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Historische Bildungsforschung Online

M. Naas: Didaktische Konstruktion des Kindes in Schweizer Kinderbibeln

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Michael Geiss <mgeissife.uzh.ch>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Michael Geiss und Wolfgang Gippert). www.fachportal-paedagogik.de/hbo/

Autor(en):
Titel:Didaktische Konstruktion des Kindes in Schweizer Kinderbibeln. Zürich, Bern, Luzern (1800–1850)
Reihe:Arbeiten zur Religionspädagogik (ARP) 51
Ort:Göttingen
Verlag:V&R unipress
Jahr:
ISBN:978-3-89971-975-8
Umfang/Preis:403 S.; € 49,90

Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-u-Kult von:

Christian Grethlein, Seminar für Praktische Theologie und Religionspädagogik, Universität Münster
E-Mail: <grethleuni-muenster.de>

Nur recht wenige Erziehungswissenschaftler/innen interessieren sich im deutschen Sprachraum für Themen und Gegenstände religiösen Lernens. Dafür scheinen eher Theolog/innen bzw. Religionspädagog/innen zuständig. Diese Einseitigkeit ist nicht nur aus systematischen Gründen bedauerlich. Denn lange Zeit beschäftigten sich Theolog/innen mehr mit der Rekonstruktion theoretischer Konzeptionen[1] als mit den tatsächlichen Lernprozessen. Während sich das bei didaktischen Fragestellungen seit der sogenannten empirischen Wende verändert hat, fasst diese praxisbezogene Neuorientierung auf dem Gebiet der Historischen Religionspädagogik erst seit einigen Jahren Fuß.[2]

Zugleich ergeben sich aber bei Bildungs- und Lernprozessen im Bereich des Christentums erhebliche pädagogische Herausforderungen. Im Protestantismus steht jedenfalls unstrittig mit der Bibel ein antikes, für Erwachsene verfasstes Buch im Zentrum religionsdidaktischen Interesses. Wegen der grundlegenden Bedeutung vieler biblischer Texte für die Kultur zumindest in den europäischen Ländern impliziert dies auch eine allgemeinpädagogische Aufgabe. Denn ohne gewisse Kenntnisse von und die Auseinandersetzung zumindest mit einigen biblischen Texten scheint ein kritisch konstruktiver Zugang zu wichtigen Grundlagen unserer Gesellschaft und Kultur sowie zu aktuellen Diskursen kaum möglich.

Angesichts dieser skizzierten Ausgangslange ist es sehr erfreulich, dass sich mit Marcel Naas ein Schweizer Erziehungswissenschaftler die Thematik der Kinderbibel(n) für seine Dissertation wählte (Betreuer: Daniel Tröhler, Luxemburg; Thomas Schlag, Zürich).

Konkret untersucht Marcel Naas die Kinderbibeln als „Lehrmittel einer bestimmten Zeit“ (S. 149) und fragt dabei nach der „didaktische[n] Konstruktion des Kindes“ (S. 80) in ihnen. Das Material bilden in der Schweiz publizierte und in Zürcher, Berner und Luzerner Schulen zwischen 1800 und 1850 verwendete Kinderbibeln.

Naas gibt zunächst einen Überblick über den Forschungsstand zum Thema Kinderbibeln. Er stößt dabei auf die erstaunliche Tatsache, dass diese erst seit einigen Jahrzehnten die Aufmerksamkeit finden, die ihrer Verbreitung, nicht zuletzt in den Schulen, entspricht.

Knapp wertet er dann die vorliegende Forschungsliteratur zu historischen Kinderbibeln aus. Leser/innen, die sich bisher noch nicht eingehender mit der Thematik beschäftigten, erhalten hier einen guten Überblick über das bisher Geleistete.[3]

Vor Eintritt in die eigentliche Untersuchung der in den genannten Kantonen schulisch verwendeten Kinderbibeln wird noch eine umfängliche Definition von „Kinderbibel“ gegeben, deren erster Teil zitiert werden soll, insofern hier bereits sachliche Akzentuierungen innerhalb dieser Gattung hervortreten: „Ein Werk, das aus einer bewussten Auswahl von biblischen Geschichten besteht und zum Ziel hat, Kindern bestimmte Inhalte der Vollbibel in einer für die jeweilige Zeit günstigen Art und Weise zu vermitteln. Diese Intention kann sowohl mittels kindgerechter Sprache als auch durch Illustrationen verfolgt werden und durch das didaktische Mittel der Kürzung oder gezielten Erweiterungen innerhalb des Textes umgesetzt werden. Ebenso können am Schluss der Geschichten Fragen, Kommentare oder Lehren stehen, welche Inhalt und Moral im Gedächtnis der Leser vertiefen und verankern sollen. Je nach intendierter Gebrauchssituation (Schule, Familie, Vorlesen, Selbstlektüre) variiert die Ausgestaltung der Kinderbibel.“ (S. 76)

Zwar wird die Ausgangsfrage noch weiter differenziert; dies findet jedoch keinen erkennbaren Niederschlag in der Untersuchung. Methodisch fällt die Entscheidung für ein von den historischen Quellen ausgehendes, also induktives Vorgehen. Erst am Ende der Studie werden die so gewonnenen Resultate mit vorliegenden Forschungsergebnissen zum Bild vom Kind, zu Schulbüchern und zur Didaktik im 18. und 19. Jahrhundert abgeglichen.

