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Neueste Geschichte

E. Heinecke: Friedrich Wilhelm IV.

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Irmgard Zündorf <zuendorfzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und die Errichtung des Neuen Museums 1841–60 in Berlin. Baugeschichte – Verantwortliche – Nordische und Ägyptische Abteilung – Geschichtskonzept
Ort:Halle an der Saale
Verlag:Universitätsverlag Halle-Wittenberg
Jahr:
ISBN:978-3-86977-030-7
Umfang/Preis:342 S.; € 84,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Thomas Stein, Leipzig
E-Mail: <thomas.stein23googlemail.com>

Der Beginn der Sicherungs- und Restaurierungsarbeiten am Neuen Museum Berlin in der Mitte der 1980er-Jahre rief nicht nur eine beinahe vergessene Museumsruine wieder ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit, sondern stieß gewissermaßen auch die Wiederbelebung für eine eingehende Beschäftigung ihrer facettenreichen (Bau)Geschichte an. Seither kam in unterschiedlicher Gewichtung den Museumsinitiatoren und der geistigen und bautechnischen Objektgenese ein großes wissenschaftliches Interesse zu.[1] Die Reihe der Publikationen wird nun von Eva Heinecke mit ihrer 2005 an der Technischen Universität Berlin eingereichten Dissertationsschrift um einen bisher zu gering beachteten Aspekt zur Entstehungsgeschichte, zur konzeptionellen und architektonischen Museumsplanung, zum grundlegenden Geschichtskonzept und zum Verhältnis zwischen König Friedrich Wilhelm IV. und der Baukommission erweitert.

Eva Heinecke erhebt in ihrer Studie den Anspruch mit der „zweifelsfrei nachgewiesenen unmittelbaren Beteiligung Friedrich Wilhelms IV. an Bau und Ausstattung des Neuen Museums“ den „ersten schlüssigen Erklärungsansatz“ (S. 12) für den ideengeschichtlichen Werdegang des Gebäudes zu geben. Neben der kaum thematisierten und dennoch bedeutenden Rolle des preußischen Königs im Museumsprojekt führt die Autorin auch den christlichen Leitgedanken zur Geschichtsauffassung und die kunst- bzw. kulturpolitische Tragweite (S. 13) des Vorhabens als Desiderata der Forschung an. Als „zentrales Anliegen“ formuliert sie weiterhin die Aufnahme des Neuen Museums „in die Liste der von ihm [Friedrich Wilhelm IV.] verantworteten Werke“ (S. 11).

Die Untersuchung gliedert sich über neun Kapital in einen kunstgeschichtlich-analytischen und einen institutionshistorisch-strukturellen Teil, wobei sich der Schwerpunkt auf eine Rekonstruktion der Räume der ägyptischen (S. 95–228) und der nordischen (S. 229–303) Abteilung im Neuen Museum und die Interpretation ihrer Wandgemälde und Exponate in Bezug auf die geschichtsphilosophische Ausrichtung des Museums konzentriert. Die sammlungs- und dekorationsbezogenen Kernkapitel werden von Abschnitten zur allgemeinen Entwicklung des Neuen Museums (S. 14–73), der beachtenswerten Erschließung vom Verhältnis zwischen dem Auftraggeber Friedrich Wilhelm IV., Ignaz von Olfers und Friedrich August Stüler (S. 74–94) und den Überlegungen zur Geschichtsauffassung (S. 304–320) gerahmt. Eine abschließende zusammenfassende Diskussion der essenziellen Arbeitsergebnisse – besonders jener über das Zusammenwirken der drei massgeblichen Akteure und die herausgestellte Bedeutung des preußischen Königs – bleibt aus, reduziert jedoch nicht den Erkenntnisgewinn der Studie.

