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Geschichte allgemein

A. Stanziani: Rules of Exchange

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Matthias Middell <middelluni-leipzig.de>
Autor(en):
Titel:Rules of Exchange. French Capitalism in Comparative Perspective, Eighteenth to Early Twentieth Centuries
Ort:Cambridge
Verlag:Cambridge University Press
Jahr:
ISBN:978-1-107-00386-6
Umfang/Preis:313 S.; € 78,38

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Moritz Isenmann, Universität zu Köln
E-Mail: <moritz.isenmannuni-koeln.de>

In seiner Studie zu den „Regeln des Austauschs“ widmet sich Alessandro Stanziani einem Thema, das zugleich historisch bedeutsam und – angesichts der anhaltenden Diskussion über die Rolle öffentlicher Institutionen in einer Marktwirtschaft – von großer Aktualität ist: der Regulierung wirtschaftlicher Tätigkeiten vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg.

Dabei will der Autor mit gleich mehreren Gemeinplätzen aufräumen. Der erste betrifft die gewöhnliche diachrone Einteilung in ein von Zünften beherrschtes 18. Jahrhundert, das von einem „liberalen“ 19. Jahrhundert abgelöst wird, auf das wiederum ein von – nunmehr staatlichen – Eingriffen charakterisiertes 20. Jahrhundert folgt. Diese Einteilung kann laut Stanziani nur aufrechterhalten werden, wenn man sich auf eine Betrachtung der makro-ökonomischen Regulierung (Geldpolitik, Besteuerung, staatliche Subventionen etc.) und des öffentlichen Verwaltungshandelns beschränkt. Ein Großteil der wirtschaftlichen Regulierung habe jedoch im Vertragsrecht stattgefunden und die mikro-ökonomischen Beziehungen betroffen. Beziehe man diese in die Analyse mit ein, so Stanzianis These, dann stelle sich das 19. Jahrhundert keineswegs liberaler dar. Die zweite traditionelle Vorstellung, die Stanziani hinterfragt, besteht darin, dass in Ländern mit kodifiziertem Recht (civil law) wie Frankreich immer stark in die Wirtschaft eingegriffen worden sei, während man den Markt in Ländern mit Richterrecht (common law) wie insbesondere England gewöhnlich sich selbst überlassen habe. Um diese Gegenüberstellung zu relativieren, legt Stanziani eine vergleichende Perspektive an. Zwar geht er durchweg vom französischen Fall aus, doch zieht er anschließend immer wieder die Erfahrungen anderer westlicher Länder wie England, den Vereinigten Staaten, Italien oder Deutschland zum Vergleich heran.

In einem ersten Teil geht Stanziani zunächst der Frage nach, woher die heutige Vorstellung stammt, dass Markt und Regulierung miteinander unvereinbar seien. Ihren Ursprung bei Autoren des 18. oder 19. Jahrhunderts wie Smith oder Walras zu sehen, hält Stanziani für eine anachronistische Lesart. Die Idee des reinen, von staatlichen Eingriffen vollkommen freien Marktes sei erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts aufgekommen. Ähnliches stellt Stanziani in Bezug auf die Funktionsweise der unterschiedlichen rechtlichen Systeme fest, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in keinem wirklichen Gegensatz zueinander gestanden hätten. Während auch in Frankreich die richterliche Interpretation von Gesetzen durchaus wichtig gewesen sei, habe in England und den Vereinigten Staaten wiederum die positive Gesetzgebung ein größeres Gewicht besessen, als gemeinhin angenommen werde. Richterliches Recht sei dort ebenfalls nicht als ausreichend angesehen worden, die Wirtschaft zu kontrollieren. Auch in dieser Hinsicht sei der vorgebliche Triumph des laissez-faire im 19. Jahrhundert ein erst im darauffolgenden Jahrhundert entwickelter Mythos.

Beim Aufbau der übrigen Studie orientiert sich Stanziani an den drei verschiedenen Definitionen von „Markt“, wie sie schon Fernand Braudel vorgeschlagen hat: Zunächst untersucht Stanziani den Markt im Sinne eines physischen Orts, dann als Handelsgeschäft (transaction) und schließlich als Synonym für Konkurrenz, das heißt als regulatives Prinzip. Immer wieder gleicht Stanziani dabei die liberale Modellannahme vollkommener Konkurrenz mit der historischen Realität ab. So sei der Handel auf den physischen Märkten, das heißt in den Markthallen, Läden und auf Warenbörsen auch während des 19. Jahrhunderts „weder durch freien Zugang noch durch spontane Transaktionen“ gekennzeichnet gewesen (S. 111). Der Zugang zu diesen Märkten habe, in Frankreich ebenso wie auch in England oder anderen westlichen Staaten, vielmehr einer ganzen Reihe von Beschränkungen durch Lizenzsysteme, Verkaufsauflagen, legale Monopole, obligatorische Produkteigenschaften etc. unterlegen. Auch der Markt als „Transaktion“, den Stanziani vorwiegend unter dem Aspekt der Qualitätssicherung beleuchtet, entsprach nie dem wirtschaftswissenschaftlichen Ideal reiner Marktwirtschaft. So griffen beispielsweise in den durch nicht standardisierte Produkte gekennzeichneten Markt des 19. Jahrhunderts ständig öffentliche Institutionen ein, um die Informationsasymmetrien zwischen Produzent und Käufer im Hinblick auf die Qualität der Produkte auszugleichen und den Handel zu koordinieren (z.B. S. 189f.). Im vierten, dem Prinzip der Konkurrenz gewidmeten Teil der Studie zeigt Stanziani schließlich, wie das Problem von Monopolen und Kartellen im 19. Jahrhundert in Frankreich mit einer vom Ancien Régime übernommenen Gesetzgebung gegen das Horten von und die Spekulation mit Lebensmitteln angegangen wurde, wobei das Ziel gewesen sei, die Konzentration wirtschaftlicher Macht mit einem sozialen Gleichgewicht zu verbinden (S. 274).

