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Historische Bildungsforschung Online

T. Töpfer: Die „Freyheit“ der Kinder

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Michael Geiss <mgeissife.uzh.ch>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Michael Geiss und Joachim Scholz). www.fachportal-paedagogik.de/hbo/

Autor(en):
Titel:Die „Freyheit“ der Kinder. Territoriale Politik, Schule und Bildungsvermittlung in der vormodernen Stadtgesellschaft. Das Kurfürstentum und Königreich Sachsen 1600–1815
Reihe:Contubernium 78
Ort:Stuttgart
Verlag:Franz Steiner Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-515-10042-7
Umfang/Preis:XIV, 482 S.; € 74,00

Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:

Marcel Rothen, Historisches Institut, Universität Bern
E-Mail: <marcel.rothenstudents.unibe.ch>

Im Zentrum der schulhistorischen Dissertation von Thomas Töpfer steht das dichotome Spannungsverhältnis von normativ-landesherrlicher Lenkung und dem Einfluss lokaler Umstände auf die Ausprägung und Genese der städtischen Schulwirklichkeit im frühneuzeitlichen Kursachsen. Damit folgt der Autor einem verwaltungsgeschichtlichen Zugriff auf das niedere Schulwesen, wie ihn Wolfgang Neugebauer mit seiner bekannten Studie zum preußischen Schulwesen exemplarisch für die neuere Schulgeschichte vorgelegt hat.[1] Die diversen Handlungsakteure der verschiedenen Staatshierarchieebenen werden ebenso thematisiert wie die Instrumente zur Durchsetzung ihrer Interessen. Durch die bewusste Fokussierung auf das städtische Schulwesen setzt Töpfer aber neue, innovative Akzente, wobei er das gesamte Spektrum an städtischen Bildungsangeboten von Elementar-, privaten Winkel-, bis zu höheren Lateinschulen in seine umfassende Betrachtung integriert. Besonders der ausführliche Miteinbezug der privaten Winkelschulangebote im städtischen Raum stellt für die aktuelle Bildungsforschung einen bedeutenden Mehrwert dar, da dieses Forschungsfeld der Schulgeschichte bislang noch kaum in größeren Zusammenhängen und vergleichend über ein umfassenderes Territorium untersucht wurde.[2] Der Zeithorizont der Studie erstreckt sich als ein chronologischer Längsschnitt von 1600 bis ins nachnapoleonische frühe 19. Jahrhundert, wobei Töpfer insgesamt fünf vertiefende Zeitschnitte von je ungefähr einem halben Jahrhundert erstellt. Die Arbeit ist nach einer ausführlichen Darstellung des Forschungsstandes und der Methodenerläuterung in fünf thematisch-zeitliche Einzelkapitel unterteilt. Dem folgen ein Vergleich der bildungsgeschichtlichen Entwicklung mit anderen Territorien sowie eine konzise Zusammenfassung in 19 Kernpunkten.

In den ersten beiden Kapiteln rekonstruiert Töpfer die Perspektive „von oben“ anhand der Entwicklungen des obrigkeitlich-landesherrlichen Schulregiments von der Nachreformation bis ins frühe 18. Jahrhundert auf Basis von normativen Ordnungen und umfangreichen Visitationskorrespondenzen der obersten Kirchenräte, des so genannten Oberkonsistoriums. Dabei zeichnet der Autor das antagonistische Bild einer schon früh aufblühenden lokalen Bildungslandschaft unter einer normativ schwach regulierend eingreifenden Herrschaft. Die vielfältigen lokalen Ebenen erwiesen sich als durchaus in der Lage, autonom „auf gewandelte Bildungsnachfrage und veränderte soziale Bedingungen zu reagieren“ (S. 60), ohne auf obrigkeitliche Normierungen angewiesen zu sein. Trotz zahlreicher Reformabsichten im Bereich des Fächercurriculums und der sozialen Bedingungen der Schulmeister verfolgte das Oberkonsistorium bis ins späte 18. Jahrhundert eine konservative Politik der „Stabilisierung bewährter Strukturen“ (S. 408) und überließ Verbesserungen der schulischen Zustände daher weitgehend den lokalen Kräften. Dieser implizierte Unwille zu strukturellen Veränderungen steht allerdings in Kontrast zu den vielen zitierten Äußerungen reformwilliger Akteure in den hohen Ämtern und zur absolutistisch-herrschaftsdurchdringenden Rolle der frühneuzeitlichen Territorialstaaten.

