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Europäische Geschichte

B. Halbmayr: Zeitlebens konsequent

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Stachel <peter.stacheloeaw.ac.at>
Autor(en):
Titel:Zeitlebens konsequent. Hermann Langbein 1912–1995. Eine politische Biografie
Ort:Wien
Verlag:Braumüller
Jahr:
ISBN:978-3-99100-065-5
Umfang/Preis:352 S.; € 24,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Heinz P. Wassermann, Studiengang Journalismus und Unternehmenskommunikation, Fachhochschule Joanneum Graz
E-Mail: <heinz.wassermannfh-joanneum.at>

Da eine (hier zu besprechende historisch-politische) Biografie selbstredend eine Person ins Zentrum des Geschehens, der Erzählung und der Analyse rückt, sei – für eine Rezension gewiss ungewöhnlich – ein doppelt (auto)biografischer Einstieg gewählt.

Hermann Langbeins „Menschen in Auschwitz“[1] gehört für den Rezensenten neben Eugen Kogons „Der SS-Staat“[2] gerade ob der er- und durchlebten Zeitzeugenschaft(en) gepaart mit messerscharfen, abstrahierenden Analysen noch immer zum Besten (und Ergreifendsten), sofern es das Verständnis des Rezensenten des nationalsozialistischen Irrsinns betrifft.

Im März 1995, einige Monate vor Langbeins „plötzlichem Ableben“ (S. 259 und S. 282ff.), durfte ihn der Rezensent, „gestählt“ durch eine Vielzahl von moderierten und/oder wissenschaftlich begleiteten Zeitzeugengesprächen in einer obersteirischen Kleinstadt kennen lernen. Langbeins Präzision im Rahmen seines Vortrags, seine schonungslose Analytik und seine in kleiner Runde gezeigte Bescheidenheit, haben den Rezensenten außerordentlich beeindruckt, nicht zuletzt Langbeins Reaktion auf den Fauxpas des Rezensenten, in seiner Gegenwart rauchen zu wollen.

Einleitend gibt sich die Autorin, Brigitte Halbmayr (Mitarbeiterin am „Institut für Konfliktforschung“ und ausgewiesen durch eine breite Forschungs- und Publikationsagenda[3]), gewissermaßen selbst einen Arbeitsauftrag, was „eine politische Biografie“ denn leisten solle: Sie „soll die verschiedenen Facetten einer Persönlichkeit im Laufe ihres gesamten Lebens erfassen“, wobei „jegliche Retrospektive […] im Kontext der Zeit zu werten“ ist. Sie soll nicht „jedes Detail eines ereignisreichen Lebens […] dokumentieren, sondern die großen Linien“ nachzeichnen, „auch wenn sie widersprüchlich verlaufen“ (S. 14). Das ist kein geringer Anspruch und – das sei vorweggenommen – Halbmayr erfüllt ihn mit Bravour.

Das Buch ist in 15 Abschnitte gegliedert, die zum Teil historisch-chronologisch, zum Teil thematisch angelegt sind. Als Quellen dienten der Verfasserin unter anderen der Langbein-Nachlass im Österreichischen Staatsarchiv, der „über dreihundert Ordner bzw. Kartons“ (S. 15) umfasst, Langbeins umfassendes wissenschaftliches Oeuvre sowie Interviews mit 27 Personen.

Langbeins Leben – so legt es das vorliegende Buch nahe – war durch zwei Schlüsselerlebnisse geprägt: erstens seine Hinwendung zur KPÖ in jungen Jahren (S. 17ff.) und zweitens die Haft in den nationalsozialistischen Konzentrations- bzw. Vernichtungslagern Dachau, Auschwitz und Neuengamme (S. 61ff.). Selbstredend nimmt in der vorliegenden Darstellung die „Internierung“ (S. 153) – ein seltsam berührender, deplatzierter Begriff – in Auschwitz (bzw. im Stammlager Auschwitz) eine zentrale Stellung ein. Hier (S. 73ff.) gelingt es der Autorin geradezu vorbildhaft das (Über)Leben „am Abgrund“ (S. 73) nachzuzeichnen, indem sie einerseits die Zwänge (und vorsichtig auszulotende Gestaltungsmöglichkeiten) der Opfer, andererseits die Spielräume der Täter mustergültig ausleuchtet.

