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Geschichte allgemein

P. H. Omtzigt u.a. (Hrsg.): The Slow Disappearance

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Schumann <christoph.schumannpolwiss.phil.uni-erlangen.de>
Titel:The Slow Disappearance of the Syriacs from Turkey. And of the Grounds of the Mor Gabriel Monastery
Reihe:Geschichte 111
Herausgeber:Omtzigt, Pieter H.; Tozman, Markus K.; Tyndall, Andrea
Ort:Münster
Verlag:LIT Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-643-90268-9
Umfang/Preis:268 S.; € 19,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Hacik Rafi Gazer, Geschichte und Theologie des christlichen Ostens, Institut für Kirchengeschichte, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
E-Mail: <hkgazertheologie.uni-erlangen.de>

Der in englischer Sprache verfasste Sammelband hat 268 Seiten und besteht aus zwei Hauptteilen. Nach dem von Pieter Omtzigt verfassten Vorwort (S. 1–5) führt William Dalrymple (S. 7–12) in das Thema ein. Im ersten Hauptteil (S. 15–177): „The Syriacs“ sind 11 Beiträge zusammengestellt. Der zweite Hauptteil (S. 181–264): „The Mor Gabriel Monastery“ enthält insgesamt 7 Beiträge.

Im vorliegenden Band befassen sich international renommierte Wissenschaftler, Politiker, Menschenrechtler, Theologen und Angehörige der syrischen Christenheit mit dem Schicksal der syrisch-aramäischen Christen, ihrer Geschichte und Gegenwart in der Türkei im Allgemeinen und mit der Enteignungsgeschichte der Grundstücke des syrisch-orthodoxen Klosters Mor Gabriel durch den türkischen Staat im Besonderen. Im Mittelpunkt der Beiträge stehen die Themen Religionsfreiheit, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit in der Republik Türkei im 20. und 21. Jahrhundert.

Zu den wichtigsten theologisch-kirchlichen Zentren der syrisch-aramäischen Christenheit zählen die heute in der Türkei liegenden Städte Antiochien (Antakya), Edesa (Sanli Urfa) und Nissibis (Nusaybin). In der Mitte dieser theologisch kirchlichen Metropolregion befindet sich der Klosterkomplex Mor Gabriel. Hier wirkten und wirken seit Jahrhunderten Theologen und Mönche der Syrisch-Orthodoxen Kirche. Das Kloster Mor Gabriel besteht aus einer Klosterkirche, einer Bibliothek sowie Mönchszellen, und verfügt über umfangreichen Grundbesitz. Aus dessen Erträgen wurden die Mönche des Klosters, aber auch die Pilger des Klosters versorgt. Die Grundstücke waren und sind also für das Leben der Mönche überlebenswichtig.

Die Mitarbeitenden der türkischen Katasterämter versuchen seit Jahren Grundstücke des Klosters, die diesem seit der Gründung des Klosters gehören, zu enteignen oder abzuerkennen. Dies geschieht mit massiven Druckmitteln. Vom Kloster eingelegte Einsprüche wurden von verschiedenen türkischen Gerichten in mehreren Instanzen zurückgewiesen und abgelehnt. Diese kurz geschilderte Geschichte des Klosters Mor Gabriel zeigt, dass es in dem vorliegenden Band nicht nur um das Schicksal eines Klosters der Syrisch-Orthodoxen Kirche, sondern um die Situation der Christen in der Türkei insgesamt geht.

Der erste Hauptteil wird mit einem Beitrag von Martin Tamcke eingeleitet. Er stellt in seinem Beitrag „The Collapse of the Ottoman Empire and the ‚Seyfo‘ againts the Syrians“ (S. 15–23) die Vernichtung von Tausenden von syrisch-orthodoxen Christen dar. In der Stadt Mardin und deren multikonfessionell geprägten Gegend waren Christen unterschiedlicher Konfessionen von Vernichtung betroffen. Während des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches wurden 1,5 Millionen Armenier ab 1915 im ersten Genozid des 20. Jahrhunderts umgebracht. Tamcke weist nach, dass in diesem Zusammenhang auch zahlreiche syrisch-aramäische Christen im Südosten der Türkei umgebracht wurden.

