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Europäische Geschichte

J. Alwart: Mit Taras Ševčenko Staat machen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Robert Kindler <robert.kindlerstaff.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Mit Taras Ševčenko Staat machen. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in der Ukraine vor und nach 1991
Reihe:Visuelle Geschichtskultur 8
Ort:Köln
Verlag:Böhlau Verlag Köln
Jahr:
ISBN:978-3-412-20769-4
Umfang/Preis:geb.; 217 S.; € 39,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Grzegorz Rossolinski-Liebe, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
E-Mail: <g.rossolinski-liebet-online.de>

Mit einer interessanten Monographie über den bekanntesten ukrainischen Dichter Taras Schewtschenko hat Jenny Alwart die seit einigen Jahren blühende Erinnerungsforschung bereichert. Schewtschenko ist eines der zentralen Objekte der Gedächtnispolitik des politisch und kulturell zerrissenen jungen ukrainischen Staates, weil er „nicht als polarisierend, sondern in hohem Maße als verbindend empfunden wird“ (S. 13). Das jedoch bedeutet nicht, dass sich die Erinnerung an den ukrainischen Nationaldichter in den letzten Jahren nicht verändert hat. Insbesondere der durch die Auflösung der Sowjetunion ausgelöste Erinnerungswandel wird in der Monographie differenziert und detailliert beschrieben. Außerdem liefert die Monographie eine gute Einführung in allgemeine ukrainische Erinnerungsnarrative.

Schewtschenkos vereinheitlichende Wirkung wird nur dann verständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass ukrainische Intellektuelle und Politiker die Spaltung der Ukraine nicht als etwas unrealistisches oder abstraktes begreifen, sondern als Option sehen, die einige kulturelle und politische Probleme lösen würde. Zugleich wird sie aber auch gefürchtet, weil sie neue Schwierigkeiten schaffen könnte. Der auch von Historikern und Intellektuellen betriebene Kult um solche Figuren wie Stepan Bandera spaltet das Land (S. 12, 36) und macht den vereinigenden Schewtschenko-Kult unentbehrlich.

Die Obsession mit dem Dichter in der sowjetischen Ukraine wird von Alwart unter anderem anhand von Jubiläumsfeiern der 1960er- und 1980er-Jahre analysiert (S. 54–61). Die sowjetische Erinnerung an den Dichter war durchaus nicht einseitig, wohl aber monoton, weil es ihr meist darum ging, den sowjetischen mit dem ukrainischen Patriotismus zu verbinden. Schewtschenko wurde sowohl für den Klassenkampf instrumentalisiert, als auch für die Völkerfreundschaft zwischen Russen, Ukrainern und anderen „Brudervölkern“. Er wurde als „Vater der Nation“, „Vaterfigur“ oder geistiger Führer der Nation dargestellt (S. 90). Wie bei jedem politischen Kult erinnerten die Parteiorgane sowohl an reale als auch fiktive Eigenschaften des Genies, die für die politische Instrumentalisierung relevant waren. Die Tatsache, dass Schewtschenkos mythisches Gedicht „Vermächtnis“ zur ersten Hymne der Sowjetukraine wurde, zeugt davon, dass seine Sakralisierung absolute Priorität genoss (S. 69). Das Bild des Dichters wandelte sich in der Sowjetunion unter anderem in Bezug auf seine physische Verfassung. Wenn er bis in die 1960er-Jahren als ein starker und vitaler Mann dargestellt wurde, erschien er vor allem in den 1980er-Jahren als ein leidender Dichter (S. 73–74).

Während der Perestrojka wurden Stimmen laut, die von der „unwahren“ sowjetischen Darstellung des Dichters sprachen und forderten, dass nun eine „wahre“ Darstellung folgen müsse (S. 77). Anhand eines Essays des Schriftstellers und ehemaligen Kulturministers Iwan Dzjuban, der zwischen 1989 und 2008 mehrere Male in veränderter Form erschien, zeigt Alwart, wie prominente ukrainische Intellektuelle das Schewtschenko-Image dem aktuellen Stand ihrer Identität anpassten. Obwohl Dzjuban bereits in den 1960er-Jahren die Russifizierung der ukrainischen Kultur als Internationalisierung beklagte (S. 80), zitierte er in seinem Essay von 1989 Lenin und pries die sowjetischen Politiker für die Würdigung des großen ukrainischen Dichters. In der bearbeiteten Version desselben Essays von 2008 ging das Lob jedoch an die Ukrainische Volksrepublik und die ukrainische Diaspora. Der Begriff der „Masse“ wurde durch das Wort „Gesellschaft“ ersetzt. Da aber der Grundaufbau des Essays und seine patriotisch-verherrlichenden Komponenten gleich blieben, liegt die Vermutung nahe, dass sich der sowjetische und postsowjetische Umgang mit Schewtschenko lediglich äußerlich unterscheiden. Ungeachtet dieser unübersehbaren Ähnlichkeiten wies Dzjuban und auch viele andere Schewtchenko-Apologeten jede gegen seine Interpretation des Dichters gerichtete Kritik als Schewtschenkophobie oder Ukrainophobie ab (S. 79–89).

Die Ähnlichkeiten zwischen der Erinnerung an den Dichter in der Sowjetunion und der unabhängigen Ukraine werden von Alwart auch anhand von Schewtschenkos Grabstätte in Kaniw dargelegt. Diese wurde bereits in der Sowjetukraine als ein „politisiertes Heiligtum“ etabliert und erfüllte die Funktion eines wichtigen Pilger- und Ritualorts, an dem vor allem nach der Wende Gedichte vorgetragen und Lieder gesungen wurden. Mit den ritualisierten Feierlichkeiten des Geburts- und Todestages konnte die Erinnerung sowohl vor als auch nach der Wende stabilisiert werden (S. 94–101).

Eine Änderung im Umgang mit Schewtschenko beobachtet Alwart im Bereich des unpatriotischen, künstlerischen oder alternativen Erinnerns, das sich nach der Wende in der Ukraine entwickelte. So verfremdete etwa der Schriftsteller Viktor Neborak den Nationaldichter „mit Ironie und durch den Blick des Kindes“ (S. 106). Mykola Rjabtschuk erklärte in seinen Essays, dass Schewtschenko für die jüngere Generation der Ukrainer gänzlich uninteressant sei und dass der erste Dichter des Landes auch mit Alexander Lukaschenko und anderen Diktatoren verwechselt werde (S. 107–108). Russischsprachige Autoren behaupten, der Nationaldichter „sei der Trinkerei erlegen gewesen und habe Bordelle besucht“, weshalb Nikolai Gogol geeigneter für die Rolle des Nationaldichters sei (S. 109). Junge Künstler betrachten die Metapher vom „Vater der Nation“ mit Ironie und fragen, ob sich diese Annahme genetisch überprüfen lasse (S. 112). Schewtschenko wurde auch als „Trunkenbold und Schürzenjäger“, „Punk“, „Vampir“ oder Schreiber vulgärer SMS dargestellt, der die ukrainische Sprache nicht richtig beherrschte (S. 118–120, S. 132). Sehr gelungen werden in der Monographie die bekannten und talentierten ukrainischen Schriftsteller wie Serhi Schadan, Juri Andruchowitsch oder Andrei Kurkow analysiert. Ihre innovativen und witzigen Texte, in denen die Schriftsteller mit dem Nationaldichter literarisch spielen und verschiedene Facetten der ukrainischen Kultur erklären, diskutiert Alwart sehr anregend (S. 122–152).

Nach der Lektüre von Alwarts Monographie ist der Leser gut über den sowjetischen und postsowjetischen Umgang mit dem Nationaldichter informiert. Die Autorin hat überzeugend dargelegt, wie sich die Erinnerung an Schewtschenko infolge der Auflösung der Sowjetunion gewandelt hat und dass sich im Bereich des patriotischen Erinnerns wenig verändert hat. Auch neue alternative Erinnerungsformen, die nach der Wende entstanden, werden interessant präsentiert. Jedoch, durch das Nichtbehandeln einiger Aspekte der Erinnerung, die dem Bereich des Vergessens zuzuordnen sind, scheint Alwarts Studie nicht ganz unproblematisch zu sein. So wird in der Arbeit zum Beispiel nicht erklärt, warum Schewtschenkos Einstellung zu den Juden oder Polen in der Ukraine nicht erinnert wird, was offenkundig damit zusammenhängt, dass Schewtschenko in seinem Poem „Hajdamaky“ das Töten der Juden durch die als Nationalhelden stilisierten Räuber als berechtigt und heroisch beschrieb.[1] Dieses Desiderat kann entweder daraus resultieren, dass die Autorin nur das untersuchte, was öffentlich gesagt oder erinnert wird, oder eventuell auch daraus, dass die Erinnerungsforschung sich immer mehr von ihren Untersuchungsgegenständen loslöst, wodurch das zu erinnernde Objekt hinter einer dicken Schicht der selektiven Erinnerungen immer mehr verschwindet. Angesichts der kulturellen und politischen Zerrissenheit des Landes ist es auch verständlich, warum solche Sachverhalte in der Ukraine nicht erinnert werden. Die Erforschung dieser Aspekte hätte die ohnehin solide und lesenswerte Studie noch interessanter gemacht.

Anmerkung:
[1] Taras Ševčenko, Hajdamaky, Kiew 1969. Siehe auch Frank Golczewski, Deutsche und Ukrainer 1914–1939, Paderborn 2010, S. 599.

ZitierweiseGrzegorz Rossolinski-Liebe: Rezension zu: Alwart, Jenny: Mit Taras Ševčenko Staat machen. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in der Ukraine vor und nach 1991. Köln 2012, in: H-Soz-Kult, 24.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-217>.

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