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Geschichte allgemein

T. Guinnane u.a.: Die Geschichte der DZ BANK

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ralf Ahrens <ahrenszzf-pdm.de>
Autor(en):; ; ; ; ;
Titel:Die Geschichte der DZ BANK. Das genossenschaftliche Zentralbankwesen vom 19. Jahrhundert bis heute
Ort:München
Verlag:C.H. Beck Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-406-64063-6
Umfang/Preis:605 S.; € 38,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Veit Damm, Historisches Institut, Universität des Saarlandes
E-Mail: <v.dammmx.uni-saarland.de>

Die weltweite Finanzkrise der Jahre 2007/8 hat nicht nur das Vertrauen in die Stabilität der privaten Großbanken erschüttert. Auch nicht-private Finanzinstitute wie verschiedene deutsche Landesbanken gerieten in erhebliche Schwierigkeiten. Die Gruppe der Genossenschaftsbanken als eine der drei Säulen des deutschen Bankensystems – neben Sparkassen und Privatbanken – war durch ihr Spitzeninstitut, die seit 2001 bestehende DZ Bank, betroffen. Die 2010 von der Bank in Auftrag gegebene Studie verfolgte auch vor diesem Hintergrund das Ziel, die langfristige Stabilität und Bedeutung der genossenschaftlichen Finanzinstitute besonders für die Kreditversorgung des deutschen Mittelstands herauszuarbeiten. Zugleich sollten die Wurzeln der DZ Bank – die Gründung der ersten deutschen Genossenschaftszentralbank jährt sich 2014 zum 150. Mal – herausgearbeitet werden.

Timothy Guinnane hat sich bereits mehrfach mit der deutschen Mikrofinanzgeschichte des 19. Jahrhunderts beschäftigt, wovon das von ihm verfasste, etwa einhundertseitige erste Kapitel des Buches zum Thema „Zwischen Selbsthilfe und Staatshilfe: Die Anfänge genossenschaftlicher Zentralbanken in Deutschland (1864–1914)“ profitiert. Er geht darin der Debatte innerhalb der Genossenschaftsbewegung nach, welchen Bedarf es überhaupt für ein gemeinsames Spitzeninstitut gebe und wie es strukturiert sein sollte. Dabei will er einerseits die hervorgebrachten unterschiedlichen Zentralbank-Ansätze vorstellen, aber andererseits auch zeigen, wie Lösungen durch „politische Ideologien, regionale Eifersüchteleien und persönliche Ambitionen“ erschwert wurden (S. 44).

Der Bedarf an Zentralkassen entstand durch die rasche Ausbreitung von Selbsthilfe-Genossenschaften zur Kreditversorgung von Handwerkern und Kleingewerbetreibenden, die durch den Sozialreformer Hermann Schulze-Delitzsch (die so genannten Volksbanken) sowie später auch für die Landwirtschaft etwa durch Friedrich Wilhelm Raiffeisen vorangetrieben wurde. Zwischen 1850 und 1914 wurden tausende solcher Kreditgenossenschaften gegründet. Eine Zentralbank sollte einen Ausgleich zwischen Genossenschaften mit Einlagenüberschüssen und solchen, die Geld benötigten, herbeiführen. Guinnane arbeitet heraus, dass es jedoch nicht nur zwischen den genannten populären Vertretern unterschiedliche Ansichten über die Zweckmäßigkeit einer gemeinsamen Zentralkasse gab, sondern dass auch verschiedene Bedarfsstrukturen zwischen ländlichen und städtischen Genossenschaften existierten.

