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Historische Bildungsforschung Online

M. Jalava: The University in the Making of the Welfare State

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Michael Geiss <mgeissife.uzh.ch>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Michael Geiss und Joachim Scholz). www.fachportal-paedagogik.de/hbo/

Autor(en):
Titel:The University in the Making of the Welfare State. The 1970s Degree Reform in Finland
Ort:Frankfurt am Main
Verlag:Peter Lang/Frankfurt am Main
Jahr:
ISBN:978-3-631-58461-3
Umfang/Preis:210 S.; € 42,80

Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:

Anne Rohstock, Fakultät für Sprachwissenschaften und Literatur, Geisteswissenschaften, Kunst und Erziehungswissenschaften, Universität Luxemburg
Email: <anne.rohstockuni.lu>

Es sei vorweggenommen: Dieses Buch ist eine herausragende Studie. Zum einen zeigt seine Autorin, die finnische Historikerin Marja Jalava, wie gewinnbringend die Geschichte der Hochschulreform geschrieben werden kann, wenn man sie nicht als kleinteilige Universitätshistorie, sondern als Geschichte eines durch gesellschaftliche Aushandlungsprozesse gekennzeichneten und auf vielfältige Weise interagierenden sozialen Feldes konzipiert. Zum anderen macht die gerade einmal 170 Seiten zählende Monographie eine eklatante Forschungslücke innerhalb der europäischen Bildungs- und Zeitgeschichte sichtbar. Nach der Lektüre ist klar: Es fehlt an einer vergleichenden, transnationalen Studie zur Reform der Hochschulen, die die Boomphase der Bildungsreform in den westlichen Ländern gestützt auf Archivrecherchen in den Blick nimmt. Denn das Buch zeigt nicht nur, wie wichtig das Quellenstudium für die Analyse der Hochschulreform ist, sondern wirft, vergleicht man seine Ergebnisse mit Ergebnissen anderer historischer Arbeiten zum Thema[1], vor allem eine Frage auf: Wie ist es zu erklären, dass sich – zumindest auf den ersten Blick – sowohl die Inhalte als auch die Akteure der Hochschulreform in der westlichen Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in so frappierender Art und Weise ähnelten?

Im Zentrum der Untersuchung Jalavas steht der Wandel der finnischen Forschungsuniversitäten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ihre Analyse beschränkt sie dabei nicht auf didaktische, administrative oder pädagogische Neuordnungsmaßnahmen. Jalava interpretiert die Hochschulreform vielmehr als elementaren Bestandteil umfassenderer sozialpolitischer Reformen und kann so den Blick über den Campus hinaus auf Veränderungen der finnischen Gesellschaft insgesamt weiten (S. 11). Ein besonderes Augenmerk legt sie dabei auf die Studienreform der 1960er-Jahre in den Sozial- und Geisteswissenschaften.

Die Darstellung gliedert sich in insgesamt fünf, durch prägnante Überleitungen auch einzeln hervorragend lesbare Kapitel. Einem knappen, bis ins 17. Jahrhundert zurückreichenden Überblick über Entstehung, ideelle Fundierung und gesellschaftliche Stellung der finnischen Universitäten folgt in Kapitel 2 der Sprung in die dynamischen Dekaden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Kapitel 3 beschreibt die Durchsetzung eines staatlichen Interventionismus in der Hochschulpolitik der frühen 1960er-Jahre. Methodisch geschickt nimmt sich Kapitel 4 den Veränderungen an, die die bereits zuvor eingeleitete Studienreform durch das Aufkommen der Studentenrevolte Ende der 1960er-Jahre erfuhr. Kapitel 5 schließlich vollzieht die regelrechten Scharmützel nach, die sich verschiedene gesellschaftliche Gruppen bis zur politisch verordneten Umsetzung der Studienreform in den 1980er-Jahren lieferten.

