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C. Haller: Militärzeitschriften in der Weimarer Republik

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Militärzeitschriften in der Weimarer Republik und ihr soziokultureller Hintergrund. Kriegsverarbeitung und Milieubildung im Offizierskorps der Reichswehr in publizistischer Dimension
Reihe:Geschichte & Kultur. Saarbrücker Reihe 1
Ort:Trier
Verlag:Kliomedia
Jahr:
ISBN:978-3-89890-160-4
Umfang/Preis:620 S.; € 69,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Rudolf Stöber, Institut für Kommunikationswissenschaft, Otto-Friedrich-Universität Bamberg
E-Mail: <rudolf.stoeberuni-bamberg.de>

Es gilt eine Dissertation anzuzeigen, die sich prima vista mit einem ephemeren, bei näherem Hinsehen aber höchst interessanten Forschungsgegenstand beschäftigt. Christian Haller hat eine materialreiche, quellengesättigte, umfangreiche und interessante Dissertation über die Militärzeitschriften in der Weimarer Republik verfasst. Betreut wurde sie von Clemens Zimmermann.

Zu Recht stellt Haller eingangs fest, dass das untersuchte Genre in der medien- und kommunikationshistorischen Forschung „bislang kaum berücksichtigt“ wurde (S. 17). Er stellt eine Reihe deskriptiver und analytischer Fragen. Einige zielen auf die Zeitschriften, ihre Verlage und die ökonomischen Bedingungen in diesem speziellen Segment der Fachpresse, weitere auf die Autorenschaft, deren Netzwerke, Motive und Verdienstmöglichkeiten, wieder andere auf die Themen, deren Karriere und den öffentlichen Diskurs zu kriegstechnischen, taktischen, strategischen und politischen Aspekten. Haller fragt nach Feindbildern und ob die Schlachten des verlorenen Krieges noch einmal publizistisch geschlagen werden sollten. Zudem beschäftigt er sich mit dem schwierigen Thema der historischen Leserschafts- und Rezeptionsforschung. Nicht zuletzt will er mentalitäts- und rezeptionshistorische Aussagen treffen können. Dazu gehören auch Lerneffekte; sei es zu den Gründen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, sei es zu politischen, strategischen oder waffentechnischen Schlussfolgerungen.

Die Arbeit ist dicht belegt. Dafür sprechen zum einen die mehr als 2.500 Anmerkungen, die circa 25 Tabellen, ungefähr 20 Abbildungen und ein Quellen- und Literaturverzeichnis von beinahe 90 Seiten. Dabei hat Haller allerdings auch jeden aus den untersuchten militärischen Blättern zitierten Zeitschriftenaufsatz aufgenommen, das ergibt in der Summe schon 50 Seiten. Er legt zu Recht Wert auf die Feststellung, dass es ihm für seine Fragestellungen sinnvoller erschien, nicht eine stichprobengestützte inhaltsanalytische Untersuchung, sondern eine Vollerhebung der relevantesten Fachzeitschriften vorzunehmen. Überdies hat er die einschlägigen Akten des Bundesarchivs, des Militärarchivs Freiburg und des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts ausgewertet. Einige zentrale Ergebnisse seiner Dissertation hat der Autor im letzten Jahr im „Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte“ veröffentlicht.[1]

Haller stellt in vereinzelten Ausblicken auf die Zeit des Nationalsozialismus fest, dass die Militärzeitschriften zu den wenigen gehörten, die nicht der Reichspressekammer untergeordnet waren (S. 67). Kehrseite der Medaille war das Damoklesschwert der militärischen Vorzensur, mit der für den Fall nicht genehmer Publikationen gedroht wurde (S. 154). Er schließt sich Reinhart Kosellecks Beobachtung an, dass insbesondere Niederlagen zur Auseinandersetzung mit dem vergangenen Krieg zwingen, dass also Besiegte eher dazu tendieren, nach Ursachen zu forschen und Schlussfolgerungen zu suchen als die Sieger (S. 39). Allerdings macht die internationale Kontextualisierung seiner Untersuchung zugleich deutlich, dass vom technischen über den taktischen bis zum strategischen und politischen Diskurs die deutschen Militärzeitschriften ähnliche Themen diskutierten wie vergleichbare Blätter in Frankreich, Großbritannien, den USA, der UdSSR und Italien.

Im Mittelpunkt der Darstellung stehen mehrere Zeitschriften und ihre Autoren: das „Militär-Wochenblatt“, „Wissen und Wehr“, das „Deutsche Offiziersblatt“ und andere. Die Auflagen schwankten zwischen 500 und 20.000, vereinzelt sogar 75.000 Exemplaren. Die Blätter waren zumeist großformatig (Folio bzw. Quart), im Druckbild aber eher schlicht gehalten. Insbesondere (handgezeichnete) Kartenbeilagen erweckten anfangs den Eindruck semiprofessioneller Gestaltung. Einzelne Zeitschriften („Wissen und Wehr“, „Kriegskunst in Wort und Bild“) verzichteten ganz auf Anzeigen, andere („Deutsche Wehr“) finanzierten sich bis zu 90 Prozent aus Werbeeinnahmen. Manche waren als Quasi-Verbandszeitschriften durch große Abonnentenstämme gesichert. Die Zeitschriften wurden mit diversen Subventionen (Geldzuwendungen, Abkauf von Themenheften etc.) durch Reichswehrministerium bzw. -führung unterstützt.