Guinnane legt zuerst einen – vor allem auf der Sekundärliteratur aufbauenden – Überblick über die Argumente der Befürworter und Kritiker genossenschaftlicher Zentralbanken vor. Den entscheidenden Durchbruch sieht er letztlich in einer genossenschaftsexternen Initiative: Dem Vorstoß des preußischen Staates zur Gründung einer staatlichen Genossenschaftskasse, der so genannten Preußenkasse, im Jahr 1895. Auch wenn ihr eigentlicher Zweck in der Verbesserung der Kreditbedingungen von Handwerk und Landwirtschaft in den östlichen Provinzen Preußens gelegen habe, habe ihre Gründung eine entscheidende Weichenstellung zur Herausbildung der heutigen Struktur des Genossenschaftsbankwesens dargestellt. Dies lag darin begründet, dass sie Genossenschaften den Zugang zum Reichsbankkredit ermöglichte – der vorher nur der Großindustrie und den Privatbanken offen stand – und somit die Kreditbedürfnisse des Kleingewerbes und Mittelstands durch günstige staatliche Kredite absichern konnte. Da die Preußenkasse jedoch Kredite praktisch nur an Zentralkassen und nicht an einzelne Genossenschaften vergab, schuf sie Anreize zur Gründung von Zentralkassen, die den zuvor im Grunde noch lokalen Charakter der Genossenschaftsbewegung aufbrachen.

Die Geschichte der Preußenkasse nimmt aufgrund der Bedeutung, die ihr Guinnane beimisst, den Hauptteil des ersten Kapitels ein. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die unter Druck der Preußenkasse gegründeten regionalen Zentralkassen teilweise die Schwächen ausgleichen konnten, die dem auf lokalen Strukturen fußenden Genossenschaftskonzept innewohnten. Andererseits habe die Preußenkasse die bestehenden Strukturen weitestgehend unangetastet gelassen, auch weil die Genossenschaftsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits stark genug war, um dem Zentralisierungsdruck einer staatlichen Institution zu widerstehen. Anders als etwa in Frankreich erlebte die deutsche Genossenschaftsbewegung daher keine starke Zentralisierung. Vielmehr seien, so Guinnane, bis heute die lokalen Primärgenossenschaften erhalten und international gesehen auch vergleichsweise klein geblieben und hätten sich ein hohes Maß an Unabhängigkeit bewahrt.

In der Aufarbeitung bislang nicht ausgewerteten Quellenmaterials zur Frühgeschichte der genossenschaftlichen Zentralbanken vor 1914, besonders zur Preußischen Central-Genossenschaftskasse, liegt eine der Hauptleistungen der vorliegenden Studie. Wünschenswert wäre gewesen, der Genossenschaftsbewegung und den Kreditbeziehungen auf dem Land im 19. Jahrhundert angesichts der dortigen großen Bedeutung der Kreditgenossenschaften mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Auf diesem Gebiet – auf dem noch immer eine enorme Forschungslücke besteht – bietet das Buch leider nur wenige neue Einsichten.

Der zweite Teil der Studie mit dem Titel: „Die kreditgenossenschaftlichen Zentralinstitute vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur bedingungslosen Kapitulation des NS-Staats (1914–1945)“ wurde gemeinsam von Joachim Scholtyseck, Harald Wixforth und Patrick Bormann erarbeitet. Er umfasst etwa 150 Seiten. Die Gliederung orientiert sich nun weniger an spezifischen Zäsuren in der Geschichte des Kreditgenossenschaftswesens, sondern ist nach politischen Umbrüchen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geordnet. Dies erschwert jedoch den Überblick über die Entwicklung der Zentralbanken. Eine gewinnbringende Lektüre stellt insofern die gemeinsame Schlussbetrachtung dar. Die Autoren kommen zu dem Fazit, dass die bestehenden Strukturen einer staatlichen Zentralbanklösung nach 1914 weiter gefestigt wurden. Bis 1945 veränderte sich dabei „erstaunlich wenig“ (S. 293). Das ursprüngliche Ziel, die Preußenkasse, die seit 1932 Deutsche Zentralgenossenschaftskasse (bzw. Deutschlandkasse) hieß, als ein Selbstverwaltungsinstrument mittelfristig an die Genossenschaften zu übergeben, wurde nicht realisiert. Dies sei sowohl auf die wirtschaftlichen Turbulenzen der Zeit, insbesondere die Agrar- und Schuldenkrise der 1920er-Jahre, als auch auf die Nichtvereinbarkeit eines Übergangs zur Selbstverwaltung mit der totalitären Herrschaft des NS-Staats zurückzuführen gewesen. Den Charakter als Spitzeninstitut habe die Preußen- bzw. Deutschlandkasse außerdem durch die Fusion mit der Genossenschaftsabteilung der Dresdner Bank gestärkt. Sie sei nun „zum alleinigen Zentralinstitut der deutschen Kreditgenossenschaften“ geworden (S. 292).