Besonders hervorzuheben sind vier Punkte, die die Darstellung zu einer wirklich lohnenswerten Lektüre machen. Erstens hat die Autorin einen Blick entwickelt für jenseits gängiger Reformrhetorik liegende Kontinuitäten, die sie an verschiedenen Stellen in die Analyse einbaut. Das betrifft etwa die Planungseuphorie der 1960er- und 1970er-Jahre, deren Entstehungsgrundsätze die Autorin bis zu dem Aufkommen umfassender, den Fliehkräften der Moderne entgegentretenden Steuerungsphantasien im Rahmen des social engineering im späten 19. Jahrhundert zurückverfolgt (S. 36; S. 43). Das betrifft aber auch das von lutherischen Einflüssen geprägte Ideal der finnischen „Bildungsuniversität“ (S. 24ff.; S. 142ff.), das, stets neu erfunden, aktualisiert und zuweilen auch radikalisiert, heute in Finnland seit rund 150 Jahren Bestand hat. Damit stellt sie nicht nur gängige Zäsursetzungen in Frage, sondern plädiert indirekt auch für eine stärker integrale Hochschulgeschichte vom späten 19. bis ins 20. Jahrhundert.

Zweitens verbindet sie überaus gekonnt mehrere hochschulpolitische Sphären und kombiniert geschickt die globale mit der europäischen, skandinavischen sowie schließlich nationalen, regionalen und lokalen Ebene. OECD und Europarat finden ebenso Beachtung wie das Nordic Council, die finnische Regierung und einzelne Hochschulen des Landes; selbst die individuelle Akteursperspektive fehlt in diesem schillernden Panorama nicht. Dieses Vorgehen führt Jalava letztlich zu grundlegenden neuen Einsichten. So zeigt sie, wie stark bereits seit den späten 1950er-Jahren die vom Kalten Krieg bestimmten Harmonisierungsabsichten supranationaler Organisationen waren und wie massiv das die Hochschulpolitik Finnlands beeinflusste (S. 73, 76, 101). Damit datiert die Autorin gängige Einschätzungen, das hochschulpolitische Engagement etwa des Europarates oder der OECD habe frühestens in den 1970er-Jahren eingesetzt, deutlich nach vorn. Zentrale Bestandteile der finnischen Studienreform, etwa umfassende Trans- und Interdisziplinarität (S. 101), eine Bevorzugung naturwissenschaftlicher und technischer Fächer bei gleichzeitiger Zurückdrängung der Geisteswissenschaften (S. 67), eine an Berufe gebundene und an den Arbeitsmarkt angepasste Studienstruktur (S. 118) sowie die Studienzeitverkürzung (S. 71), stammen aus dem internationalen Raum und wurden insbesondere von Forderungen der OECD inspiriert. Das ist bislang stets bestritten worden, vor allem, weil diese Einsicht nicht auf der Straße liegt. Hochschulpolitik in den 1960er-Jahren war stets darum bemüht, den Reformen öffentlich einen spezifisch nationalen Anstrich zu geben, ein offenbar weit verbreitetes Anliegen, das Jalava auch für den finnischen Fall herausstellt (S. 102).

Drittens zeigt die Arbeit, wie eng solche neuen Erkenntnisse an ein umfassendes Quellenstudium gebunden sind. Jalava hat sowohl Privatarchive verschiedener hochschulpolitisch engagierter Akteure konsultiert als auch die staatliche Überlieferung ausgewertet. Erst auf dieser Grundlage kann sie zeigen, welche personellen Netzwerke, persönlichen Beeinflussungen und politischen Ziele sich hinter vermeintlich eindeutigen Kausalitäten in der Hochschulreform verbergen. Ein bereits in den frühen 1970er-Jahren nachzuweisender „Shift“ von einer vormals eher quantitativ hin zu einer eher qualitativ orientierten Hochschulpolitik etwa ist wesentlich auf die Lektüre von OECD-Publikationen zurückzuführen, der sich der finnische Beamte Mikko Niemi hinter den Kulissen intensiv widmete (S. 118). Zudem wäre ohne Aktenstudium insbesondere die starke anglo-amerikanische Prägung der finnischen Hochschulreformen, die sich in der direkten Übernahme etwa des amerikanischen Credit-Point-Systems, der Anlehnung an den berühmten englischen Robbins-Report sowie in der Orientierung an dem von dem amerikanischen Kognitionspsychologen Benjamin Bloom eingeführten Begriff des mastery learning manifestierte, kaum nachzuvollziehen gewesen. Hätte Jalava keine Akten gewälzt, wäre ihr verborgen geblieben, dass der Amerikafahrer und Mathematikprofessor Oiva Ketonen durch allerlei Reporte hinter der politischen Bühne die Strippen zog (S. 73). Dass Ketonen diese Rolle Zeit seines Lebens verschwiegen hat, verleiht dem Plädoyer für das Quellenstudium noch zusätzlich Gewicht.