In den Kapiteln drei und vier folgt die Perspektive von „unten“. Töpfer zeichnet hierin ein facettenreiches und sehr dichtes Bild von den noch wenig erforschten privat-gewerblichen Winkelschulen und deren spannungsgeladenem Verhältnis zu den öffentlich-lateinischen Schulen am Beispiel der Städte Leipzig und Dresden. Der lokale Bildungsmarkt und nicht etwa die Obrigkeit haben überraschenderweise das konkrete schulische Angebot vor Ort seit dem 16. Jahrhundert maßgeblich bestimmt und damit insbesondere privaten Bildungsanbietern die Möglichkeit eröffnet, als Winkelschullehrer nachfragebedingte Nischen wie Schreiben, Rechnen oder andere Realienfächer abzudecken, die nur bedingt von den öffentlichen höheren Schulanstalten angeboten wurden. Das private niedere Winkelschulwesen habe gar gegenüber dem öffentlichen Schulwesen eine quantitativ „klar beherrschende Stellung“ (S. 169) eingenommen und wird für Töpfer zu einem „zentralen Strukturelement des lokalen Bildungswesens“ der Städte (S. 170), zumal sich öffentliche Schulen bezüglich Realienunterricht sehr reformskeptisch präsentierten. Ferner ermöglichte die lokale Ausgestaltung des Bildungsangebotes die der Studie titelgebende „Freiheit“ seitens der Eltern, die Nachfrage nach Bildung für ihre Kinder zweckorientiert zu selektieren. Die curricularen Forderungen nach verstärkter Realienlehre und damit die anhaltende Konkurrenzsituation öffentlicher und privater Schulen zogen sich durch das ganze 18. Jahrhundert weiter, denn das privat-gewerbliche Schulwesen blieb mehrheitlich nicht nur obrigkeitlich geduldet, sondern konnte gar über den Erhalt von Konzessionen legalisiert werden. Töpfer zeigt damit gleichwohl auf, dass das Verhältnis zwischen öffentlichen Stadtschulen und den privaten Winkelschulen keineswegs von reiner Konkurrenz, sondern auch durch Komplementarität und Gleichberechtigung geprägt war, übernahmen die Winkelschulen doch einen Großteil der Elementarbildung, die „an den Stadtschulen kaum angemessen zu gewährleisten war“ (S. 243). Das semilegale Winkelschulwesen wird damit von Töpfer zu Recht als wichtiger Bestandteil städtischer Elementarbildung in ein völlig neues Licht gerückt.

Im fünften Kapitel beschreibt Töpfer zusammenfassend die Entwicklungen des sächsischen Schulwesens am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, wobei er neben lokalen Veränderungen auch die letztendlich wenig erfolgreichen Reformbestrebungen der Obrigkeit mittels neuer Schulordnungen und Dekrete analysiert. Entscheidend für die anhaltend schwache obrigkeitliche Tätigkeit im städtischen Schulwesen sei die wegweisende Einsicht des Oberkonsistoriums gewesen, dass Reformbemühungen von unten auf lokaler Ebene als wichtiger und erfolgsversprechender zu taxieren seien, als von oben dekretierte neue Erlasse und Normierungen, was in der Konsequenz letztendlich zum schulpolitischen Reformstau auf normativer Ebene bis in die 1830er-Jahre führte. Auch im Vergleich der bildungsgeschichtlichen Entwicklung Sachsens mit ausgewählten Territorien des alten Reiches zeigt Töpfer auf, dass der Modernisierungstrend der schulischen Strukturen aufgrund lokaler Initiativen von unten schon vor der Aufklärung und damit früher als anderswo begann und diese Erneuerungen keiner zentralen Steuerung bedurften, und „mit den Mitteln des vorkonstitutionellen Staatswesens kaum effektiv durchzusetzen gewesen wäre[n]“ (S. 355). Die Studie untermauert damit die Tendenz neuerer Forschungen, im Lokalismus und nicht im obrigkeitlichen Staatswesen den Schlüssel zur Ausgestaltung und Genese des frühneuzeitlichen Schulwesens zu suchen. Ferner dürfen fehlende normative Reformen nicht mehr pauschal mit konservativer Rückständigkeit gleichgesetzt werden, sofern aktive Lokalstrukturen vorhanden waren.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die sehr lesenswerte Studie mit der breiten Erforschung des Verhältnisses von öffentlichen Stadtschulen und privaten Winkelschulen im Spannungsfeld von obrigkeitlicher Herrschaft und lokaler Umstände zweifellos eine bedeutende Bereicherung für die Elementarschulforschung darstellt. Besonders die starke Beharrungskraft lokaler Faktoren bei gleichzeitig starker Reformorientierung stellt gängige Wissensmuster in Frage. Wenngleich die Studie keinen Totalanspruch auf die Rekonstruktion des gesamten städtischen Schulwesens von Sachsen erhebt, wäre aufgrund der starken quellentechnischen Schwerpunktlegung auf Leipzig und Dresden eine räumliche Einschränkung angezeigt gewesen, zumal die Ergebnisse der einzelnen Landesstädte zwar spannend, aber gleichzeitig einen verwirrenden Eindruck auf den Lesenden hinterlassen und noch kaum verallgemeinerbar sind. Ferner ist der irritierende Titel der Arbeit zu kritisieren, der eigentlich „die Freiheit der Eltern“ heißen müsste, stellte doch die elterlich reklamierte freie Schulwahl überhaupt erst die Voraussetzung für ein ausgedehntes Winkelschulwesen dar. Gleichwohl müssen die immense Quellendichte, mit welcher Töpfer seine Forschungen untermauert, und der daraus resultierende enorm hohe Informationsgehalt hervorgehoben werden, die das Werk zur Pflichtlektüre für Schulhistorikerinnen und -historiker machen. Es ist zu hoffen, dass ausgehend von dieser Studie weitere flächenhafte Untersuchungen zum Winkelschulwesen in anderen städtischen Regionen folgen werden.

Anmerkungen:
[1] Wolfgang Neugebauer, Absolutistischer Staat und Schulwirklichkeit in Brandenburg-Preussen, Berlin 1985.
[2] Eine Ausnahme ist die Lokalstudie von Luca Godenzi, Das Zürcher Privatschulwesen (1800–1820), in: Bildungsgeschichte, International Journal for the Historiography of Education, 2 (2012), S. 176–192.

ZitierweiseMarcel Rothen: Rezension zu: Töpfer, Thomas: Die „Freyheit“ der Kinder. Territoriale Politik, Schule und Bildungsvermittlung in der vormodernen Stadtgesellschaft. Das Kurfürstentum und Königreich Sachsen 1600–1815. Stuttgart 2012, in: H-Soz-Kult, 10.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-180>.

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