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Nationalsozialismus

B. Dietz: Britische Konservative 1929–1939

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Marc Buggeln <mbuggelngmx.de>
Autor(en):
Titel:Neo-Tories. Britische Konservative im Aufstand gegen Demokratie und politische Moderne (1929–1939)
Ort:München
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-486-71302-2
Umfang/Preis:X, 334 S.; € 49,80

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Johannes Großmann, Seminar für Zeitgeschichte, Universität Tübingen
E-Mail: <jojogweb.de>

Die lange vernachlässigte sozialgeschichtliche und innenpolitische Entwicklung Großbritanniens in der Zwischenkriegszeit hat unlängst eine Neubewertung erfahren. Vor allem die 1930er-Jahre werden nun verstärkt als krisengeschüttelte Phase fundamentalen Umbruchs und wichtige Scharnierzeit wahrgenommen.[1] Mit seiner Studie über das radikalkonservative Spektrum am äußeren rechten Rand der britischen Tories versucht Bernhard Dietz, dieses Bild weiter auszudifferenzieren und um einen bislang nur wenig beleuchteten Aspekt der politischen Ideengeschichte Großbritanniens zu erweitern. Dietz, dessen Darstellung sich auf zeitgenössische Publikationen, Parlamentsprotokolle und Geheimdienstakten, vor allem aber auf Tagebuchaufzeichnungen, Memoiren und Nachlässe beteiligter Akteure stützt, verfolgt dabei die ambitionierte Absicht, den von ihm entwickelten Begriff des „Neo-Toryismus“ als Analysekategorie „für eine eigenständige ideologische Spielart der britischen Zwischenkriegszeit zu etablieren und gegen andere Strömungen abzugrenzen“ (S. 75).

Den Hauptteil seiner Studie gliedert Dietz systematisch in vier Teile, wobei er zunächst das sozialgeschichtliche Profil der „Neo-Tories“ herausarbeitet. Die Protagonisten dieser ideengeschichtlichen Strömung – Dietz nennt insbesondere Douglas Jerrold, Charles Petrie, Francis Yeats-Brown, Gerard Wallop (Viscount Lymington), Rolf Gardiner und Anthony Mario Ludovici – waren in besonderem Maße durch die Erfahrung des Ersten Weltkriegs geprägt, zählten sie doch zu jener „verlorenen“ Generation konservativer Intellektueller, Journalisten und Politiker, die einen überdurchschnittlich hohen Blutzoll auf den europäischen Schlachtfeldern entrichtet hatte. Sie verstanden den Krieg als nationales Erweckungserlebnis, huldigten einer antifeministischen „Männlichkeitsideologie“ (S. 40) und begegneten der pazifistischen Grundhaltung der britischen Nachkriegsgesellschaft mit Unverständnis.

In einem zweiten Schritt beschreibt Dietz die Methoden der „Neo-Tories“ im Kampf um die gesellschaftliche und historische Deutungsmacht. Die antipazifistische Interpretation des Ersten Weltkriegs, die dem Bild des verängstigten, entmenschlichten Soldaten das ritterliche Ideal des tapferen Kriegshelden entgegenhielt, diente dabei lediglich als Aufhänger einer fundamentalen Kritik an der in Großbritannien seit dem 19. Jahrhundert dominierenden liberalen Geschichtsdeutung. In Abgrenzung zu dieser Whig interpretation of history mit ihrem Fortschrittsglauben und ihrem humanistischen Menschenbild entwarfen die „Neo-Tories“ ihr eigenes Geschichtsbild, das sich gegen Kapitalismus und Sozialismus, gegen Individualismus und „Vermassung“ wandte und die demokratische Tradition Großbritanniens ebenso in Frage stellte wie die Industrialisierung. Die „Glorious Revolution“ von 1688 wurde folgerichtig in eine „Inglorious Rebellion“ (S. 66) umgedeutet und zum Auftakt jener negativen Entwicklung erklärt, in deren Zuge sich Großbritannien zusehends vom goldenen Zeitalter eines imaginierten „Merry England“ entfernt habe.

