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Zeitgeschichte (nach 1945)

M. Mitchell: The Origins of Christian Democracy

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:The Origins of Christian Democracy. Politics and Confession in Modern Germany
Ort:Ann Arbor
Verlag:University of Michigan Press
Jahr:
ISBN:978-0-472-11841-0
Umfang/Preis:XV, 343 S.; $ 85.00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Benedikt Brunner, Exzellenzcluster „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <b_brun03uni-muenster.de>

Die Geschichte der CDU in der frühen Bundesrepublik ist kein schlecht bestelltes Forschungsfeld.[1] Die amerikanische Historikerin Maria D. Mitchell vom Franklin & Marshall College in Lancaster (Pennsylvania) hat nun ein neues Buch veröffentlicht, das das Ergebnis einer langjährigen Auseinandersetzung mit diesem Thema ist, wie schon ein erster Blick ins Anmerkungs- und Literaturverzeichnis zeigt. Mitchell möchte eine neue Perspektive einnehmen, indem sie einen Schwerpunkt auf „the early dynamics and ideologies of Christian Democracy“ (S. 10) legt. Damit will sie auch eine Erklärung für die soziale und politische Entwicklung der Bundesrepublik insgesamt liefern.

In ihrem ersten Kapitel „Confessional Conflict in German History“ absolviert die Verfasserin auf 20 Seiten eine Tour de Force durch die Geschichte des wechselvollen Verhältnisses zwischen dem deutschen Staat und den beiden großen Konfessionen vom 19. Jahrhundert bis ins „Dritte Reich“. Sie betont dabei die konstituierende Bedeutung des Kulturkampfs für die Entwicklung politischer Teilkulturen, also für die Milieubildung, die ihrer Ansicht nach zu einer Konstante der konfessionellen Auseinandersetzung wurde. Der Interkonfessionalismus hingegen, die Zusammenarbeit zwischen Katholiken und Protestanten im politischen Feld, sei vornehmlich von einer kleinen Gruppe innerhalb der Zentrumspartei vertreten worden, ohne dass diese sich habe durchsetzen können. Erst die Situation der Zusammenbruchsgesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, so der Tenor, habe die interkonfessionelle Zusammenarbeit ermöglicht.

Die beiden folgenden Kapitel befassen sich mit den organisatorischen Rahmenbedingungen der Christdemokratie in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Mitchell konzentriert sich im zweiten Kapitel vor allem auf das Rheinland als den aus ihrer Sicht paradigmatischen Fall der christdemokratischen Organisationsbildung. Dies habe auch an den im Vergleich zu den anderen Besatzungszonen besonders guten Voraussetzungen für ein solches Vorhaben gelegen. Veranschaulicht wird dies im dritten Kapitel, das sich mit den Parteigründungen in den anderen Besatzungszonen auseinandersetzt. Grundsätzlich war die frühe CDU ein sehr disparates politisches Projekt, wie Mitchell eindrücklich nachweisen kann. Die größte Herausforderung der Anfangsjahre sei die Integration der Protestanten gewesen. Allerdings beantwortet die Autorin zunächst noch nicht die Frage, ob und wie dies gelang. Hier und an einigen anderen Stellen des Buchs ist es ein Manko, dass gewisse Problemkonstellationen angedeutet, aber erst in späteren Teilen vertieft werden. Nichtsdestotrotz erhält man durch die beiden Kapitel einen konzisen Überblick zu den organisatorischen Rahmenbedingungen in der frühen Zeit der Parteigründung.

Das vierte und fünfte Kapitel zielen auf die Rekonstruktion der weltanschaulichen Grundlagen der Partei ab. Ein wichtiger Faktor, in dem Katholiken wie Protestanten übereingestimmt hätten, sei ihre Deutung der nationalsozialistischen Vergangenheit gewesen: Die Deutschen galten aus CDU-Sicht vornehmlich als Opfer der Nazis und die Christen als Bastion des Widerstands gegen Hitler. Dieser auch gesamtgesellschaftlich weit verbreitete Modus der „Vergangenheitsbewältigung“ habe sich mit dem intensiven Rechristianisierungspathos dieser Jahre verbunden. Die Betonung des „Abendlands“ gehöre ebenfalls in diesen Kontext. Die Verfasserin arbeitet nachvollziehbar heraus, dass entlang der konfessionellen Linien unter solchen Begriffen ganz Unterschiedliches verstanden wurde, was durchaus zu Konflikten führte. Ein gemeinsamer Nenner sei aber der „Antimaterialismus“ gewesen, den Mitchell leider nicht genau definiert. Anhand der Bereiche Familie, Bildungswesen und Wirtschaftsordnung versucht sie im fünften Kapitel dann die Anwendung der „Ideologie“ nachzuzeichnen.[2] Wiederum werden diese Fallbeispiele aber nur angedeutet, ebenso die Auseinandersetzungen mit den „Christlichen Sozialisten“ wie Walter Dirks und Eugen Kogon (diese nannten ihren Ansatz freilich „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“), die in Bezug auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Neuordnung zu jener Zeit einige Resonanz vermelden konnten.

