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Geschichte allgemein

K. Grabbe u.a. (Hrsg): Das Imaginäre der Nation

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Classen <classenzzf-pdm.de>
Titel:Das Imaginäre der Nation. Zur Persistenz einer politischen Kategorie in Literatur und Film
Reihe:Kultur- und Medientheorie
Herausgeber:Grabbe, Katharina; Köhler, Sigrid G.; Wagner-Egelhaaf, Martina
Ort:Bielefeld
Verlag:Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis
Jahr:
ISBN:978-3-8376-1981-2
Umfang/Preis:354 S.; € 34,80

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Klaudija Sabo, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien
E-Mail: <klaudija.sabocreativevillage.de>

Dass die Nation nach wie vor als gemeinschaftsstiftender Bezugspunkt fungiert und seine Wirksamkeit im Zeitalter der Globalisierung und Transnationalisierung nicht eingebüßt hat, zeigt sich insbesondere bei den sich zyklisch wiederholenden und von den Medien übertragenen Festivitäten. Großereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft, die Olympischen Spiele aber auch der Eurovision Song Contest zelebrieren den „Kampf der Nationen“ und die sich darin entfaltenden inhärenten nationalen Ein- und Ausschlussmechanismen. Der deutsche Sieg 2011 beim Eurovision Song Contest veranschaulicht, wie ein bis dato unbekanntes Mädchen namens Lena Meyer-Landrut mithilfe der Medien kurzzeitig zu einer ‚nationalen Ikone‘ stilisiert wurde. Im Medienzeitalter spielen vor allem Bilder als Vermittler des Konzepts der Nation eine bedeutsame Rolle. Dabei weisen die in der Presse kursierenden Siegerfotos Lenas eine semantische Nähe zu dem Gemälde der weiblichen Allegorie „Germania“ von Phillip Veit (1848) auf. Der aus Plastik gefertigte Siegeskranz in den deutschen Nationalfarben auf dem Haupte Lenas tritt anstelle des Eichenlaubkranzes der germanischen Walküre. Die herabhängende Deutschlandfahne wird von beiden Frauen in den Händen getragen. Headlines wie „Unser Mädchen“[1] unterstreichen auf textbasierter Ebene das nationale Identifikationspotenzial.[2] Nation ist damit letztlich etwas, was immer wieder neuen Deutungsprozessen unterworfen ist. Der von Katharina Grabbe, Sigrid G. Köhler und Martina Wagner-Egelhaaf herausgegebene Sammelband widmet sich genau diesen sich in Bewegung befindlichen nationalen Zuschreibungen. Die Beiträge legen solche in ein neues oder altes Gewand gehüllten literarischen Narrative sowie visuellen Muster anhand unterschiedlicher Kulturproduktionen transparent.

Das entscheidende Potenzial des Sammelbands liegt vor allem in der Berücksichtigung von Bildproduktionen innerhalb des Nationsbildungsprozesses und somit eines Terrains, das in der Forschungslandschaft nach wie vor wenig beschritten ist. Publikationen wie beispielsweise Monika Flackes „Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama“ (1998) oder Rainer Rothers „Mythen der Nationen. Völker im Film“ (1998) stehen noch vereinzelt dar, machen jedoch anhand von unterschiedlichen Ländern deutlich, wie gerade Bilder die Vorstellungswelt der jeweiligen Nation prägen und mitbestimmen.[3] Die geringe Zahl von Forschungsergebnissen steht damit konträr zu einer mediendominierten und von Bildern konfrontierten Gesellschaft, in der das Visuelle einen immer stärker werdenden Identifikationsrahmen schafft. Bereits Benedict Anderson hat in seinem wegweisenden Buch „Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism“ (1983) darauf hingewiesen, dass Medien die wesentlichen Vermittler nationaler Ideen sind.[4] Die im Sammelband vertretenen Beiträge erweitern nun den theoretischen Ansatz Andersons und bauen die von ihm wenig berücksichtigte visuelle Komponente aus.

