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Europäische Geschichte

A. Tsygankov: Russia and the West from Alexander to Putin

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Stefan Wiese <stefan.wiesestaff.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Russia and the West from Alexander to Putin. Honor in International Relations
Ort:Cambridge
Verlag:Cambridge University Press
Jahr:
ISBN:978-1-107-02552-3
Umfang/Preis:geb.; XII, 317 S.; $99.00 / £60.00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Marcus Schönewald, Institut für
Geschichtswissenschaft / Abteilung für Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas, Universität Bremen
E-Mail: <marcus.schoenewalduni-bremen.de>

Was bedeutet „Ehre“ für die russische Außenpolitik? Eine systematische Analyse, zumal über einen längeren Zeitraum hinweg, fehlte bisher. Nun hat Andrei P. Tsygankov, Professor für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der San Francisco State University, ein Buch vorgelegt, das dieser Frage nachgeht, und zwar vom beginnenden 19. Jahrhundert bis in unsere Tage. Auf der Grundlage von zehn Fallstudien entwirft Tsygankov eine um das Konzept der staatlichen Ehre kreisende Theorie der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen. Damit will er nicht nur Licht auf die leitenden Faktoren der russischen Außenpolitik in den letzten 200 Jahren werfen, sondern, anknüpfend an ein Buch von Michael Donelan[1], auch die Theoriediskussion auf dem Feld der Internationalen Beziehungen bereichern. Mit „Russia and the West from Alexander to Putin“ liegt also eine in der Absicht ebenso interessante wie ambitionierte Arbeit vor.

In der Einleitung formuliert Tsygankov seine Anforderungen an eine Theorie der Außenpolitik: „A good foreign policy theory should not only formulate a cause-effect relationship by identifying the most prominent social forces or variables that drive an international decision but also establish a meaningful context in which state leaders act and seek to achieve their objectives.“ (S. 9) Um dies zu erreichen, will er Erklärungsmodelle des Realismus, die das Staatensystem und die Faktoren Macht, Sicherheit und Prestige als Determinanten außenpolitischen Handelns hervorheben, mit konstruktivistischen Ansätzen und ihrer Aufmerksamkeit für Bedeutungen und Emotionen verbinden. Das Konzept der Ehre fungiert dabei gewissermaßen als eine Sonde, mit der die kulturellen Kontexte und Bedeutungszusammenhänge, in denen Außenpolitik stattfindet, untersucht werden sollen: „The concept of honor is often at the heart of how a nation expresses its historical experience and formulates a moral purpose in world politics. Honor defines what is a ‚good‘ and ‚virtuous‘ course of action for a state vis-à-vis other members of international society.“ (S. 20) Zu einer operationalen Definition staatlicher Ehre dringen Tsygankovs Erörterungen jedoch nicht vor, ein Manko, das sich in den Falluntersuchungen niederschlagen wird.

Das Streben, als Großmacht und Teil der westlichen Welt anerkannt zu werden, bestimmt nach Tsygankov den spezifisch russischen Begriff von der Ehre des Staates. Daneben nennt er drei weitere Aspekte, die auf kulturelle Unterschiede gegenüber dem Westen verweisen: „a distinctive concept of spiritual freedom“, „the ideal of a strong and socially protective state“, „state loyalty to those who shared the Russian idea of honor but lived outside its borders“ (S. 28). Für die wechselvollen Beziehungen mit dem Westen gelte, dass die russische Führung eine auf Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit zielende Politik stets solange betrieb, wie sie diese distinktiven Aspekte der staatlichen Ehre nicht verletzt und sich als Teil der westlichen Welt anerkannt sah. Andernfalls habe Russland eine Politik der Defensive oder der Stärke gegenüber dem Westen eingeschlagen.

‚Cooperation‘, ‚defensiveness‘ und ‚assertiveness‘ sind, Tsygankov zufolge, die Handlungsmuster der russischen Außenpolitik, und sie gliedern auch die Fallstudienkapitel des Buches. Im Abschnitt „Honor and Cooperation“ geht er zunächst der Bedeutung der staatlichen Ehre als Triebfeder russischer Außenpolitik in der Zeit der Heiligen Allianz 1815–1853, der Triple Entente 1907–1917, der Politik der kollektiven Sicherheit 1933–1939 und des „Krieges gegen den Terror“ 2001–2005 nach. Leider ist der Ertrag der vier Untersuchungen in der Summe enttäuschend. So sucht man eine befriedigende Auskunft über die Relevanz von Ehrauffassungen für das multilaterale Handeln Russlands in der Heiligen Allianz vergebens. Besser gelingt es Tsygankov, den Einfluss des Faktors Ehre für Russlands Entente mit Frankreich und Großbritannien herauszustellen. Allerdings ist der Rekurs auf die Absicht des Zaren, die Würde, Sicherheit und Großmachtposition Russlands zu schützen, nicht neu. Dies gilt auch für den Hinweis, dass der Zar sein traditionelles Selbstverständnis als Schutzherr der orthodoxen Christen und Slawen auf dem Balkan durch die österreichisch-ungarische Politik herausgefordert und sich so in seiner Ehre getroffen sah. Ob man es hier tatsächlich mit Vorstellungen staatlicher oder doch eher mit solchen herrscherlicher Ehre zu tun hat, problematisiert Tsygankov nicht. Die anschließende Darstellung sowjetischer Auffassungen von der Ehre des Staates und ihrer Bedeutung für die Politik der kollektiven Sicherheit bleibt vage und suggestiv, eine analytische Herleitung aus historischen Quellen bietet sie nicht. Aufschlussreicher ist das letzte Kapitel des Abschnitts, in dem Tsygankov plausibel machen kann, wie die von Vladimir Putin nach dem 11. September 2001 verfolgte Politik der Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten ein Ende fand, als er Russland durch die unilaterale Außenpolitik der USA herabgesetzt sah.

