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Geschichte allgemein

A. Becker u.a. (Hrsg.): Alterität als Leitkonzept für historisches Inter

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Titel:Alterität als Leitkonzept für historisches Interpretieren
Reihe:Deutsche Literatur. Studien und Quellen 8
Herausgeber:Becker, Anja; Mohr, Jan
Ort:Berlin
Verlag:Akademie Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-05-005570-1
Umfang/Preis:436 S.; € 99,80

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Hamid Tafazoli, Seattle/Bielefeld
E-Mail: <tafazoli.hamidgmail.com>

Alterität besitzt heute in interpretierenden Wissenschaften den Status eines Leitbegriffs und gehört zweifellos zum programmatischen Kernbestand der Sprache der Kulturwissenschaften. Mit einer Diskussion über „Alterität als Leitkonzept für historische Interpretation“ im Wissenschaftsdiskurs befasst sich der vorliegende Band, der Ergebnisse einer gleichnamigen Tagung dokumentiert. Der Versuch einer Problematisierung der Alterität geht über den Voynich-Codex, an dem Fremd- und Andersartigkeit im Kontext einer totalen und absoluten Alterität im sprachlichen, literarischen, historischen und kulturellen Kontext exemplifiziert wird, hinaus und greift auf die herausragenden Texte der mittelalterlichen Literatur zurück. Vor dem Hintergrund einer Auseinandersetzung mit kontroversen Debatten über Alterität wird das Ziel der Studie in der Hervorhebung einer explizit programmatischen Ebene der Neureflexionen über Alterität und in der dezidiert methodologisch ausgerichteten Neuaufnahme der Alteritätsdebatte definiert. Gemein ist allen Beiträgen, methodologische Reflexionen über Alterität in praktische Anwendungskontexte zu überführen. Dabei bemüht man sich, die Kategorie der Alterität „im Theorie- und Methodendiskurs der philologischen Disziplinen [zu] (re)installieren“ (S. 6). Ferner soll geprüft werden, ob „die Potentiale der Alteritätskategorie bereits ausgeschöpft“ und ob „ihre Limitation deutlich genug benannt worden“ (S. 6). Mit diesem Ziel möchte der Band zu einer „Neureflexion“ über die Alteritätskategorie und zu einer „dezidiert methodologisch ausgerichteten Neuaufnahme der ,Alteritätsdebatte‘ anregen“ (S. 38).

Der Alteritätsbegriff wird zunächst als Markierung eines Gegenstandes verstanden, der durch seine Andersheit und durch sein Irgendwie-Anderssein gekennzeichnet ist. Mit ihm rückt „etwas Abweichendes, Fremdes, Unvertrautes“ (S. 5) in den interpretierenden Blick. Vor dem Hintergrund des hermeneutischen Mehrwerts der Alterität wird die grundsätzliche Frage gestellt, ob Unvertrautes und Unzugängliches mit den Netzen des Verstehens jemals einzuholen seien. Die Definition und die hermeneutische Annäherung verweisen auf die Problematik des Alteritätsbegriffs, die hauptsächlich in seiner definitorischen wie operationellen Offenheit besteht. Ein weiteres Problemfeld ergibt sich durch die in der Alteritätsforschung zusammengesetzten Doppelformeln wie Alterität und Modernität, Alterität und Aktualität, Alterität und Identität etc. (S. 5). Drei Punkte leiten die Studie ein: 1) eine präzisere terminologische Bestimmung der Alteritätskategorie im Anschluss an Paul Zumthor, 2) eine methodologische Profilierung von Alteritätskonzepten im Anschluss an Christian Kiening, 3) die Überprüfung der theoretischen Reflexionen auf ihre Operationalität anhand praktischer Fallbeispiele (S. 7-8).