Viertens schließlich deckt Jalava den instrumentellen Gehalt vieler hochschulspezifischer Forderungen in einem gesellschaftlich stark umkämpften Feld auf. So weist sie nicht nur nach, dass viele Protagonisten der traditionellen südfinnischen Hochschulelite das Ideal der Bildungsuniversität vor allem seit den 1950er-Jahren zur Statussicherung gegenüber einem Staat nutzten, der immer massiver in die vielbeschworene Autonomie der Universitäten einzugreifen drohte; lange vor „1968“ kam es auf diese Weise zu hochgradig ideologisierten Konflikten (S. 34, 60, 115). Auch die Studentenrevolte wurde von der finnischen Sozialdemokratie zur Durchsetzung der Reformen benutzt (S. 100). Das führte zwar dazu, dass eine zunächst primär an technokratisch-ökonomischen Neuordnungen orientierte Reform durch gesellschaftspolitische Forderungen nach mehr Demokratie ergänzt wurde (S. 81ff.), zeitigte aber schließlich massive Roll-back-Erscheinungen. Der Widerstand der akademischen Elite, die ein auch für andere Länder nachgewiesenes taktisches Bündnis mit Wirtschaft und Industrie einging (S. 131ff.), führte letztlich zum weitgehenden Scheitern der Studienreform. Weder funktionierte das Planungskonzept in den Universitäten, noch trafen die neuen Lehrformen auf Zustimmung; auch Interdisziplinarität ließ sich nicht einfach verordnen. Viele Gelehrte erwiesen sich als „extremely territorial creatures“ (S. 155), die eifersüchtig über Errungenschaften und Ressourcen der eigenen Disziplin wachten. Die Studienreform wurde so letztlich nie in ihrem vollen Umfang durchgesetzt (S. 153ff.).

Zu kritisieren ist an dieser Arbeit wenig. Jalava überwindet durch ihr Vorgehen gängige Zäsursetzungen, bürstet geläufige Narrative gegen den Strich und lässt durch ihren breiten Ansatz so manche lokal beschränkte oder auf einen bestimmten Akteur konzentrierte Arbeit alt aussehen. Nur der bescheidenen Selbsteinschätzung der Autorin zu Beginn (S. 14) ist zu widersprechen. Jalavas Studie sollte Vorbild sein für hoffentlich bald entstehende, international vergleichende und durch einen transnationalen Forschungsansatz gekennzeichnete historische Arbeiten, die die eingangs gestellte Frage zu beantworten helfen. Denn dadurch könnte die bildungs- und zeitgeschichtliche Forschung jenseits großer Theorien und sozialwissenschaftlicher Quantifizierung ganz unbescheiden ihren eigenen Beitrag leisten zur Grundlegung einer Hochschulgeschichte der Gegenwart.

Anmerkung:
[1] Andreas Franzmann / Barbara Wolbring (Hrsg.), Zwischen Idee und Zweckorientierung. Vorbilder und Motive von Hochschulreformen seit 1945, Berlin 2007; Stefan Paulus, Vorbild USA? Amerikanisierung von Universität und Wissenschaft in Westdeutschland 1945–1976, München 2010; Anne Rohstock, Von der ‚Ordinarienuniversität‘ zur ‚Revolutionszentrale‘? Hochschulreform und Hochschulrevolte in Bayern und Hessen, 1957–1976, München 2010; dies., ‚Boom‘ oder ‚Krise‘? Hochschulpolitik in Frankreich und Westdeutschland vor den Herausforderungen der 1960er Jahre, in: Bernhard Gotto / Horst Möller / Jean Mondot, Krisen und Krisenbewusstsein in Deutschland und Frankreich in den 1960er Jahren, München 2012, S. 45–58; dies., ‚Some Things Never Change.‘ The (Re)Invention of Humboldt in Western Higher Education Systems, in: Pauli Siljander / Arno Kivelä (Hrsg.), Theories of Bildung and Growth. Connections and Controversies between Continental European Educational Thinking and American Pragmatism, Rotterdam 2012, S. 169–186.

ZitierweiseAnne Rohstock: Rezension zu: Jalava, Marja: The University in the Making of the Welfare State. The 1970s Degree Reform in Finland. Frankfurt am Main 2012, in: H-Soz-Kult, 18.02.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-106>.

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