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Neuere Geschichte

P. Pasture u.a. (Hrsg.): Gender and Christianity in Modern Europe

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Kirsten Heinsohn <xhq643hum.ku.dk>
Titel:Gender and Christianity in Modern Europe. Beyond the Feminization Thesis
Reihe:KADOC-Studies on Religion, Culture and Society 10
Herausgeber:Patrick, Pasture; Art, Jan; Buerman, Thomas
Ort:Leuven
Verlag:Leuven University Press
Jahr:
ISBN:978-90-5867-912-3
Umfang/Preis:239 S.; € 39,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Angelika Schaser, Historisches Seminar, Universität Hamburg
E-Mail: <Angelika.Schaseruni-hamburg.de>

Um den Topos „Feminisierung der Religion“ im 19. Jahrhundert[1] ist es in letzter Zeit ruhig geworden. Der vorliegende Sammelband, in den die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zum Thema und zweier Workshops an den Universitäten in Ghent und Leuven im Jahr 2008 eingeflossen sind, greift dieses Konzept wieder auf und erprobt es für das 19. und das 20. Jahrhundert an Gesellschaften Nordwesteuropas, in denen der Katholizismus entweder dominierte oder einen wichtigen Faktor darstellte.

In seiner Einleitung führt Patrick Pasture die These von der Feminisierung auf die US-amerikanischen Arbeiten von Barbara Welter und Ann Douglas zurück und verfolgt die Rezeption der Feminisierungsthese und die Kritik an dem Konzept seit den 1980er-Jahren in Europa. Dabei wird deutlich, dass die Feminisierung zunächst in den USA für mehrheitlich protestantische Gesellschaften, in Europa dann zunehmend auch für religiöse Mischgebiete und katholische Gesellschaften postuliert wurde und unter dem Begriff sehr Unterschiedliches verstanden wird. Pasture differenziert bei seiner Tour d’horizon, die sich im Wesentlichen auf Arbeiten aus den USA, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Belgien konzentriert, vier Dimensionen des Feminisierungsbegriffes. Zum einen sei mit Feminisierung von Religion und Kirche das – im Vergleich zu den Männern – wachsende Engagement von Frauen beim Kirchgang, bei Wallfahrten und andere Formen der Frömmigkeit gemeint. Zum zweiten sieht er mit dem Begriff das Anwachsen von Frauenorden und die zunehmende Teilnahme von Frauen in Schwesternschaften und religiösen Vereinen bezeichnet. Drittens werde der Wandel des Christentums im Allgemeinen und des Katholizismus im Besonderen hin zu mehr Sentimentalität unter Hinweis auf das polarisierte Geschlechtermodell des 19. Jahrhunderts als Feminisierung gedeutet. Und viertens stehe „Feminisierung der Religion“ auch als Begriff für eine anti-intellektuelle Gegenkultur, in der das Christentum als private Angelegenheit zunehmend mit Weiblichkeit, Häuslichkeit, Sentimentalität und Anti-Intellektualismus verbunden und von der Öffentlichkeit abgegrenzt wird. Pasture erinnert daran, dass die Feminisierungsthese vor allem als Ergebnis eines Perspektivenwechsels in der Geschichtswissenschaft zu verstehen ist. Unter dem Einfluss der historischen Anthropologie avancierten in den 1980er- und 1990er-Jahren Alltag und Frömmigkeitspraktiken zu geschichtswissenschaftlichen Forschungsthemen. Die in strukturgeschichtlichen Interpretationen verbreiteten Vorstellungen von Säkularisierung und der marginalen Bedeutung von Religion und Kirche wurden damit in Frage gestellt. Spätestens seit den Arbeiten von Charles Taylor[2] wird die Geschichte von Religion und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert auch in der Geschichtswissenschaft als Teil einer allgemeineren Entwicklung, vielleicht sogar als ein konstitutives Element der Moderne gedeutet.

Die zehn Aufsätze des Buches zeigen durchgehend die Problematik des Begriffes Feminisierung, der – wie auch immer im Einzelnen definiert – von dem hierarchischen, polaren Geschlechtermodell des 19. Jahrhunderts seinen Ausgang nahm, Frau und Mann als „natürliche“ Entitäten voraussetzte und je nach Perspektive entweder im pejorativen Sinne die Degradierung eines Bereichs oder im Rahmen der Emanzipationsgeschichte dessen Eroberung durch „die Frauen“ meinte. So erinnert Bernhard Schneider in seinem Beitrag zur katholischen Caritas in Deutschland nicht nur daran, dass die Caritas zwar in der Tat „ein weibliches Gesicht“ hatte, sondern dass der Feminisierung im Katholizismus klare Grenzen gesetzt waren. Der Autor fasst in diesem Aufsatz seine älteren Forschungsergebnisse zusammen, schreibt sie fort und modifiziert und begrenzt selbst die bescheidene These von dem weiblichen Antlitz der Caritas. So weist er darauf hin, dass katholische Frauenvereine und Frauenkongregationen unter der Verwaltung und der Aufsicht von Männern standen. Ähnlich argumentiert Michael E. O’Sullivan für das 20. Jahrhundert in seinem Beitrag. Auch wenn sich katholische Mädchen und Frauen in dieser Zeit neue Freiräume eroberten: Männer dominierten weiterhin den (öffentlichen) katholischen Raum, auch wenn sie seltener als Frauen zur Beichte und zur Messe gingen.

