1 / 1 Rezension

Europäische Ethnologie und Hist. Anthropologie

K. Finkler: Lives Lived and Lost

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Beate Binder <h2466g6yrz.hu-berlin.de>

Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/

Autor(en):
Titel:Lives Lived and Lost: East European History Before, During, and After World War II as Experienced by an Anthropologist and Her Mother
Reihe:Holocaust: History and Literature, Ethics and Philosophy
Ort:Brighton (MA)
Verlag:Academic Studies Press
Jahr:
ISBN:978-1-936-23590-2
Umfang/Preis:350 S.; € 45,91

Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-u-Kult von:
Lisa Kienzl, Universität Graz
E-Mail: <kienzl.lisagmail.com>

Die Kindheitserinnerungen der Autorin Kaja Finkler, die in den 1930er-Jahren geboren wurde, und die Erinnerungen ihrer Mutter Golda Finkler, die von 1903 bis 1991 lebte, stehen als autobiographisches bzw. biographisches Narrativ im Mittelpunkt dieses Buchs, in dem neben den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts auch der Zeit davor und danach Platz eingeräumt wird. Die Erzählung überzeugt durch ihre Einfachheit sowie Unaufdringlichkeit und ist dennoch ergreifend und berührend. Kaja Finkler betont mehrfach, dass der subjektive Erfahrungshorizont und das Alltägliche im Vordergrund stehen sollen. Dies wird auch in der Positionierung des Werks „at the intersection of biography, autobiography, memory, and history“ (S. 24) deutlich. Die kulturanthropologische Zugangsweise unterstreicht zudem die Bedeutung der Erfahrungen des Einzelnen für das Kollektiv. Erinnerung und das Erinnern als Praxis stehen im Mittelpunkt, vor allem dort, wo es um die jüdische Identität geht: „to be a Jew is to remember“[1] stellte bereits Loren Baritz fest. Die Einbettung individueller Erfahrungen in einen größeren kulturellen und zeithistorischen Kontext macht die Bedeutung dieser Erzählung über den Holocaust aus.

Die Erinnerungen Golda Finklers sind in fünf Teile gegliedert, die jeweils Einblicke in spezifische Aspekte geben. Zu Beginn stehen das Leben in einer bürgerlich-chassidischen Familie vor dem Einmarsch der Nationalsozialisten sowie ihre Kindheit und Jugend im Osten Europas im Mittelpunkt. Die Beschreibungen der Haushaltsführung sowie der Alltags- und Festzeiten aus Sicht einer Frau innerhalb einer orthodoxen Gemeinschaft bieten Einblicke in wenig bekannte Alltagswelten. Kommentare von Kaja Finkler, im Text deutlich hervorgehoben, erläutern Begriffe und historische Ereignisse, auf die die Erzählung anspielt. Diese Unterbrechungen des narrativen Texts sind keinesfalls störend, sondern vielmehr bereichernd und bilden eine gute Ergänzung. Die Tatsache, dass Golda Finkler während der 1920er-Jahre in Warschau studierte, ist nicht nur aufgrund ihres religiösen und kulturellen Hintergrunds erstaunlich, sondern auch aus Genderperspektive. Dies wird auch in ihrer Erinnerung deutlich beschrieben, in der sie eine Zahl von hundert Studierenden der juristischen Fakultät, an der auch sie studierte, nennt, von denen fünf Frauen waren. Drei davon waren wiederum Jüdinnen. Die gesellschaftliche und soziale Position ihrer Familie öffnete ihr somit Türen, die vielen Frauen ihrer Zeit verschlossen geblieben sind.

Die schrittweise Dramatisierung der historischen Ereignisse ist auch in der individuellen Erzählung nachvollziehbar. Insbesondere die teilweise nüchternen Beschreibungen verstärken den Eindruck, den diese Erinnerungen hinterlassen. Die Veränderungen in Folge des Krieges, der von Chaos und Leid begleitet war, lassen den Stellenwert des spirituellen Erlebens für Golda Finkler immer größer werden. Neben der Familie bleibt dies die zentrale Konstante in ihrer autobiographischen Erzählung. Diese Konstante war vor allem in den Darstellungen der Zeit in den Arbeitslagern allgegenwärtig, in denen ein religiöses Leben allen Umständen zum Trotz aufrechterhalten wurde. Dies ermöglichte ihr, so erzählt Golda Finkler, ihre Menschlichkeit unter diesen unbeschreiblichen Zuständen am Leben zu erhalten. Der moralischen Integrität – unterstützt von Spiritualität und religiösem Handeln – ist somit eine wesentliche Bedeutung in ihrem Leben und Überleben zuzuschreiben.

In ihrer biographischen Erzählung wird deutlich, dass die Zeit nach dem Ende des Krieges die Schwierigkeiten des Danach mit sich führten. Mit der Befreiung kommt die Erkenntnis über das Ausmaß des Holocausts. Golda Finkler beschreibt dies als eine spirituelle Depression, auch da ein religiöses Leben in der Gemeinschaft, wie in den Jahren davor praktiziert, nicht mehr möglich war. Auch dies unterstreicht die Bedeutung von Religion für sie.