Die Weltanschauung der „Neo-Tories“, die Dietz im dritten und umfangreichsten Abschnitt seiner Arbeit analysiert, war vom Schreckgespenst einer voranschreitenden „Degeneration“ der britischen Gesellschaft besessen. Die radikalkonservative These von einem nationalen Verfallsprozess wurde dabei durch einen wissenschaftlich verbrämten und – wie Dietz eindrucksvoll herausarbeitet – gesellschaftlich durchaus anschlussfähigen eugenischen Diskurs unterfüttert (S. 77–91). Sie bildete einerseits die Projektionsfläche eines agrarromantischen Antiurbanismus und eines antikapitalistisch gefärbten „Konsens-Antisemitismus“ (S. 181–204). Andererseits diente sie als Begründung für eine grundsätzliche Ablehnung der parlamentarischen Demokratie, die als „Tyrannei der Masse“ (S. 117) verschrien und für den drohenden Verlust des Kolonialreichs verantwortlich gemacht wurde. Als Ausweg aus dem angeblichen Niedergang propagierten die „Neo-Tories“ die Rückbesinnung auf einen „True Toryism“ (S. 130), der für eine Restauration der absoluten Monarchie und die Verwirklichung einer ständestaatlichen Gesellschaftsutopie einstand. In rechtsintellektuellen Elitezirkeln und Publikationsorganen wie dem Ashridge College, dem Londoner Right Book Club, dem Literaturmagazin Criterion oder der English Review warben sie für eine radikalkonservative Alternative zur Politik des zum „Antihelden“ (S. 145) stilisierten Premierministers Stanley Baldwin.

Anschauungsmaterial für die geforderte politische Wende lieferte den „Neo-Tories“ die Entwicklung in Italien. Ihrem Lob auf die „vermeintlich legitimitätsbildenden und traditionalen Elemente im Faschismus“ (S. 169) stand freilich eine „kritische Beurteilung von revolutionärer Gewalt und der Beschneidung von Freiheitsrechten“ (S. 160) gegenüber. Dietz kommt daher zum Schluss, dass die Rezeption des italienischen Faschismus durch die „Neo-Tories“ letzten Endes ambivalent geblieben sei. Dessen ungeachtet sahen sich die „Neo-Tories“ im Laufe der 1930er-Jahre mit ihrer grundsätzlich positiven Faschismusrezeption zunehmend ins innenpolitische Abseits gedrängt. Denn spätestens mit dem Ausbruch des Abessinienkrieges war die spitzfindige Differenzierung vieler „Neo-Tories“ zwischen Mussolinis Italien und dem als „heidnisch“ und „unzivilisiert“ zurückgewiesenen „Dritten Reich“ kaum mehr glaubwürdig.

In der politischen Praxis lehnten die „Neo-Tories“ – wie Dietz im vierten und letzten Teil seiner Studie herausarbeitet – die Gründung einer eigenen Partei ebenso ab wie eine mit ihrem „elitäre[n] Selbstverständnis“ und ihrer „intellektuelle[n] Distanz“ unvereinbare „Mobilisierung der Straße“ zur Durchsetzung ihrer Interessen (S. 205). Stattdessen strebten sie eine „Revolution von oben“ (S. 206) an, die sie zunächst durch eine publizistische Offensive in der Wochenzeitschrift Everyman und eine Allianz mit dem kolonialistischen Diehard-Flügel der Tories erreichen wollten. Allerdings missglückte das Vorhaben, den früheren Hochkommissar von Ägypten, George Lloyd, durch einen innerparteilichen Putsch im November 1933 zum autoritären Premier und Übergangsdiktator zu küren. Die daraufhin mit der Gründung des January Club eingeschlagene Strategie einer taktischen Zusammenarbeit mit Oswald Mosleys British Union of Fascists (BUF) blieb ebenso erfolglos. Gleiches galt für das vom späteren Europapolitiker und Schwiegersohn Winston Churchills, Duncan Sandys, als rechte Sammelbewegung innerhalb der Konservativen Partei konzipierte British Movement, das aus Dietz’ Sicht „sowohl inhaltlich als auch organisatorisch der Umsetzung jenes antidemokratischen Neo-Toryismus, wie er von den konservativen Intellektuellen der Zwischenkriegszeit formuliert wurde, am nächsten“ kam (S. 239).

