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Mittelalterliche Geschichte

G. Rohmann: Tanzwut

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Harald Müller <muellerhistinst.rwth-aachen.de>
Autor(en):
Titel:Tanzwut. Kosmos, Kirche und Mensch in der Bedeutungsgeschichte eines mittelalterlichen Krankheitskonzepts
Reihe:Historische Semantik 19
Ort:Göttingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:978-3-525-36721-6
Umfang/Preis:712 S.; € 99,99

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Philip Knäble, Bielefeld Graduate School in History and Sociology, Universität Bielefeld
E-Mail: <pknaebleuni-bielefeld.de>

Die Tanzwut gilt sicherlich als eines der schillerndsten Phänomene der Vormoderne und bildet zusammen mit der Pest und dem wachsenden sozialen Aufruhr einen festen Bestandteil in der Krisenerzählung des Spätmittelalters. Eine intensive Beschäftigung mit der Tanzwut – wie auch allgemein mit dem Thema ‚Tanz‘ – ist von der Mediävistik allerdings bisher kaum geleistet worden: Die einschlägigen Artikel zum Tanz im Lexikon des Mittelalters etwa sind allesamt von Wissenschaftler/innen aus der Neuzeit oder anderen Disziplinen verfasst worden. In seiner umfangreichen Habilitationsschrift unternimmt Gregor Rohmann nun den Versuch, die Genese der Tanzwut aus einer kulturhistorischen Perspektive nachzuzeichnen und ‚Tanz‘ als Forschungsgegenstand für die Mediävistik zu öffnen.

Dabei widmet er sich in seiner Studie nicht den Tanzpraktiken vom 14. bis zum 17. Jahrhundert, sondern interessiert sich in seiner semantischen Herangehensweise vielmehr dafür, welches „Reservoir an Zeichen“ (S. 19) den Akteuren in diesem Zeitraum für die Beschreibungen von Tanzwut zur Verfügung stand. Im Zentrum der Arbeit steht deshalb die Entwicklung des Diskurses über unfreiwilligen, zwanghaften Tanz seit der Spätantike bis zum Spätmittelalter.

Die Arbeit beginnt mit einem kritischen Überblick über den Forschungsstand und zeigt auf, dass die einschlägigen Studien aus den Bereichen Medizin, Volkskunde, Germanistik und Tanzwissenschaft quellenfern und mit universalen Vergleichen operieren. Entgegen der gängigen Interpretation der Tanzwut als Form der Massenhysterie, der Besessenheit oder als paganes Residuum, schlägt Gregor Rohmann eine kulturanthropologische Herangehensweise vor, die versucht, der zeitgenössischen Eigenlogik der Tanzwut gerecht zu werden. Die Tanzwut wird so als eine kulturell konstruierte Krankheit lesbar, die sich aus der Auseinandersetzung des mittelalterlichen Christentums mit antiken Mythen und Kosmologien sowie deren körperlichen Ausdrucksformen im Tanz speist. Was unter Tanzwut verstanden wird, ist damit das Ergebnis vielfältiger Aushandlungsprozesse zwischen Gelehrten, Klerus und Laien in ihren jeweiligen Wahrnehmungshorizonten.

Das zweite Kapitel eröffnet die Diskursgenealogie mit der Diskussion antiker Quellen zum unfreiwilligen Tanz, aus denen die mittelalterlichen Autoren später selektiv auswählen und die sie umdeuten. Es ist vor allem die neuplatonische Kosmologie, in der ‚Tanz‘ als Nachahmung der Sphärenharmonie verhandelt wird. Allerdings ist im Begriff der mania bereits eine Ambivalenz angelegt, da der Tanz damit sowohl als krankhafte Störung der Harmonie, wie auch als Ausdrucksform, um die Harmonie wieder herzustellen, gedeutet werden kann. Das Christentum übernimmt diese Doppeldeutigkeit und erbt somit das Problem, ob über praktizierte Tänze eine Kommunikation mit Gott möglich oder gerade nicht möglich und inwiefern Tanz eher spirituell oder körperlich zu deuten sei.

Im Anschluss daran zeigt Gregor Rohmann im dritten Kapitel auf, wie diese Fragen in der mittelalterlichen Theologie aufgenommen wurden. Er kann demonstrieren, dass der Tanz keineswegs einheitlich von der Kirche verdammt wurde, sondern nur bestimmte Tanzorte, Tanzzeiten und Teilnehmende in der Kritik standen. Dies ermöglichte unterschiedliche theologische Bewertungen von Tanz ebenso wie verschiedene Tanzpraktiken im paraliturgischen Rahmen. Als dominante Sichtweise ging daraus die Vorstellung hervor, den Tanz als Zustand der Gottessuche zu begreifen. In der Körperpraxis Tanz konnten sowohl Heilsverlust, als auch das Streben nach der Wiederaufnahme in die Heilsgemeinschaft so performativ inszeniert werden.

