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Außereuropäische Geschichte

J. Yang: Grabstein

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Thoralf Klein <T.E.Kleinlboro.ac.uk>
Autor(en):
Titel:Grabstein - Mùbei. Die große chinesische Hungerkatastrophe 1958–1962
Ort:Frankfurt am Main
Verlag:S. Fischer
Jahr:
ISBN:978-3-10-080023-7
Umfang/Preis:€ 28,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Felix Wemheuer, Institut für Ostasienwissenschaften, Universität Wien
E-Mail: <felix.wemheuerunivie.ac.at>

Der chinesische Journalist Yang Jisheng hat mit dem Buch „Grabstein“ ein monumentales Standardwerk über die große Hungersnot in Mao Zedongs China zwischen 1958 und 1962 verfasst. Die chinesische Originalfassung erschien 2008 in Hongkong, ist aber auf dem Festland verboten. Allerdings zirkulieren auch dort Kopien und Internetversionen. Der Fischer Verlag und der Übersetzer Hans Peter Hoffmann haben keine Mühe gescheut, eine gekürzte 791-seitige Fassung auf Deutsch herauszugeben. Eine komplette Übersetzung des Originals hätte sicher mehr als 1500 Seiten umfasst. Hoffmann ist es gelungen, Yangs etwas sperrigen Parteijargon in lesbares Deutsch zu übertragen.

Yang ist kein Dissident, sondern langjähriges Mitglied der KPCh und Mitarbeiter der staatlichen Nachrichtenagentur „Xinhua“. Sein eigener Vater verhungerte während des „Großen Sprungs nach vorne“ 1959. Ihm ist das Buch als symbolischer Grabstein gewidmet. Yangs Glauben an die Partei wurde damals aber nicht erschüttert, weil er den Hunger für ein lokales Problem hielt. Erst später wurde ihm das nationale Ausmaß der Katastrophe klar, dessen Opfer er auf mindestens 36 Millionen Tote beziffert. „Grabstein“ ist das erste Buch, das hauptsächlich auf Dokumenten aus den Provinzarchiven basiert. Das Zentrale Parteiarchiv in Peking gewährt bisher nur wenigen Forschern aus dem innersten Zirkel der Elite Einlass.

„Grabstein“ beginnt mit einer detaillierten Darstellung der Hungersnot in den Provinzen Henan, Gansu, Sichuan und Anhui. Yang argumentiert, dass vor allem die Interaktion zwischen der Zentralregierung und Provinzführern zu einer Radikalisierung des „Großen Sprungs“ führte. Der Parteisekretär von Sichuan, Li Jingquan, ignorierte sogar Anweisungen der Zentralregierung, Getreidequoten zu senken und Privatparzellen für die Bauern wieder zuzulassen, weil er glaubte, so Mao besser „zuzuarbeiten“. Die Hungersnot dauerte in „Chinas Reiskorb“ ein Jahr länger als im Rest des Landes an und forderte allein dort 10 bis 12 Millionen Todesopfer.

Yang belegt, dass bei zahlreichen lokalen „Zwischenfällen“ (Shijian) auch Tausende Bauern von Kadern erschlagen worden sind, weil sie Abgabequoten nicht erfüllten oder angeblich Getreide versteckten. Erst durch „Grabstein“ sind auch die Dimensionen des Terrors klar geworden. Leider sind in der deutschen Fassung acht weitere Kapitel über die Hungersnot in Provinzen nicht enthalten. Gerade dieser Teil des Buches hätte auch für akademische Experten viele neue Informationen geboten.

Weniger innovativ sind die restlichen Kapitel von „Grabstein“, in denen die Entwicklung des „Großen Sprungs“ auf nationaler Ebene in epischer Breite dargestellt wird. Die Erklärungen für die Hungersnot, die Yang vorbringt, sind keinesfalls neu. Er macht das „totalitäre System“ und dessen Basiseinheit, die Volkskommunen, für die Katastrophe verantwortlich. Die Hauptschuld sieht er bei Mao Zedong, dem „neuen Kaiser“. Da sich fast niemand traute, Mao zu widersetzen, hätten viele Kader nur Positives gemeldet. Das „totalitäre System“ habe generell unter Informationsdefiziten und fehlenden Korrekturmechanismen gelitten. Interessanter als diese altbekannten Erklärungen, sind Yangs Hinweise, dass die Regierung das Massensterben auf dem Land vor allem hinnahm, um die Städte weiter zu ernähren.

„Grabstein“ ist Pflichtlektüre für alle, die sich für die großen Katastrophen des 20.Jahrhunderts interessieren. Allerdings sind die Quellenangaben für die Archivmateriellen unvollständig und machen es anderen Wissenschaftlern unmöglich, sie zu finden. Auch ein Vergleich mit Solschenizyns „Der Archipel Gulag“ (1973) ist unpassend, da Yang kein Literat ist. Ein großer kommerzieller Erfolg von „Grabstein“ würde mich überraschen, da das Buch für den interessierten Laien, der sich mit der Geographie der Provinzen und dem politischen System nicht auskennt, viel zu detailreich sein dürfte. Die Übersetzung ins Deutsche ist dennoch ein Verdienst des Fischer-Verlags.

ZitierweiseFelix Wemheuer: Rezension zu: Yang, Jisheng: Grabstein - Mùbei. Die große chinesische Hungerkatastrophe 1958–1962. Frankfurt am Main 2012, in: H-Soz-u-Kult, 09.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-018>.

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