Der Abschnitt „Honor and Defensiveness“ versammelt Untersuchungen zur Periode des Recueillements 1856–1871, der Politik der friedlichen Koexistenz 1921–1939 und der Eindämmungspolitik gegenüber der NATO-Expansion 1995–2000. Zu Beginn führt Tsygankov aus, wie sich die russische Führung nach der Niederlage im Krimkrieg eine zurückhaltende Außenpolitik auferlegte, die Reform und Regeneration im Innern ermöglichen sollte, mittelfristig aber darauf angelegt war, die als ehrverletzend wahrgenommenen Klauseln des Pariser Friedensvertrages zu revidieren. Auf den Bahnen älterer Arbeiten wie der Dietrich Geyers zum russischen Imperialismus[2] gelingt es Tsygankov, die Bedeutung „staatlicher Ehre“ für die russische Außenpolitik herauszustellen. Ihre Relevanz für die sowjetische Politik der friedlichen Koexistenz bleibt jedoch im Dunkeln. Erhellender ist wiederum, was Tsygankov zur Außenpolitik des postsowjetischen Russland sagen kann: Er erklärt die außenpolitische Wende unter Jevgenij Primakov vor dem Hintergrund der NATO-Osterweiterung, durch welche die russische Führung nicht zuletzt ihr Ziel, als gleichberechtigter Partner des Westens anerkannt zu werden, missachtet sah.

Mit dem Abschnitt „Honor and Assertiveness“ endet die Reihe der Falluntersuchungen. Tsygankov widmet sich darin dem Krimkrieg 1853–1856, den ersten Jahren des Kalten Krieges 1946–1949 und dem Russisch-Georgischen Krieg im August 2008. Auch in diesen Fällen schien der russischen Führung ein ehrbares außenpolitisches Handeln im Einklang mit dem Westen nicht möglich, doch glaubte sie sich nun stark genug für eine offene Konfrontation. Hier kann Tsygankov bisweilen überzeugend darstellen, dass Konflikte deshalb eskalierten, weil es den Akteuren an Verständnis für die historisch und kulturell bedingten Wertvorstellungen des jeweiligen Gegenübers fehlte. Gleichwohl sind die Betrachtungen so allgemein, dass Ehrauffassungen von herkömmlichen Interessen und Normvorstellungen häufig nicht zu unterscheiden sind. Suggestion tritt an die Stelle quellenbasierter Analyse.

Für ein differenzierteres Bild müsste die Vogelperspektive auf die Bedeutung staatlicher Ehre in der russischen Außenpolitik mit einer Nahsicht verbunden werden, welche die spezifischen Prägungen des Begriffs der Ehre und ihre zeitbedingten Wandlungen schärfer in den Blick nimmt. Beispielsweise in Anlehnung an Ludgera Vogt[3] ließe sich dann auf drei Ebenen nach der Bedeutung von Ehre im außenpolitischen Handeln fragen: Erstens auf der Ebene der Sprache und Diskurse der Ehre: Wer spricht in welchen Zusammenhängen von Ehre? Zweitens auf der Ebene der Interaktionsformen der Ehre: Wann und in welchen Formen finden Ehrbezeugungen und Ehrauseinandersetzungen statt? Drittens auf der Ebene der Funktionen der Ehre: Wozu dient Ehre als Bezugsgröße der Außenpolitik? Auf diese Fragen liefert Tsygankovs Buch nur wenige Antworten. Es bleibt auf diesem Feld also noch manches zu tun.

Anmerkungen:
[1] Michael Donelan, Honor in Foreign Policy. A History and Discussion, New York 2007.
[2] Dietrich Geyer, Der russische Imperialismus. Studien über den Zusammenhang von innerer und auswärtiger Politik 1860–1914, Göttingen 1977, S. 20–71.
[3] Ludgera Vogt, Zur Logik der Ehre in der Gegenwartsgesellschaft. Differenzierung, Macht, Integration, Frankfurt am Main 1997, S. 61.

ZitierweiseMarcus Schönewald: Rezension zu: Tsygankov, Andrei P.: Russia and the West from Alexander to Putin. Honor in International Relations. Cambridge 2012, in: H-Soz-Kult, 15.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-038>.

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