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Frühe Neuzeit

H. Louthan u.a. (Hrsg.): Diversity and Dissent

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan Brademann <jan.brademannuni-bielefeld.de>
Titel:Diversity and Dissent. Negotiating Religious Difference in Central Europe, 1500–1800
Reihe:Austrian and Habsburg Studies 11
Herausgeber:Louthan, Howard; Cohen, Gary B.; Szabo, Franz A. J.
Ort:New York
Verlag:Berghahn Books
Jahr:
ISBN:978-0-85745-108-8
Umfang/Preis:XII, 240 S.; $85.00 / £50.00 / € 67,46

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Martin Scheutz, Institut für Österreichische Geschichtsforschung / Institut für Geschichte der Universität Wien
E-Mail: <martin.scheutzunivie.ac.at>

Nachdem lange Zeit das Konfessionalisierungskonzept, die Schaffung monolithischer Konfessionskulturen und einheitlicher Frömmigkeitspraktiken im Zentrum der interdisziplinären Forschung zur Geschichte der Konfessionen standen, rückten in den letzten Jahren vermehrt Ambiguitäten der Konfessionen – konfessionelle Mittel- und Abwege, „Abschneider“, aber auch Umwege – in den Fokus der Forschung. Sonderforschungsbereiche und Tagungen nehmen das „Laboratorium des politischen und religiösen Pluralismus“ (so der Münsterer SFB) in Europa auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Ländern/Herrschaftskomplexen in den Blick und finden erstaunliche Lebenswege und Glaubenspraktiken, die das Konfessionalisierungskonzept zumindest stark hinterfragen. Binnenkonfessionelle Pluralität, konfessionelles „Geheimwissen“, Interkonfessionalität, Irenik oder auch eine schwer fassbare Transkonfessionalität werden, wenn auch nicht immer leicht in den Quellen zu finden, auch vor dem Hintergrund gegenwärtiger Konfliktlagen zu wichtigen Forschungsgebieten. Howard Louthan, Frühneuzeitspezialist an der Universität Florida, verortet den „Multikonfessionalismus“, also das im Titel angesprochene Spannungsverhältnis von Meinungsvielfalt und Dissens, am Beginn des vorzustellenden Bandes in einem breiten kulturellen und geographischen Referenzrahmen, indem neben der Habsburgermonarchie auch das Polen des 16. Jahrhunderts eingehender behandelt wird. Als Ziel des Bandes gelte es, die „Ausstrahlung der zentraleuropäischen Multikonfessionalismus“ auszuloten, wozu auch eine vorwiegend englischsprachige Bibliographie (S. 219–227) am Ende des Bandes dienen soll. Neben mikrogeschichtlichen (etwa zu Juden, Wiedertäufern und Hexen) werden auch makrogeschichtliche Studien (etwa zur Religionspolitik der Habsburgermonarchie im 18. Jahrhundert und zur Union von Brest) geboten; eingehender erfährt die in diesem Band auch als Lösung der konfessionellen Konfliktgestellung interpretierte staatliche Toleranzgesetzgebung der Habsburgermonarchie Behandlung.

Auf der Basis einer mikrogeschichtlichen Studie von kleinen westfälischen „Home-towns“ erörtert David M. Luebke (Eugene/Oregon) das deutlichen Wandlungen unterworfene Miteinander der Konfessionen im 16./17. Jahrhundert: Einer westfälischen East-Side-Story (Beispiel Bocholt) mit unscharfen Abgrenzungen zwischen den Konfessionen (etwa bei der Kirchennutzung) steht eine West-Side-Story mit hohen Zäunen zwischen den stärker antagonistischen Konfessionen (etwa am Beispiel des Warendorfer Friedhofs) gegenüber. Das Miteinander der katholisch/protestantischen Bewohner erscheint lange durch „practical rationality“ (Robert W. Scribner) geprägt. Den Marienkult als katholischen Unterscheidungsritus, aber auch die lange pfarrliche Kontinuität der Marienverehrung, auch im protestantischen Bereich (etwa am Beispiel des Marienaltars von Sebeş/Mühlbach), zeigt Bridget Heal (St. Andrews) auf. Auf der Ebene der böhmischen Adeligen verdeutlicht Petr Maťa (Wien) die konfessionelle Entwicklung des böhmischen Adels. Er wurde als Gegengewicht zu den Habsburgern seit 1550 zunehmend protestantisch; dennoch blieben die konfessionellen Grenzen des konfessionell wenig doktrinären Adels erstaunlich offen (wie sich am Beispiel von Testamentsverfügungen zeigen lässt).

