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Zeitgeschichte (nach 1945)

O. Bach: Die Erfindung der Globalisierung

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Die Erfindung der Globalisierung. Entstehung und Wandel eines zeitgeschichtlichen Grundbegriffs
Reihe:Campus Forschung 966
Ort:Frankfurt am Main
Verlag:Campus Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-593-39848-8
Umfang/Preis:270 S.; € 39,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Peter E. Fäßler, Historisches Institut, Universität Paderborn
E-Mail: <peter.faessleruni-paderborn.de>

Seit wann kursiert eigentlich der Begriff „Globalisierung“ in der wissenschaftlichen Literatur unterschiedlicher Fächer? Aus welchen Gründen drang er zu Beginn der 1990er-Jahre via Massenmedien ins öffentliche, ja globale Bewusstsein? In welchen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontexten wurde der Terminus geprägt, semantisch aufgeladen und konzeptionell weiterentwickelt? Wie lassen sich die politischen und ökonomischen Absichten fassen, die mit seinem Gebrauch verknüpft waren und immer noch sind?

Auf all diese Fragen und etliche weitere möchte Olaf Bach im Rahmen seiner Rekonstruktion dessen, was er als „Globalisierungsrede“ bezeichnet, überzeugende Antworten finden. „Globalisierungsrede“ – hierunter versteht der Autor den öffentlichen Gebrauch des Terminus „Globalisierung“ in wissenschaftlich-analytischer, aber auch in herrschafts- bzw. profitorientierter Absicht. Damit unterstreicht Bach, dass er seine 2007 an der Hochschule für Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften der Universität St. Gallen angenommene Dissertation methodisch keineswegs nur in der Tradition einer Begriffsgeschichte nach Reinhart Koselleck sieht. Vielmehr möchte er diese mit einem diskursanalytischen Ansatz verknüpfen und so die einander ergänzenden Vorzüge beider Methoden für sein Forschungsziel nutzen.

Folgt man dem Autor, setzte die Globalisierungsrede Mitte des 20. Jahrhunderts ein. Natürlich entwickelte sie sich nicht ex novo, sondern knüpfte etwa an ältere Diskurse über „Internationalismen“ an. Akribisch steckt Bach das Wortfeld „Globalisierung“ mit all seinen semantischen Facetten ab und folgt im diachronen Zugriff den sich wandelnden Begriffsinhalten. Während der frühen Phase, welche Bach auf die 1940er- und 1950er-Jahre datiert, dominierte seiner Auffassung nach ein Verständnis von Globalisierung als primär politisch gefasster Prozess. Im Zentrum stand die Vision der „one world“, jene Vorstellung einer politisch geeinten Welt, die vor allem der amerikanische Präsidentschaftskandidat Wendell L. Willkie in seinem gleichnamigen Bestseller entwickelte und zu großer Popularität brachte.[1] Die uns heute so vertraute Sicht einer vorrangig der ökonomischen, genauer der marktwirtschaftlichen Rationalität verhafteten Globalisierung setzte sich erst in den Jahren um 1970 durch. Den Stein des Anstoßes stellten die nach dem Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods zu beobachtenden Internationalisierungsstrategien zahlreicher Großunternehmen dar. Deren Wandlung zu multinationalen Konzernen trug dazu bei, dass sie aufgrund ihres ökonomischen Machtpotentials und ihrer flexiblen, grenzüberschreitenden Handlungsoptionen mehr und mehr die Weltwirtschaft beeinflussten, aber auch die nationale wie internationale Politik. Kenichi Ohmaes These vom „Ende des Nationalstaats“[2] gründet sich wesentlich auf diesen Befund.

Die Vorstellung von und die öffentliche Rede über eine vorrangig ökonomisch getriebene Globalisierung nahm an Fahrt auf und mündete in den medienwissenschaftlich wie demoskopisch gut belegten internationalen „globalization rush“ Mitte der 1990er-Jahre. Alle Welt redete nun über die Globalisierung, weil man ihre mittelbaren und unmittelbaren Auswirkungen auf die eigene Lebenswelt zu spüren glaubte. Nahezu zeitgleich setzte eine heftige Kritik an der Globalisierung ein, sowohl am Prozess als auch an politischen und ökonomischen Leitbildern wie dem Neoliberalismus.

Olaf Bachs bedeutsame Studie ist spät erschienen, aber nicht zu spät. Zwischen Annahme der Dissertation und ihrer Veröffentlichung liegen sechs Jahre. Zwischenzeitlich haben Weltfinanz-, Weltwirtschafts- und Staatsschuldenkrise die Überzeugungskraft des neoliberalen Leitbildes, welches den Globalisierungsbefürwortern als zentrales Legitimationskonzept galt, massiv erschüttert. Zudem ist eine Fülle anregender Schriften erschienen; zahlreiche neue Aspekte und Probleme der Globalisierung rückten ins Blickfeld und werden diskutiert. Es ist nun mal das unausweichliche Schicksal solider Grundlagenforschung, dass sie Zeit benötigt, dass zwischen Denken, Schreiben und Publizieren etliche Monate und Jahre vergehen. Bei einem heiß diskutierten Thema wie der Globalisierung führt das dazu, dass die Halbwertszeit von Debatten und Erkenntnissen relativ kurz ist. Dies kann man am vorliegenden Werk gut erkennen. So hat sich die von Bach eingangs benannte Diskussion um eine „Globalisierung avant la lettre“ zwischenzeitlich weitgehend erledigt – es gab sie! Auch scheint der Autor einschlägige Literatur, die nach 2007 veröffentlicht wurde, nur punktuell eingearbeitet zu haben.

Dass Bachs Dissertation gleichwohl nicht zu spät erschienen ist, liegt an ihren unbestreitbaren Qualitäten. Hierzu zählen die fundierte Rekonstruktion und über weite Strecken plausible Interpretation der „Globalisierungsrede“. Mit scharfem Spürsinn ergründet der Autor das Wurzelgeflecht dieser Rede und verfolgt die Gedankenstränge über mehrere Jahrzehnte hinweg mit großer Sachkenntnis. Zwar sind etliche Autoren und Befunde aus anderen Schriften bekannt. Aber meist werden sie dort nur am Rande erwähnt, gewissermaßen als bildungsbürgerliche und sprachgeschichtliche Aperçus. Eine systematische, umfassende Erschließung der Globalisierungsrede birgt weitaus größeres Erkenntnispotential. Es ist Bachs Verdienst, uns diesen Sachverhalt überzeugend vor Augen zu führen. Damit bietet sein Buch in einer öffentlichen Debatte, die von halbseidenen, weil nachlässig recherchierten Informationen beherrscht wird, eine verlässliche Orientierung und belastbare Argumentationsgrundlage. Zugleich gelingt es dem Autor, den vermeintlichen Antagonismus zwischen Begriffsgeschichte Koselleck’scher Prägung und Diskursanalyse als keineswegs unüberbrückbaren Gegensatz zu entlarven. Vielmehr belegen seine Ausführungen die komplementäre Qualität beider Zugänge. Daher handelt es sich auch methodisch um eine bedeutsame und gelungene Studie.

An diesem positiven Urteil ändern die folgenden Einwände wenig, auch wenn sie durchaus gewichtiger Art sind. So fällt auf, dass sich Bach mit der „westlichen“ Globalisierungsrede befasst – mit Texten in englischer, französischer und deutscher Sprache von Autorinnen und Autoren mehrheitlich aus den OECD-Staaten. Hingegen bleiben Gedanken, Konzepte, Diskurse anderer Weltregionen weitgehend außen vor. Dabei wäre es doch von Interesse, wie etwa in China „the great divergence“[3] während der vergangenen 200 Jahre wahrgenommen und diskutiert worden ist. Mein Hinweis zielt nun keineswegs darauf ab, der Autor hätte bitte schön sämtliche Debatten rund um den Globus erfassen sollen. Allerdings hätte er seine Fokussierung auf die „westliche Globalisierungsrede“ deutlich benennen und hinsichtlich ihrer erkenntnisrelevanten Konsequenzen reflektieren müssen. Da er dies nicht tut, läuft er Gefahr, einmal mehr die westliche Sicht einer westlich dominierten Globalisierung und der im Westen darüber geführten Rede zu reproduzieren.

Ein anderer Einwand greift einen bekannten methodischen Vorbehalt gegen die Begriffsgeschichte auf. Bach folgt der Globalisierungsrede entlang des „Höhenkamms“ wissenschaftlicher Schriften und Autoren. Marshall McLuhan, Roland Robertson, Anthony Giddens – die üblichen Verdächtigen referiert der Autor ausführlich und inhaltlich meist treffend. Zugleich aber bedeutet diese Form der Rekonstruktion wiederum die Konstruktion einer Globalisierungsrede, befördert also einen Selbstverstärkungsmechanismus, welcher vor allem der traditionellen Ideen- und Begriffsgeschichte bereits öfter zum Vorwurf gemacht wurde. Schade ist auch, dass der Autor hie und da begrifflich unscharf argumentiert. So bezeichnet „Globalismus“ nach Ulrich Beck keineswegs die Befürworter der Globalisierung, sondern deren bzw. die generelle Überzeugung, dass die Weltmarktherrschaft als erwünschte Form anzustreben sei. Zuletzt sei darauf hingewiesen, dass Bachs Verständnis von Globalisierungsrede bildliche Darstellungen offenkundig ausschließt. Konzeptionell ist das durchaus vertretbar, aber wenn man sich etwa das Logo von Attac vergegenwärtigt[4], wird deutlich, dass der Autor einen spannenden Bereich seines Forschungsfeldes ausgeklammert hat.

Die genannten Kritikpunkte sollen indes nicht den Blick dafür verstellen, dass Olaf Bach mit seiner Dissertation eine verlässliche begriffs- und diskursgeschichtliche Analyse von „Globalisierung“ liefert – der er für das 20. Jahrhundert zu Recht die Qualität eines „historischen Grundbegriffes“ zuschreibt. Wer sich mit der historischen Entwicklung von Globalisierungskonzepten und der Globalisierungsrede beschäftigt, muss nicht länger mit den frag- und ergänzungswürdigen Einträgen bei Wikipedia oder den Zufallstreffern einer Google-Recherche vorlieb nehmen. Er muss sich auch nicht mit sporadischen Verweisen in der einschlägigen Literatur begnügen, sondern kann auf diese verlässliche, fundierte Analyse zurückgreifen.

Anmerkungen:
[1] Wendell L. Willkie, One World, New York 1943.
[2] Kenichi Ohmae, The End of the Nation State. The Rise of Regional Economies, New York 1995.
[3] Kenneth Pomeranz, The Great Divergence. China, Europe, and the Making of the Modern World Economy, Princeton 2000.
[4] <www.attac.de> (18.10.2013).

ZitierweisePeter E. Fäßler: Rezension zu: Bach, Olaf: Die Erfindung der Globalisierung. Entstehung und Wandel eines zeitgeschichtlichen Grundbegriffs. Frankfurt am Main 2013, in: H-Soz-u-Kult, 05.11.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-098>.

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