1 / 1 Rezension

Zeitgeschichte (nach 1945)

D. Logemann: Das polnische Fenster

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Rüdiger Bergien <bergienzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Das polnische Fenster. Deutsch-polnische Kontakte im staatssozialistischen Alltag Leipzigs 1972–1989
Reihe:Europas Osten im 20. Jahrhundert, Schriften des Imre Kertész Kollegs Jena 2
Ort:München
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-486-71303-9
Umfang/Preis:VI, 372 S.; € 49,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Dominik Trutkowski, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <trutkowdhu-berlin.de>

Während in den letzten Jahren die Veröffentlichungen zu den offiziellen zwischenstaatlichen Beziehungen der DDR und Polen weiter zugenommen haben[1], wissen wir über die vielschichtigen informellen Kontakte zwischen den Menschen dieser Länder immer noch sehr wenig. In der Gesamtschau spricht die heutige Forschung zur transnationalen Geschichte zwischen der DDR und Polen mit unterschiedlicher Gewichtung von einer „verordneten Freundschaft“.[2] Anders als es die Formel des „sozialistischen Internationalismus“ Glauben machen wollte, ist dabei eine echte Annäherung zwischen den Menschen auf der Alltagsebene zu keiner Zeit erwünscht gewesen. Vielmehr sind Kontakte zwischen Ostdeutschen und Polen, sowohl zwischen den Angehörigen der jeweiligen Funktionseliten als auch zwischen den „kleinen Leuten“, streng dosiert, bis ins kleinste Detail geplant und mit allen Mitteln kontrolliert worden.

Genau an diesen Befund knüpft Daniel Logemann in seiner aus dem internationalen Forschungsprojekt „Schleichwege. Inoffizielle Kontakte zwischen Bürgern sozialistischer Staaten 1956–1989“ hervorgegangenen Dissertationsschrift an. Seine Kritik am bisherigen Stand der Forschung lautet, dass deren Fokus auf die propagierte Völkerfreundschaft die individuellen Aneignungsprozesse nicht erfassen kann, die im Rahmen der von staatlicher Seite immer vorstrukturierten deutsch-polnischen Kontakte stattfanden. So endeten sämtliche „Versuche, ein ‚Gemeinsames’ zwischen der DDR und Polen [zu finden], bisher in der Formulierung von Postulaten“. Das forschungspraktische Potential des Umstands, dass die Kontakte durchaus „beschreibbar“ sind, bleibe dabei ausgeblendet (S. 17). Inspiriert durch die methodischen Überlegungen zu einer Alltagsgeschichte in der Diktatur [3] untersucht Logemann deutsch-polnische Kontakte in der Stadt Leipzig sowie Erfahrungen, die Leipziger in den 1970er- und 1980er-Jahren in und mit Polen machten. Über diesen klassischen Zugriff der Alltagsgeschichte interpretiert er Herrschaft als soziale Praxis, als Interaktions- und Aushandlungsprozess zwischen Beherrschenden und Beherrschten. Dabei richtet er den Fokus gezielt auf die Mikroebene und fragt nach dem „Eigen-Sinn“ der Akteure zwischen staatlichen Vorgaben und privaten Praktiken. Die zentrale Fragestellung seiner Untersuchung richtet sich auf verschiedene deutsch-polnische Kontakträume in Leipzig und darauf, wie durch Verflechtungen Freiräume und Annäherungen zwischen Deutschen und Polen in ihrem Lebensalltag ermöglicht wurden.

Die Wahl Leipzigs begründet der Autor vor allem mit dem Großstadtcharakter sowie den traditionell stark ausgebauten Beziehungen zu Polen. Besonders erwähnt werden dabei die Hochschullandschaft, die Städtepartnerschaft zu Krakau sowie das 1969 eröffnete Polnische Informations- und Kulturzentrum (PIKZ). Anzumerken bleibt, dass nicht allein Leipzig diese Auswahlkriterien erfüllt – auch viele andere ostdeutsche Städte boten einen ähnlich gelagerten Kontaktraum zu Polen.

