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Neuere Geschichte

S. Scharte: Preußisch-deutsch-belgisch

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Daniel Menning <daniel.menninguni-tuebingen.de>
Autor(en):
Titel:Preußisch – deutsch – belgisch. Nationale Erfahrung und Identität. Leben an der deutsch-belgischen Grenze im 19. Jahrhundert
Reihe:Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 115
Ort:Münster
Verlag:Waxmann Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8309-2406-7
Umfang/Preis:242 S.; € 29,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Johannes Großmann, Universität Tübingen
E-Mail: <johannes.grossmannuni-tuebingen.de>

Eine arglose Schafherde, die für die angebliche Überschreitung einer Landesgrenze in Geiselhaft genommen wird; ein entflogener Papagei, der die „Wacht am Rhein“ intoniert und für deutsche Schuhcreme wirbt: Sebastian Scharte umrahmt seine Studie mit zwei amüsanten Beispielen für die Willkürlichkeit nationaler Grenzziehungen und die Beliebigkeit identitärer Selbst- und Fremdzuschreibungen, die selbst Tiere zum Gegenstand von Gebietsstreitigkeiten und zu Trägern nationaler Gesinnung werden lassen.

Mit seiner mikrogeschichtlichen Untersuchung zu den Kreisen Eupen und Malmedy im Zeitraum zwischen dem Wiener Kongress und dem Erstem Weltkrieg – der Druckfassung einer im Jahr 2008 an der Universität Münster verteidigten Dissertation – zielt Scharte darauf ab, „aus volkskundlich-ethnologischer Perspektive Nationalismus und nationale Identität an [der] Westgrenze Deutschlands nachzuzeichnen und zu analysieren“. Im Zentrum des Interesses stehen dabei die „Wechselwirkungen zwischen individueller Grenzwahrnehmung und kollektivem Deutsch-Sein“ im Spannungsfeld „deutscher“, „belgischer“ und „preußischer“ Identitätsangebote (S. 10). Freilich weist der Horizont der Studie weit über eine einfache lokalhistorische Analyse von Nationsbildungsprozessen hinaus, indem sie den bis dahin recht überschaubaren Forschungsstand zur Geschichte des deutsch-belgischen Grenzgebietes im 19. Jahrhundert resümiert und um alltags- und kulturgeschichtliche Perspektiven erweitert.

In methodischer Hinsicht verortet Scharte seine Studie innerhalb der in den 1980er-Jahren eingeleiteten „konstruktivistischen Wende“ der Nationalismusforschung (S. 12), wobei er Konzepte von Benedict Anderson („imagined communities“) und Eric Hobsbawm („invention of tradition“) aufgreift und sie auf lokale bzw. (trans-)regionale Zusammenhänge anwendet. Neu an diesem Ansatz ist die konsequente Historisierung der seit einigen Jahren mit großer Euphorie und oft allzu aufklärerischem Impetus geführten Diskussionen über „Grenzerfahrungen“, „Grenzlandidentitäten“ und „Grenzlandschicksale“. Als Grundlage dafür dient die sorgfältige texthermeneutische Analyse eines heterogenen, aber mit Weitsicht zusammengestellten und durchaus originellen Quellenkorpus, der neben staatlichen, privaten und vereinseigenen Archivbeständen insbesondere Autobiographien, Reisejournale, zeitgenössische Druckschriften und regionale Presseerzeugnisse umfasst.

Die gut lesbare, stringente und mit einem Umfang von gerade einmal 200 Textseiten erfreulich knapp gehaltene Darstellung gliedert sich in fünf systematisch angelegte Kapitel, die den Untersuchungsgegenstand von unterschiedlichen Perspektiven aus einkreisen. Nach einem kurzen historischen Abriss über den in Anlehnung an ein älteres Forschungsprojekt als „Grenzland seit Menschengedenken“[1] charakterisierten Untersuchungsraumes betrachtet Scharte in einem zweiten Kapitel die von den politischen Entwicklungen und Umbrüchen ausgehenden „Identitätsangebote und Identitätskonflikte“ sowie deren Rückwirkungen auf die „örtliche[n] Alltagswelten“ (S. 45) der Grenzlandbevölkerung. Neben der Belgischen Revolution von 1830, den revolutionären Ereignissen der Jahre 1848/49 und den deutschen Einigungskriegen werden dabei vor allem die im zeitlichen Umfeld der Reichsgründung ausgetragenen „Kulturkämpfe“ thematisiert, die in den katholisch geprägten Gebieten um Eupen und Malmedy eine besondere Qualität erreichten.