Alterität als Konzept für historisches Interpretieren gewinnt in diesem Band im Rahmen der mediävistischen Debatte an Bedeutung (S. 11-22). Im ersten Teil des Forschungsberichts orientieren sich die Auseinandersetzungen mit ihr am hermeneutischen Konzept des (Nicht-)Verstehens insbesondere in der Forschung der 1970er Jahre in kritischer Hinsicht; es werden sowohl methodologische und konzeptuelle Ergänzungen als auch Differenzen hermeneutischer Positionen und Versuche über die Etablierung des Alteritätskonzepts auf mehreren Ebenen des Fachdiskurses in den ausgehenden 70er Jahren präsentiert. Alterität wird hier als „Objekteigenschaft“ (S. 20) angesetzt und begrifflich kaum durchleuchtet. Der zweite Teil des Forschungsberichts befasst sich mit der Alterität als Argument in der germanistischen Interkulturalitätsdebatte im Zusammenhang mit dem Fach Deutsch als Fremdsprache in den 1980er Jahren (S. 22-25). Hier wurde mit dem Konzept der Alterität der Versuch unternommen, auch in der Literaturforschung einen Beitrag zu leisten. Das Potential des Alteritätskonzepts wird in dieser Phase darin gesehen, dass „Andersheit und die Dialektik von Eigenem und Fremdem“ im Anschluss an Alois Wierlachers Plädoyer für die „Konturierung einer Hermeneutik deutscher als fremdkultureller Literatur“ zum bestimmenden Movens und Thema der interkulturellen Literaturforschung werden (S. 23). Folglich erfährt das Alteritätskonzept eine Erweiterung, und zwar von einer historisch ausgerichteten Dimension auf eine durch kulturelle Distanz definierte Perspektivierung. Im dritten Teil des Forschungsberichts wird die Annäherung an das eigentliche Thema, nämlich an „Alterität als Argument für eine Selbstrechtfertigung der Mediävistik“ (S. 25-28, hier: S. 25) versucht. Die Anfänge der Alteritätsdebatte in den mediävistischen Philologien beruht auf dem graduellen Verständnis der Andersheit, das in begrifflichen Oszillierungen von ganz Anderem und etwas Anderem bis hin zu essentiellem und nicht-rationalem Anderen besteht. Die theoretischen Schwankungen kommen so durch das Kontrastieren von Deutungsvarianten des Alteritätsbegriffs zum Vorschein. Ein Verständnis von dem Anderem, das – den Impulsen aus der Ethnologie folgend – das Andere nicht als Gegeben, sondern als Gemachtes (Othering) aufgefasst hat, entsteht erst in den 1990er Jahren. Die hier begonnenen Auseinandersetzungen mit dem Fremden und mit der Kategorie der Fremdheit haben inzwischen zu der Erkenntnis geführt, dass Fremdheit keine essentialistische, sondern eine fundamental rationale Kategorie sei.[1] Daraus abgeleitet ist dann die Einsicht über den rationalen Charakter der Fremdheit und über die an diese gebundene und näher zu qualifizierende Beziehung, die den Weg von einer Diskursivierung des Fremden zu einer Herausforderung durch das Fremde bahnt (S. 32-38).

Zum Zwecke einer begrifflichen Präzisierung setzen sich Anja Becker und Jan Mohr zunächst mit der Kategorie der Fremdheit im Diskurs einer Phänomenologie des Fremden im Sinne von Bernhard Waldenfels Theorien in Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden (2006) auseinander und beziehen von hier aus auch Position (S. 38-46), indem sie Alterität in ein Spannungsverhältnis zwischen Eigenem, Fremdem und Anderem versetzen und ihr eine relative Qualität beimessen. Alterität schwankt seit der Einführung durch Jauß zwischen (rationaler) Fremdheit und (systematischer) Andersheit und schillert zwischen dem etwas Anderem und dem ganz Anderem. Becker und Mohr vertreten die Hypothese, dass sich diese Unbestimmtheit in eine Bestimmtheit wenden ließe, in der mit Alterität neben „rationalen Beziehungskonstellationen gleichermaßen eine prinzipielle Unverfügbarkeit“ markiert wäre (S. 41). Zur Begründung wird die dreidimensionale Unterscheidung der Fremdheit im Sinne von Waldenfels (alltägliche, strukturelle und radikale Fremdheit) herangezogen (S. 41-43). Die begriffliche Vereinbarung wird dann in einem „doppelten Mehrwert der Alteritätskategorie“ getroffen: Alterität bezeichnet anders als die Fremdheit nicht nur eine „mehrdimensionale und graduell abgestufte Relationsbeziehung“, sondern auch „das im Akt der Relationierung Ausgeschlossene, das als Unverfügbares wiederkehrt“ (S. 43). Darauf basierend wird Alterität als eine Kategorie verstanden, die das Beobachtende genauso einschließt wie das Beobachtete.

Im ersten Kapitel Fremderfahrung und Antwortlichkeit des Interpretierens (S. 59-117) befassen sich Bernhard Waldenfels und Anja Becker mit der Phänomenologie des Fremden und versuchen, ihre Ansätze im Zusammenhang mit einem responsiven Interpretieren weiterzudenken. Während Waldenfels das Modell eines responsiven Interpretierens skizziert und die These vertritt, dass Fremdes kein bloßer Gegenstand des Verstehens und Interpretierens, sondern deren permanentes Movens sei (S. 61), versucht Becker dieses Modell durch einen Rückgriff auf interpretationstheoretische Problemstellungen zu konturieren und programmatisch zu entwickeln. Wenig überzeugend klingen die aneinander gereihten Abschnitte, die vielmehr Analogien erkennen lassen. Auch Burkhard Hasebrink schließt sich an Waldenfels’ Phänomenologie und betrachtet mit der Analyse von Meister Eckarts Buch der göttlichen Tröstung den Umgang mit dem Fremden, der weder in Aneignung noch in Enteignung aufgeht.

