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Europäische Ethnologie und Hist. Anthropologie

U. Goel u.a. (Hg.): InderKinder

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Beate Binder <h2466g6yrz.hu-berlin.de>

Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/

Titel:InderKinder: Über das Aufwachsen und Leben in Deutschland
Herausgeber:Goel, Urmila; Punnamparambil, Jose; Punnamparambil-Wolf, Nisa
Ort:Heidelberg
Verlag:Draupadi Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-937603-73-5
Umfang/Preis:220 S.; € 19,80

Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-u-Kult von:
Gesa Kather, Hamburg
E-Mail: <gkatherweb.de>

„InderKinder“ ist ein wichtiges Buch mit stark (auto)ethnographischen Zügen: Die Herausgeber/innen und Autor/innen sind allesamt selbst „InderKinder“, die zur zweiten Generation indischer Einwanderer gezählt werden, die in Deutschland aufgewachsen sind. Insofern ist der Titel des Buchs auch Programm: Alle Texte setzen sich mit den Beziehungen zwischen Akteur/innen und der deutschen Mehrheitsgesellschaft kritisch auseinander, die mit ihren Zuschreibungen und Integrationserwartungen die Kindheit und Sozialisation maßgeblich beeinflusst hat. Selbstironisch wird dabei der Titel „InderKinder“, der sich auf die von Rüttgers gestartete, rassistische CDU-Kampagne „Kinder statt Inder“ bezieht, als Topos gesetzt.[1] Doch handelt es sich nicht um eine Abrechnung mit einer Gesellschaft, die sich in Fragen der Integration und Gleichstellung von Menschen mit Migrationshintergrund als inkompetent und menschenfeindlich erwiesen hat. Vielmehr ist das Buch eine positiv gestimmte, konstruktive Auseinandersetzung mit der deutschen Gesellschaft, die nach den Hintergründen misslungener Integrationspolitik fragt und anhand vieler Beispiele aufzeigt, mit welchen Strategien Migrantenkinder dennoch (oder grade deshalb) ihre Potenziale entwickelt haben. Die Autor/innen nutzen polyphone Textformen und repräsentieren ihrer Erfahrungen durch unterschiedliche Formate. So wird nicht einfach „Marginalisierten“ eine Stimme verliehen, sondern ihnen die Deutungshoheit überlassen. Dies ist auch heute eine eher unübliche Praxis in den deutschen Sozialwissenschaften, wo die Diskursmacht in der Regel dem weißen, männlichen Bildungsbürgertum gehört.[2]

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Es beginnt mit einer Reihe faszinierender und sehr gut geschriebener autobiographischer Erzählungen von „InderKindern“, die heute als Wissenschaftler/innen wie auch in anderen akademischen Berufen arbeiten. Im zweiten Teil sind Essays versammelt, in denen die im ersten Teil aufgemachten Kernbegriffe und -thesen unter Rückgriff auf postcolonial theories und im Kontext gesellschaftspolitischer Fragestellungen diskutiert werden. Als zentrale Themen ziehen sich durch den Band die Erfahrungen mit Rassismus und Fremdzuschreibungen, mit denen alle Autor/innen in verschiedenen Intensitäten während des Erwachsenenwerdens konfrontiert wurden, und die Strategien, die gegen diese Praxen des Othering entwickelt wurden.

Darüber hinaus werden quer durch die Beiträge die Auseinandersetzung mit nationalstaatlichen Grenzregimen und dem Verhandeln und Aushalten kultureller Gleichzeitigkeiten thematisiert. Immer wieder wird vom Aushalten von Konflikten berichtet und davon, wie diese durch Bemächtigung, Aneignung und Nutzbarmachen von Ressourcen aufgelöst werden konnten. Dabei lehnen es alle Beitragenden ab, sich als „kulturell zerrissen“ oder als Angehörige von zwei Kulturen zu beschreiben: Man könne vielleicht aufgrund der Migrationsgeschichte der Eltern von „zerrissenen Familien“ sprechen, so die Diplomsozialpädagogin Maymol Devasia-Demming (S. 36). Und auch wenn die Diplom-Ingeneurin Betty Cherian-Oddo Gefallen an dem Gedanken findet, zwei Kulturen in sich zu vereinigen, bezeichnet sie sich, direkt danach gefragt, „einfach nur als Kölnerin“ (S. 57). Für andere Beitragende stehen andere Identitäten als die national-ethnischen im Vordergrund, wie für die Wissenschaftlerin und Menschenrechtlerin Nivedita Prasad, die sich zumeist als „Inderin“ und „Pass-Deutsche“ bezeichnet, wenn sie auf ihre Ethnizität bzw. Nationalität angesprochen wird, sich aber zuallererst als „feminist of colour“ definiert (S. 189).