Leser und Autoren entsprachen sich in weiten Teilen: In größere Leserkreise (abgesehen von Offiziersfrauen) gelang es den Zeitschriften wohl nur bedingt einzudringen – über Lesezirkel, Büchereien, Auslagen in Hotels an Kurorten etc. Erst 1933 habe eine gesteigerte Nachfrage seitens der Universitätsbibliotheken eingesetzt. Zumindest ließen sich keine handfesteren Nachweise führen, dass die Blätter über ihr engeres ein weiteres Publikum direkt erreicht hätten. Anders steht es allerdings um die indirekte Reichweite, da sich auch dezidierte pazifistische Gegner oder der Nachrichtendienst der Kommunistischen Partei Deutschlands mit den Zeitschriften beschäftigten.

So schrieben Offiziere für Offiziere bzw. ehemalige Offiziere. Da Haller jedoch zwischen einem Viertel und der Hälfte an zivilen Autoren verzeichnet (S. 171), wäre es interessant gewesen, zu erfahren, wie viele von ihnen ehemalige Militärs waren. Insgesamt hat er 2.500 Autoren identifiziert, die circa 10.000 Artikel verfasst haben. Ein engerer Kern von etwa 320 Autoren verfasste davon allein 4.400 Beiträge. Vom harten Kern der Autorenschaft waren nur knapp 20 Prozent Zivilisten.

Die Redaktionen sprachen potenzielle Autoren aktiv an, die Reichswehrführung ermunterte ihre Offiziere, sich publizistisch zu äußern. Allerdings wird hierbei nicht recht deutlich, ob dahinter eine klare Strategie der Öffentlichkeitsarbeit gelegen haben könnte. Angesichts der zu beinahe jedem Thema offen und kontrovers geführten Diskussion kann diese, sofern sie vorgelegen haben sollte, aber nicht in der Verfolgung konkreter Ziele bestanden haben. Eher steht zu mutmaßen, dass eine allgemeine Themensensibilisierung für Militärisches und der Kampf gegen die „Fesseln von Versailles“ – mit dem allerdings in der deutschen Öffentlichkeit offene Türen eingerannt wurden – hinter der Ermutigung standen.

An den Zeitschriften und ihrer Autorenschaft lässt sich auch eine gewisse Professionalisierung ablesen. Zum einen zahlten die Verlage durchaus ordentlich, wenngleich einzelne Autoren deutlich höhere Honorare verlangten, als ihnen gezahlt werden konnten (vgl. S. 208f.). Zum anderen akzeptierten die Zeitschriften in den Anfangsjahren der Weimarer Republik noch handschriftlich Eingesandtes, gegen Ende jedoch verlangten sie Typoskripte mit großem Korrekturdurchschuss. Und offensichtlich entsprachen die Autoren diesem Wunsch (S. 204).

Thematisch interessierten sich inaktive Offiziere für den vergangenen Krieg. Sie verarbeiteten den Ersten Weltkrieg aus verschiedenen Perspektiven, nicht zuletzt aus der kontrafaktischen der möglichen Siege, wenn diese oder jede Fehlentscheidung nicht getroffen worden wäre. Doch verliefen diese Debatten so kontrovers, dass sie in der Summe wohl eine deutlich realistischere Einschätzung wiedergeben als die apologetische Memoirenliteratur. Aktive Offiziere des Reichsheers thematisierten hingegen vorzugsweise den Krieg der Zukunft: die Bedeutung von Panzern für den Landkrieg, von U-Booten für den Seekrieg, von der Luftwaffe für den strategischen Krieg oder übergeordnete strategische Fragen, angefangen mit dem Konzept des Blitzkriegs bis zur hellsichtigen Erörterung, ob es zukünftig überhaupt noch formelle Kriegserklärungen geben werde.

Wenn es an der dichten und trotz ihres Materialreichtums flüssig geschriebenen Darstellung etwas zu kritisieren gibt, dann sind es eher Kleinigkeiten. Zum einen scheint Haller einem Fehler aufzusitzen, der sich fast automatisch einstellt: dass man den Einfluss und die Bedeutung des eigenen Untersuchungsgegenstands tendenziell zu hoch einschätzt. Hier äußert sich dies darin, dass der Verfasser den Militärzeitschriften – mehr indirekt als direkt – einen größeren Einfluss auf die öffentliche Meinung zuspricht, als diesen zukam. Zum Beispiel wurde der sogenannte „Dolchstoß“ in der breiteren Öffentlichkeit bei weitem nicht so differenziert wie in den Fachblättern diskutiert. Zum anderen stören gewisse Redundanzen in der Gliederung. Die Debatten zu Panzern, Flugzeugen, Gaskrieg, U-Booten etc. tauchen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet (Deutschland, international, retro- und prospektiv) wiederkehrend auf. Das wäre durch eine andere Gliederung vielleicht weniger kleinteilig darzustellen gewesen. Insgesamt aber muss man dem immensen Fleiß des Autors und der Durchdringungstiefe des Gegenstandes großen Respekt zollen.

Anmerkung:
[1] Christian Haller, Fachautoren in Militärzeitschriften in der Weimarer Republik, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 14 (2012), S. 115–132.

ZitierweiseRudolf Stöber: Rezension zu: Haller, Christian: Militärzeitschriften in der Weimarer Republik und ihr soziokultureller Hintergrund. Kriegsverarbeitung und Milieubildung im Offizierskorps der Reichswehr in publizistischer Dimension. Trier 2012, in: H-Soz-u-Kult, 10.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-021>.

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