Das Verhältnis von Territorialmacht und Religion – also makrogeschichtliche Ansätze – am Beispiel der Juden, von Wiedertäufern und Hexen verfolgt Thomas A. Brady, Jr (Berkeley). Ihn interessiert insbesondere die Frage, wie diese am Beginn der Frühen Neuzeit intensiv verfolgten bzw. regulierten Personengruppen bis zum Ende des Untersuchungszeitraumes ihren Status als „Feinde Gottes“ verloren. Brady sieht eine in ihrer Zielrichtung sich wandelnde, chronologische Kontinuität der Verfolgung, die von den Juden im Spätmittelalter auf die Wiedertäufer und schließlich auf die „Hexen“ überging. Debra Kaplan (Yeshiva University, New York) versucht am Beispiel der Straßburger Juden, deren wenig beachtete Rolle im Konfessionalisierungskonzept zu erläutern. Die Juden wurden zwar aus Straßburg ausgewiesen (und lebten im Rechtgebiet des Bischofs), waren aber in der Stadt wirtschaftlich sehr präsent. Trotz schärferer konfessioneller Grenzen interagierten Christen und Juden weiterhin intensiv. Vor dem Hintergrund von fürstlichen Rechten und der sich entwickelnden Territorialisierung des Rechtes diskutiert Robert von Friedeburg (Rotterdam) den Spielraum von Konfessionen (im Sinne von „cuius regio, eius religio“). Zwei Beiträge – Paul W. Knoll (Los Angeles) über Toleranz in Polen im 16. Jahrhundert und Mikhail V. Dmitriev (Budapest) über Katholiken und Orthodoxe nach der Union von Brest (1596) – thematisieren das polnische Gebiet. Während der erstgenannte Beitrag die Etablierung einer multikonfessionellen Adelskultur, die für das Königreich bestimmend war (Warschauer Religionsfriede 1573) belegt, vertieft Dmitriev am Beispiel der Union von Brest 1596 das Thema einer Kooperation von katholischer und griechisch-orthodoxer Kirche. Die Union von Brest „became a sort of unanticipated experiment that revealed the profound structural differences of two Christian mentalities“ (S. 131).

Breiten Raum nehmen Brückenschläge zwischen den Konfessionen ein: Alexander Schunka (Gotha/Erfurt) betont die lange, erfolglose Tradition interkonfessioneller „Dialoge“, mit besonderer Betonung der Leibnizschen Unionsbestrebungen. Am Beispiel der österreichischen und böhmischen Geheimprotestanten und deren intensiver Lektüre problematisiert Regina Pörtner (Swansea) die Konfessionalisierungsthese. Diese aus der Sicht der Zentralbehörden „lutheranischen“ Häretiker suchten mit brennendem Herzen und dem Buch in der Hand ihre Rechtgläubigkeit und die Treue zum Landesherrn zu unterstreichen. Zum Abschluss des Bandes behandelt Ernst Wangermann (Salzburg) das Verhältnis von konfessioneller Einheit, Toleranz und Religionsfreiheit am Beispiel der Habsburgermonarchie (Salzburger Geheimprotestanten, böhmische Deisten), wo nach Ansicht des Autors der „religious dissent […] the high road to social and political rebellion“ (S. 210) darstellte. Die politisch motivierten Toleranzpatente Kaiser Josephs II. blieben strikt auf die Lutheraner, Calvinisten und die nicht-unierten Griechisch-Orthodoxen beschränkt; die böhmischen Deisten erfuhren dagegen keine „Toleranz“.

Der Band, Ergebnis von Konferenzen in Minnesota und Edmonton, vermittelt Einblicke in die überraschend multikonfessionelle Welt der Habsburgermonarchie. Der Tagungsband weist allerdings keinen stringenten Forschungsansatz auf, vielmehr bieten die Autoren interessante und elaborierte Beobachtungen aus ihren Spezialgebieten. Viele der im Band verwendeten Begrifflichkeiten, wie etwa Toleranz, werden nicht begrifflich geschärft in die Diskussion eingeführt, was mitunter zu unterschiedlichen Interpretationen je nach Beitrag führt. Insgesamt wirkt der amerikanische und europäische Forschung vereinende Band thematisch wenig geschlossen, sozial- und politikgeschichtliche Annäherungen stehen unvermittelt neben eher theologiegeschichtlichen Herangehensweisen.

ZitierweiseMartin Scheutz: Rezension zu: Louthan, Howard; Cohen, Gary B.; Szabo, Franz A. J. (Hrsg.): Diversity and Dissent. Negotiating Religious Difference in Central Europe, 1500–1800. New York 2011, in: H-Soz-Kult, 15.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-178>.

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