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Zeitgeschichte (nach 1945)

B. Greiner u.a. (Hrsg.): Erbe des Kalten Krieges

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Titel:Erbe des Kalten Krieges
Reihe:Studien zum Kalten Krieg 6
Herausgeber:Greiner, Bernd; Müller, Tim B.; Voß, Klaas
Ort:Hamburg
Verlag:Hamburger Edition, HIS Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-86854-258-5
Umfang/Preis:507 S.; € 35,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Georg Schild, Seminar für Zeitgeschichte, Eberhard-Karls-Universität Tübingen
E-Mail: <georg.schilduni-tuebingen.de>

Mit dem vorliegenden sechsten Band der „Studien zum Kalten Krieg“ geht ein ambitioniertes und in vielerlei Hinsicht wegweisendes Projekt der Zeitgeschichtsschreibung zu Ende. Die Herausgeber haben eine breit angelegte Betrachtung der fast 50-jährigen Phase vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Ende des Ost-West-Konflikts vorgelegt, die nicht rein chronologisch organisiert ist, sondern zentrale Einzelprobleme wie „Angst“ und „Ökonomie“ sowie Krisen und bewaffnete militärische Konflikte in den Mittelpunkt stellt.[1]

Es ist nicht nur die Breite der angesprochenen Themen, die beeindruckt. Die Bände haben deutlich gemacht, wie fruchtbar Forschungen zum Kalten Krieg aus wechselseitiger Wahrnehmung sind. Das kann in Sammelbänden geschehen, indem mehrere Beiträge einzelne Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. In einem weiteren Schritt sollte die Integration noch verstärkt werden, indem die Politik der amerikanischen und sowjetischen Führung oder auch die Gesellschaftsgeschichte gemeinsam und wechselseitig aufeinander bezogen untersucht werden.

Der abschließende Band „Erbe des Kalten Krieges“ versammelt knapp 30 Aufsätze, deren innere Kohärenz jedoch geringer ist als bei den Vorgängerbänden. Es werden vier zentrale Bereiche behandelt: „Der nationale Sicherheitsstaat“, „Außen- und Sicherheitspolitik“, „Gesellschaft, Wirtschaft, Recht“ sowie „Staatsbildung und Staatszerfall“. Im Zentrum der Aufmerksamkeit der Autoren stehen die Vereinigten Staaten und Westeuropa. Andere Regionen werden entweder summarisch abgehandelt („globaler Süden“) oder kommen nicht vor – wie Osteuropa (hier lediglich vertreten durch einen Aufsatz zum ehemals sowjetischen Atomwaffenarsenal nach 1991). Diese geographische Verteilung überrascht, weil der „globale Kalte Krieg“ ein fruchtbares Forschungsfeld ist und weil der Ost-West-Konflikt in zahlreichen außereuropäischen Staaten und in Osteuropa die wohl sichtbarsten und nachhaltigsten Spuren hinterlassen hat. Die Gründung vieler Staaten des Südens, der Dekolonisierungsprozess und die notwendigen Neuorientierungen nach 1990 waren und sind Erbe des Kalten Krieges.

Der Herausgeber Bernd Greiner gibt in seinem Einleitungsessay „Spurensuche“ die Generallinie für die Beiträge vor. Es dominieren militärische Begriffe. Beide Seiten hätten sich in eine „Zwangslage“ manövriert; der resultierende Konflikt könne als ein „katalytisches Dreieck“ beschrieben werden – bestehend aus „Wortkriegen“, „Blockbildung“ und „atomarer Diplomatie“. Die Folge seien teils drohende, teils offen ausgetragene Kriege gewesen: „[K]napp die Hälfte des über vier Jahrzehnte währenden Kalten Krieges [stand] im Zeichen akuter politischer wie militärischer Krisen“, so Greiner (S. 12). Das mag so gewesen sein, aber waren militärische Konflikte, von denen ein Großteil in der „Dritten Welt“ ausgetragen wurde, tatsächlich das zentrale konstitutive Element des Kalten Krieges? War der Kalte Krieg in erster Linie eine Auseinandersetzung zwischen zwei in mancher Hinsicht ähnlichen militärischen Blöcken, die um Einfluss rangen, oder handelte es sich um einen Versuch freiheitlich-demokratischer Gesellschaften, sich einer totalitären Bedrohung zu widersetzen? An keiner Stelle des Bandes bekommt man den Eindruck, dass der Westen mit einer gewissen Befriedigung auf das Erbe des Kalten Krieges blicken könne, weil sich seine politischen Vorstellungen von Freiheit und Demokratie durchgesetzt haben.

Im ersten Abschnitt zum „nationalen Sicherheitsstaat“ kommen die Beiträge recht schnell vom Ende des Kalten Krieges zu den Angriffen vom 11. September 2001. Robert J. McMahon glaubt, dass die gegenwärtige amerikanische „Verunsicherung“ auf Muster aus dem Kalten Krieg zurückreicht; Bettina Greiner sieht zwischen der amerikanischen Politik im Kalten Krieg und der Reaktion auf die Anschläge vom 11. September eine Kontinuität in den Foltermethoden, und Bernd Greiner schreibt, dass im Schatten von „9/11“ der Kalte Krieg als Schaffung „uneingeschränkter Kriegsvollmachten“ des Präsidenten zurückgekehrt sei (S. 75).