Die Arbeit stützt sich zum größten Teil auf deutsches, aber ebenso auf polnisches Archivmaterial aus den Überlieferungen verschiedener Partei- und Massenorganisationen sowie anderer Institutionen in diesen Ländern, auf rund ein Dutzend narrativ angelegter Zeitzeugeninterviews mit deutschen und polnischen Leipzigern sowie auf ausgewählte literarische Reiseberichte und auf fiktionale Texte der DDR-Literatur. Eine der Hauptquellen bilden Stasi-Akten. Zum einen entpuppen sich diese Dokumente als überaus wertvolle Quelle zur deutsch-polnischen Alltagsgeschichte. Zum anderen wird diese Herrschaftsperspektive in Logemanns Untersuchung immer wieder mit den Deutungen der Zeitzeugen als eine Art Korrektiv „von unten“ verwoben und empirisch ergänzt. In vielen Fällen entsteht erst so ein kohärentes Bild – aus den normativen Herrschaftsansprüchen einerseits und den im Lebensalltag der Menschen tatsächlich realisierten Praktiken andererseits.

Im Sinne der kulturgeschichtlichen Ausrichtung seiner Arbeit verzichtet der Autor auf eine chronologische zugunsten einer systematisch-themenbezogenen Gliederung seiner Arbeit. Ein einleitendes Kapitel stellt die Rahmenbedingungen deutsch-polnischer Kontakte in Leipzig vor. Logemann geht davon aus, dass es vor allem vier große Kontakt- und Konfliktlinien waren, die den Alltag und die Verflechtungen deutsch-polnischer Kontakte prägten: Hierzu zählt er erstens, die Faszination die „das Polnische“ auf viele Leipziger ausübte, bildete es doch einen befreienden Kontrast zur als spießig empfundenen Enge der DDR-Kultur; zweitens, die unterschiedlich gelagerten Geschichtsbilder, die zu gegenseitigen Fehlwahrnehmungen und Stereotypisierungen führten. Hinzu kommt, drittens, die Grenzfrage, die insofern präsent blieb, als die in den 1970er-Jahren für den Individualtourismus noch offene Grenze mit Aufkommen der Solidarność 1980 geschlossen wurde. Schließlich lenkt er den Blick auf die als eigenständiger Akteur auftretende Stasi, die vor allem durch ihren Einsatz inoffizieller Mitarbeiter die deutsch-polnischen Kontakte überwachte und zu unterdrücken suchte. Der in Logemanns Forschungsprogramm nicht eigens erwähnte Fluchtpunkt seines Narrativs bildet zu Recht die Zeit der Krise 1980/81 in Polen, die die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Kontakte grundlegend veränderte. Insgesamt führte die Grenzschließung 1980 zu einer Entfremdung und Verarmung deutsch-polnischer Kontakte. Wie der Autor darlegt, war dies aber keine zwingende Folge. Die Isolation konnte umschifft werden, wenn die Akteure „eigen-sinnig“ handelten und ihre Praktiken im Alltag an die herrschenden Bedingungen anpassten und professionalisierten.

Die folgenden drei Hauptkapitel konkretisieren Logemanns Fragestellung unter den Kapitelüberschriften „Deutsch-polnisches Leben in Leipzig und polnische Erfahrungen von Leipzigern“, „Reisen ins Nachbarland. Volkspolen zwischen Sehnsuchtsziel und sozialistischer Urlaubsidylle“ sowie „Deutsch-polnischer Schleichhandel in Leipzig. ‚Hamsterkäufe’ und Konsumkultur ‚von unten’“. Insbesondere das erste Kapitel, das unterschiedliche Akteure und Kontakträume in Leipzig behandelt, eröffnet neue Perspektiven auf die transnationalen Kontakte. Während Deutsche und Polen gemeinsam arbeiteten und studierten, erfolgte in ihrer Freizeit keine echte Integration – zu kurz waren die Aufenthalte der polnischen Vertragsarbeiter und Studenten, zu unterschiedlich ihre politischen Einstellungen und Praktiken im Alltag und zu stark die Überwachung durch die Stasi. Nicht zuletzt deshalb blieben die gemeinsamen Kontakte auf den engen Raum politisch inszenierter Feierlichkeiten begrenzt. Demgegenüber ergaben sich im öffentlichen Raum des Polnischen Informations- und Kulturzentrums in Leipzig vielfach „informelle Kommunikationszusammenhänge“. Für viele polenbegeisterte Leipziger wurde diese Institution zu einer „wichtigen Insel“ und einem „Stückchen Heimat“ (S. 190 f.), in der man über hohe Politik diskutieren konnte und Unaussprechliches sagbar wurde. Dabei wurde nicht jeder Kontakt in „eigen-sinniger“ Weise als Freiraum genutzt; in vielen Fällen hatten die Akteure die staatliche Propaganda offenbar verinnerlicht, was zu entsprechenden Praktiken, Konfrontationen und Konflikten führen konnte.