Unterstützt von den Historikerurteilen des späten 19. Jahrhunderts entstand über Friedrich Wilhelm IV. das Bild eines träumerisch-romantischen Königs, dessen politische Urteilskraft mit einer verzerrten Empfindung gesellschaftlicher Ereignisse charakterisiert wurde. Die biographischen Arbeiten von Walter Bußmann und David E. Barclay revidierten diese verklärte Darstellung und begründeten die Verhaltensweisen in seinen Vorstellungen vom Gottesgnadentum und einem „christlichen Staat“.[2] Die jüngsten interdisziplinären Forschungsarbeiten zum „Baukünstler“ lieferten durch die Interpretation seines reichhaltigen Zeichnungsnachlasses zudem gewinnbringende, Bußmann und Barclay bestätigende Ergebnisse zu seiner Weltanschauung und -wahrnehmung.[3] Die manifestierte Grundhaltung über einen von Gott geleiteten Fortgang der Weltgeschichte beeinflusste Friedrich Wilhelm IV. demnach allumfassend in seinem Handeln und erfuhr unter anderem in den Kunst- und Kulturprojekten des Königs ihren Ausdruck (S. 14).

Eva Heinecke nimmt die vielzitierte Kabinettsorder vom 8. März 1841, wonach der König „die ganze Spree-Insel hinter dem Museum zu einer Freistätte für Kunst u. Wissenschaft“ umgestalten wollte, zum Ausgangspunkt ihres, auf einer breiten Quellengrundlage gesicherten Beleges für die maßgebliche Beteiligung Friedrich Wilhelms IV. am Erweiterungsbau der königlichen Sammlungen (S. 20). Das grundlegende architektonische Konzept für die Bebauung des Inselareals entwickelte sich demnach aus einer Vielzahl zeichnerischer und gedanklicher Skizzen, die Friedrich Wilhelm IV., Olfers und Stüler „möglicherweise schon über Jahre“ (S. 22) in Verbindung mit den Projekten für das Schloss, den Dom, das Campo Santo und der Musenstätte diskutierten (S. 31f.). Die schöpferische Teilnahme des preußischen Königs am Entwurf und der Ausführung rückte zwar in frühen Arbeiten zur Berliner Museumsinsel bereits in den Blickpunkt, sei aber mit einem „letztlich religiös intendierten Konzept von Menschheitsgeschichte“ (S. 32) zu erklären. Im Gegensatz zu den Ergebnissen von Annemarie Menke-Schwinghammer und Elsa van Wezel, die im Neuen Museum eine maßgebende Präsentation der „Kulturgeschichte“ akzentuieren, könne nur eine christliche Geschichtsauffassung, personifiziert in Friedrich Wilhelm IV., als Deutungsansatz für die Inhalte der Wanddekoration des Museums gelten (S. 46/304–320). Mit dem Vergleich der Bildsujets in der ägyptischen und nordischen Abteilung und den Kaulbachfresken im Treppenhaus gelingt es Eva Heinecke die gestalterische und planerische Einheit der drei Hauptakteure darzustellen und teilweise neu zu bewerten. Der Schlüssel zum Verständnis des Bauwerkes – bisher in der erschienenen Literatur „völlig verkannt“ (S. 84) – ruhe in den vom König „ausformulierten Leitideen“, die von Olfers und Stüler nachbearbeitet und abermals gemeinsam beredet wurden (S. 77). Eine konsequente aktenkundige Analyse der normativen Entscheidungsprozesse und -strukturen (S. 74–94) erfasst besonders die starke Einflussnahme Friedrich Wilhelms IV. nach seinem Regierungsantritt 1840 auf die Museumsverwaltung (S. 90). Er sicherte sich „über [Generaldirektor] Olfers einen unmittelbaren Einfluss auf alle künstlerisch und wissenschaftlich relevanten Belange der Museen“ (S. 91) und schürte durch seinen Einfluss auf die Artistische Kommission (S. 87–94) und seine Gegenwart bei der Einrichtung der Sammlungsräume auch Konflikte zwischen Sammlungsdirektoren und der Museumsadministration (S. 196–201).