Alan Hurst geht in einem zweiten Beitrag „The Lausanne Treaty: High Aspirations, Highly Neglected“ (S. 25–45) auf die Paragraphen 38 und 39 des Lausanner Vertrags von 1923 ein. In dem Vertrag wurden die Rechte der nichtmuslimischen Minderheiten in der Türkei geregelt. Allerdings sind in dem Vertrag weder die Armenier, noch die Griechen oder Juden erwähnt. In der Zeit nach 1923 wurde der Vertrag im Hinblick auf diese drei genannten „Minderheiten“ angewandt. Ein Beispiel für die willkürliche Auslegung des Vertrags ist das Verbot für die Syrisch-Orthodoxe Kirche in der Türkei eigene private Schulen zu unterhalten. Die im Lausanner Vertrag festgelegten Rechte religiöser Minderheiten werden dieser Kirche im Unterschied zu den anderen drei genannten Minderheiten mit der Begründung verwehrt, dass die Syrisch-Orthodoxen im Vertrag nicht namentlich erwähnt seien. Außer Acht wird bei dieser Argumentation gelassen, dass auch die armenische, griechische und jüdischen Minderheit im Vertrag namentlich nicht genannt sind, aber zum Beispiel eigene Schulen unterhalten dürfen.

Herman Teule erörtert die Frage „ Who are the Syriacs?“ (S. 47–56). Die ethnische und sprachliche Bezeichnung des syrisch mesopotamischen Raums ist in der Geschichte vielfältig. Theologische, kirchenpolitische sowie gesellschaftspolitische Ereignisse haben zur Entstehung und Verwendung von mehreren Begriffen geführt. Teule stellt über mehrere Epochen hinweg die Verwendung der Begrifflichkeit vor.

Im kurzen Beitrag „The Syrians Orthodox Church“ (S. 57–62) ordnet Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche in Deutschland Jens Nieper den kirchlich-dogmatischen Hintergrund der Kirche der aramäisch sprachigen Christen und deren ökumenische Bezüge in der Diaspora in Westeuropa ein.

Die folgenden sieben Beiträge behandeln weitgehend Themen politischen Inhalts.

Aryo Makko schildert in: „Living Between the Fronts: The Turkish-Kurdish Conflict and the Assyrians“ (S. 63–71), wie die vom türkischen Staat eingesetzten sogenannten „Koruyucu“ (Schützer) im türkisch-kurdischen Konflikt ihre Aufgaben in der Weise erledigen, dass sie, anstatt eine Schutzfunktion auszuüben, die stattlich angeordnete Vertreibung der syrisch-orthodoxen Christen im Südosten der Türkei vorantreiben.

Der Beitrag von Dennis Pastoors von der Organisation Open Doors: „Turkey: Secularism with an Islamic Flavour and Persisting Obstacles to Religious Freedom“ (S. 73–97) ordnet die Unterdrückung der christlichen Minderheit in der Türkei mit der World Watch List von Open Doors ein und warnt vor einem wachsenden Einfluss des Islams auf die türkische Gesellschaft.

Soner Onders Beitrag „Minority Rights in Turkey: Quo Vadis, Assyrians?“ (S. 99–120) behandelt sehr ausführlich Fragen der Menschenrechte in der Türkei. Im Einzelnen stellt er das türkische Stiftungsrecht und die damit in Zusammenhang stehenden Probleme der syrischen Christen dar.