Um Repressionen und Zumutungen auszuweichen, erschufen polnische und deutsche Leipziger „Schleichwege“, die den in diesen sozialistischen Diktaturen lebenden Menschen durch individuell eroberte Freiräume Sinn und Bedeutung verliehen. Andererseits wurde das Herrschaftssystem durch die „Schleichwege“ der Akteure destabilisiert und dies auf einer materiellen sowie auf einer immateriellen Ebene. Wie das dritte große Kapitel deutlich macht, führte die den sozialistischen Alltag der Menschen grundlegend prägende chronische Mangelwirtschaft in Polen und der DDR zu strategisch ausgeklügelten und oft abenteuerlich anmutenden Praktiken des „Schleichhandels“ zwischen Deutschen und Polen. Vor allem polnischen Vertragsarbeitern gelang es in den 1980er-Jahren, über den wöchentlich von Leipzig nach Polen aufbrechenden „Schmugglerzug“ eine Konsumkultur „von unten“ zu begründen, die das Warenangebot auf dem Markt des Mangels erheblich erweiterte. Auf der immateriellen Ebene erwuchsen aus privaten Kontakträumen zahlreiche deutsch-polnische Bekanntschaften, Freundschaften, Liebesbeziehungen und Ehen. Durch manchen Austausch von Publikationen aus dem „Zweiten Umlauf“ in Polen kam es zu einer grenzüberschreitenden politischen Zusammenarbeit im Kleinen. Solche Annäherungen wirkten identitätsstiftend und konnten die Biografien vieler Deutscher und Polen langfristig prägen.

Insgesamt entwirft der Autor ein weites Panorama des Lebensalltags von Ostdeutschen und Polen in den 1970er- und 1980er-Jahren. Durch seinen in der Untersuchung teilweise überstrapazierten Bezug auf die MfS-Quellen wird die normative Perspektive der Herrschenden jedoch manchmal überbetont. Stellenweise erfahren wir so mehr über die stereotypen Sichtweisen der Stasi als über die wahren Absichten, die die Menschen mit ihren grenzüberschreitenden Kontakten verbanden. Indem Logemann jedoch die ideologischen Postulate „von oben“ mit den Deutungen der Akteure „von unten“ weiter als bisher verzahnt, liefert er aus transfergeschichtlicher Sicht neue Erkenntnisse über die verschiedenartigen Funktionsweisen der SED-Diktatur in der Alltagswelt.

Anmerkungen:
[1] Siehe hierzu unter anderem Peter Hübner/Christa Hübner, Sozialismus als soziale Frage.
 Sozialpolitik in der DDR und Polen 1968–1976, Köln/Weimar/Wien 2008; Dominik Trutkowski, Der geteilte Ostblock. Die Grenzen der SBZ/DDR zu Polen und der Tschechoslowakei, Köln/Weimar/Wien 2011.
[2] Vgl. hierzu etwa Ludwig Mehlhorn, Zwangsverordnete Freundschaft? Zur Entwicklung der Beziehungen zwischen der DDR und Polen, in: Basil Kerski/Andrzej Kotula/Kazimierz Wóycicki (Hrsg.), Zwangsverordnete Freundschaft? Die Beziehungen zwischen der DDR und Polen 1949–1990, Osnabrück, 2003, S. 35–40.
[3] Thomas Lindenberger, Die Diktatur der Grenzen. Zur Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Köln/Weimar/Wien 1999, S. 13–44.

ZitierweiseDominik Trutkowski: Rezension zu: Logemann, Daniel: Das polnische Fenster. Deutsch-polnische Kontakte im staatssozialistischen Alltag Leipzigs 1972–1989. München 2012, in: H-Soz-u-Kult, 02.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-003>.

Copyright (c) 2013 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension