1 / 1 Rezension

Geschichte allgemein

E. Mira Caballos: Hernán Cortés

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katja Naumann <knaumannuni-leipzig.de>

Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. geschichte-transnational.clio-online.net/

Autor(en):
Titel:Hernán Cortés. El fin de una leyenda
Ort:Badajoz
Verlag:Barrantes Cervantes
Jahr:
ISBN:978-84-613-8066-4
Umfang/Preis:590 S.; € 25,00

Rezensiert für geschichte.transnational und H-Soz-Kult von:
Felix Hinz, Stiftung Universität Hildesheim
E-Mail: <hinzfeuni-hildesheim.de>

Den zahllosen historischen Legenden ein Ende bereiten zu wollen, die sich um die Person des Hernán Cortés spinnen, ist ein ehrgeiziges Vorhaben. Dass Esteban Mira Caballos an diesem selbstgesteckten Ziel letztlich scheitert, zeigt nur, wie wirkmächtig die Geschichte um den spanischen Conquistadoren noch heute ist. Aber um es gleich vorwegzunehmen: Er scheitert durchaus ehrenwert.

Der Autor selbst erklärt, keine weitere Studie zur Eroberung Mexikos vorlegen zu wollen, sondern stattdessen nach Möglichkeit biografische Lücken im Leben des Cortés zu füllen, die wegen der komplexen Geschichte der Unterwerfung der Mexica (Azteken), die insgesamt aber nur zwei Jahre seines Lebens ausmachte, bislang unterbelichtet sind (S. 11). Zu Recht weist er darauf hin, dass viele dieser weißen Flecken der Geschichtsschreibung bisher mit höchst vagen und eher legendären Daten kaschiert werden, die allerdings zur Beurteilung des Hernán Cortés bedeutsam wären, der immerhin als Idealtypus eines spanischen Conquistadors galt und gilt. In diesem Ansatz liegen zugleich die Stärke und das Problem des vorliegenden Buchs.

Mira Caballos umreißt zunächst die kontroversen Beurteilungen des Cortés: Auf der einen Seite wurde er als strahlender Held verehrt („La Leyenda Rosa“), auf der anderen Seite als grausamer Indianertöter dargestellt („La Leyenda Negra“). Der Autor möchte weg von diesen Zerrbildern zum Menschen Hernán Cortés vordringen, der aus seiner Zeit heraus zu verstehen sei. Dazu widmet er sich zunächst den hervorstechenden Merkmalen seines Charakters (beispielsweise seinem Charisma, seinem unruhigen Geist, seiner Frömmigkeit, seiner Sexgier usw.), um dann chronologisch-systematisch die oft kaum bekannten Perioden in der Biografie des Conquistadoren zu untersuchen: seine Herkunft und frühe Jugend, seine Studien in Salamanca, sein Aufenthalt in Hispaniola, sein Leben auf Kuba, dann die Eroberung Mexikos, seine Phase als Statthalter Neuspaniens, seine Erkundungsexpeditionen im Pazifik (mit denen er immerhin 20 Jahre seines Lebens verbrachte) sowie schließlich die ebenfalls in historisches Dunkel gehüllten letzten Lebensjahre in Spanien. Es folgt ein umfangreicher Anhang (S. 349–589) von Tabellen (zum Beispiel eine auf Grunberg[1] basierende, ergänzte Liste aller Teilnehmer der Eroberer Mexikos unter Cortés), Stammbäumen und vom Autor transkribierten Quellen, die dem emsig sammelnden José Luis Martínez[2] entgangen waren.