Abschließend stellt Stanziani fest, dass eine Gegenüberstellung von „Regulierung“ und „Märkten“ ein „ideologisches und historiographisches Konstrukt ist, das nicht der tatsächlichen Funktionsweise des Kapitalismus entspricht“ (S. 305). Das 19. Jahrhundert sieht er dabei noch ganz in der Tradition des Ancien Régime. Die erste industrielle Revolution sei sowohl mit den Formen der Regulierung (inspiriert durch die Gesetzgebung gegen die Spekulation mit Lebensmitteln) als auch den Akteuren (vorwiegend Familienunternehmen) des 18. Jahrhunderts durchgeführt worden. Wenn ein Bruch stattgefunden habe, dann im Zuge der zweiten industriellen Revolution im frühen 20. Jahrhundert. Erst der Aufstieg von Massenkonsum, Gesellschaften mit beschränkter Haftung, standardisierten Produkten, Aktienbörsen und des Wohlfahrtsstaats habe zu einem tatsächlichen Bruch mit der vorausgegangenen Epoche und auch zu neuen Formen der Regulierung geführt.

Stanzanis Studie ist äußerst anregend und verdienstvoll. Denn es gelingt dem Autor, durch den besonderen Fokus auf Vertragsrecht und mikro-ökonomische Regulierung ein altes Thema neu aufzurollen. Insbesondere bietet sie interessante Einsichten in das Verhältnis von Wirtschaft und Recht. Die Rolle des Rechts beschränkt sich für Stanziani nämlich nicht darauf, die Spielregeln vorzugeben, ansonsten aber außerhalb der wirtschaftlichen Sphäre zu bleiben, wie es in der neo-klassischen Sichtweise der Fall ist. Das Recht habe vielmehr „beträchtliche Auswirkungen auf wirtschaftliche Beziehungen, die rechtlichen und wirtschaftlichen Chancen von Akteuren, und damit auf wirtschaftliche und soziale Hierarchien“ (S. 11). Zudem seien regulierende Institutionen nicht allein das Ergebnis einer Suche nach wirtschaftlicher Effizienz gewesen, sondern auch von prozeduralen Zwängen und dem Druck von Lobbys, also politischer Kämpfe. Dadurch werden auf sehr überzeugende Art und Weise zusammen mit dem Recht auch die einzelnen Akteure und ihre Interessen in den Mittelpunkt der wirtschaftshistorischen Analyse gerückt.

Neben diesen Vorzügen sind jedoch auch einige Mängel anzumerken. Am überzeugendsten ist die Studie für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Für diesen sehr detailreichen Teil greift Stanziani neben Forschungsliteratur auf reichhaltiges archivalisches Material zurück. Die Teile über das 18. Jahrhundert sind hingegen vergleichsweise kurz und eher oberflächlich. Ein grundsätzliches Problem besteht darin, dass sich Stanziani vorwiegend mit Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Gütern wie Wein beschäftigt, während handwerkliche und industrielle Produkte nur am Rande behandelt werden. Dies wirft Fragen hinsichtlich der Allgemeingültigkeit von Stanzianis Thesen und Argumenten auf. Hinzu kommen schwer nachvollziehbare Entscheidungen, was die formale Gestaltung der Studie betrifft. So werden nur bei einem sehr geringen Anteil der in den Fußnoten angeführten Werke überhaupt Seiten- oder Kapitelangaben gemacht. Bei einer Studie, in der das Problem von Informationsasymmetrien eine große Rolle spielt, entbehrt dies nicht einer gewissen Ironie. Zuletzt sollte noch darauf hingewiesen werden, dass das Buch weder über ein Quellen- noch über ein Literaturverzeichnis verfügt und das Register derart spartanisch ausgefallen ist, dass es dem Leser keine große Hilfe sein wird.

Trotz dieser Einwände gilt jedoch: Stanziani ist eine in weiten Teilen gut dokumentierte und methodisch originelle Studie gelungen, die dazu anregt, das Verhältnis von Wirtschaft, Politik und Recht insbesondere in Bezug auf das 19. Jahrhundert grundsätzlich zu überdenken. Seinen teilweise durchaus provokanten Thesen ist eine intensive Diskussion zu wünschen.

ZitierweiseMoritz Isenmann: Rezension zu: Stanziani, Alessandro: Rules of Exchange. French Capitalism in Comparative Perspective, Eighteenth to Early Twentieth Centuries. Cambridge 2012, in: H-Soz-u-Kult, 26.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-073>.

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