Der zweite Bereich „Außen- und Sicherheitspolitik“ des Buches wird eröffnet mit einem Beitrag von Vojtech Mastny unter der Leitfrage, ob Strukturen des Kalten Krieges als sicherheitspolitisches Erbe noch immer relevant seien. Er bejaht dies in mehrfacher Hinsicht. So habe die NATO eine „Kultur der zivilen Kontrolle von Streitkräften“ gefördert (S. 163). „Im Fall der strategisch gelegenen Türkei leitete der NATO-Beitritt eine Transformation zur führenden Demokratie der islamischen Welt ein.“ (ebd.) Die Schlussakte von Helsinki habe das revolutionäre Prinzip verkündet, „dass die Art und Weise, wie souveräne Staaten mit ihren Bürgern umgehen, nicht allein ihre Angelegenheit ist, sondern aufgrund von Implikationen für die internationale Sicherheit auch Gegenstand legitimen Interesses anderer Staaten“ (S. 167).

Im dritten Teil „Gesellschaft, Wirtschaft, Recht“ fragt unter anderem Sarah Snyder, ob die Entwicklung von Non-Governmental Organizations (NGOs), die sich den Menschenrechten verschrieben haben, ein Erbe des Kalten Krieges sei. Sie bejaht dies: „Durch transnationale Netzwerke […] haben Menschenrechts-NGOs auf viele Weise die ideologische Kluft des Kalten Krieges zu überwinden versucht.“ (S. 306)

Im vierten Teil „Staatsbildung und Staatszerfall“ diskutiert etwa Hans-Joachim Spanger das Phänomen des „Staatszerfalls“ als mögliches Erbe des Kalten Krieges. Auffällig ist auch hier, dass die 1990er-Jahre völlig ausgeblendet werden. Der Autor sieht das Problem gescheiterter Staaten erst im Kontext der Angriffe des 11. September 2001. Dabei waren die 1990er-Jahre geprägt vom Zerfall osteuropäischer Staaten. Die Tschechoslowakei spaltete sich in einem vergleichsweise friedlichen Prozess in zwei Staaten. Der Zerfall Jugoslawiens war unmittelbar Folge des Endes des Kalten Krieges und führte zu den blutigsten Auseinandersetzungen in Europa seit 1945.

Nach der Lektüre des Bandes hat man den Eindruck, manches zwei- oder dreimal gelesen zu haben. Dies betrifft vor allem die vermeintliche Beziehung zwischen der amerikanischen Politik im Kalten Krieg und der Reaktion auf den 11. September 2001, die wiederholt angesprochen wird. Anderes erscheint nur von beschränkter Relevanz (die Niederlande und das Ende des Kalten Krieges), und wiederum anderes wie der Beitrag von Stefanie van de Kerkhof zur „Kontinuität militärstrategischen Denkens in Management und Consulting“ scheint überhaupt nicht in den Band zu passen, weil zwischen dem wirtschaftlichen und dem politischen Denken nicht systematisch Parallelen gezogen werden. Bei manchen Beiträgen (etwa von Melanie Arndt zu „Tschernobyl in Deutschland“ und von Berthold Vogel zum „sorgenden Staat“) stellt sich die Frage, ob alles, was sich in den Jahren des Ost-West-Konflikts ereignet hat, bereits zum „Erbe“ des Kalten Krieges gehört. Gleichzeitig hätte man sich, wie bereits erwähnt, Beiträge zum Erbe des Kalten Krieges in Osteuropa gewünscht. Ist die autokratische Regierung Weißrusslands ein Erbe des Kalten Krieges? Ist das Amtsverständnis des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Kontext des Kalten Krieges zu erklären? Auch die Rolle der Vereinigten Staaten für die Beendigung des Kalten Krieges und für die Beilegung der Bürgerkriege auf dem Balkan in den 1990er-Jahren wird nicht erwähnt. Doch aller Kritik zum Trotz liegt mit diesem sechsten und letzten Band der Reihe wiederum ein Werk vor, das zur weiteren Beschäftigung mit der faszinierenden und vielschichtigen Zeit des Kalten Krieges anregt.

Anmerkung:
[1] Die vorherigen Bände: Bernd Greiner / Christian Th. Müller / Dierk Walter (Hrsg.), Heiße Kriege im Kalten Krieg, Hamburg 2006 (rezensiert von Henning Hoff, 12.7.2006: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-024>); dies. (Hrsg.), Krisen im Kalten Krieg, Hamburg 2008 (rezensiert von Bernd Schäfer, 11.3.2009: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-205>); dies. (Hrsg.), Angst im Kalten Krieg, Hamburg 2009 (rezensiert von Jan Plamper, 23.3.2010: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-1-222>); Bernd Greiner / Christian Th. Müller / Claudia Weber (Hrsg.), Ökonomie im Kalten Krieg, Hamburg 2010 (rezensiert von Stefanie van de Kerkhof, 19.4.2013: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=15804>); Bernd Greiner / Tim B. Müller / Claudia Weber (Hrsg.), Macht und Geist im Kalten Krieg, Hamburg 2011 (rezensiert von Martin Deuerlein, 25.4.2012: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-068>) [22.6.2013].

ZitierweiseGeorg Schild: Rezension zu: Greiner, Bernd; Müller, Tim B.; Voß, Klaas (Hrsg.): Erbe des Kalten Krieges. Hamburg 2013, in: H-Soz-Kult, 05.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-013>.

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