Nach 1945 stand Langbein politisch und beruflich als „Schulungsleiter und Instrukteur“ (S. 154) im Sold der KPÖ, wobei diesbezüglich die Steigerung „Feind – Todfeind – Parteifreund“ exemplarisch vorgeführt wird. Dieses Kapitel, das mit dem Hinauswurf Langbeins aus der KPÖ sein österreichisches, nicht aber sein internationales Ende finden sollte, zeichnet eine weitere Stärke der Biografie aus – nämlich die Frage: Wie hältst du es mit deinem „Helden“? „Im April 1947, aus Warschau zurückgekehrt, […] schrieb er in der Volksstimme vehement gegen das von den anderen Medien verbreitete Gerücht an, in Polen existiere eine Hungersnot. Man erinnere sich etwa an die Härte, mit der er in der Parteischule den „neuen Menschen“ mitformen wollte. Schwer nachvollziehbar – angesichts des Wirkens von Langbein in den folgenden Jahrzehnten – ist seine Haltung, die er 1948 gegenüber den Displaced Persons (DPs) zeigte. Zehntausende ehemalige Häftlinge und ZwangsarbeiterInnen […] waren nach dem Krieg in Österreich gestrandet und in sogenannten DP-Camps untergebracht. […] In den Jahren allgemeiner Lebensmittelknappheit und Ressourcenmangel [sic!] auf allen Gebieten war es in der Bevölkerung gegenüber den DPs – die nach Ansicht vieler ungerechtfertigter Weise privilegiert wurden (höhere Lebensmittelrationen) – zu großen Spannungen gekommen. Offen geäußerter Antisemitismus war dabei keine Seltenheit. Ein ZK-Protokoll zeigt, dass er [Langbein] die negative Stimmung in der Bevölkerung gegen sie für den Klassenkampf und die Stärkung des Österreich-Bewusstseins nützen und verstärken wollte […]. Obige Beispiele zeigen, dass Langbein in den ersten Nachkriegsjahren durchaus zu den „Hardlinern“ in der KP zu zählen war. […] Was in der Retrospektive auf seine KP-Zeit fehlt, ist eine selbstkritische Betrachtung seiner Zeit als stalinistischer Parteifunktionär. Langbein sah sich als Verführter, als im blinden Glauben Verfangener. Beweise für eine Abwägung der Entscheidungen lassen sich nicht finden. Zu eigenen Handlungen, die er als unerbittlicher Schulungsleiter und Instrukteur unternahm, ging er nicht auf Distanz. Dies gilt auch für seine Zeit in den Konzentrationslagern: Für seine Autobiografie – die er zu seinem 60. Geburtstag geplant hatte, aber nicht verwirklichte –, nahm er sich zwar vor, Passagen zu Ereignissen und Problemen zu ergänzen, die er in seinem Erlebnisbericht „Die Stärkeren“ als gläubiger Kommunist nicht geschrieben hatte. Und Langbein ergriff auch keine andere Gelegenheit, an seinen Handlungen jenseits ideologischer Verführung Selbstkritik zu äußern“ (S. 151ff.).[4]

Langbein war – so Halbmayrs trockenes Resümee – „in der Tat kein einfacher“ (S. 290) und auch „kein weicher Mensch“ (S. 282), und das betraf sowohl die öffentliche als auch die private Person, wobei letztere durch emotionale Distanz zu seinen Kindern, ein Familienleben „mit […] spärlichen [finanziellen] Mitteln“ (S. 277) und einer, auf traditionellen Rollenbildern und Arbeitsteilung – Langbeins Gattin „sei“ (so ihre Selbsteinschätzung) „doch nur die Mutter seiner Kinder und Sekretärin seiner wissenschaftlichen Arbeiten gewesen und habe […] ihr Leben „in der Küche zerkocht““ (S. 279) – basierenden Ehe, geprägt war.

Brigitte Halbmayr hat, obwohl ihre Sympathien für Langbein unverkennbar sind, eine Biografie vorgelegt, die trotz gezeigter Empathie nie Gefahr läuft, pathetisch zu werden, die auf einer enormen Quellenbasis beruht und über weite Strecken Langbeins Biografie sowohl national als auch – bedingt durch Langbeins führende Rollen beim „Internationalen Auschwitz Komitee“, der „Österreichischen Lagergemeinschaft Auschwitz“ oder dem „Comité International des Camps“ – international kontextualisiert. Besonders sei auf das Kapitel „Im Namen der Opfer“ (S. 157ff.) verwiesen, wo nicht nur der Protagonist in die Konfliktzonen des Kalten Krieges geriet, sondern auch die Opferverbände (vgl. S. 150f. und S. 161ff.). Besonders hervorgehoben wird Langbeins Engagement für alle Opfergruppen, auch für die in Entschädigung, Erinnerung und öffentlicher Wahrnehmung (weiterhin) marginalisierten wie beispielsweise die „Zigeuner“.

Kritisch anzumerken ist, dass es kein Luxus gewesen wäre, beim jeweiligen Erstbeleg der (wissenschaftlichen) Literatur einen Vollbeleg vorzunehmen. Adolf Eichmann wurde nicht im Mai 1961 (vgl. S. 186), sondern ein Jahr zuvor in Argentiniern von israelischen Agenten festgenommen und außer Landes gebracht. Und auch wenn es sich um ein wiedergebendes Zitat handelt – „In ganz Europa war der Faschismus auf dem Vormarsch, einzig die Kommunisten hielten überzeugend dagegen, wie auch Langbeins Cousin Leopold Spira später ausführte: Sowohl die Sozialdemokratie als auch die 'bürgerliche Demokratie' hatten ihre Untauglichkeit als Kampfboden gegen den Faschismus und für den Sozialismus erwiesen“ (S. 26) –, hier wäre ein Blick in die Geschichtsbücher ohne KP-Brille angebracht gewesen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Hermann Langbein, Menschen in Auschwitz, Wien / München 1995.
[2] Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, 4. Aufl., München 1979.
[3] Vgl. <www.ikf.ac.at/m_halbma.htm> (24. 2.2013).
[4] Vgl. auch S. 138f und S. 246.

ZitierweiseHeinz P. Wassermann: Rezension zu: Halbmayr, Brigitte: Zeitlebens konsequent. Hermann Langbein 1912–1995. Eine politische Biografie. Wien 2012, in: H-Soz-Kult, 03.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-009>.

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