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Alte Geschichte

G. Ceserani: Italy’s Lost Greece

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Italy’s Lost Greece. Magna Graecia and the Making of Modern Archaeology
Reihe:Greeks Overseas
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-974427-5
Umfang/Preis:XI, 331 S.; £45.00 / € 18,96

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Jan Dreßler, Berlin
E-Mail: <jandresslergooglemail.com>

Im März 1840 saß der deutsche Archäologe und Altertumsforscher Carl Otfried Müller auf Sizilien fest: Schlechtes Wetter und fehlende Schiffsverbindungen verzögerten die lang ersehnte Abreise (über Malta) in Richtung Peloponnes. „[Z]um Trost für den halben Monat, den wir in Griechenland verlieren“, versuchte er sich daher zu überzeugen: „Auch hier ist Griechenland, müssen wir uns sagen.“[1] Müllers (vergebliche?[2]) Ermahnung an sich selbst ist ein gutes Beispiel für das, was Giovanna Ceserani, Associate Professor am Classics-Department in Stanford, in ihrem Buch Italy’s Lost Greece als die ‚Marginalisierung‘ des griechischen Siedlungs- und Kulturraums in Süditalien und auf Sizilien beschreibt. Lange Zeit stand die Magna Graecia im Schatten des noch ‚größeren‘, des ‚eigentlichen‘ Griechenland mit Athen und Sparta als seinen Zentren – und steht dort zum Teil noch heute. Ceseranis Untersuchung ist weniger ein Versuch, dieser Akzentuierung in der modernen Archäologie und Geschichtsschreibung Abhilfe zu schaffen, als ihre historische Genese nachzuzeichnen. Mit den ausufernden antiken wie neuzeitlichen Debatten darüber, was unter dem Begriff Magna Graecia eigentlich zu verstehen sei, hält sie sich dabei nicht lange auf: Ihr Gegenstand ist der Süden der italienischen Halbinsel, ohne Sizilien – wenn sie auch die engen und vielfältigen Verbindungen zwischen beiden Gebieten durchaus anerkennt (zum Begriff und seiner Geschichte vgl. vor allem S. 6–11).

Ganz im Gegensatz zur sekundären Bedeutung der westlichen Griechen für das, was neuzeitliche Forscher unter ‚griechisch‘ und ‚Griechenland‘ verstanden (und verstehen), steht für Ceserani die durchaus gewichtige Rolle, die die Magna Graecia bei der Entwicklung der modernen Archäologie gespielt hat. Schließlich waren die griechischen Altertümer in Italiens Süden für lange Zeit das wesentliche Material, an dem die neue Disziplin ihr methodisches wie theoretisches Handwerkszeug entwickelte. So blieb etwa für Winckelmann, dessen Geschichte der Kunst des Altertums wesentlich zur Etablierung der griechischen Kunstgeschichte und zur Prägung des Ideals der griechischen Klassik beigetragen hat, der einzige direkte Kontakt mit genuin griechischem Material sein Besuch der dorischen Tempel in Paestum südlich von Neapel (S. 65–68).[3] Die Grand Tour führte für gewöhnlich nur bis Neapel, und solange Griechenland als Provinz zum Osmanischen Reich gehörte, blieben Reisen dorthin schwierig und selten.

Auf griechische Kunst und Architektur traf man zuerst einmal in der Magna Graecia und auf Sizilien. Lokale italienische Gelehrte spielten lange Zeit eine wichtige Rolle dabei, die dortigen griechischen Überbleibsel zu erschließen, zusammenzutragen und auszuwerten. Die Herausbildung der modernen Archäologie hat dieser ‚antiquarischen‘ Tradition, wie Ceserani hervorhebt, viel zu verdanken. Doch verschob sich nicht nur das Interesse der archäologischen Forschung mit der Zeit mehr und mehr zum griechischen Festland. Auch die griechischen Vasen, die man in der Magna Graecia in so großer Zahl gefunden hatte, stammten, wie man nun feststellte, gar nicht von dort, sondern überwiegend aus dem Mutterland (S. 172–179). Zugleich wurden die italienischen Gelehrten im 19. Jahrhundert im Zuge der Entwicklung der Archäologie zur Fachdisziplin zunehmend an den Rand gedrängt. Ihre Forschungsmethoden galten nun gegenüber der Arbeit besonders der Wissenschaftler aus Deutschland, aber auch aus England und Frankreich, als veraltet und wenig professionell.