In Hinblick auf die Bedeutung der Kasse innerhalb der nationalsozialistischen Politik kommen die Autoren zu einem mehrschichtigen Urteil. Einerseits musste sie als Reichsinstitut dem Regime dienen, wirkte während des Zweiten Weltkrieges besonders in Polen als Instrument der „Germanisierungspolitik“ und konnte in dieser Zeit auch eine beträchtliche Ausweitung der Geschäftsaktivitäten aufweisen: Einlagen und Bilanzsumme verzehnfachten sich zwischen 1938 und 1943. Andererseits habe jedoch die Expansion in den angeschlossenen und besetzten Gebieten für die Geschäftsentwicklung nicht dieselbe Bedeutung besessen wie für andere Institute des privaten Bankwesens, etwa die Dresdner Bank. So wurde auch die wirtschaftliche Expansion während des Krieges weniger aggressiv betrieben als bei der Dresdner Bank.

Der dritte Teil der Studie mit dem Titel „Das genossenschaftliche Zentralbankwesen auf dem Weg in die Zweistufigkeit (1945–2010)“ wurde von den Wirtschaftswissenschaftlern Theresia Theurl und Stephan Paul verfasst. Er ist kaum mit den vorhergehenden Kapiteln verbunden, sondern folgt vielmehr einer eigenständigen Gliederung. Während zuerst die Entstehung und Geschichte der nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründeten Deutschen Genossenschaftskasse und ihre Geschichte von 1949 bis 2010 behandelt werden – seit 1976 firmierte sie als Deutsche Genossenschaftsbank bzw. DG Bank –, widmet sich danach ein gesonderter, weiterer Abschnitt der Geschichte des genossenschaftlichen Finanzverbunds von 1949 bis 2010. Dabei wird herausgearbeitet, dass die DG Bank als Spitzeninstitut mehr und mehr die traditionellen regionalen Zentralkassen als Zweigstellen übernahm und zur Erzielung von Effizienz- und Rationalisierungsvorteilen unter einem Dach vereinte. Dies wird als Übergang von der „Dreistufigkeit des genossenschaftlichen Bankwesens“ mit Primärbanken, regionalen Zentralinstituten und einem Spitzeninstitut zu einem zweistufigen Aufbau ohne regionale Zentralinstitute interpretiert. In diese Transformation wird auch die jüngste Fusion der zentralen DG Bank mit der südwestdeutschen GZ Bank zur DZ Bank im Jahr 2001 eingeordnet.

Der dritte Teil, mit rund 200 Seiten der umfangreichste, bietet eine beachtliche Informationsfülle, bleibt jedoch unübersichtlich. Historische Kontinuitäten und Verbindungen mit den vorangegangenen Teilen sind nur schwer erkennbar. Möglicherweise ist dies auch einem Quellenproblem geschuldet: Ab 1958 speist sich die Darstellung vor allem aus Geschäftsberichten, Presseveröffentlichungen und der Sekundärliteratur. Die Einleitung des FAZ-Journalisten Gerald Braunberger versucht eine Schneise durch die Informationsfülle zu schlagen, wünschenswert wäre jedoch eine gemeinsame Zusammenfassung gewesen, vor allem für den dritten Teil oder sogar übergreifend für alle drei Teile der Studie.

ZitierweiseVeit Damm: Rezension zu: Guinnane, Timothy; Paul, Stephan; Theurl, Theresia; Wixforth, Harald; Scholtyseck, Joachim; Bormann, Patrick: Die Geschichte der DZ BANK. Das genossenschaftliche Zentralbankwesen vom 19. Jahrhundert bis heute. München 2013, in: H-Soz-Kult, 20.02.2014, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2014-1-128>.

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