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Geschichte allgemein

Böhme u.a.: Kleine Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Schumann <christoph.schumannpolwiss.phil.uni-erlangen.de>
Autor(en):;
Titel:Kleine Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts
Ort:Schwalbach
Verlag:Wochenschau-Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-89974-807-9
Umfang/Preis:5., akt. u. erw. Auflage; 144 S.; € 12,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Peter Lintl, Institut für Politische Wissenschaft, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
E-Mail: <Peter.Lintlgmx.de>

In der nunmehr schon 5. aktualisierten Auflage liegt Jörn Böhmes und Christian Sterzings schmales Bändchen (143 Seiten, DIN A6), „Kleine Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts“ vor. Zielsetzung des Buches ist es „eine übersichtliche Darstellung an die Hand zu geben, mit der vor allem wichtige Wendepunkte und Entwicklungslinien hervorgehoben werden sollen“ (S. 7). Im Zusammenhang mit der oftmals hochumstrittenen und sensiblen Thematik des Nahostkonflikts stellt der Versuch, eine knapp gehaltene Einführung zu schreiben sicherlich eine Herausforderung dar. Aber gleich vorab kann man sagen, dass dies den Autoren, trotz der relativen Kürze des Einführungsformats überraschend gut gelungen ist. In ihrer Darstellung der Geschichte des Konflikts decken sie den kompletten Zeitraum beginnend mit der Genese des Zionismus ab. Von dort ausgehend wird der Nahostkonflikt in rund 40 zwei- bis vierseitigen Kurzkapiteln chronologisch dargelegt. Von der Entstehung der palästinensischen und jüdischen Nationalbewegungen, über die Mandatszeit und die Rolle der Briten, zur Gründungsphase des Staates Israel, Nakba und Flüchtlingsproblem bis hin zu den regionalen Kriegen sowie abschließend zu den verschiedenen Phasen des Friedensprozesses wird die Historie des Konflikts behandelt. Positiv ist dabei, dass der Schwerpunkt auf der Aktualität liegt, da sich rund die Hälfte des Bandes mit der Thematisierung der unterschiedlichen Friedensbemühungen seit Madrid 1991 beschäftigt.

Dabei gelingt es den Autoren die einzelnen Kapitel fast lexikonartig mit Nachschlagecharakter zu verfassen, ohne dass dies den Lesefluss des Gesamtbuches stören würde. Insbesondere heben sich noch die durch wenige Bulletpoints markierten, zentralen Ereignisse des jeweiligen Zeitabschnitts in den jeweiligen Kapiteln positiv hervor (zum Beispiel Bedeutung und Ziele der Gründung der PLO, israelische und palästinensische Positionen bei der Friedensverhandlung in Camp David II, wesentliche Gründe für die Verschärfung der Spannungen zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Vorfeld des ‚Sechs-Tage-Krieges‘). Das Buch ist dicht geschrieben und präzise formuliert. Die Abfassung ist durchdacht und reflektiert und nicht das Ergebnis einer unter Zeitdruck geschriebenen Auftragsarbeit. Damit hebt es sich wohltuend von manchen Einführungen à la „Alles, was man über den Nahostkonflikt wissen muss“ oder „Die Wahrheit über…“ ab. Dazu passt auch, dass die Autoren eingangs über ihre eigene Position gegenüber dem Konflikt Auskunft geben. Sie betonen in diesem Kontext, dass ihre Darstellung „ebenso wenig vorrausetzungslos ist wie eine irgendeine andere“ (S. 7). Weiterhin informieren sie über ihren individuellen Hintergrund (den deutsch-israelischen Arbeitskreis für Frieden im Nahen Osten, diAk) und betonen, dass ihre Betrachtung nicht vom Prinzip ‚Recht gegen Unrecht‘, sondern von ‚Anspruch gegen Anspruch‘ geprägt ist. Durch diese Herangehensweise gewinnt das Buch eine angenehme Unaufgeregtheit, die das Moralisieren vermeidet, ohne allerdings frei von kritischen Bemerkungen zu sein (zum Beispiel wenn Gaza seit der Isolation durch die Israelis 2007 als „größte[s] Freiluftgefängnis der Welt“ bezeichnet wird, S. 112).

