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Zeitgeschichte (nach 1945)

L. Jockusch: Collect and Record!

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Miriam Rürup <miriam.ruerupgmx.de>
Autor(en):
Titel:Collect and Record!Jewish Holocaust Documentation in Early Postwar Europe
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-976455-6
Umfang/Preis:XV, 320 S.; £ 20.40

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Stephan Stach, Institut für Slavistik, Universität Leipzig
E-Mail: <stachuni-leipzig.de>

Mit „Collect and Record“ legt Laura Jockusch eine Pionierstudie über das Wirken jüdischer historischer Kommissionen im Europa der späten 1940er-Jahre vor, die außergewöhnlich gut gelungen ist. Dies liegt zum einen daran, dass Jockusch überzeugend aufzeigt, wie die Aufarbeitung des Holocaust nicht erst in den 1960er-Jahren begonnen hat. Zwar hat diese Sichtweise in den letzten Jahren bereits einige Risse bekommen[1], im deutschsprachigen Raum etwa durch das Interesse an der Person Joseph Wulfs.[2] Eine wirkliche Revision des tradierten Bildes, wonach die historische Aufarbeitung des Holocaust erst mit Raul Hilbergs in der Tat wegweisender Studie „The Destruction of European Jews“[3] begonnen habe, blieb bisher aus.[4]

Zum anderen – und dies ist weit wichtiger – liegt der Wert von Jockuschs Buch darin, dass sie nicht nur die Arbeit der 1.000–2.000 jüdischen Frauen und Männer beschreibt, die sich in Frankreich, Polen, Österreich, Italien, den Displaced Persons (DP) Camps im besetzten Deutschland sowie einer ganzen Reihe weiterer Länder mit der Dokumentation der deutschen Verbrechen an den europäischen Juden befassten, sondern auch, dass sie sich intensiv mit deren doppelter Rolle als Überlebende und Historiker auseinandersetzt. Dafür verwendet die Autorin den – aus späteren Auseinandersetzungen mit Forschern, die selbst nicht Holocaustüberlebende waren, hervorgegangenen[5] – Begriff survivor historians. Jockusch verortet diese erste Phase der Holocaustforschung und -dokumentation auch vor dem Hintergrund der historiographischen Tradition des osteuropäischen Judentums, der damaligen geistes- und sozialwissenschaftlichen Methodik und den nationalen sowie transnationalen Kontexten, um sie schließlich zu Entwicklung und Debatten der „kanonisierten“ Holocaustforschung seit den 1960er-Jahren in Beziehung zu setzen. Und gerade hier legt sie dar, dass Neuerungen in dieser Disziplin, wie die stärkere Einbeziehung der Opferperspektive oder die oral history von den Historischen Kommissionen vorweggenommen wurden.

Im ersten Kapitel zeichnet Jockusch die Genealogie der, von den Zeitgenossen auf Jiddisch als Khurbnforshung (vom jiddischen Khurbn – Katastrophe) bezeichneten, Holocaustforschung nach, der sich die verschiedenen Historischen Kommissionen widmeten. Dabei verweist sie auf deren Wurzeln, die von der durch Simon Dubnow angeregten Dokumentation anti-jüdischer Gewalt nach dem Pogrom von Kishinev bis hin zu Emanuel Ringelblums Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos reichen. Auch die vom Wilnaer YIVO seit Mitte der 1920er-Jahre etablierte Zamler-Kultur, die Laien ermunterte, historische Dokumente und Artefakte zu sammeln, sowie dessen sozialwissenschaftlich orientiere Methodik bildeten einen Teil ihres Fundaments. Darauf aufbauend etablierten Philip Friedman und andere survivor historians Khurbnforshung als wissenschaftliche Disziplin. Der Transfer dieser Methodik zu den Historischen Kommissionen in Frankreich, Polen oder den DP-Camps erfolgte, wie Jockusch aufzeigt, über deren aus Osteuropa stammende Mitarbeiter.

In drei Kapiteln widmet sich die Autorin der Entstehungsgeschichte und dem Wirken des Centre Documentation Juive Contemporaine (CDJC) in Frankreich, der Centralna Żydowska Komisja Historyczyna (CŻKH) in Polen und verschiedenen in DP-Camps entstandenen oder von (ehemaligen) DPs gegründeten historischen Kommissionen im besetzten Deutschland, Österreich und Italien. Auch wenn die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kommissionen für ihre Dokumentationsarbeit sich zu weiten Teilen aus einem Pflichtgefühl gegenüber den Ermordeten speiste und als eine Art „symbolischer Grabstein“ für die Umgekommenen verstanden wurde, unterschied sich die konkrete Herangehensweise und Zielsetzung, die mit der Arbeit verbunden war, teils enorm.

