, Der Etatismus der Sozialdemokratie. Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus, Freiburg 2003; Curt Geyer u.a., Fight for Freedom. Die Legende vom anderen Deutschland. Hrsg. von Jan Gerber und Anja Worm, Freiburg im Breisgau 2009.
[4] Der aktuelle Forschungsstand wird wiedergegeben in: Eva Horn / Martin Hagemeister (Hrsg.), Die Fiktion von der jüdischen Weltverschwörung. Zu Text und Kontext der „Protokolle der Weisen von Zion“, Göttingen 2012.
[5] Vgl. hierzu Jeffrey Herf, Nazi Propaganda for the Arab World, New Haven 2009.

ZitierweiseMathias Schütz: Rezension zu: Ciminski, Lynn; Schmitt, Martin (Hrsg.): Alexander Stein: Adolf Hitler. Schüler der „Weisen von Zion“. Freiburg im Breisgau 2011, in: H-Soz-u-Kult, 14.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-101>.

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