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Frühe Neuzeit

B. Happe: Der Tod gehört mir

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan Brademann <jan.brademannuni-bielefeld.de>
Autor(en):
Titel:Der Tod gehört mir. Die Vielfalt der heutigen Bestattungskultur und ihre Ursprünge
Ort:Berlin
Verlag:Dietrich Reimer Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-496-02856-7
Umfang/Preis:176 S.; € 29,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Marion Kobelt-Groch, Timmendorfer Strand
E-Mail: <kobelt-grochweb.de>

Wer auf dem Cover den allein angegebenen Obertitel liest und über ihn nachdenkt, stellt sich die Frage, ob überhaupt und wenn ja, wann der Tod einem gehören könnte. Der eine oder andere mag zu der nahe liegenden Erkenntnis gelangen, dass dieser Zustand nur dann gegeben ist, wenn der Zeitpunkt des Todes durch Suizid selbst bestimmt wird. Aber um die Selbstmordthematik geht es in dem großformatigen, ansprechend aufgemachten und reich bebilderten Band mit dem großzügigen Rand nicht, oder allenfalls an der äußersten Peripherie, wenn beispielsweise darauf verwiesen wird, dass Selbstmörder einst unter dem Galgen verscharrt wurden (S. 22). Die heutigen Orte der letzten Ruhe, seien sie nun materiell greifbar oder auch nicht, variieren zwischen traditionellen und avantgardistischen Angeboten, für die man sich fürsorglich schon zu Lebzeiten entscheiden kann. Nur von dieser Vielfalt heutiger Bestattungskultur und ihren Ursprüngen handelt das vorliegende Buch.

Im Zentrum steht dabei das zwar nicht gewaltige, aber doch gegebene Spektrum letzter Ruheplätze. Der nebst Einleitung in acht Schwerpunkte gegliederte Band gewährt intime Einblicke in ein immer noch tabuisiertes und wenig geliebtes Thema. Was soll mit dem toten Körper eines Menschen geschehen? Konkret, welche Möglichkeiten gibt es im Umgang mit dem Leichnam? Eigentlich bieten sich lediglich zwei Alternativen an: Wurmfraß oder Asche, wobei der Gedanke an den verwesenden Körper keineswegs immer schaurig ausfallen muss. So hatte der 1804 verstorbene Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg 1799 bestimmt, dass nach seinem Tode alles zu vermeiden sei, was die gänzliche Auflösung seines Körpers behindern könnte (S. 53). Andere versuchten diesen Verfallsprozess bewusst zu umgehen bzw. gänzlich abzuschaffen, wie der Architekt Pierre Marin Giraud (1774-1814), der im Zuge der Reformierung des französischen Bestattungswesens „ein Verfahren zur Vitrifizierung, das heißt der Verwandlung menschlicher Überreste in einen glasartigen Stoff“, vorstellte (S. 157). In diesem Zusammenhang wird auch auf Jean-Jacques Rousseau verwiesen, der sich ebenfalls mit der Vitrifizierung befasst habe (S. 159). Aber wo? Die Angabe ist ungenau, dies gilt beispielsweise auch für das Lied „Edelstein“ von Andreas Dorau, das zwar mit der Jahresangabe 2011 versehen ist (S. 158), jedoch nicht im Literaturverzeichnis auftaucht, womit keineswegs alle formalen Auffälligkeiten dieser Art erwähnt wären.

Wenn die grundsätzliche Entscheidung für eine Körper- oder Feuerbestattung gefallen ist, ergeben sich für beide Varianten weiterreichende Wahlmöglichkeiten, die in der Einleitung mittels einer grafischen Darstellung einschließlich prozentualer Angaben zur heutigen Praxis überblicksartig greifbar werden (S. 10f.). Urnen können beispielsweise in der See versenkt oder in einem Friedwald beigesetzt werden, wobei sowohl bei der Urnenbestattung als auch bei der Körperbestattung grundsätzlich zwischen zeichenhaften und zeichenlosen Varianten zu unterscheiden ist. Wer möchte, dass seine Asche im Meer versenkt, zu einem Diamanten gepresst oder im Weltall ausgestreut wird, hinterlässt keine auf seine Person hindeutenden individuellen Spuren, wie persönliche Grabsteine mit Inschriften sie beispielsweise vermitteln. Die angebotene Palette bestattungsrelevanter Themen reicht von den Ursprüngen und Charakteristika christlichen Bestattungswesens („Der Ort heiligt das Grab“, S. 17–31) über reformatorische Neuerungen und Brüche mit der katholischen Bestattungskultur („Luther und die Folgen für das Grab“, S. 33–57) bis hin zur Bestattung, die keinen individuellen Ort mehr kennt („Grablose Bestattung“, S. 155–169). Die dazwischen liegenden Themen kreisen um „Jedermanns Grab“ (S. 59–72), „Die Feuerbestattung …“ (S. 75–95), die „Zeichenlose Bestattung“ (S. 97–119) sowie das „Das Grab im Wald“ (S. 135–153) und Beispiele moderner „Urnenkirchen“ (S. 121–133), die als Ort neuerlicher „Vergemeinschaftung von Lebenden und Toten“ (S. 132) dazu beitragen, den Tod nicht länger zu tabuisieren.