Einher mit der Professionalisierung der Archäologie ging vor allem seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine zunehmende Nationalisierung der Forschung. Aus dem 1829 vom Deutschen Eduard Gerhard in Rom begründeten und durchaus auf eine internationale Forschergemeinschaft ausgerichteten Instituto di Correspondenza Archeologica wurde – bezeichnenderweise im Jahr 1871 – das Deutsche Archäologische Institut (S. 197f.).[4] Ebenso begründeten andere Länder ihrerseits nationale Institute in Italien und Griechenland, die miteinander in Konkurrenz um die besten Ausgrabungsplätze und Fundstücke traten – mit denen man dann vor allem die großen Museen in den jeweiligen Hauptstädten bestückte (S. 196–201).

Das Denken in nationalen Kategorien prägte ebenso die Geschichtsschreibung – deren Beschäftigung mit der Magna Graecia (anders als der Untertitel ihres Buches vermuten lässt) neben der Archäologie das zweite große Thema von Ceseranis Untersuchung bildet. Eine wesentliche Frage war, welchen Status der Magna Graecia sowohl in der italienischen als auch der antiken griechischen ‚Nationalgeschichte‘ zukam. Schon die antiquarischen Gelehrten der Renaissance versuchten immer wieder, Bezüge zwischen den Stätten des Altertums in ihrer süditalienischen Heimat und der Gegenwart herzustellen – was freilich oft darauf hinauslief, mit Blick auf die große Vergangenheit den Niedergang und die Rückständigkeit der Region zu beklagen, deren Reiz nunmehr nur noch die spröde Schönheit der Natur ausmachte. Dieser Gegensatz findet sich im Übrigen auch in vielen Berichten europäischer Reisender.

Die Deutung des Altertums mit dem Paradigma der ‚Nationalgeschichte‘ war dann vor allem das Werk des 19. Jahrhunderts. Geprägt vom italienischen Rissorgimento versuchte etwa Ettore Pais in seiner 1894 erschienenen Storia della Sicilia e della Magna Graecia die Kultur Westgriechenlands als Teil der nationalen Geschichte Italiens zu deuten (S. 223–229). Auch wurde immer wieder versucht, einen prägenden Einfluss der indigenen italischen Bevölkerung auf die griechischen Siedler herauszustellen, so etwa Anfang des 19. Jahrhunderts von Cuocco in seinem weit verbreiteten historischen Roman Platone in Italia (S. 122–128)[5], und später von Ciaceri in seiner Storia della Magna Graecia, der damit in der Zeit des italienischen Faschismus die ‚Größe‘ des italienischen Volks in die Vergangenheit zu projizieren suchte (S. 255–258).[6] Schon in der Renaissance war selbst Pythagoras verschiedentlich als gebürtiger Italiener in Anspruch genommen worden (vgl. S. 36f.).

Für den akademischen ‚Mainstream‘ des 19. Jahrhunderts, der sich – wie etwa George Grote (S. 215–219) – daran machte, die Geschichte der antiken Griechen in die (moderne) Form der ‚Nationalgeschichte‘ zu gießen, stellte sich dagegen die Frage, welchen Platz die Magna Graecia darin finden sollte. Hier bot sich das aus der Neuzeit bekannte Schema der Kolonisation an (vgl. dazu bes. S. 103–110). Doch implizierte auch dieser „compelling contemporary narrative thread“ (S. 110), wie Ceserani hervorhebt, die ‚Marginalisierung‘ der Magna Graecia: Die ‚eigentlichen‘ Griechen waren die im Mutterland, denen im Westen blieb demgegenüber nur eine sekundäre Rolle, und die indigenen italischen Bevölkerungen erschienen zumeist gar nur als weitgehend passive, zuweilen auch renitente Empfänger der griechischen Kultur.