Beiträge des zweiten Kapitels Wahrnehmung und Beschreibung von Alterität (S. 119-195) gewinnen explizit Anregungen von Waldenfels Phänomenologie des Fremden und konfrontieren Beobachtungen historisch fernliegender Sachverhalte mit modernen Beschreibungen und Analysekategorien. Michael Waltenberger zeigt an dem Beispiel des Picaro-Romans Lazarillo de Tormes, dass eine kulturell bedingte fundamentale Fremdheit eines praktischen Erzählens vorwissenschaftlich kaum erfahren werden konnte. Darin besteht auch seine Skepsis gegenüber der Hermeneutik. Fremdheit erscheint aus Waltenbergers Sicht prinzipiell behebbar und kann kaum als Index einer kulturell bedingten Fremdheit in den Blick geraten. Kulturell fernstehende Objekten, so Jan Mohrs Vorschlag in seinem Beitrag über Logisches Ich und epistemisches Ich, seien von vornherein dem Status einer fremdartigen Konstituiertheit ausgesetzt. Mohr geht von der Etymologie der Alterität als „der andere von zweien“ aus und argumentiert am Beispiel der Identitätskonstitution in Hartmann von Aues Iwei, dass hierbei der vorschnelle Eindruck evidenter Vertrautheit und der erratischen Fremdartigkeit vermieden werden kann. Die Brautwerbungserzählung Salman und Morolf bildet den Untersuchungsgegenstand von Rabea Kohnens Beitrag. Kohnen verfolgt eine doppelte Sichtweise auf diese Erzählung: Sie setzt sich mit den Textvarianten und dem Zusammenspiel von Druck und Illustration auseinander und konfrontiert die Texte mit den in der Filmwissenschaft entwickelten narratologischen Kategorien. Kohnen verweist darauf, dass Alterität stärker von der medialen Verfasstheit mittelalterlicher Handschriftenkultur her zu entwickeln ist.

Das dritte Kapitel Alteritäre Ästhetiken – Alterität des Ästhetischen (S. 197-300) diskutiert mit vier Beiträgen Konzepte moderner ästhetischer und literaturwissenschaftlicher Theoriebildung. Andreas Kablitz untersucht den Zusammenhang von historischer und systematischer Alterität von Literatur und erläutert, dass historische und ästhetische Konzepte in ihrem Kern komplementär sind. Lorenz Welker diskutiert in seinem Beitrag den Anachronismus im Rahmen der Musikwissenschaft und nimmt eine historische Relativierung des modernen Musikbegriffs vor. Jan-Dirk Müller und Tobias Bulang problematisieren in ihren Beiträgen kaum ästhetische Konzepte, sondern richten den Fokus vielmehr auf alteritäre Ästhetiken vormoderner Textformationen. Das letzte Kapitel befasst sich mit Beobachtung und Produktion von Alterität(en) (S. 301-434). Auf die Dialektik der Beschreibung und Produktion von Alterität konzentriert beschäftigt sich die Beitragsgruppe in diesem Kapitel. An historischen Fallbeispielen werden sowohl die künstlerischen als auch die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Fremdem beschrieben.

Auch wenn manches in dem Sammelband wenig überzeugend wirkt, so ist es Beck und Mohr doch gelungen, das Konzept der Alterität für die Analyse der mediävistischen Literatur anwendbar zu machen. Die Aufmachung des Bandes ist ansprechend und die Druckqualität sehr gut, jedoch vermisst der Leser eine alphabetische Literaturliste am Ende jedes Beitrags, die ihm die mühsame Suche in den Fußnoten ersparen würde.

Anmerkungen:
[1] Mariana Münkler, Alterität und Interkulturalität. Ältere deutsche Literatur, in: Claudia Benthien / Hans Rudolf Velten (Hrsg.), Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte, Reinbek 2002, S. 323-344; Werner Röcke, Erdrandbewohner und Wunderzeichen Deutungsmuster von Alterität in der Literatur des Mittelalters, in: Silvia Bovenschen u.a. (Hrsg.), Der fremdgewordene Text, Berlin 1997, S. 365-384.

ZitierweiseHamid Tafazoli: Rezension zu: Becker, Anja; Mohr, Jan (Hrsg.): Alterität als Leitkonzept für historisches Interpretieren. Berlin 2012, in: H-Soz-Kult, 12.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=19738>.

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