1 / 1 Rezension

Mittelalterliche Geschichte

M. Puzicha: Kommentar zur Vita Benedicti

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Lioba Geis <lioba.geisuni-koeln.de>
Autor(en):
Titel:Kommentar zur Vita Benedicti. Gregor der Große: Das zweite Buch der Dialoge – Leben und Wunder des ehrwürdigen Abtes Benedikt
Ort:St. Ottilien
Verlag:EOS Verlag (Erzabtei St. Ottilien)
Jahr:
ISBN:978-3-8306-7531-0
Umfang/Preis:493 S.; € 45,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Björn Gebert, Hugo von Sankt Viktor-Institut, Frankfurt am Main
E-Mail: <gebertsankt-georgen.de>

2002 erschien unter dem Namen Michaela Puzichas ein Kommentar der Benediktsregel, der ebenfalls im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz erstellt wurde. Konnte die damals eingesetzte Kommission auf eine lange Tradition von Regelauslegungen zurückgreifen, stand für den hier zu besprechenden Kommentar zur Vita des abendländischen Mönchsvaters Benedikt von Nursia keine derartige Sammlung von Inspirationsquellen zur Verfügung. Am nächsten kommt dem die mit Anmerkungen versehene Edition Adalberts de Vogüé[1], dem auch die maßgebliche Edition der Benediktsregel[2] zu verdanken ist. Michaela Puzicha legt die erste umfassende Auslegung des zweiten der insgesamt vier Bücher der Dialoge Papst Gregors des Großen (gest. 604) vor, der einzigen Quelle für das Leben Benedikts. Den „Gesprächspartner“ Gregors stellt der Diakon Petrus dar, freilich als rhetorische Figur, welche der Gliederung des Inhalts und der Einleitung von Exkursen dient – den Großteil der „Dialoge“ bilden die Erzählungen und Erläuterungen Gregors.

Dem eigentlichen Kommentar ist eine achtzig Seiten starke Einleitung mit Ausführungen zur Form und Entstehung des Textes (S. 15–61) sowie zu seiner Hermeneutik (S. 62–94) vorangestellt. Der erste Teil beginnt mit Erläuterungen zur (kirchen-)politischen Lage im Gebiet des heutigen Italiens zur Abfassungszeit der Dialoge, danach zur Situation Gregors selbst und zu den Gründen, die ihn, nach eigenen Angaben, zur Niederschrift der Dialoge bewegten. Die Darstellung des geschichtlichen Hintergrunds ist leider mit nur wenigen Belegen versehen (besonders S. 15, 20). Auch die Aussage: „Der beste Zeuge für die Situation des 6. Jahrhunderts ist Gregor selber“ (S. 19) ist hier unglücklich, denn eine Quellenkritik der zur Stützung angeführten Predigten, Briefe und anderen Werke unterbleibt. Man erfährt von der Bedrohung durch die Langobarden nach den Gotenkriegen (535–555) und vor allem von der Unzufriedenheit Gregors mit der Bürde seines Leitungsamtes, das ihn vom offenbar schmerzlich vermissten Klosterleben und der damit verbundenen Ruhe, dem klösterlichen „Hafen“[3], fernhält (S. 22–31). Die Erinnerung an seine eigene, vergangene vita contemplativa kennzeichnet Gregor als Anlass der Abfassung der Dialoge, die ihrerseits an die Leben italischer Heiliger erinnern wollen. Es folgen Ausführungen zur literarischen Form, zu Sprache und Stil, zu Adressaten, Exkursen und schließlich zur Verfasserfrage und zur Rezeption. Der zweite Teil der Einleitung widmet sich zunächst biblischen Einflüssen im zweiten Buch der Dialoge, die Puzicha in vielfältiger Form und großer Häufigkeit ausmacht. Treffend formuliert sie: „Diese Bibelpräsenz profiliert die Gestalt Benedikts zu einer lebenden Auslegung der Schrift“ (S. 62). Ihren Ausführungen hierzu schließt sie solche zur Bedeutung der von Gregor berichteten Wunder Benedikts an, wobei sie herausstellt, dass der Wunderbericht primär Gotteslob sein und dessen Wirken, nicht das der Heiligen, in den Mittelpunkt rücken soll (S. 73). Im Folgenden thematisiert Puzicha unter anderem den Exempelcharakter der Vita und die geistlichen Begleiter Benedikts, für den „Begegnungen und Aussprache mit Menschen von exemplarischer Bedeutung bleiben“ (S. 89).