Eine ausführlichere Analyse der Wirtschafts- und Kulturpolitik liefern dann die beiden nächsten Teile. Kapitel 6 („Christian Democracy in Practice: Economic Discourse and Policy“) widmet sich vor allem der Unterdrückung der Ideen des „Christlichen Sozialismus“. Die kompromisslose Ablehnung der protestantischen Gruppen innerhalb der CDU, aber auch durch Adenauer, sowie die sich verschärfenden internationalen Rahmenbedingungen besiegelten das Schicksal dieses „Dritten Wegs“, schon ehe er begangen werden konnte. Mit dem Ahlener Programm von 1947 und dem Recklinghausener Parteitag im selben Jahr habe sich bald ein „ideological consensus“ gebildet, ohne dass die Streitigkeiten ganz zum Erliegen gekommen seien. Dieser Konsens umfasste „the rechristianization of German society in the spirit of unprecedented Protestant-Catholic cooperation“ sowie „the abendländische ethic of the Persönlichkeit in the economic sphere“ (S. 151). Damit habe sich die CDU als Retterin gegen den materialistischen Sozialismus und Marxismus präsentiert. Im Kapitel 7 greift Mitchell dann die in Kapitel 5 bereits angerissenen Fallbeispiele wieder auf und situiert sie in den Verhandlungen des Parlamentarischen Rats. Dort habe sich das Profil der frühen CDU weiter konsolidiert. Die Flexibilität der katholischen Mehrheit in der Partei, insbesondere in der Schulfrage, habe entscheidend dazu beigetragen, die protestantischen Wählergruppen nicht zu verlieren. Die Lösung der Führungskämpfe innerhalb der CDU und die starke inhaltliche Profilierung, die ja gesellschaftliche Dispositionen abdeckte und auf diese reagierte, ist nach Mitchell für die anschließenden Wahlerfolge der Partei verantwortlich gewesen. Die Autorin veranschlagt die negative Integrationsleistung, also die Ablehnung von Materialismus und Säkularismus, relativ hoch, bietet dafür aber auch gute Argumente.

Das achte Kapitel („Christian Democracy and Confessional Culture in the Federal Republic“) hat einen etwas irreführenden Titel. Denn nach einem durchaus erhellenden Abschnitt über die Bedeutung konfessioneller Aspekte in der Politik der 1950er-Jahre rückt Mitchell auch die gegenläufigen Tendenzen der Säkularisierung und Dekonfessionalisierung in den Vordergrund. So wichtig und plausibel die Auseinandersetzung mit dem Thema ist, so bedauerlich ist es andererseits, dass die Verfasserin diese Großtheorien nicht näher definiert. Es bleibt unklar, welches Verständnis solcher Entwicklungen ihren Ausführungen zugrunde liegt. Auch ist zumindest fraglich, ob die positive Perspektive auf die Anpassungsfähigkeit der CDU etwa hinsichtlich der amerikanisch beeinflussten Konsumkultur zutreffend ist.[3] Mitchells Schlussfolgerung, dass „[r]eligious identity, critical to the formation of the Federal Republic, remained determinate“ (S. 201), kann man durchaus zustimmen, zumindest was ihren Untersuchungszeitraum betrifft, der bis in die frühen 1950er-Jahre reicht.

Die sehr zahlreichen Fußnoten (1.700 für 207 Seiten Haupttext) wirken gelegentlich etwas zu viel des Guten; man hätte auch mehrere Nachweise zusammenlegen können, um so das ständige Hin-und-Her-Blättern zu reduzieren. Hilfreich wäre zudem eine separate Aufstellung der verwendeten Archivalien und Zeitschriften gewesen. Dennoch ist Maria D. Mitchell insgesamt eine luzide Geschichte der Ursprünge der CDU gelungen, mit beeindruckender Berücksichtigung der Forschungsliteratur und archivalischer Quellen (vor allem aus dem rheinischen Kontext). Zu Recht unterstreicht sie die Relevanz des konfessionellen Faktors, der in der deutschen Geschichte zu einer besonderen Konstellation im Verhältnis von Religion und Politik geführt hat.

Anmerkungen:
[1] Vgl. nur das Standardwerk von Frank Bösch, Die Adenauer-CDU. Gründung, Aufstieg und Krise einer Erfolgspartei 1945–1969, Stuttgart 2001 (rezensiert von Anja Kruke, in: H-Soz-u-Kult, 23.04.2002, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/ZG-2002-055> [29.05.2013]).
[2] Leider problematisiert Mitchell den Ideologiebegriff nicht. Dies hätte helfen können, Missverständnissen vorzubeugen.
[3] Vgl. Daniel Schmidt, „Die geistige Führung verloren“. Antworten der CDU auf die Herausforderung „1968“, in: Franz-Werner Kersting / Jürgen Reulecke / Hans-Ulrich Thamer (Hrsg.), Die zweite Gründung der Bundesrepublik. Generationswechsel und intellektuelle Wortergreifungen 1955–1975, Stuttgart 2010, S. 85–107.

ZitierweiseBenedikt Brunner: Rezension zu: Mitchell, Maria D.: The Origins of Christian Democracy. Politics and Confession in Modern Germany. Ann Arbor 2012, in: H-Soz-u-Kult, 25.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-223>.

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