Der vorliegende Band zeigt nicht nur historisch gewachsene Varianten und neue Impulse innerhalb der Bestattungskultur auf, sondern erzeugt abseits aufgezeigter Möglichkeiten ein Gefühl persönlicher Betroffenheit und Selbstverantwortung. Es ist sinnvoll, Vorsorge zu betreiben, das heißt hinsichtlich des künftig zu erwartenden Todes selbst zu bestimmen, was mit dem eigenen Körper nach dem Ableben geschehen soll. Erika und Max Mustermann zeigen eingangs, wie es laufen kann. Während sie nach ihrem Ableben niemandem mehr zur Last fallen möchte und sich für eine „anonyme Beisetzung im Gemeinschaftsfeld“ entschließt (S. 6) und dies testamentarisch verfügt, entscheidet er, der nur noch wenige Monate zu leben hat, sich für eine abbaubare Urne im Friedwald, ohne es jedoch zu versäumen, die zukünftige Trauerfeier mit eigenen Vorstellungen bereits im Vorwege gedanklich auszugestalten. Die Mustermanns stehen stellvertretend für Menschen ohne Rang und Namen, die vielleicht mit einem Leserbrief (S. 145) oder durch die Abbildung ihres Grabmals in den Band eingegangen sind, wie die schlichten Holzkreuze jener beiden Kinder, die beim Luftangriff 1945 in Reutlingen umgekommen sind (S. 68). Zumeist sind es jedoch illustre Gestalten aus Vergangenheit und Gegenwart, deren letzter Wille, Abschied und Gang oder auch deren bahnbrechende Ideen in die Darstellung einfließen. Der Leser stößt neben Martin Luther, Max Frisch und Andy Warhol unter anderem auf den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq, der in seinem Roman „Karte und Gebiet“ seine eigene Beerdigung literarisch antizipiert (S. 162f.). Es sind diese unterschiedlichen Quellen aus Vergangenheit und Gegenwart, die den Werdensprozess heutiger Bestattungskultur aufzeigen, ohne dass Widerstände, wie die Einwände von Katholiken und Protestanten gegen die Feuerbestattung, übergangen werden.

Auch wenn Barbara Happe ein äußerst informatives und reichhaltiges Buch zur heutigen Bestattungskultur und ihren Ursprüngen vorgelegt hat, bedarf es einiger kritischer Anmerkungen. Da das Buch sich weitgehend aus der christlichen Kultur speist und allenfalls Konfessionslosigkeit mit berücksichtigt, hätte diese Begrenzung einiger klärender Worte bedurft. Zu erwarten gewesen wäre, dass die Darstellung wenigstens ansatzweise dem multikulturellen und multireligiösen Charakter der europäischen Gesellschaft Rechnung trägt. Darüber hinaus erscheint der Umgang mit den Quellen gelegentlich ein wenig oberflächlich. Dabei geht es nicht nur um unvollständige bibliographische Angaben, sondern auch darum, dass wichtige Quellenpassagen lediglich anderen Darstellungen entnommen wurden („zit. nach“). Dass nicht jede Nuance oder regionale Besonderheit berücksichtigt werden kann, daran besteht kein Zweifel. Im Zusammenhang mit den erwähnten Sonderplätzen für ungetauft verstorbene Kinder (S. 25) wäre es jedoch angebracht gewesen, zu erwähnen, dass die im Zuge der Reformation kritisierte und überwundene Vorstellung vom limbus puerorum nunmehr ungetauft verstorbenen Kindern einen Platz auf dem Friedhof sichern konnte, wodurch auch Wallfahrten verzweifelter Eltern überflüssig wurden.

Trotzdem: Barbara Happe ist es mit ihrem Buch gelungen, ein heikles Thema anschaulich und einfühlsam aufzubereiten. Möge es viele Leser finden!

ZitierweiseMarion Kobelt-Groch: Rezension zu: Happe, Barbara: Der Tod gehört mir. Die Vielfalt der heutigen Bestattungskultur und ihre Ursprünge. Berlin 2012, in: H-Soz-Kult, 01.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-073>.

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