Hier wird bereits deutlich, dass Mira Caballos ein profunder Kenner der spanischen Geschichte des 16. Jahrhunderts ist und seinem Anspruch, neue Facetten des Phänomens ‚Hernán Cortés‘ zu beleuchten, gerecht wird. Eines seiner Verdienste ist es, mit der Geschichtsversion aufzuräumen, dass der spätere Eroberer Mexikos aus ärmlichen Verhältnissen oder zumindest doch aus einer Familie armer Hidalgos stamme – was auch keineswegs dasselbe war. Er weist nach, dass der Vater Martín, obwohl der jüngste von vier Brüdern, aufgrund zahlreicher Besitzungen als durchaus wohlhabend gelten durfte. Dies erklärt auch, weshalb er die Idee haben konnte, seinen Sohn Hernán zum Studieren nach Salamanca zu schicken. Statt der in der Geschichtsschreibung traditionell genannten 5.000 Maravedís verfügten die Eltern des Cortés, soweit in den Quellen nachweisbar, über 30.000 Maravedís Jahreseinkommen, tatsächlich aber mit Sicherheit über weit mehr (S. 102). Des Weiteren gelingt es dem Autoren nach eingehendem Studium der Selbstaussagen des berühmtesten Sohnes der Stadt Medellín, dessen Geburtsjahr vom üblicherweise angenommenen 1485 auf 1484–1482 rückzudatieren (S. 113). Was Cortés angebliche Studien in Salamanca betrifft, weist Mira Caballos nach, dass er die dortige Universität nicht besucht hat. Auf der anderen Seite macht er klar, dass der spätere Sekretär des Statthalters von Kuba seine nachweislichen Kenntnisse in Grammatik, Rechtswissenschaften und Latein unmöglich in nur zwei Jahren gelernt haben kann, die ihm für seinen Aufenthalt in Salamanca gemeinhin zugeschrieben werden. Er müsse also mindestens drei oder vier Jahre in der Stadt gewesen sein, um sich dort auf ein Jurastudium vorzubereiten, das er dann jedoch nicht antrat (S. 124). Er lebte und lernte bei seiner dort wohnhaften Tante und ihrem Ehemann Francisco Núñez Varela, der an der Universität als Professor Grammatik und Latein unterrichtete. Die folgenden Jahre (1501–1504), so Mira Caballos nachvollziehbar, brachte Cortés zum Teil in Valladolid zu, wo er seine Kenntnisse vertiefte (S. 127–129).

In ähnlicher Weise gelingt es dem Autor, den Schleier um die letzten Lebensjahre des Cortés etwas zu lüften. Entschieden weist er die Legende zurück, der Conquistador sei in Spanien vergessen und verarmt gestorben. Obwohl er in seinen letzten Monaten über wenig Barschaft verfügte, sei er nach wie vor eine der reichsten Persönlichkeiten seiner Zeit gewesen und konnte in der Gewissheit aus dem Leben scheiden, in den Augen des Kaisers und der Gesellschaft hohes Ansehen zu genießen (S. 305–306). Dies lässt sich nicht zuletzt daran ermessen, dass es kaum eine historische Person gegeben habe, die (sogar schon zu Lebzeiten!) so viele Totenfeierlichkeiten erfahren habe wie Cortés (S. 310).

Hätte Mira Caballos es dabei belassen und die Eroberung Mexikos beherzt außen vor gelassen, hätte man seine Studie nur loben können. Denn dass er in Bezug auf diesen bereits sehr umfassend untersuchten Themenbereich weniger kritisch mit den Quellen umgeht, ist leider nicht zu übersehen. Auf diese Weise verfestigt er sogar wieder Legenden, die andere bereits vor ihm als solche entlarvt hatten.

Hier ist vor allem die Geschichtsversion zu nennen, dass die Ureinwohner Mexikos Cortés und seine Truppe als Götter angesehen hätten (S. 206). Generell verlässt sich Mira Caballos zur Eroberungsgeschichte 1519–21 viel zu sehr auf die Aussagen von Cortés und der übrigen spanischen Augenzeugen, die offenbar zum Teil abgestimmt waren. Dass der Autor die deutschsprachige Forschung gar nicht zur Kenntnis nimmt, ist leider ein breit beklagbares Phänomen der internationalen Geschichtsforschung. Was Werner Stenzel schon 1980 minutiös darlegte[3], hätte er spätestens der englischsprachigen Forschung entnehmen können, die 2003 meinte, dieselbe Entdeckung ganz neu gemacht zu haben: nämlich dass es sich beim angeblichen Mythos vom wiederkehrenden Gott Quetzalcóatl um eine postcortesische Legende handelt.[4] Er lässt sich durch keine vorspanische Quelle stützen. Insgesamt erscheint daher auch das Bild, das der Autor vom Mexica-Herrscher Moctezuma zeichnet, sehr eindimensional – um nicht zu sagen: apokalyptisch-fiktiv.[5] Ähnlich unkritisch benutzt er die Aussagen des Bernal Díaz del Castillo, der seinen angeblichen Augenzeugenbericht vier Jahrzehnte nach der Conquista schrieb. An dieser Quelle ist vieles dubios[6], was Mira Caballos nicht hindert, Bernal zum Beispiel zu glauben, dass er sich noch an die Farbe eines jeden Pferdes der Conquista erinnert (S. 178) oder den Mercedarier Bartolomé de Olmedo (S. 177) in dieser Darstellungsweise für eine historisch verbürgte Figur zu nehmen.[7] Leider ist auch die Bebilderung zum Teil wenig aussagekräftig, spärlich[8] oder bisweilen gar falsch[9] beschriftet.