Bei den beiden evangelischen Kantonen (Zürich und Bern) ist die dominante Stellung der „Zwey mal zwey und funffzig Auserlesene[n] Biblische[n] Historien …“ von Johann Hübner – und daran anschließende Überarbeitungen – unübersehbar.[4] Dagegen wurde im katholischen Luzern – allerdings erst Jahrzehnte später – die „Biblische Geschichte für Kinder“ von Christoph v. Schmidt (in diversen Ausgaben) verwendet. Geschickt stellt Naas die jeweiligen Profile der verschiedenen Kinderbibeln dar, indem er – neben der Stoffauswahl und Methodik – exemplarisch nach dem Umgang mit den Themen Sünde und Moral, Gewalt, Sexualität und der Vorstellung vom strafenden Gott sowie mit Übernatürlichem (vor allem Wunder) fragt. Deutlich treten dabei sowohl zwischen den einzelnen Kinderbibeln als auch zwischen den Kantonen unterschiedliche Akzentuierungen hervor, die anhand konkreter Zitate belegt werden. Der Blick in bei manchen Kinderbibeln vorhandene Handreichungen für Lehrer lässt entsprechende Entscheidungen noch deutlicher hervortreten. Als Kontext kommt dabei nur die jeweilige (schul)politische Situation in den Blick. Der theologische und kirchliche Kontext tritt dahinter zurück.

Durch instruktive Zusammenfassungen und ein abschließendes Resümee können sogar eilige Leser/innen einen differenzierten Einblick in die Ergebnisse erhalten. So wird zum Beispiel gezeigt, dass die Verfasser der Kinderbibel zunehmend ein größeres Verständnis beim Kind voraussetzen. Im Zuge dessen verschwinden manche als widersprüchlich empfundene Geschichten (vor allem zu Wundern) aus den Kinderbibeln. Zugleich werden Informationen zu Realien aufgenommen, die die biblischen Texte überschreiten. Es wird also mehr gelernt als nur biblisches Wissen. Auch wechselt das Gewicht der moralischen Zielstellung im Lauf der Zeit. Dabei sind aber im Einzelnen selbst zwischen den protestantischen Kantonen Differenzen zu konstatieren. Auf jeden Fall tritt im protestantischen Bereich die Erbsündenlehre zurück. Eine konfessionelle Differenz findet sich auch beim Erziehungsziel: „Während sich in den protestantischen Kinderbibeln immer mehr eine Erziehung zum zukünftigen Bürger abzeichnet, steht in den katholischen Kinderbibeln das spätere Gemeindemitglied der katholischen Kirche im Zentrum.“ (S. 315f.) Schließlich listet Naas am Ende noch Forschungsvorhaben auf, die sich aus seiner Untersuchung für die historische Bildungsforschung ergeben (S. 331f.).

Als Religionspädagoge ist der Rezensent dankbar für die sorgfältige Studie, die ein wichtiger Beitrag für die Erforschung von Kinderbibeln und damit einem zentralen Gegenstandes religiösen Lernens zumindest im Bereich des Protestantismus ist. Dies gilt nicht zuletzt deshalb, weil die Ergebnisse zu weiteren Fragen führen, die theologisch zu reflektieren sind. Vor allem das Sündenkonzept, das in den evangelisch verwendeten Kinderbibeln eine Pädagogisierung und Moralisierung erfährt, harrt bis heute einer religionspädagogischen Aufarbeitung. Dabei wären die durchaus differenten biblischen Perspektiven, Einsichten anthropologischer Forschungen sowie pädagogische und psychologische Konzepte zu berücksichtigen. Dass sich de facto hier die „Lösung“ Pädagogisierung bzw. Moralisierung des dogmatischen Konzeptes Erbsünde durchsetzte, kann jedenfalls theologisch nicht befriedigen und ist moralpädagogisch bedenklich. Dazu könnte die – von Naas gänzlich ausgeblendete – Ebene der Bilder in Kinderbibeln im Kontext damaliger Kunst noch aufschlussreiche Differenzierungen hinsichtlich der ästhetischen Dimension religiösen Lernens ergeben. Schließlich wäre es rezeptionsästhetisch interessant, der genauen Funktion des Skripturalen für damalige Kinder nachzugehen. Interreligiös stellen sich diesbezüglich heute durch die andere Auffassung vom Buch im Islam neue Herausforderungen, nicht zuletzt für die Religionspädagogik.

Anmerkungen:
[1] So z.B. die dreibändige Quellensammlung: Karl Ernst Nipkow / Friedrich Schweitzer (Hrsg.), Religionspädagogik. Texte zur evangelischen Erziehungs- und Bildungsverantwortung seit der Reformation, Gütersloh 1991, 1994, 1994.
[2] Eine erste wichtige Frucht solcher Bemühungen Historischer Religionspädagogen ist Rainer Lachmann / Bernd Schröder (Hrsg.), Geschichte des evangelischen Religionsunterrichts in Deutschland, 2 Bde., Neukirchen-Vluyn 2007 und 2010.
[3] Für genauer und umfassender Interessierte kann auf einen vor kurzem in derselben religionspädagogischen Reihe wie die Dissertation von Naas erschienenen Band verwiesen werden: Christine Reents / Christoph Melchior, Die Geschichte der Kinder- und Schulbibel. Evangelisch – katholisch – jüdisch, Arbeiten zur Religionspädagogik 48, Göttingen 2011.
[4] S. hierzu monografisch Christine Reents, Die Bibel als Schul- und Hausbuch für Kinder. Werkanalyse und Wirkungsgeschichte einer frühen Schul- und Kinderbibel im evangelischen Raum. Johann Hübner, Zwey mal zwey und funffzig Auserlesene Biblische Historien der Jugend zum Besten abgefasst …, Göttingen 1984.

ZitierweiseChristian Grethlein: Rezension zu: Naas, Marcel: Didaktische Konstruktion des Kindes in Schweizer Kinderbibeln. Zürich, Bern, Luzern (1800–1850). Göttingen 2012, in: H-Soz-u-Kult, 21.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-044>.

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