Im vierten Kapitel wird die geografische Verbreitung der Tanzwut verfolgt und untersucht, warum sie gerade im östlichen Frankreich, in Belgien und dem Rhein-Main-Gebiet im Spätmittelalter entstand. Der Autor erklärt die räumliche Konzentration mit der dortigen Überschneidung zweier kultureller Großräume: das früh christianisierte Gallien und die später bekehrten Gebiete des heutigen Deutschland. Im Merowingerreich entstand durch die Aufnahme neuplatonischer Philosophie in den Herrscherkult und die Heiligenverehrung ein Sinnhorizont, der den Tanz als legitime Form der Frömmigkeit zuließ. Für das spätmittelalterliche Frankreich lässt sich dann eine Vielzahl von Tanzpraktiken im kirchlichen Bereich nachweisen. Die von angelsächsischen Missionaren seit dem 7. Jahrhundert christianisierten Gebiete östlich des Rheins zeichneten sich dagegen durch eine asketisch geprägte, den Tanz als Devotionsform ablehnende Religiosität aus. Aus diesen theologischen Spannungen, so Rohmanns These, entstand im Grenzbereich beider Kulturräume die Tanzwut im Spätmittelalter.

Anhand von Heiligenviten aus dem Frühmittelalter führt Gregor Rohmann im nächsten Kapitel aus, wie darin das Motiv des unfreiwilligen Tanzes für den Zustand der Heilssuche ausformuliert wird. Am Beispiel der Tanzlegende von Kölpigk (Kapitel sechs) verdeutlicht er, wie das Motiv im elften Jahrhundert aktualisiert und popularisiert wurde. Indem er die zeitgenössischen Überlieferungen auf ihre literarischen Vorbilder und den Kontext ihrer Entstehung untersucht, kann der Verfasser zeigen, dass in der Legende nicht ein blasphemischer Tanz als heidnisches Relikt, sondern vielmehr Änderungen durch die Kirchenreform des elften Jahrhundert im Zentrum standen. Die verbreitete Vorstellung der Kirche als Reigen, die bis dahin in der Ekklesiologie vorgeherrscht hatte, wurde nun durch das Bild der Kirche als Haus abgelöst. Die Kölpigker Tanzlegende bildet damit laut Rohmann „die zentrale Scharnierstelle in der Entwicklung von den antiken mania-Konzeptionen zur spätmittelalterlichen Tanzkrankheit“(S. 371).

Im letzten Kapitel legt der Autor dar, dass im Spätmittelalter die Tanzwut vor allem im Zusammenhang mit den Heiligenkulten von Johannes dem Täufer (Johannistanz) und Vitus (Veitstanz) thematisiert wurde. Gregor Rohmann erklärt diesen Umstand mit einem Rückblick auf die spätantike Genese ihrer Heiligenviten, in denen Formen der neuplatonischen mania verhandelt wurden. Beide Heiligenkulte griffen mythische und kosmologische Inhalte der Spätantike auf und ihre Hochfeste, 15. und 24. Juni, lagen im Umfeld der Sommersonnenwende. Als „Hüter der Schwelle“ (S. 622) waren beide im besonderen Maße als Mittler zwischen Immanenz und Transzendenz für den Status zwischen Heilsferne und Erlösung zuständig. Dies machte sie für den Tanz als Ausdrucksmittel liminalen Verhaltens attraktiv, zumal Johannes und Veit ab dem 13. Jahrhundert im Rhein-Mosel-Gebiet stark verehrt wurden. In der Tanzwut manifestierte sich so der zeitlich begrenzte und ritualisierte körperliche Ausdruck der Heilsferne in der Frömmigkeit. Die Tanzenden zelebrierten somit keine heidnischen Kulte, sondern strebten im christlichen Kontext der Heiligenverehrung eine Wiederaufnahme in das Heilsgeschehen an.

Gregor Rohmann liefert mit seiner Habilitationsschrift einen wichtigen Anstoß zum Verständnis der vielfältigen Tanzkultur im religiösen Kontext des Spätmittelalters. Insbesondere das dritte Kapitel bietet eine äußerst fundierte Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes zum Tanz im kirchlichen Kontext und macht auf wichtige Desiderate aufmerksam. Auch wenn es an einigen Stellen schwer fällt, den komplexen Beziehungen zwischen antiken Mysterien und ihren früh- und spätmittelalterlichen Adaptionen zu folgen, gelingt es Gregor Rohmann stets, die Diskursstränge der Tanzwut differenziert darzustellen. Indem er die bekannten Quellen um fundierte Kontextualisierungen ergänzt und ihre literarischen Vorbilder aufzeigt, schafft er es, die Tanzpraktiken in der mittelalterlichen Frömmigkeit zu entexotisieren. Dadurch entstehen, wie etwa im sechsten Kapitel zur Tanzlegende von Kölpigk ausgezeichnet dargestellt wird, entscheidende Perspektivwechsel, welche die Verbindungen zu zeitgenössischen theologischen Auseinandersetzungen nachzeichnen.

Gregor Rohmann demonstriert mit seinem Werk, wie fruchtbar eine quellenkritische kulturhistorische Untersuchung der Tanzwut sein kann, die interdisziplinäre Forschungsansätze aufgreift. Er erschließt mit dem spannungsreichen Verhältnis von Tanz und Religiosität zugleich ein neues Forschungsfeld für die Mediävistik.

ZitierweisePhilip Knäble: Rezension zu: Rohmann, Gregor: Tanzwut. Kosmos, Kirche und Mensch in der Bedeutungsgeschichte eines mittelalterlichen Krankheitskonzepts. Göttingen 2012, in: H-Soz-u-Kult, 08.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-098>.

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