Der zweite zeitgenössische theoretische Zugang, auf den sich fast alle Beiträge stützen, hat seine Wurzeln in der Psychoanalyse. Auf der Grundlage von Jacques Lacans Schriften entwickelt Slavoj Žižek seinen theoretischen Ansatz, den er in seiner Schrift „Genieße Deine Nation wie Dich selbst“ ausführt. Hierbei ist die Nation als Produkt eines kollektiven Begehrens zu verstehen, welches in ständiger Bedrohung durch den Anderen steht, der das begehrte „nationale Ding“ entwenden könnte. Daraus folgernd entsteht über den Ausschluss des Anderen und dem Zusammenschluss der Nation die Vorstellung einer vermeintlich in sich homogenen Einheit. Dieses von Žižek verhandelte ‚nationale Ding‘ ist kein konkret fassbares oder benennbares Etwas – es ist vielmehr als „Leere“ (S. 200) zu verstehen, die wie eine Projektionsfläche funktioniert und damit immer wieder neu besetzt werden muss.[5]

Der erste Beitrag des Sammelbands von Sigrid G. Köhler veranschaulicht anhand von Johann Gottfried Herders Begriff des Hirngemäldes, dass die Nation schon Anfang des 19. Jahrhunderts als vorgestellte Gemeinschaft auf Grundlage einer kollektiven Vorstellungswelt imaginiert wurde. Martina Wagner-Egelhaaf erläutert eindrücklich in der Analyse von vier verschiedenen Dramen, wie die Hermannsschlacht (9 n.Chr.) immer wieder neu inszeniert wurde und dadurch mit verschiedenen Bedeutungsmustern, die das ‚nationale Ding‘ bestimmen, belegt wird. Christina Riesenweber verdeutlicht anhand der Nibelungen-Edition von Friedrich Heinrich von der Hagen aus dem Jahr 1807, wie die Sage erst zu einem national bedeutsamen Kulturgut wurde. Innerhalb dieses Etablierungsprozesses wird suggeriert, dass die Sage aufgrund ihrer weit zurückreichenden Geschichte schon immer Bestand hatte. Auch bei der Figur Martin Luthers ging es während der Napoleonischen Kriege darum, Identifikationspotenziale zu schaffen, wie Friederike Krippner in ihrem Beitrag herausstellt. Luther zu identitätsstiftenden Zwecken als eine nationale Heldenfigur heranzuziehen, biete sich wegen seiner Verdienste um die deutsche Sprache an (S. 107).

Ein zeitlicher Sprung von circa 140 Jahren versetzt uns in die Nachkriegszeit. Christian Schmitt erläutert in seinem Beitrag, wie die Heimatfilme der 1950er-Jahre mit ihren Bilderwelten „im Dienste der Nation“ stehen, indem sie mit ihren Landschaften kollektive Projektionsflächen von Heimat schaffen, die nach dem Krieg verloren zu sein schienen, jedoch auf der Leinwand wieder rekreiert wurden. Diese auf die Leinwand projizierten Bilder einer ‚schönen neuen Welt‘ sind nach Schmitt jedoch nicht nur als „eskapistisches Moment“ zu verstehen, sondern sollten vor allem ein Identifikationsangebot schaffen. Auch Katharina Grabbe widmet sich dem bewegten Bild und zeichnet den Weg nach, wie der Indianer in die DDR kam – indem sie einleuchtend beschreibt, wie sich „gerade die Fiktionalität des Indianers“ (S. 169) anbietet, um als Projektionsfigur die unterschiedlichen Vorstellungen zu decken, was denn nun das Nationale sei.