So hilf- und umfangreich die Einleitung ist – völlig neu ist sie keineswegs. Weite Teile der achtzig Seiten speisen sich aus dem Kapitel „Zur Entstehung und Zielsetzung der Dialoge“ der ebenfalls im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz veröffentlichten Übersetzung des zweiten Buchs der Dialoge Gregors[4], die Puzicha lediglich als Vorlage für den lateinischen und deutschen Text der Benediktsvita (S. 11) angibt. Obgleich inhaltliche Übernahmen und thematische Parallelen die große Mehrheit darstellen (nur zwei Unterkapitel finden keine Entsprechung in den Überschriften der Vorlage), stammen teils ganze Paragrafen wörtlich aus der Vorlage (vor allem auf den Seiten 58 bis 61, vergleiche dazu in der Vorlage S. 16–23), in wenigstens einem Fall ist die Übernahme zudem fehlerhaft: „Die Etymologiae lässt an zwei Stellen an die Dialoge denken“ (S. 61) statt „... lassen...“ in der Vorlage (dort S. 18). Diese Tatsache verliert zwar seine besondere Brisanz, da Michaela Puzicha seinerzeit zur Übersetzungskommission gehörte und in diesem Rahmen für das angeführte Kapitel verantwortlich war. Wünschenswert wäre aber bereits ein Hinweis im Vorwort darauf gewesen, dass die Einleitung den Charakter einer teilweise nur überarbeiteten und aktualisierten Fassung jenes 1995er Kapitels trägt. Kritisch anzumerken ist ferner, dass Angaben zur frühen handschriftlichen Überlieferung, wie schon in der Vorlage, äußerst knapp bleiben, während andere Punkte der Einleitung auffallend ausführlich besprochen werden – etwa Gregors Klage über die Belastungen durch das Hirtenamt und seine Sehnsucht nach dem Kloster.

Der eigentliche Kommentar (S. 95–422) beginnt vor der Benediktsvita mit dem Druck des Prologs am Anfang der vier Bücher der Dialoge. Dieser bleibt zu Recht unkommentiert, schließlich wurde die hier ausgeführte Motivation und Intention Gregors zur Abfassung der Dialoge schon zuvor besprochen. Die nun beginnende Auslegung des zweiten Buchs erfolgt abschnittweise, immer nach dem Abdruck des lateinischen und deutschen Textes einer von Michaela Puzicha als solche angesehenen Sinneinheit. Von ihr als Exkurse ausgemachte Abschnitte kennzeichnet sie entsprechend. Dass sie diese jedoch beinahe jedes Mal als „Frage/Einwurf/Bemerkung des (Gesprächspartners) Petrus“ (S. 157, 262, 299, 307, 337, 418) beschreibt, dies als „Gliederungselement“, „Gliederungsformel“ oder „Zäsur“ (S. 157, 307, 337, 418) benennt und auf die „literarische Funktion“ (S. 157, 262, 299, 307, 337, 418) derselben hinweist, ist spätestens nach dem zweiten Mal redundant, weil offensichtlich. Inhaltlich verdient der Kommentar Lob. Michaela Puzicha weist auf Schlüsselbegriffe und spezifische Terminologien hin, verfolgt den inneren Zusammenhang des zweiten Buchs der Dialoge und behält auch die Entwicklung Benedikts vom puer senex zum vir Dei und schließlich dilectus Domino im Blick. Sie zeigt dabei nicht nur detailliert die biblischen und patristischen Inspirationen Gregors auf und verweist auf Entsprechungen zu bzw. Vor- und Rückgriffe auf andere(n) Passagen der Dialoge, sondern kennzeichnet auch Zusammenhänge mit seinen weiteren Werken, vor allem den Homilien und den Moralia. Ebenso interessant für die Forschung dürften ihre Beobachtungen zu Parallelen in der Benediktsregel, zur Darstellung Benedikts im Vergleich mit anderen hagiografischen Quellen, etwa den Viten des Martin von Tours oder des Antonius, wie auch zu Unterschieden zu diesen Quellen sein.

Der Kommentar endet mit dem Abdruck zweier Abschnitte aus dem dritten Buch der Dialoge, in denen Gregor in einer anderen Heiligenvita auf Benedikt rekurriert – wie der Prolog zum Gesamtwerk bleiben diese Abschnitte ohne Erläuterung. Der Anhang bietet Kapitel-, Abkürzungs-, Quellen- und Literaturverzeichnisse sowie Register der Bibelstellen und der Textstellen aus Gregors Werken, der Benediktsregel und weiterer Autoren. Register der Sachen, Personen und Orte fehlen leider.

Insgesamt ist das vorliegende Buch ein Gewinn. Für eine Beschäftigung mit der Vita Benedicti wird man, wohl in Kombination mit der kritischen Edition Adalberts de Vogüé, dankbar zu Michaela Puzichas Kommentar greifen, der inhaltlich gelungen ist, in seinem Umfang die Anmerkungen in der Edition des französischen Benediktiners naturgemäß weit überschreitet und durch die Einbeziehung der seit 1979 erschienenen Forschungsliteratur auf einem aktuellen Stand ist.

Anmerkungen:
[1] Grégoire Le Grand: Dialogues, ed. Adalbert de Vogüé / Paul Antin, 3 Bde., Paris 1978–1980.
[2] La Règle de Saint Benoît, ed. Adalbert de Vogüé /Jean Neufville, 7 Bde., Paris 1972–1977.
[3] Dazu ausführlich: Stephan Waldhoff, Das Kloster als Hafen. Meditationen über eine Metapher monastischer conversio, in: Studien und Mitteilungen des Benediktinerordens und seiner Zweige 123 (2012), S. 7–114.
[4] Gregor der Große. Der hl. Benedikt. Buch II der Dialoge lateinisch/deutsch, hrsg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, St. Ottilien 1995, 2. (unveränd.) Aufl. 2008.

ZitierweiseBjörn Gebert: Rezension zu: Puzicha, Michaela: Kommentar zur Vita Benedicti. Gregor der Große: Das zweite Buch der Dialoge – Leben und Wunder des ehrwürdigen Abtes Benedikt. St. Ottilien 2012, in: H-Soz-u-Kult, 09.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-017>.

Copyright (c) 2013 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension