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Theoretische und methodische Fragen

T. Etzemüller: Biographien

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Stefan Jordan <jordanndb.badw.de>
Autor(en):
Titel:Biographien. Lesen – erforschen – erzählen
Reihe:Historische Einführungen 12
Ort:Frankfurt am Main
Verlag:Campus Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-593-39741-2
Umfang/Preis:195 S.; € 16,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Benedikt Brunner, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <benedikt.brunnergooglemail.com>

Biografien waren und sind eines der wenigen Produkte auf dem Buchmarkt, mit denen sich auch Historiker erfreuliche Verkaufszahlen erhoffen dürfen. Trotz einer erheblichen Kontinuität der Produktion biografischer Werke geriet dieses Genre durch die Dominanz der Sozialgeschichte seit den 1960er-Jahren in eine Krise. Man untersuchte nun nicht mehr die historisch bedeutsamen Personen, sondern – vereinfacht gesagt – Strukturen und Prozesse historischen Wandels.[1] Insbesondere für Qualifikationsschriften galt, dass die Anfertigung einer Biografie für eine weitere wissenschaftliche Karriere nicht förderlich war. Seit sich die Geschichtswissenschaften verstärkt anderen, oftmals kulturwissenschaftlich angereicherten Strömungen zuwenden, befindet sich auch die Biografie wieder im Aufwind und zwar in solchem Maße, dass manch einer sogar von einem „biographical turn“ spricht.[2] Dabei zeugt eine ganze Reihe von Sammelbänden davon, dass sich im Zuge dessen die Qualität der theoretischen Reflektion erheblich gesteigert hat.[3]

Im Kontext dieser „neuen Wege“ der historischen Biografik steht auch die in der Reihe „Historische Einführungen“ beim Campus Verlag veröffentlichte Monografie von Thomas Etzemüller. In seiner Einleitung umreißt der Autor zunächst seine Ziele. Zum einen will er sein Buch als kritische Anleitung zur Lektüre von Biografien verstanden wissen, zum anderen und eng damit verknüpft möchte er einen Schwerpunkt auf die „Mechanismen der Konstruktion“ (S. 10) legen. Nach einigen kursorischen Anmerkungen über die Popularität des Genres versucht das Kapitel 1.3 näher zu definieren, was eine Biografie ist. Leider beantwortet Etzemüller diese Frage nur insofern, als er auf die Vielfalt und Breite hinweist, die diese Gattung ausmachen. Die Schwierigkeit der Definition versucht er durch einen systemtheoretischen Zugriff zu umgehen. Er sieht Biografien demnach als Beobachtungskategorie, durch welche das Verhältnis von Individuum, Biograf und biografischem Text strukturiert werde (vgl. S. 21f.).

Das zweite Kapitel präsentiert sechs unterschiedliche Beispiele biografischer Arbeit aus einem Entstehungszeitraum zwischen 1984 und 2010. Zwar nimmt dieses Kapitel nur etwas mehr als 20 Seiten in Anspruch, gleichwohl kann man über den Mehrwert dieser Beispiele ebenso streiten, wie über die – nicht transparent gemachten – Kriterien der Auswahl. Die „Vielfalt biographischer Stilmittel“ (S. 46) wird zwar einigermaßen deutlich, doch fragt man sich trotzdem, warum gerade diese Biografien ausgewählt wurden; zumal es in der Reihe der „Historischen Einführungen“ vorgesehen ist, online Quellen bereitzustellen.

Weiterführend ist hingegen das dritte Kapitel zu den „Biographiegeneratoren“ (Alois Hahn[4]), von denen Etzemüller vier ausführlicher diskutiert: das Selbst, Lebensläufe, Ego-Dokumente und „Sonden“. Es geht hier also um die Grundlagen, die biografische Arbeit überhaupt erst ermöglichen, in gewisser Weise um die Frage nach der Entstehung ihrer Quellen. Der erste Abschnitt befasst sich mit verschiedenen Ansätzen der Konstruktion von Subjektivität, unter Bezugnahme auf Michel Foucault und Pierre Bourdieu. Die schwierige Frage, wie diese Prozesse analysiert werden können, wie man sie also aufspürt und bewerten kann, bleibt leider weitestgehend unbeantwortet. In einem zweiten Schritt erörtert Etzemüller den Unterschied zwischen Lebenslauf und Biografie. Er arbeitet sehr ausführlich die Differenzen zwischen den beiden Kategorien heraus und geht auf die spezifischen Probleme, die sich durch die wechselseitigen Beeinflussungen zwischen den beiden ergeben, auf überzeugende Art und Weise ein. Als Ego-Dokumente, den dritten „Biographiegenerator“, versteht Etzemüller „Quellen, in denen Individuen etwas über ihr persönliches Leben und ihre Gefühle erzählen oder preisgeben“ (S. 62). Gerade weil diese Quellengattung für die biografische Arbeit so wichtig ist, kann nur begrüßt werden, dass der Autor hier eine konzise Quellenkritik durchführt. Es ist nicht weiter überraschend, dass er vor allem darauf hinweist, dass Ego-Dokumente nicht die tatsächliche Wahrnehmung eines Individuums abbilden, also keine Antworten auf die Frage, wie es tatsächlich gewesen sein mag, geben können. Vielmehr will er sie als Konstruktionen verstanden wissen, die zudem im zeitlichen Verlauf erheblichen Veränderungsprozessen unterworfen sind. Nicht zuletzt sei die Entstehung von Ego-Dokumenten ein kollektiver Prozess, in den meist sehr viel größere Personengruppen involviert waren, als beispielsweise allein der Autobiograf. Als Letztes exemplifiziert der Verfasser, wie man biografisches Material als „Sonden“ nutzen könne. Er weist hierbei auf administrative Biografien und auf Patientenkarrieren hin. Dies versucht er anhand des schwedischen Sozialstaats zu skizzieren, der sozial abweichendes Verhalten eugenisch zu erklären versuchte.[5]

Das vierte Kapitel setzt sich mit den Quellen der Biografieforschung und deren performativem Charakter auseinander. Neben einigen grundsätzlichen Empfehlungen zur Quellenlektüre als solcher beschäftigt sich der Verfasser hier mit der Entstehung von Nachlässen, Selbstzeugnissen und Bildern. Für alle Quellen gelte, dass sie bloß Realität inszenierten und mehr als nur Informationen böten. Besonders gelungen ist der Abschnitt über die Nachlässe (S. 84–91), in dem auf methodische Schwierigkeiten hingewiesen wird, die in den meisten Arbeiten nicht hinreichend reflektiert werden. Hier wäre der Biografieforschung zu wünschen, gestützt auf die meist ignorierte archivwissenschaftliche Literatur, auf die Etzemüller ausdrücklich hinweist, die Überlieferungsbildung der jeweiligen Nachlässe sofern möglich zu rekonstruieren und in die Auswertung der Bestände stärker einfließen zu lassen.

Erst im fünften Kapitel entfaltet Etzemüller sein eigentliches Programm der „Konstruktion der Biographie“ (S. 102). Das Spannungsfeld zwischen essentialistischen und konstruktivistischen Zugriffen löst er allerdings nicht ganz auf. Er selbst will „die Produzentenseite genauer beschreiben, die Kontexte, in denen ein biographischer Text entsteht“ (S. 105). Verschiedene Elemente beeinflussten die Entstehung und Rezeption solcher Texte, allen voran die Perspektive der Biografen, Auslassungen ebenso wie gängige Narrative und Paratexte (gemeint sind Beglaubigungsstrategien, die das Werk als Biografie ausweisen sollen). In all dem lässt der Verfasser an dieser Stelle die Frage, die er im Anschluss an Jan Romein aufwirft, ob es „ein Leben hinter dem Text oder nur den biographischen Text“ gebe, unbeantwortet. So wichtig die Problematisierung dieses Aspekts ist, so hilfreich wäre es gerade in einem Einführungsbuch gewesen, eine deutlichere Positionierung des Autors finden zu können.

Im sehr anregenden sechsten Kapitel analysiert der Verfasser das Verhältnis von Biografien und gesellschaftlicher Ordnung. Es geht ihm darum, die diversen Funktionalisierungsmöglichkeiten aufzudecken und mögliche Effekte aufzuzeigen. Etzemüller gelangt zu der einleuchtenden These, dass Biografien die soziale Welt mitgestalten und somit „Gegenstand der Analyse von Machtbeziehungen sein“ (S. 149) sollten. Es besteht meines Erachtens ein großes und noch nicht gelöstes methodisches Problem darin, wie sich diese Auswirkungen auf der Rezipientenseite „messen“ lassen könnten. Ein angehängtes Unterkapitel gibt dann einige Hinweise dazu, wie man Biografien als Quellen lesen solle.

Das siebte Kapitel beschäftigt sich mit dem „biographische[n] Paradox“ (S. 153). Diskutiert werden hier vor allem sogenannte Anti-Biografien und experimentelle Werke, die mehr oder weniger explizit im Anschluss an Bourdieu die „biographische Illusion“ kritisieren. Die durch „Biographiegeneratoren“ und den Biografen, respektive Autobiografen konstruierte Kohärenz des Lebens wird hier aufgebrochen und als Mythos entlarvt. Aus diesem Dilemma gibt es allerdings keinen Ausweg, wie Etzemüller anschaulich nachzeichnet – umso wichtiger ist aber, wie er richtig erwähnt, die Reflexion hierüber.

Etzemüllers „Konsequenzen für die Biographie“, die er in seinem Schlusskapitel präsentiert, sind komplex. Eine konstruktivistische Beobachtertheorie à la Luhmann besage, dass man das Leben eines Menschen immer nur selektiv beobachten könne. Dies treffe gleichzeitig auf die Vorstellung des Genres „Biografie“, dass die Leben der Biografierten zur Gänze abzubilden und darzustellen seien. Lebenslauf und Biografie bildeten einen Zirkel, der sich historisch immer wieder verändert habe und in dem die Subjekte entstanden seien. „Das zum Modell für biographisches Schreiben zu machen, hieße, die Biographie eines Lebens zu schreiben, an der biographischen Gestaltung von Leben mitzuwirken und diese spezifische Form des Schreibens samt ihrer Effekte zu reflektieren.“ (S. 175)

Biografie ist ein „überraschend komplexes Genre“ (S. 7), und nicht weniger komplex ist Etzemüllers Einführungsbuch, das leider an einigen Stellen an seiner Kürze krankt und das seinen Anspruch, ins Lesen, Erforschen und Erzählen von Biografien einführen zu wollen, nicht in vollem Umfang erfüllt. Nichtsdestotrotz ist Etzemüllers Appell, vermeintliche Selbstverständlichkeiten der Biografieforschung aufzubrechen und stärker reflektiert die Konstruktionsmechanismen aufzudecken und nachzuvollziehen wichtig und richtig.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Georg G. Iggers, Historiography in the Twentieth Century. From Scientific Objectivity to the Postmodern Challenge, Middletown, CT 2005, S. 65–77.
[2] Wie dies, wenn auch mit einem Fragezeichen versehen, Simone Lässig in einem Tagungsbericht tut: dies., Toward a biographical turn? Biography in modern historiography – modern historiography in biography, in: German Historical Institute Bulletin, Washington, D.C., 15 (2004), S. 147–155. Vgl. auch den aus dieser Tagung resultierenden Sammelband: dies. / Volker Berghahn (Hrsg.), Biography between structure and agency. Central european lives in international historiography, New York 2008.
[3] Vgl. Christian Klein (Hrsg.), Grundlagen der Biographik. Theorie und Praxis des biographischen Schreibens, Stuttgart 2002; ders. (Hrsg.), Handbuch Biographik. Methoden, Traditionen, Theorien, Stuttgart 2009. Für einen konzisen Überblick über neuere Forschungsansätze vgl. Simone Lässig, Die historische Biographie auf neuen Wegen?, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 60 (2009), S. 540–553.
[4] Vgl. Alois Hahn, Biographie und Lebenslauf, in: ders. (Hrsg.), Konstruktionen des Selbst, der Welt und der Geschichte. Aufsätze zur Kultursoziologie, Frankfurt am Main 2000, S. 97–115, auf den sich Etzemüller explizit bezieht.
[5] Vgl. aber auch die von Etzemüller nicht zur Kenntnis genommene, hervorragende Studie von Barbara Lüthi, Invading Bodies. Medizin und Immigration in den USA 1880–1920, Frankfurt am Main 2009, die mit solchen „administrativen Biografien“ gearbeitet hat.

ZitierweiseBenedikt Brunner: Rezension zu: Etzemüller, Thomas: Biographien. Lesen – erforschen – erzählen. Frankfurt am Main 2012, in: H-Soz-u-Kult, 30.09.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-197>.

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