Sehr kritisch setzen sich alle Autor/innen mit dem Integrationsbegriff, den damit verbundenen politischen Konzepten und Diskursen sowie vor allem mit deren Auswirkungen auf das deutsche Bildungssystem auseinander. An vielen Stellen wird deutlich, dass es sich bei vielen integrativen und wohl ursprünglich gut gemeinten Maßnahmen, wie zum Beispiel dem Deutscheinzelunterricht für Migrantenkinder, um ausgrenzende Praxen handelt, die das Miteinander der Kinder im Klassenverbund erheblich störten, wie zum Beispiel Maymol Devasia-Demming in ihrem Beitrag ausführt. Nivedita Prasad bezeichnet sich als „Integrationsallergikerin“, da sie den Integrationsdiskurs, der die Exklusionserfahrungen von Migrant/innen ignoriert, als „neokolonial“, „assimilativ“ und scheinheilig empfindet, da das Beherrschen der deutschen Sprache und die Kenntnis „deutscher Kultur“ keinesfalls bedeute wie die „weißen Deutschen“ behandelt zu werden (S. 183). Die Indologin und Erziehungswissenschaftlerin Shobna Nijhawan beschreibt ihre Auswanderung nach Kanada, wo sie heute als Professorin arbeitet, als Ausweichen vor dem Integrationsdruck, den sie als Kind in Deutschland erfahren hat. Zudem konnte sie so der Bindestrich-Identität entkommen, da diese in dem Einwanderungsland Kanada in den Hintergrund tritt.

Die große Ähnlichkeit der Berichte begründet sich nicht zuletzt in dem ähnlichen Schicht- und Bildungshintergrund aller Autor/innen. Dieser mögliche Kritikpunkt wird von den Herausgeber/innen methodologisch reflektiert und als Effekt ihrer politischen Netzwerkarbeit wie auch der indischen Migrationsgeschichte nach Deutschland beschrieben. Bis auf die in dem vorliegenden Band nicht vertretenen Sikhs, die erst ab den 1980er-Jahren nach Deutschland kamen und rechtlich und sozialökonomisch stärker marginalisiert werden (S. 14), sind indische Einwanderer/innen Bildungsmigranten: Die Eltern der Autor/innen kamen in den 1950er- und 1960er-Jahren als Studierende und qualifizierte Berufstätige nach Deutschland. Somit bildeten sie hier wie auch in anderen kontinentaleuropäischen Ländern und den USA eine „model minority“ – anders als in Großbritannien und den Golfstaaten (S. 184). Diese spezifische sozial-lokale Situiertheit der Autor/innen, die hier nicht alle im Einzelnen genannt werden können, bildet auch die Krux des Buchs. Die Berichte der „InderKinder“ lassen sich im Grunde nur im Kontext deutscher Einwanderungspolitik und des deutschen Integrationsdiskurses verstehen; und so lassen sich die Erfahrungen auch eher mit anderen ethnischen Akteursgruppen in Deutschland als mit denen von Indern in anderen Migrationskontexten vergleichen. Im Beitrag der in London aufgewachsenen Soziologin Harpreet Cholia und dem in Deutschland aufgewachsenen Sherry Kizhukandayil stellen beide fest, dass „Deutsch-Inder“ und „British Indian“ eben nicht das Gleiche ist. Entsprechend stehen im Zentrum des gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Diskurs über die Mehrheitserfahrungen der South Asian community in Großbritannien Themen, die sich aus der verschärften Marginalisierung dieser Gruppe ungebildeter „Gastarbeiter“ mit niedriger Klassenzugehörigkeit ergeben. Wie Paul Mecheril im vorliegenden Band vermutet, bilden auch die Erfahrungen der in Deutschland aufgewachsenen „InderKinder“ und die von ihnen vorgefundenen Identitätsverhältnisse ganz „zentrale Referenzen politischer Auseinandersetzungen“ (S. 198). Vielleicht geht bei den vielförmigen, facettenreichen Repräsentationen im Sinne des „postcolonial turns“ jedoch auch ein Stück der politischen Brisanz verloren, die die Leben von sozial marginalisierten Kindern beim Kampf um ökonomische Ressourcen in neoliberalen Ländern wie Großbritannien prägt, die aber auch in den sogenannten bildungsfernen Migrantenhaushalten in Deutschland existiert. Dennoch handelt es sich um eine höchst lesenswerte Lektüre, da neben den detailreichen lebensweltlichen Darstellungen wichtige Kommentare zu den aktuellen Diskursen über Migrationserfahrungen und relevante Kritikpunkte an der deutschen Integrationspolitik geliefert werden.

Anmerkungen:
[1] „InderKinder“ ist eine Anspielung auf die mit dem Slogan „Kinder statt Inder“ vom CDU-Politiker Jürgen Rüttgers angeführten, ausgrenzende Kampagne der Opposition gegen die Schröder-Regierung, welche im Jahr 2000 eine Sonderzuwanderungsregelung, die sogenannte „Greencard“ für Computerspezialisten aus nicht-europäischen Staaten einrichtete, um dem deutschen Fachkräftemangel entgegen zu wirken. Aufgrund des IT-Booms in Indien kam damals tatsächlich eine beträchtliche Zahl an IT-Kräften aus Indien. Die Eltern der Autor/innen kamen jedoch zwischen 1950 und 1980 als Studierende, qualifizierte Fachkräfte bzw. medizinisches Pflegepersonal nach Deutschland.
[2] Nikita Dhawan, Can the Subaltern Speak German? And Other Risky Questions. Migrant Hybridism versus Subalternity, 25.04.2007, <translate.eipcp.net/strands/03/dhawan-strands01en#redir> (10.02.2010).

ZitierweiseGesa Kather : Rezension zu: Goel, Urmila; Punnamparambil, Jose; Punnamparambil-Wolf, Nisa (Hrsg.): InderKinder: Über das Aufwachsen und Leben in Deutschland. Heidelberg 2012, in: H-Soz-u-Kult, 26.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-226>.

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