Der letzte Teil der Publikation konzentriert sich auf die 1990er- und 2000er-Jahre. In dem Theaterstück „Wolken.Heim.“ setzt Elfriede Jelinek aus Textversatzstücken diverser deutscher Dichter und Denker sowie aus Briefen der Roten Armee Fraktion (RAF) eine Collage zusammen. Dieses von Jelinek geschaffene Gesamtwerk steht nach Matthias Schaffrick der Idealvorstellung einer nationalen Identität und Einheit entgegen. Anna Thiemann analysiert den US-amerikanischen Nationalismus nach dem 11. September 2001 unter Rückgriff auf Žižek – anhand des Romans „The Reluctant Fundamentalist“ von Moshin Hamid. Die von Kerstin Wilhelms untersuchten Rammstein-Video-Clips „Stripped“ (1998) und „Amerika“ (2004) zeichnen die wechselseitige Perzeption des Eigenen bzw. des Anderen in Deutschland sowie in den USA nach. Caren Heuer nähert sich kritisch der selbst zugeschriebenen Opferrolle der Deutschen in dem Fernsehfilm „Die Flucht“ (2007). Die Form der Erzählung – so wie sie hier verhandelt wird – nimmt nach Heuer alle Züge eines Mythos an. Bekannte Narrative zur Flucht werden eingeflochten und erfahren damit eine Aktualisierung. „Über den Mythos wird das Begehren der Deutschen nach einem positiven nationalen Selbstentwurf verhandelt.“ (S. 290) Stephan Berghaus stellt die Begnadigungsdebatte des RAF-Terroristen Christian Klar in den Fokus seiner Betrachtung und untersucht deren literarische Bearbeitung in Bernhard Schlinks „Das Wochenende“ (2008). Im letzten Beitrag fragt Julia Bodenburg berechtigterweise, was denn nun nach der Nation komme? Anhand des Romans „Der Schwarm“ von Frank Schätzing (2004) geht sie einer möglichen Alternativfigur für das Konzept Nation nach und wirft die spannende Frage auf, ob der Schwarm aufgrund seiner enthierarchisierten und dezentralisierten Struktur nicht womöglich als ein radikal demokratisches Modell gelten kann.

Der Sammelband veranschaulicht in seinen Einzelanalysen überzeugend, wie die Idee des Nationalen ein nach wie vor wirksames Konzept darstellt, um Gemeinschaften zu generieren. Mythen, Heldenfiguren, Kollektivsymbole und Stereotypen werden in den Beiträgen anhand von unterschiedlichen Kulturproduktionen als ‚Wiedergänger‘ entlarvt, wobei gleichzeitig deutlich wird, wie das Konzept der Nation über Jahrhunderte hinweg immer auch neu verhandelt und besetzt wird. Die sich großteils auf zwei theoretische Zugänge (Anderson, Žižek) ‚verpflichtenden‘ Beiträge verdeutlichen auf der einen Seite, inwiefern unter einem vorgegebenen Theoriegebäude mehrere Themen gefasst werden können; auf der anderen Seite erzeugt dies jedoch an vielen Stellen ein repetitives Moment und erzwingt zudem das Auffüllen von Inhalten in ein vorgegebenes Methodenraster. Die Öffnung in Hinblick auf weitere Theorieansätze wäre sicherlich an manchen Stellen bereichernd gewesen. Besonders erwähnenswert ist, dass der Band an die laufenden Debatten zum „Iconic Turn“ anschließt und damit einen wesentlichen Beitrag zum Stellenwert der Bilder im Nationsbildungsprozess leistet, und damit zu einem Forschungsfeld, dass noch lückenhaft ist. Die profund recherchierten Beiträge, deren Fokus vor allem auf dem deutschen Sprachraum liegt, sind durchweg empfehlenswert. Das Buch lässt auf weitere Publikationen dieser Art hoffen. Wünschenswert wäre dabei insbesondere die Berücksichtigung der visuellen Produktion und ihres inhärenten Machtpotenzials für die im öffentlichen Raum ausgetragenen Nationsbildungsprozesse.

Anmerkungen:
[1] Edo Reents, Unser Mädchen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2010, <www.faz.net/themenarchiv/2.1194/lena-meyer-landrut-unser-maedchen-1985588.html> (01.03.2013).
[2] Vgl. auch die Magisterarbeit von Eva Gabronova, ‚Wir sind Lena‘. Mediale Konstruktion eines ‚Wir‘-Gefühls über den weiblichen Körper, einsehbar: Freie Universität Berlin.
[3] Monika Flacke (Hrsg.), Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama, München 1998, Rainer Rother (Hrsg.), Mythen der Nationen. Völker im Film, München 1998.
[4] Benedict Anderson, Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, London 1983.
[5] Vgl. Slavoj Žižek, Genieße deine Nation wie Dich selbst. Der Andere und das Böse – Vom Begehren des ethnischen Dings, in: Joseph Vogl (Hrsg.), Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen, Frankfurt am Main 1994, S. 133–164, S. 135.

ZitierweiseKlaudija Sabo: Rezension zu: Grabbe, Katharina; Köhler, Sigrid G.; Wagner-Egelhaaf, Martina (Hrsg.): Das Imaginäre der Nation. Zur Persistenz einer politischen Kategorie in Literatur und Film. Bielefeld 2012, in: H-Soz-Kult, 18.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-050>.

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