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Frühe Neuzeit

A. Spicer (Hrsg.): Lutheran Churches

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan Brademann <jan.brademannuni-bielefeld.de>
Titel:Lutheran Churches in Early Modern Europe
Herausgeber:Spicer, Andrew
Ort:Farnham
Verlag:Ashgate
Jahr:
ISBN:978-0-7546-6583-0
Umfang/Preis:512 S.; € 98,99

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Renate Dürr, Seminar für Neuere Geschichte, Eberhard-Karls-Universität Tübingen
E-Mail: <renate.duerruni-tuebingen.de>

Der vorliegende, interdisziplinär ausgerichtete Sammelband steht im Zusammenhang mit einem Forschungsprojekt an der Oxford Brookes University mit dem Titel „The Early Modern Parish Church and the Religious Landscape“, unter der Leitung von Andrew Spicer, Louise Durning und Margit Thøfner. Er versammelt ausgearbeitete Vorträge unterschiedlicher Konferenzen aus den Jahren 2006 und 2009, ergänzt durch weitere Beiträge. Die überwiegend recht umfangreichen Aufsätze (knapp die Hälfte zählt über 30 Seiten) sind durchweg von hoher Qualität. Ungewöhnlich ist auch die hohe Zahl von 140 Abbildungen. Dieser Aufwand wird betrieben, um erstens die noch immer vertretene Auffassung von der Bilder- oder gar Kunstfeindlichkeit des Luthertums zu widerlegen, und um zweitens herauszuarbeiten, welchen Wandel diese Konfession vom 16. bis 18. Jahrhundert durchlief. Damit wendet sich der Band gegen die ebenfalls noch immer wirkungsmächtige These von der „bewahrenden Kraft des Luthertums“[1].

Dieses statische Bild unterstellt eine längerfristige Übernahme spätmittelalterlicher Elemente – in der Kirchenausstattung wie in der Liturgie – in lutherischen Territorien, weil diese als Adiaphora für nebensächlich gehalten worden seien. Darum hätten diese „Restkatholizismen“ auch keine nachhaltigen Auswirkungen auf die lutherische Theologie oder Konfessionskultur gehabt. Demgegenüber betonen die meisten Beiträge dieses Sammelbandes, dass vieles, was zunächst als restkatholische Überbleibsel betrachtet werden könnte, im Verlaufe der Jahrzehnte lutherisch umgeformt und damit in die lutherische Liturgie und Frömmigkeitspraxis aufgenommen werden konnte, sowie dass vieles, was als Ergebnis einer „bewahrenden Kraft“ erscheinen mag, jüngeren Datums war und folglich als ein Moment lutherischer Kirchengestaltung zu gelten hat. Vor allem die kunsthistorischen Beiträge fassen solche Neuerungen unter dem Begriff des „lutherischen Barock“ zusammen. In dem Sammelband stehen methodische Fallstudien neben Überblicksartikeln zur Geschichte des Kirchenbaus und Kirchenschmucks in verschiedenen Teilen Europas, wobei diese nicht nur diejenigen Regionen betreffen, in denen sich die lutherische Kirche durchsetzen konnte. Insgesamt möchte das Buch die „key ideologies and beliefs“ (S. 11) des europäischen Luthertums beschreiben, wie Andrew Spicer in seiner konzisen Einleitung (S. 1–15) betont. Welche Aspekte dieser „key ideologies and beliefs“ in den einzelnen Beiträgen zur Sprache kommen, soll im Folgenden kurz nachgezeichnet werden.

Vera Isaiasz diskutiert in ihrem Beitrag lutherische Kirchweihen unter der Frage nach der Entstehung einer spezifisch lutherischen Sakralitätskonzeption. Sakralität resultiere im Luthertum aus gemeindlichen Handlungen, sei damit im Unterschied zum Katholizismus weniger räumlich als zeitlich konturiert. Weihehandlungen hätten folglich Sakralität und sakrale Räume geschaffen, die aber aufgrund der Multifunktionalität des Kirchenraums ständig neu ausgehandelt werden mussten. Damit widerspricht Isaiasz der Vorstellung einer Dichotomie von sakralen und profanen Räumen im Luthertum. Emily Fisher Gray interpretiert den Augsburger lutherischen Kirchenbau als Ergebnis eines Wettbewerbes zwischen den Konfessionen. Er habe zur Ausbildung eines lutherischen Barock geführt, weil der Katholizismus mit der Gotik assoziiert worden sei (S. 41). Damit bekommt Fisher Gray zu fassen, was auch in anderen Beiträgen deutlich wird, dass nämlich die konfessionelle Rhetorik oft stärker die Unterschiede betonte als die architektonische oder künstlerische Umsetzung. Wo das Luthertum sich mit dem Katholizismus auseinanderzusetzen hatte, war die Nähe zur „katholischen“ Formensprache größer als in London oder in den Niederlanden etwa (so Andrew Spicer, S. 11, und in seinem eigenen Beitrag siehe unten).

Maria Deiters untersucht, welche Bedeutung Gemeindeglieder „ihrem“ Kirchenraum beimaßen, über Altarstiftungen etwa oder die Finanzierung und Gestaltung von Epitaphien. Ihr Beitrag verdeutlicht, welche Bedeutungen in Berlin und Cölln auch nach der Reformation Seitenkapellen als Ort der Andacht für einzelne Familien hatten sowie welche Kirchenkonzeption diese Familien (implizit) vertraten. So betonten die Bilder auf den Epitaphien wie die Altarbilder die Realpräsenz Christi im Kirchenraum und damit den Altarraum als besonders herausgehobenen Sakralraum innerhalb der Kirche. Margit Thøfner geht methodisch von dem Instrumentarium aus, das in der neueren Raumforschung entwickelt worden ist und fragt am Beispiel norddeutscher, vor allem sächsischer Kirchen, wie der Kirchenschmuck den Raum und die Handlungen in diesem Raum beeinflusste. Sie betont, dass man diesen weniger theologisch und/oder ikonographisch interpretieren solle als unter der Perspektive „what they are – their forms – and also what they do“ (S. 103); gefragt werden solle also nach dem „framing, enfolding, unfolding“ der Gegenstände in den Kirchenräumen (S. 131). Im Folgenden diskutiert sie die drei zentralen gottesdienstlichen Handlungen, die Predigt, das Abendmahl und die Taufe über den entsprechenden, neu geschaffenen lutherischen Kirchenschmuck.

Maria Crăciun untersucht die Bedeutung von Marienbildnissen in lutherischen Kirchen Transsilvaniens. Weil sich lutherische Gemeinden häufig anhaltend gegen eine Entfernung gewehrt hatten, waren in vielen Kirchen bis ins 18. Jahrhundert hinein Marienbildnisse zu finden. Dennoch könne man dies nicht nur als spätmittelalterliche Überbleibsel interpretieren, seien doch spezifische Änderungen in der Marienfrömmigkeit festzustellen, die im Übrigen mancherorts auch offiziell geregelt wurde – etwa in der Kirchenordnung von Sibiu von 1653. Während die spätmittelalterliche Schutzfunktion Marias zurückgewiesen worden sei, seien alle diejenigen Seiten gestärkt worden, in denen sich Marias Mutterschaft Christi äußerte. In ähnlicher Weise diskutiert Evelin Wetter die Implikationen der weiterhin üblichen liturgischen Gewänder am Beispiel lutherischer Gemeinden in Danzig, Stralsund, Brandenburg und Transsilvanien. Auch sie betont, dass man diese nicht einfach als katholische Überreste deuten könne, habe sich doch deren Gebrauch mit spezifisch lutherischen Elementen der Liturgie verbunden. Matthias Range wiederum betont, dass auch die Orgeln nicht einfach als Moment des „conserving power of Lutheranism“ interpretiert werden könnten (S. 219). Über die Diskussion der Bildprogramme mit Referenz auf Musik und der großen neuen Orgelprospekte, welche die Präsenz der Musik im Kirchenraum andeuten, auch wenn gerade keine Musik erklang, arbeitet er das spezifisch Neue in dieser Form der Kirchenmusik heraus. Sven Rune Havesteen untersucht am Beispiel der dänischen und norddeutschen Debatte über den Wert der Bilder, wie sich dieser lutherische Diskurs veränderte. Während Bilder zunächst vor allem verteidigt worden seien, weil sie als didaktische Hilfsmittel akzeptiert wurden, hätten sie mit der Zeit immer mehr auch eine spezifische Funktion in der Andacht erhalten.

Während die bislang vorgestellten Beiträge vor allem methodische Fallstudien darstellen, geben die folgenden Aufsätze zumeist eine gute Einführung in die Geschichte lutherischer Reformationen in Europa außerhalb des Alten Reiches. Gemeinsam ist den Beiträgen zum skandinavischen Luthertum, dass nach einer frühzeitigen Einführung der Reformation durch das Königshaus eine lange Phase sehr langsamen Wandels einsetzte, die zumeist erst im 17. Jahrhundert zu nachhaltigeren Änderungen im Kirchenbau führte. Anschließend zeichneten sich die Kirchen in der Regel durch reichhaltigen Kirchenschmuck aus. Dies betonen Birgitte Bøggild Johannsen und Hugo Johannsen am Beispiel der dänischen Reformation, Øystein Ekroll am Beispiel Norwegens, Riitta Laitinen am Beispiel der schwedischen Provinz Finnland sowie Krista Kodres am Beispiel Estlands.

Mit dem Beitrag von Agnieszka Madej-Anderson über die Lutheraner in Krakau beginnt der letzte inhaltliche Schwerpunkt des Bandes, der die Lutheraner als Minoritäten betrifft. In der Regel trifft man hier auf verschiedene Formen der Hausfrömmigkeit oder kostengünstigerer Holzkirchen, die Jan Harasimowicz in seinem Beitrag über Polen beschreibt. Auch in den Niederlanden, so zeigt Andrew Spicer, bestanden lutherische Kirchen zumeist in unscheinbaren Bauten des so genannten „Schulkirchentypus“, von außen kaum als Kirche erkennbar. Nur in Amsterdam seien aufwendige Neubauten entstanden, die sich allerdings in der Architektur wie dem Bildprogramm an den reformierten Kirchen orientierten. Ein nachdenkliches Nachwort durch Susan Karant-Nunn, in dem sie noch einmal die Frage nach dem theologischen Gehalt des „lutherischen Barock“ aufwirft, schließt diesen empfehlenswerten Band ab.

Anmerkung:
[1] Johann Michael Fritz (Hrsg.), Die bewahrende Kraft des Luthertums. Mittelalterliche Kunstwerke in evangelischen Kirchen, Regensburg 1997.

ZitierweiseRenate Dürr: Rezension zu: Spicer, Andrew (Hrsg.): Lutheran Churches in Early Modern Europe. Farnham 2012, in: H-Soz-Kult, 10.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-028>.

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