Wenngleich die „Neo-Tories“ mit ihrem Bestreben nach einer „intellektuellen Neuausrichtung und Radikalisierung“ (S. 299) der Konservativen Partei spätestens 1935 gescheitert waren, blieben sie danach eine zumindest in außenpolitischen Fragen durchaus einflussreiche Lobbygruppe. Während des Spanischen Bürgerkrieges, den sie als „konservative Revolution im Ernstfall“ (S. 245) interpretierten, profilierten sich namhafte Vertreter der „Neo-Tories“ als entschiedene Fürsprecher der spanischen Nationalisten gegenüber einer grundsätzlich pro-republikanischen britischen Öffentlichkeit und scheuten dabei nicht vor direkten diplomatischen Interventionen zugunsten Francos zurück. Die Appeasement-Strategie der britischen Regierung gegenüber der nationalsozialistischen Expansionspolitik unterstützten die „Neo-Tories“ weniger aus pragmatischen denn aus ideologischen Gründen. Zumindest für einige unter ihnen – wie Arthur Bryant – schien daher selbst noch im Januar 1940 ein „Bündnis mit Deutschland mit antibolschewistischer Stoßrichtung“ (S. 277) denkbar. Die „Radikalität der Motive für Hitlers rassistischen Vernichtungskrieg“ hatten er und seine Gesinnungsgenossen vollkommen unterschätzt (S. 288).

Bernhard Dietz’ Analyse überzeugt durch die sorgfältige Auswertung einer vielschichtigen Quellenbasis, durch eine gleichermaßen anschauliche wie präzise Darstellungsweise und durch eine souveräne Verortung der Ergebnisse im bisherigen Forschungsstand. Dass bestimmte Sachverhalte mehrfach wiederholt werden und dem Leser stellenweise der Überblick über die zeitliche Abfolge der Ereignisse verloren geht, ist wohl der systematisierenden Gliederung geschuldet. Im Untersuchungsgegenstand selbst dürften wiederum die Gründe dafür zu suchen sein, dass die Trennlinie zwischen den „Neo-Tories“ und anderen rechtskonservativen Strömungen wie den Diehards oder der Eugenik-Bewegung wesentlich unschärfer ausfällt als die Abgrenzung zu den britischen Faschisten und zum Mainstream-Konservatismus.

In der Studie lediglich angeschnitten werden zwei Aspekte, die möglicherweise weitere Aufschlüsse über die ideologische Verortung des „Neo-Toryism“ in der politischen Ideenlandschaft der Zwischenkriegszeit liefern könnten. Dazu zählen zum einen die religiösen Motivationen und konfessionellen Hintergründe der „Neo-Tories“, die offenbar von Fall zu Fall und von Person zu Person höchst unterschiedlich sein konnten. Vor allem aber sei auf die Notwendigkeit eines systematischen Vergleichs mit radikalkonservativen und rechtsrevolutionären Strömungen in anderen europäischen Ländern hingewiesen. Zwar weist Dietz an mehreren Stellen auf die Wesensverwandtschaft der „Neo-Tories“ mit den „Konservativen Revolutionären“ in Deutschland und den französischen „non-conformistes“[2] der 1930er-Jahre hin. Die in seiner Schlussbemerkung formulierte These von einer britischen Variante der „Konservativen Revolution“ ist jedoch nur haltbar, wenn sie auch einer Überprüfung in vergleichender und transnationaler Perspektive standhält. Diese Feststellung sei jedoch – wie auch der Hinweis auf die lohnenswerte Suche nach ideologischen Kontinuitäten über 1945 hinaus – weniger als Kritik verstanden denn als Anregung, die Ergebnisse dieser interessanten und wichtigen Studie aufzugreifen und weiterzuführen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu die Sammelrezension von Becker, Tobias, Neue Darstellungen zu Großbritannien in der Zwischenkriegszeit, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 12, <www.sehepunkte.de/2010/12/17960.html> (19.12.2012).
[2] Loubet del Bayle, Jean-Louis, Les non-conformistes des années 30. Une tentative de renouvellement de la pensée politique française, Paris (Seuil) 1969.

ZitierweiseJohannes Großmann: Rezension zu: Dietz, Bernhard: Neo-Tories. Britische Konservative im Aufstand gegen Demokratie und politische Moderne (1929–1939). München 2012, in: H-Soz-u-Kult, 11.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-025>.

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