Der Fokus des CDJC, das bereits 1943 in Grenoble gegründet und 1945 in Paris wiederbelebt worden war, habe vor allem auf der Sammlung von Dokumenten und der Erstellung von Publikationen zur Aufklärung der Franzosen über das Schicksal der Juden während der deutschen Besatzung gelegen. Dabei sei jedoch vor allem deren Anteil am Widerstand und ihr Einsatz für die französische Nation betont worden. Delikate Themen hingegen, wie beispielsweise der Anteil des Vichy-Regimes an der Judenverfolgung, seien zwar intern klar benannt worden, traten in den Publikationen des CDJC jedoch in den Hintergrund. Schließlich war es das Ziel des CDJC gewesen, so die Autorin, das Schicksal der Juden Frankreichs in das französische Narrativ der deutschen Besatzung zu integrieren. Darin aber kamen Franzosen nur als Opfer oder Résistance-Kämpfer vor, nicht aber als Mittäter.

Die CŻKH sei ebenfalls darum bemüht gewesen, den ermordeten polnischen Juden einen angemessenen Platz in der Erinnerung an die deutsche Besatzung zukommen zu lassen. Die absoluten wie auch die relativen Verluste waren hier deutlich größer gewesen als in Frankreich: Von der einst größten jüdischen Gemeinschaft im Vorkriegseuropa war weniger als ein Zehntel übrig geblieben. Zugleich war die CŻKH, wie Jockusch herausstellt, stark professionalisiert: In ihr gab es die meisten ausgebildeten Historiker, es fanden methodische Diskussionen statt, die nicht nur die eigene Befangenheit als Betroffene, sondern auch die Aussagekraft deutscher Dokumente und die Rolle jüdischer Zeugnisse bei der Darstellung des Holocausts zum Thema hatten. Ergebnis dieser Debatten waren mehrere methodische Leitfäden zum Sammeln von Überlebendenberichten und anderen Quellen. Diese Überlegungen übten auch weit über die Grenzen Polens hinaus Einfluss aus, da viele Mitarbeiter der CŻKH Polen unter dem Eindruck antijüdischer Gewalttaten und des sich etablierenden kommunistischen Herrschaftssystems verließen. Nicht selten setzten sie ihre Arbeit dann in DP-Camps in der amerikanischen oder britischen Besatzungszone Deutschlands fort.

Dort, so stellt Jockusch heraus, musste sich die Arbeit der Historischen Kommissionen, anders als in Frankreich oder Polen, nicht in einen nationalen Kontext einordnen. Ihr Bezugspunkt sei die jüdische Bevölkerung in den DP-Camps bzw. – bei den zahlreichen zionistischen Aktivisten – die Gesellschaft eines zukünftigen jüdischen Staates in Palästina gewesen. In dieser „Transitphase“ hätten die Kommissionen einerseits als kulturelle Institutionen des Lagers gedient, andererseits hätten ihre Mitarbeiter zunehmend offensiv um die Abgabe von Berichten werben müssen, da viele der Überlebenden sich eher auf ihre Zukunft konzentrierten.

Die beiden österreichischen Kommissionen, in Wien von Towia Frydman und in Linz von Simon Wiesenthal geleitet, hatten einen anderen Schwerpunkt und zielten vordringlich auf eine strafrechtliche Verfolgung von NS-Tätern. Zur Ergreifung und Verurteilung dieser sammelten die beiden „Jüdischen Historischen Dokumentationen“ Zeugenaussagen und Hinweise auf die Aufenthaltsorte der Täter. Tatsächlich zeitigte ihre Arbeit einige Erfolge, auch wenn die Mehrzahl der Urteile nicht den Erwartungen entsprach.

Im letzten Kapitel wendet sich Jockusch den Vernetzungs-, Koordinations- und Zentralisierungsbemühungen der verschiedenen Historischen Kommissionen zu. Wie die Autorin schildert, gab es bei vielen Historischen Kommissionen Bestrebungen, die Kräfte zur Dokumentation des Holocaust zu bündeln. Die Initiative übernahm schließlich das CDJC, das im Dezember 1947 in Paris eine Konferenz der verschiedenen ost- und westeuropäischen Dokumentationszentren veranstaltete. Wenngleich die erhofften Möglichkeiten zum Austausch über die jeweilige lokale historische Erfahrung und Fragen der methodischen Bewältigung einer wissenschaftlichen Aufarbeitung des Khurbn deutlich geringer ausfielen als erhofft, gelang es ein Comité Européen de Coordination zu etablieren. Dieses sollte ein Forum bieten, um die aufgekommenen Fragen vertiefend zu behandeln, aber auch, wie Jockusch darlegt, auf ein gesamteuropäisches Narrativ über den Holocaust hinarbeiten. Dass die Bemühungen letztlich erfolglos blieben, lag nicht nur an der Verlagerung des Schwerpunktes der finanziellen Förderung in das gerade entstehende Israel. Auch politisch schien es vielen opportuner, dort, im jüdischen Staat die Erforschung und Dokumentation des Holocausts zu konzentrieren. Und schließlich trug auch die Spaltung Europas im heraufziehenden Kalten Krieg seinen Teil zum Scheitern bei.

Bei der Behandlung des Kalten Krieges als Kontext der frühen Holocaustforschung zeigt sich die vielleicht einzige Schwäche von Jockuschs Studie, nämlich in der eher undifferenzierten, westlichen Perspektive auf die politischen Zwänge, denen die Forschung östlich des Eisernen Vorhangs unterlag. Während Jockusch am Beispiel des CDJC, dessen Entwicklung sie bis zur Mitte der 1950er-Jahre betrachtet, sehr gelungen darstellt, wie politische Aspekte in die Darstellung des und das Gedenken an den Holocaust hineinspielen, beendet sie ihre Darstellung zum polnischen Fall bereits 1947 mit der Umgestaltung der CŻKH ins Jüdische Historische Institut. Pauschalisierend konstatiert sie, dass die zunehmende Stalinisierung des Landes die Forschung zum Holocaust unmöglich gemacht hätte. Am Beispiel des Jüdischen Historischen Instituts hätte sich jedoch, gerade in der Gegenüberstellung mit dem CDJC, konkret aufzeigen lassen, wie sich die politische Einflussnahme auf dessen Arbeit tatsächlich gestaltete.

Am positiven Gesamtbild ändert dieser Kritikpunkt jedoch nichts. Mit ihrer Studie leistet Laura Jockusch einen substantiellen Beitrag zur Historiographie der Holocaustforschung, der einige bisherige Annahmen und Mythen widerlegt oder zumindest relativiert. Mit ihrer Darstellung der Arbeit der Historischen Kommissionen weist sie zudem deutlich auf den Wert der von ihnen hinterlassenen Quellen hin – allen voran tausende unmittelbar nach deren Befreiung mit Überlebenden geführte Interviews. Ihrer Aufforderung in den Schlussbetrachtungen, dieses Material stärker in die Erforschung und Darstellung des Holocaust einzubeziehen, ist nur zuzustimmen. „Collect and Record“ ist dazu eine geeignete Einführung.

Anmerkungen:
[1] Gabriel N. Finder u.a. (Hrsg.), Making Holocaust Memory (=POLIN: Studies in Polish Jewry 20), Oxford 2008; Boaz Cohn, Israeli Holocaust Research. Birth and Evolution, London 2013, Klaus Kempter (Hrsg.), Frühe Jüdische Holocaustforschung, Schwerpunkt in: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts Bd. 11 (2012), S. 301–388.
[2] Dieses Interesse entstand vor allem durch Nicolas Bergs Studie „Der Holocaust und die westdeutschen Historiker: Erforschung und Erinnerung“ (Göttingen 2003). Unlängst legte Klaus Kempter eine umfassende Biographie Wulfs vor: Klaus Kempter, Joseph Wulf. Ein Historikerschicksal in Deutschland, Göttingen 2013. Auch: Nicolas Berg, Ein Außenseiter der Holocaustforschung. Joseph Wulf (1912–1974) im Historikerdiskurs der Bundesrepublik, in: Leipziger Beiträge zur jüdischen Geschichte und Kultur, Bd. 1, München 2003, S. 311–346.
[3] Raul Hilberg, The Destruction of the European Jews, Chicago 1961. Die Einschätzung, dass die Holocaustforschung erst mit diesem Buch begann, stammt von Michael R. Marrus, The Holocaust in History, New York 1987.
[4] Inzwischen sind zwei weitere Monographien erschienen, die sich mit der frühen Aufarbeitung des Holocausts beschäftigen: Boaz Cohen, Israeli Holocaust Research. Birth and Evolution, London 2013, und Elisabeth Gallas, „Das Leichenhaus der Bücher“. Kulturrestitution und jüdisches Geschichtsdenken nach 1945, Göttingen 2013.
[5] Dazu: Cohen, Israeli Holocaust Research, insbesondere S. 23–54.

ZitierweiseStephan Stach: Rezension zu: Jockusch, Laura: Collect and Record! Jewish Holocaust Documentation in Early Postwar Europe. Oxford 2012, in: H-Soz-u-Kult, 02.12.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-174>.

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