Mit dieser spirituellen Tragik endet der in Europa situierte Teil ihrer Erinnerungen. Im Folgenden führt die Handlung ins Exil in die USA. Weit davon entfernt, ein glückliches Ende zu finden, sind auch hier die Probleme des Alltags in der Erinnerung überdeutlich. Neben unterschiedlichen Schwierigkeiten innerhalb der neuen Gesellschaft sind es der Verlust des sozialen Status und der gesellschaftliche Abstieg, die Golda Finkler am stärksten treffen.

Der zweite Teil der biographischen Erzählung widmet sich den Erinnerungen der Tochter, Kaja Finkler. Einerseits sind ihre Erinnerungen die eines Kindes an die Schrecken des Krieges, andererseits aber rekonstruiert sie diese mit dem Blick der geschulten Wissenschaftlerin, die bewusst ihr Schreiben reflektiert. So zeichnete Kaja Finkler ihre Erinnerungen auf, bevor sie die Tonbandaufnahmen mit der Erzählung ihrer Mutter angehört hat, um eine zu starke Beeinflussung durch deren Erinnerungen abzuwenden. Auch in ihren Erinnerungen zeigt sich wie bei ihrer Mutter die starke Bedeutung der Familie. An manchen Stellen decken sich die Erzählungen, und auch nach der Trennung der beiden während des Krieges gleichen sich ihre Erinnerungen im Grundton. Die Erzählung von Kaja Finkler wirkt jedoch knapper und weniger detailliert.

Wie für ihre Mutter ist auch für Kaja Finkler die Exilerfahrung nach der Auswanderung in die USA problematisch. Vor allem fehlen ihr Gleichaltrige mit einem vergleichbaren Erfahrungshorizont. Sie entfernt sich zudem immer mehr von der orthodoxen Gemeinschaft und einem religiös ausgerichtetem Leben. Besonders diese Phase der Orientierung als junge Frau in einer Gesellschaft „with different values, norms, and rules of social interaction“ (S. 272), die oft denen widersprachen, mit denen sie aufgewachsen war, war von Schwierigkeiten geprägt. Ihr Bedürfnis nach Unabhängigkeit wurde zunehmend zum Problem zwischen Mutter und Tochter. In diesen persönlichen Erfahrungen sieht Kaja Finkler letztendlich das zentrale Motiv, eine berufliche Laufbahn als Kulturanthropologin einzuschlagen.

Im Epilog kommt sie auf emotionale Momente während der Transkription der Tonbandaufzeichnungen ihrer Mutter zu sprechen, die insbesondere durch Goldas detailgenaue und emotionale Erzählweise hervorgerufen wurden. Zudem erläutert sie die Bedeutung religiöser Elemente im Leben ihrer Mutter. Letztlich erlebt sie die Verschriftlichung der Erinnerungen als Befreiung und Erleichterung, insbesondere weil Mutter und Tochter nach dem Krieg beschlossen hatten, „that it was best to be silent“ (S. 255). Wie für viele andere Überlebende auch wäre eine Auseinandersetzung mit dem traumatischen Erlebten direkt nach dem Krieg zu überwältigend gewesen.

Besonders wertvoll für das tiefere Verständnis der familiären Verhältnisse und der in den Erzählungen auftretenden Personen ist der Anhang mit detaillierten Ausführungen zum jüdischen Leben in Osteuropa sowie einer Genealogie ihrer Vorfahren, der Familien Finkler, Taub und Eiger. Zu finden sind hier auch Abbildungen der Gebete und Feste des jüdischen Jahrs, die Golda im Arbeitslager des Hasag (Hugo Schneider Aktiengesellschaft) in Leipzig, das ab 1944 als Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald geführt wurde[2], in einem Notizheft rekonstruiert hatte.

Die lebhafte und inspirierende biographische Erzählung von Golda Finkler, die im Mittelpunkt des Buchs steht, zeigt, welche Bedeutung individuelle Erlebnisse und Erinnerungen für eine zeithistorische Auseinandersetzung mit der Geschichte Europas und dem Holocaust haben können. Die kulturanthropologische Aufarbeitung dieser Erzählung wird in der Betonung des Alltagslebens deutlich, während sich zeitgleich in der Erinnerung an die Verstorbenen eine zentrale Konstante des jüdischen Lebens wiederfindet. In diesem Sinne hält Kaja Finkler zum Abschluss fest: „Her memory is their tombstone.“ (S. 282)

Anmerkungen:
[1] Loren Baritz, A Jews American Dilemma, in: Commentary 33 (1962), S. 525.
[2] Gedenkstätte Buchenwald (Hrsg.), Konzentrationslager Buchenwald 1937–1945. Begleitband zur ständigen historischen Ausstellung, 5. Aufl., Göttingen 2007 (1. Aufl. 1999), S. 187.

ZitierweiseLisa Kienzl: Rezension zu: Finkler, Kaja: Lives Lived and Lost: East European History Before, During, and After World War II as Experienced by an Anthropologist and Her Mother. Brighton (MA) 2012, in: H-Soz-u-Kult, 07.06.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-177>.

Copyright (c) 2013 by H-Soz-u-Kult (H-Net) and Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde", all rights reserved. This work may be copied for non-profit educational use if permission is granted by the author and H-Soz-u-Kult. Please contact hsk.redaktiongeschichte.hu-berlin.de.

 
1 / 1 Rezension