Horst Oberkampf ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Württemberg und Mitgründer der Solidaritätsgruppe Tur Abdin und Nord Irak. Als einer der besten Kenner der Lage vor Ort schildert er in seinem Beitrag: „Almost a Miracle – Syriacs are Returning to their Homelands“ (S. 121–137) wie einige Familien von syrischen Christen aus dem Südosten der Türkei, die im 20. Jahrhundert vertrieben worden waren, seit Beginn des 21. Jahrhunderts in ihre angestammten Heimat um den Tur Abdin zurückkehren. Horst Oberkampf verbindet dies mit Veränderungen im offiziellen politischen Klima und schildert einige Schicksale von Rückkehrern, deren Motivation sowie Projekte zur Unterstützung von Rückkehrern.

Die Türkei ist EU-Beitrittskandidat. Bei der Aufnahme in die EU ist Religionsfreiheit ein wesentlicher Bestandteil der Aufnahmekriterien. Renate Sommer geht auf den Themenkomplex Religionsfreiheit am Fallbeispiel der Aramäer ein. Sie zeigt, dass die christlichen Minderheiten nach wie vor diskriminiert werden. Ihr Ausblick ist pessimistisch. Sie fordert ein größeres Gewicht für die Thematik der Religionsfreiheit bei den Beitrittsverhandlungen.

„Persecution of Christians in Turkey“ (S. 171–177) von Ingrid Fischbach, Mitglied des Bundestags, beschäftigt sich mit der rechtlichen Situation des Klosters von Mor Gabriel und der Perspektive der Türkei in Europa. Sie fordert von Deutschland den Dialog im Hinblick auf die Situation mit großer Sensibilität für die Empfindlichkeiten der Türkei zu intensivieren.

Die Beiträge des zweiten Hauptteiles konzentrieren sich auf das von Enteignung bedrohte Kloster Mor Gabriel. Sebastian Brock, einer der besten Kenner der syrischen Kirchen- und Theologiegeschichte, führt ein in die historische und gegenwärtige Bedeutung des Klosters Mor Gabriel für die syrischen Christen, aber auch für die Christenheit insgesamt.

Der türkische Fachmann für Menschenrechte und Minderheitenrechte Baskin Oran schildert in seinem Beitrag die Enteignungsgeschichte der Grundstücke des Klosters Mor Gabriel in den Jahren 2008 bis 2009.

Yakup Bilge stellt als ein vor Ort geborener Angehöriger der Syrisch-Orthodoxen Kirche die aktuelle rechtliche Situation dar. Er beschreibt das Vorgehen von Gerichten in osmanischer Zeit bis heute. Er zeigt dabei auf, wie rechtlos die Situation des Klosters sich heute darstellt.

Gus H. Bilirakis geht in seinem Beitrag auf die Frage der Menschenrechte in der Türkei in Bezug auf Mor Gabriel ein. Ute Granold, Sprecherin des Stephanuskreis der CDU/CSU, macht in ihrem Beitrag deutlich, dass das Schicksal der syrischen Christen in der Türkei, aber auch die Lage der religiösen Minderheiten für sie ein sehr wichtiges Anliegen ist. Naures Atto beschreibt gemeinsame Aktionen für die Rettung des dramatisch bedrohten Klosters. Pieter Omtzigt führt ein Interview mit Sébastien de Courtois (S. 243–248), einem Rechtsanwalt und großen Kenner von Tur Abdin, der sich intensiv für die Situation des Klosters einsetzt.

Der vorliegende Band ist für Studierende und Lehrende der Theologie, Politikwissenschaft, Geschichte und Turkologie, aber auch für die Journalisten geeignet. Die Autoren gewähren dem Leser aus der Perspektive verschiedener Fachdisziplinen, aber auch aus der Sicht Betroffener einen umfangreichen, präzisen und differenzierten Einblick in die äußerst schwierige Lage der Christen in der heutigen Türkei.

ZitierweiseHacik Rafi Gazer: Rezension zu: Omtzigt, Pieter H.; Tozman, Markus K.; Tyndall, Andrea (Hrsg.): The Slow Disappearance of the Syriacs from Turkey. And of the Grounds of the Mor Gabriel Monastery. Münster 2012, in: H-Soz-Kult, 02.05.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-084>.

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