Bedenklich sind schließlich Mira Caballos Bestrebungen, Hernán Cortés moralisch bewerten zu wollen. Über Cortés’ Beurteilung sind extreme Standpunkte vertreten worden. Aber die Lösung des Problem kann nicht darin bestehen, ihn schlicht als einen Menschen seiner Zeit zu sehen (– so Mira Caballos S. 11). Cortés war kein typischer Mensch seiner Zeit, sonst hätte er nicht soviel Aufmerksamkeit erfahren. Zweifellos war er mehr als ein brutaler Schlächter. Aber dass er das auch war, daran kann es keinen Zweifel geben. Einen heute schwer nachvollziehbaren, zu Zeiten der Reconquista geformten Begriff von christlicher Frömmigkeit einmal beiseite lassend, werden sich die Person und der Charakter des Hernán Cortés wenigstens nicht beurteilen lassen, solange die eine Legende sich hartnäckig hält, die historisch zu klären auch Mira Caballos nicht gelingt (S. 156–161): dass er nach der Eroberung Mexikos, um in den spanischen Hochadel einheiraten zu können, seine erste Ehefrau mit eigenen Händen erwürgt habe.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass Mira Caballos’ Werk zwar kein gutes Buch zur Eroberung Mexikos ist, sehr wohl aber eine inhaltlich überfällige, wertvolle Ergänzung zur biografischen Erforschung des Hernán Cortés und damit auch der Sozialgeschichte der Conquista Amerikas.

Anmerkungen:
[1] Bernard Grunberg, L’univers des conquistadores. Les hommes et leur conquête dans le Mexique du XVIe siècle, Paris 1993.
[2] José Luis Martínez (Hrsg.), Documentos cortesianos. 1518–1548, 4 Bde., México 1993.
[3] Werner Stenzel, Quetzalcoatl von Tula. Die Mythogenese einer postkortesischen Legende (= Zeitschrift für Lateinamerika Wien 18 [1980]).
[4] Camilla Townsend, Burying the White Gods. New Perspectives on the Conquest of Mexico, in: American Historical Review 108 (2003) 3, S. 659–687.
[5] Vgl. zu Moctezumas angeblicher Furcht: Guy Rozat Dupeyron, Indios imaginarios y indios reales en los relatos de la conquista de México, México 1993.
[6] Vgl. dazu José Antonio Barbón Rodriguez, Bernal Díaz del Castillo. Vida, in: Bernal Díaz del Castillo, Historia verdadera de la Conquista de la Nueva España, hrsg. von José Antonio Barbón Rodríguez, México 2005, S. 3–29.
[7] Vgl. dazu Carmelo Sáenz de Santa María, La gran interpolación mercedaria, in: Bernal Díaz del Castillo, Historia verdadera de la Conquista de la Nueva España, hrsg. von Carmelo Sáenz de Santa María, Madrid 1982, S. XXII–XXV.
[8] Ein Kupferstich Theodor de Brys (1528–1598), der nie einen Indianer gesehen hat, wird als solcher nicht benannt und stellt keineswegs „Indianer Neu-Spaniens“ dar (S. 200), von denen es durchaus bildliche Selbstdarstellungen gegeben hätte, sondern „Die Vornehmen der Insel und Stadt, so Roanoke genannt wird“ (Theodor de Bry, Amerika oder die Neue Welt, Erster Teil, hrsg. von Friedmann Berger, Leipzig/ Weimar 1977, Tafel 7). Ein barockes Gemälde zum Treffen von Moctezuma und Cortés wird nicht näher spezifiziert und ist darüber hinaus ein praktisch völliges Fantasieprodukt (S. 210).
[9] Auf S. 203 wird ein Plan der Mexica-Hauptstadt Tenochtitlán und Tlatelolcos abgebildet, die Beschriftung jedoch besagt, dass Cholula dargestellt sei.

ZitierweiseFelix Hinz: Rezension zu: Mira Caballos, Esteban: Hernán Cortés. El fin de una leyenda. Badajoz 2010, in: H-Soz-Kult, 04.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-006>.

Copyright (c) 2013 by H-Net, Clio-online, geschichte.transnational, and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact geschichte.transnationaluni-leipzig.de or H-SOZ-U-KULTH-NET.MSU.EDU.

 
1 / 1 Rezension