Im folgenden Kapitel werden unter der Überschrift „Das Fremde“ diejenigen Alternativen zum Deutsch-, Preußisch- oder Katholisch-Sein in den Blick genommen, mit denen sich die Bewohner der Grenzregion tagtäglich konfrontiert sahen. Außer dem benachbarten Belgien sowie den Reisenden und Gästen, die in Eupen und Malmedy Station machten, zählten dazu insbesondere die wallonische Minderheit im „eigenen“ Land und das wegen seiner Zinkspatvorkommen zwischen Belgien und Preußen umstrittene staatsrechtliche Kuriosum Neutral-Moresnet. Abgerundet wird die Untersuchung durch zwei kurze Kapitel über die – am Beispiel von Feier- und Gedenkveranstaltungen, der Errichtung von Denkmälern und der Lokalgeschichtsschreibung verdeutlichten – „Arbeiten am nationalen Gedächtnis“ sowie über die – durch „Hohe Besuche“, die von der Zentralverwaltung eingesetzten politischen Autoritäten, das Vereinswesen und den Eisenbahnbau verkörperte – Präsenz der „Nation im Ort“.

In seinem Resümee kommt Scharte zum Ergebnis, der Prozess der Nationsbildung sei „in den Grenzkreisen Eupen und Malmedy subtil verlaufen und von Brüchen gekennzeichnet“ gewesen. Dennoch habe sich „aus einer willkürlich gezogenen Grenze des frühen 19. Jahrhunderts“ bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs „eine alltäglich erfahrbare ‚Gesinnungsgrenze‘“ entwickelt (S. 203). Dabei verweist Scharte auf die situativ höchst unterschiedliche Wahrnehmung und Aneignung der Grenze, die in Abhängigkeit von Zeitraum, Ort und individuellen Interessen als „Ärgernis“, als „Ordnungs- und Ruhepunkt“ oder als „Fluchtpunkt“ angesehen und die die Bevölkerung letztlich „so pragmatisch in Lebensführung und -deutung“ einbezog, „wie sie sich gleichzeitig das Deutsch-Werden aneignete“ (S. 206).

Die Studie überzeugt durch die methodisch reflektierte Verbindung ethnologischer und historischer Perspektiven, die gängige Topoi hinterfragt und Nationsbildung nicht als politisch verordneten, eindimensionalen und zwangsläufig konfliktgeladenen Abgrenzungsprozess, sondern vielmehr als richtungsoffene kulturelle Praxis mit breiten individuellen Handlungsspielräumen interpretiert. Zwar ließe sich darüber streiten, ob die von Scharte herausgegriffenen Beispiele tatsächlich alle die Alltagsperspektive wiedergeben oder – den ausgewerteten Quellen folgend – eben doch größtenteils außergewöhnliche Ereignisse und historische Phasen ablichten. Auch mag der Leser bemängeln, dass das Kapitel über die Identitätskonflikte mit rund 80 Seiten übermäßig lang geraten ist und dadurch den Aspekt der Abgrenzung stärker gewichtet, als es dem Autor selbst lieb sein mag. Derartige Einwände schmälern jedoch in keiner Weise den Verdienst dieser Studie, die zweifelsohne einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis von Nationsbildungsprozessen auf lokaler und (trans-)regionaler Ebene leistet und unser Wissen über die Alltags-, Mentalitäts- und Kulturgeschichte der deutsch-belgischen Grenzregion im 19. Jahrhundert beträchtlich erweitert.

[1] Groupe de Recherches et d’Études sur la Communication Culturelle (Hrsg.), Grenzland seit Menschengedenken. Identität und Zukunft der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, 4 Bibliokassetten, Eupen 1990–1992.

ZitierweiseJohannes Großmann: Rezension zu: Scharte, Sebastian: Preußisch – deutsch – belgisch. Nationale Erfahrung und Identität. Leben an der deutsch-belgischen Grenze im 19. Jahrhundert. Münster 2010, in: H-Soz-u-Kult, 28.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-235>.

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