Geht es in den Aufsätzen von Schneider und O’Sullivan um Handlungsräume von und Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen im Katholizismus, so untersucht Angela Berlis Gender-Diskurse zwischen Altkatholiken und romtreuen Katholiken nach dem Ersten Vatikanischen Konzil. In diesem Beitrag steht die Feminisierung als Diffamierungsstrategie im Mittelpunkt. In der Logik der polaren Geschlechtscharaktere diente als Gegenstück zur Feminisierung die Maskulinisierung zur Markierung von Überlegenheit beanspruchenden Positionen. Männlichkeit und Maskulinisierung untersucht Thomas Buerman in seinem Aufsatz über die aus Belgien stammenden päpstlichen Soldaten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Buerman stellt die These auf, dass im „Rekrutierungsdiskurs“ belgischer Veröffentlichungen der Jahre 1860 bis 1871 für die päpstliche Armee das Bild vom „Zouave“, dem päpstlichen Soldaten, als einem vorbildlichen, katholischen Mann vermittelt wurde, dessen Männlichkeit von Mut und Härte sowie von Gehorsamkeit und Opferbereitschaft geprägt gewesen sei. Marit Monteiro und Marieke Smulders untersuchen die Männlichkeit der Dominikaner in den Niederlanden. Smulders zeigt am Beispiel eines in der Nähe von Nijmegen 1927 neu eröffneten Internats für katholische Schüler, die Priester werden wollten, die verschiedene Männlichkeiten verbindenden Erziehungsziele der Dominikaner auf. In ihrer Selbstwahrnehmung und Zukunftserwartung verknüpften die jungen Männer, so Smulders, die vom Orden vermittelten Männlichkeitsideale mit sportlichen Normen der bürgerlichen, weltlichen Männlichkeit. Monteiro weist daraufhin, dass die Dominikaner gerade in der Zeit von 1890 bis 1920 ihre Identität als Ordensmänner an den Standards der säkularen, bürgerlichen Männlichkeit ausrichteten und damit ihren klerikalen Führungsanspruch unterstrichen.

Am deutlichsten zeigt Marjet Derks auf, dass die Feminisierungsthese nicht nur differenziert und historisiert, sondern dass Geschlecht in diesem Zusammenhang stärker als relationale Kategorie behandelt werden muss. Derks verdeutlicht in ihrem Aufsatz am Beispiel des von Jacques van Ginneken 1921 initiierten Vereins „Women of Nazareth“, der sich zusammen mit dem von ihm ins Leben gerufenen Mädchenverein („Grail movement“) zum Ziel setzte, die Welt zu katholisieren, warum die Konzepte von Maskulinisierung und Feminisierung Gefahr laufen, die Geschlechterstereotypen des 19. Jahrhunderts in die Wissenschaft zu transferieren. Die Analyse der beiden Organisationen zeigt, dass sich hier weibliche Leidensfähigkeit mit männlichem Mut und Militanz vereinte. Obwohl die Frauen eine nahezu exklusiv weibliche Gemeinschaft schufen, zeigten sie in ihren Zielsetzungen eine ausgesprochen männliche Orientierung und präsentierten sich als wehrhafte Verteidigerinnen des Katholizismus. Derks plädiert dafür, die Ergebnisse der neueren historischen Frauen- und Geschlechterforschung auch auf die Religionsgeschichte anzuwenden und fordert, nicht undifferenziert nach „Frauen“ und „Männern“, nach Feminisierung und Maskulinisierung in Kirche und Religion zu fragen, sondern die Differenzierungen von Weiblichkeit und Männlichkeit, von Feminisierung und Maskulinisierung in Zusammenhang mit den politischen, sozialen, regionalen, nationalen und zeitspezifischen Unterschieden im religiösen Bereich herauszuarbeiten.

Es bleibt zu wünschen, dass die weiterführenden Ergebnisse des Bandes breit rezipiert werden und dazu anregen, den Themen Geschlecht, Religion und Kirche in den Forschungen zum 19. und 20. Jahrhundert mehr Raum zu geben.

Anmerkungen:
[1] Irmtraud Götz von Olenhusen, Die Feminisierung von Religion und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert. Forschungsstand und Forschungsperspektiven, in: Dies. (Hrsg.), Frauen unter dem Patriarchat der Kirchen. Katholikinnen und Protestantinnen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1995, S. 9–21, hier S. 9.
[2] Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt am Main 2009.

ZitierweiseAngelika Schaser: Rezension zu: Patrick, Pasture; Art, Jan; Buerman, Thomas (Hrsg.): Gender and Christianity in Modern Europe. Beyond the Feminization Thesis. Leuven 2012, in: H-Soz-Kult, 05.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-129>.

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