Die Einrichtung der Sammlungsräume beabsichtigte die Museumsbesucher in der Kunst und Kultur der präsentierten Epochen zu unterweisen (S. 125). Die inhaltliche Verbindung zwischen den Exponaten und der Raumdekoration folgte dabei nach Vorstellung der Planer einer Inszenierung der kulturellen Erzeugnisse vergangener Völker, um dem Besucher „einen ebenso ästhetisch ansprechenden wie fundierten Einstieg in die Kenntnis des alten Ägyptens“ (S. 228) nach dem Stand der damals aktuellen Wissenschaft zu geben. In diesem Zusammenhang wird die postulierte geschichtliche Entwicklung der Religionen im Museum, an deren Spitze ein vom Christentum bestimmter, nach „göttlichen Gesetzen und göttlichem Willem verursachter Geschichtsverlauf“ (S. 318) stand, mit den künstlerischen Leistungen der ausgestellten Kulturen verbunden.

Eva Heinecke gelingt es mit der Verbindung des Bildprogramms im Neuen Museum und den Vorstellungen Friedrich Wilhelm IV. über einen „christlichen Staat“ überzeugend die Makroebene für den konzeptionellen Leitgedanken zu entschlüsseln. Sie erhebt zu Recht den Anspruch eine stringente, vom König stark beeinflusste religiöse Programmatik für die Museumsplanung aufzuzeigen. Dennoch kann in Kenntnis der Vorarbeiten zur Berliner Museumsgeschichte und der Gedankenwelt Friedrich Wilhelms IV. die einschränkende, andere Erklärungsmuster revidierende Deutung zur Grundidee des Museums erweitert werden. Vielmehr der Zusammenschluss des fruchtbringenden Ergebnisses einer religiös bestimmten Menschheitsgeschichte mit der Inszenierung von Welt(kultur)geschichte ermöglicht den Zugang zum universalen Ausstattungskonzept im Neuen Museum. Die Studie bereichert die Museumsforschungen gleichwohl durch ihre Detailtiefe um wesentliche Aspekte zur Entstehungsgeschichte des Neuen Museums und zum kultur- und kunstpolitischen Engagement Friedrich Wilhelms IV.

Anmerkungen:
[1] Siehe u.a. Ellinoor Bergvelt (Hrsg.), Museale Spezialisierung und Nationalisierung nach 1830. Das Neue Museum in Berlin im internationalen Kontext, Berlin 2011 (= Berliner Schriften zur Museumsforschung; Bd. 29); Annemarie Menke-Schwinghammer, Weltgeschichte als „Nationalepos“. Wilhelm von Kaulbachs kulturhistorischer Zyklus im Treppenhaus des Neuen Museums in Berlin, Berlin 1994; Elsa van Wezel, Die Konzeption des Alten und des Neuen Museums zu Berlin und das sich wandelnde historische Bewusstsein, In: Jahrbuch der Berliner Museen 43 Beiheft (2001).
[2] Vgl. David E. Barclay, Anarchie und guter Wille. Friedrich Wilhelm IV. und die preußische Monarchie, Berlin 1995, S. 134f.; Walter Bußmann, Zwischen Preußen und Deutschland. Friedrich Wilhelm IV. Eine Biographie, Berlin 1990, S. 114f.
[3] Zuletzt vorgetragen beim Symposion „Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, 1795–1861. Politik, Kunst, Ideal“ in Berlin, Sonderausstellungshallen am Kulturforum, 23. und 24. März 2012 hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=18498 (15.02.2013).

ZitierweiseThomas Stein: Rezension zu: Heinecke, Eva: König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und die Errichtung des Neuen Museums 1841–60 in Berlin. Baugeschichte – Verantwortliche – Nordische und Ägyptische Abteilung – Geschichtskonzept. Halle an der Saale 2011, in: H-Soz-Kult, 01.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-137>.

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