Ceserani zeichnet in ihrem Buch „the history of ‚the history of Magna Graecia‘“ (S. 2) ebenso kenntnis- wie detailreich nach. Die Karrieren und Werke vieler Gelehrter, die sich mit der Region beschäftigt haben, werden anschaulich und zuweilen auch sehr ausführlich nachgezeichnet. Zumindest der Rezensent hätte sich hier etwas mehr Synthese (die freilich auch nicht gänzlich fehlt) sowie ein zusammenfassendes Fazit am Ende der Arbeit gewünscht.

Der zentrale Interpretationsansatz der ‚Marginalisierung‘, die der Magna Graecia in der neuzeitlichen Forschung trotz ihrer wichtigen Rolle bei der Herausbildung der modernen Archäologie widerfahren sei, vermag jedoch zu überzeugen. Ceserani konzentriert sich dabei auf den geistesgeschichtlichen Aspekt dieses Phänomens. Dass dem auch objektive Gegebenheiten zugrunde lagen – so etwa der Mangel an schriftlichen Quellen für die Geschichte der süditalienischen Griechen und (von einigen prominenten Ausnahmen wie Paestum abgesehen) die relative Dürftigkeit der archäologischen Funde –, wird zwar erwähnt, aber nicht in den Vordergrund gestellt. Auch hätte man sich die Frage stellen können, inwiefern die ‚Marginalisierung‘ der Region schon in der Antike – sowie in der spätantiken und mittelalterlichen Überlieferung – vorgeprägt worden ist. Schließlich waren und sind moderne Altertumsforscher neben den archäologischen Funden auch auf die schriftliche Überlieferung angewiesen, und zumindest in den Quellen, die auf uns gekommen sind, spielen die westlichen Griechen im Vergleich zu denen im Mutterland ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle. Ob nicht schon hier der Schlüssel für den von Ceserani so eingehend beschriebenen Marginalisierungsprozess in der modernen Forschung zu suchen ist, wäre durchaus eine Überlegung wert.

Anmerkungen:
[1] Carl Otfried Müller, Brief an seine Frau vom 13. März 1840, in: Heinrich Alexander Stoll (Hrsg.), Entdeckungen in Hellas. Reisen deutscher Archäologen in Griechenland, Kleinasien und Sizilien, Berlin 1979, S. 189.
[2] Nach seinen Briefen zu schließen, faszinierten Müller die Altertümer des griechischen Mutterlands dann doch weitaus mehr als die, die er in Süd-Italien und Sizilien besichtigt hatte. Die Begeisterung ging sogar so weit, dass er schließlich an den Folgen eines Sonnenstichs verstarb, den er sich in Delphi beim unermüdlichen Entziffern von Inschriften in der prallen Sonne zugezogen hatte. Vgl. dazu Ernst Curtius’ Brief an seine Eltern vom 7. August 1840 (Stoll, Entdeckungen, S. 371–377).
[3] „Winckelmann – the discoverer of Greece who never came closer to it than he did in Naples“ (S. 41).
[4] Ceserani beschreibt das als „the Instituto’s path into Prussanization“ (S. 198). Bezeichnend ist wohl, dass der kürzlich zum Deutschen Kaiser gekrönte Wilhelm I. am 2. März 1871 noch in Versailles – „only one day after the peace with France had been signed“ – seinen Segen für die Gründung (und Finanzierung) des neuen Instituts gab (S. 198).
[5] Cuoco „sought to familiarize Italians with the ancient, glorious past of their own country, and aimed to inspire them to create an independent and unified Italy“ (S. 123).
[6] „Ciaceri’s intent bespeaks renewed anxiety about the status granted to the native, supposedly quintessentially Italian past versus that of Greece in the interpretation of ancient southern Italian history“ (S. 256). „Ciaceri construes the vision of Magna Graecia where Italic influences predominate“ (S. 257).

ZitierweiseJan Dreßler: Rezension zu: Ceserani, Giovanna: Italy’s Lost Greece. Magna Graecia and the Making of Modern Archaeology. Oxford 2012, in: H-Soz-Kult, 18.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-108>.

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