Was das Buch nicht kann, aber auch nicht will, ist die vielen, auch in der Historiographie umstrittenen Aspekte des Nahostkonflikts zu thematisieren oder auch nur deren Argumentationslinien zu diskutieren. Die verschiedenen Blickwinkel auf die Genese des palästinensischen Flüchtlingsproblems, zu Fragen der Interpretation der Friedensverhandlungen oder auch zu den Themenkomplexen Zionismus, Nationalismus und Kolonialismus findet der Leser in diesem Büchlein nicht wieder. Da es zu fast jedem Punkt der über 130-jährigen Konfliktgeschichte mehrere oft stark divergierende Meinungen gibt, erlaubt dies natürlich der Platz einer solchen knappen Einführung nicht. Dennoch ist das Wissen über diese Streitpunkte von wesentlicher Bedeutung, um die Komplexität des Nahostkonflikts selbst, aber auch den medialen Diskurs über ihn verstehen zu können. Hier bleibt dem Interessierten nur das vertiefte Studium des überbordenden Literaturkanons. Hierfür dient diese kleine Einführung – und dies muss man kritisieren – leider nicht als Wegweiser. Man findet am Ende des Buches einige Literaturempfehlungen. Allerdings würde es insbesondere, aber nicht nur für Studenten, den Wert dieses Buches deutlich erhöhen, wenn man beispielsweise statt der 10-seitigen Chronologie am Ende des Buches lieber zwei bis drei ausgewählte Titel zu Kapiteln oder Themenschwerpunkten finden würde. Dies wäre eine gelungene Ergänzung zu den knapp gehaltenen Kapiteln.

Obwohl das Büchlein inhaltlich überwiegend sehr gut gelungen ist, lassen sich auch einige kleinere Kritikpunkte finden. Hier kann man beispielsweise die in Überblicksdarstellungen zum Nahen Osten schon fast üblich gewordene unterkomplexe Darstellung britischer Nahostpolitik nennen. So wird auch hier die These vertreten, dass die Briten bewusst Interessen gegeneinander ausgespielt hätten. Wie insbesondere von Elie Kedourie gezeigt wurde, wollte die britische Politik im Gegensatz dazu ihre Verhandlungszusagen gegenüber ihren Partner in Einklang bringen.[1] Ein anderer bedauernswerter Punkt ist, dass unter den vergleichsweise detailliert besprochenen Friedensgipfeln ausgerechnet Annapolis bzw. die Regierungszeit Ehud Olmerts (2006–2009) kaum erwähnt wird. Nach allem was man heute über die Verhandlungen überhaupt sagen kann, war eine Einigung zwischen Palästinensern und Israelis wohl nie so greifbar wie während der Verhandlungen zwischen Ehud Olmert und Abu Mazen, insbesondere was die Grenzziehungen und den Status Jerusalems betrifft.

Für wen eignet sich die „Kleine Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts“ also? Für alle, die sich noch kaum mit dem Nahostkonflikt beschäftigt haben und diese Wissenslücke mit begrenztem Zeitaufwand beheben wollen, stellt der schmale Band eine ausgezeichnete Einführung dar. Darüber hinaus ist das Büchlein als lexikonartiges Nachschlagewerk zu den einzelnen historischen Zeitabschnitten geeignet, da es wichtige Sachverhalte kurz und prägnant erläutert. Für Studenten wäre es wesentlich besser geeignet, wenn die weiterführende Literatur am Ende deutlich ausführlicher wäre.

Anmerkung:
[1] Ellie Kedourie, In the Anglo-Arab Labyrinth. The McMahon-Husayn Correspondence and its interpretations, 1914–1939, Cambridge 1976.

ZitierweisePeter Lintl: Rezension zu: Böhme, Jörn; Sterzing, Christian: Kleine Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts. Schwalbach 2012, in: H-Soz-u-Kult, 12.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-036>.

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