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Zeitgeschichte (nach 1945)

L. Graitl: Sterben als Spektakel

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Schumann <christoph.schumannpolwiss.phil.uni-erlangen.de>
Autor(en):
Titel:Sterben als Spektakel. Zur kommunikativen Dimension des politisch motivierten Suizids
Reihe:Veröffentlichungen der Sektion Religionssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
Ort:Wiesbaden
Verlag:VS Verlag für Sozialwissenschaften
Jahr:
ISBN:978-3-531-18461-6
Umfang/Preis:339 S.; € 39,95

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Hüseyin Cicek, Universität Innsbruck
E-Mail: <hueseyin.cicekgmail.com>

Es gibt viele Erklärungsansätze zum Phänomen des Selbstopfers. Es spielt in den abrahamitischen Glaubensgemeinschaften eine besondere Rolle und wurde bereits in unzähligen Publikationen thematisiert. Abgesehen von den Religionen, beansprucht das Opfer auch innerhalb der Nationalstaaten unserer Welt einen besonderen Platz für sich. Die Differenz aus religiöser sowie nationaler Sicht gleicht einem schmalen Grat, der einer spezifischen Analyse bedarf.[1] Beispielsweise ruft Aleida Assmann die europäische Union dazu auf, dass die gegenwärtigen, neuen und zukünftigen Mitgliedsstaaten auf Grundlage einer gemeinsamen Gedächtniskultur, das heißt in Erinnerung an die Opfer der Shoah (im Sinne von victim), die Selbstopfer während des Zweiten Weltkriegs (im Sinne von victim und sacrifice) und die Opfer der Gulag (im Sinne von victim), zu einer „anschlussfähigen Geschichte“ finden.[2] Es scheint, dass das Selbstopfer keineswegs ein fremdartiges Phänomen in der aktuellen Geschichte des Westens darstellt und bei der Entstehung von Gemeinschaften ein unabdingbares Bindemittel ist.

Das anzuzeigende Buch ist im Springer VS Verlag 2012 erschienen. Lorenz Graitl versucht in acht Hauptkapiteln und mehreren Unterkapiteln der kommunikativen Dimension des politisch motivierten Suizids nachzufühlen. Das erste und zweite Kapitel nimmt Bezug auf das 1897 veröffentlichte Buch von Émile Durkheim Le Suicide und verweist darauf, dass viele Einsichten des französischen Soziologen auch heute noch Geltung haben. Bevor sich Graitl mit Durkheim auseinandersetzt verweist er in seiner Einleitung auf seine Leitfrage: „[U]nter welchen gesellschaftlichen Bedingungen ein Suizid zur politischen Waffe wird und welche Rolle Abschiedsnachrichten hierfür spielen“ (S. 15). Seine Definition, wann es sinnvoll ist von einem altruistischen Selbstopfer zu sprechen, orientiert sich an Durkheim und versucht die Annahmen des Soziologen an einigen Stellen mit neueren Erkenntnisse zu modifizieren. Beispielsweise, dass das altruistische Motiv der Selbsttötung ein Relikt aus vormodernen Zeiten darstellt und durch die Industrialisierung sowie Individualisierung keinen Platz in der modernen Gesellschaften für sich beanspruchen könne. Ebenso greift Graitl auf die Arbeiten von Durkheims Schüler Maurice Halbwachs zurück, um seiner Kritik an Durkheim mehr Gewicht zu verleihen. Er definiert das altruistische Selbstopfer wie folgt, „wenn sie im Dienste eines höheren Ziels (politisch und religiös) oder für eine Gruppe von Menschen vollzogen wird“. (S. 16) Auch verweist er darauf, dass die Intention für das Selbstopfer, auf das Durkheim nicht explizit hinweist – jedoch implizit immer wieder andeutet – berücksichtigt werden muss. Abgesehen vom Theoriemodell aus der Feder des französischen Soziologen Durkheim, greift Graitl auf die „Objektive Hermeneutik“ zurück. Ihm ist wichtig, dass seine Untersuchung nicht aus einer moralphilosophischen Sicht Antworten für die Legitimation des Tötens sucht, sondern welche gesellschaftspolitischen Notwendigkeiten vorherrschen müssen, um das Selbstopfer als Waffe legitimieren zu können.

Im Folgenden sollen die Kapitel drei und fünf näher betrachtet werden. Im dritten Kapitel setzt sich der Autor mit den verschiedenen Formen des politisch motivierten Selbstopfers auseinander (S. 35-97). Er versucht (a) „Protestsuizide und Selbstverbrennungen“, (b) „Todesfasten“ und (c) „Suizidattentate“ klar zu definieren und voneinander zu trennen. Zu Recht verweist er darauf, dass sich viele politikwissenschaftliche Werke die sich dem Selbstmordattentat widmen, wichtige Aspekte und Unterscheidungsmerkmale nicht bzw. zu wenig berücksichtigen. Hierzu gehört zum Beispiel Robert Pape. [3] Nun zu (a): auf diese Art des Selbstopfers wurde der Westen während des Vietnamkrieges aufmerksam, als die Bilder des sich selbst verbrennenden Thich Quang Ducs, der von zwei anderen buddhistischen Mönchen zuvor mit Benzin überschüttet wurde, um die Welt gingen. Ganz richtig stellt Graitl fest, dass die Mönche bzw. alle Akteure des Protestsuizids nicht nur an einer großen Zahl von Augenzeugen interessiert sind, sondern an einer „medialen Öffentlichkeit“, die sich weit über die Grenzen des eigenen Territoriums streckt (S. 36). Nicht zuletzt deswegen haben buddhistische Mönche – wie zu Recht betont ist – am Vortag einen amerikanischen Journalisten mit dem Hinweis, dass etwas Besonderes während des Protestes stattfinden könnte, dazu gebracht am jeweiligen Tag vor Ort zu sein und das Geschehen zu dokumentieren. Das Todesfasten (b) dient weltweit als Druckmittel um den eigenen Forderungen mehr Gewicht zu verleihen. Anhänger der PKK, der IRA und auch palästinensische Gefangene in Israel versuchen durch diese Taktik ihre politischen Forderungen durchzusetzen und auf die Willkür ihres Gegners aufmerksam zu machen. Auch gilt es zu beachten, dass das Todesfasten nur dann in die politisch-kommunikative Dimension aufgenommen werden soll, wenn politische Ziele damit verbunden sind. Beispielsweise sollten persönliche bzw. private Motive (S. 64) nicht berücksichtigt werden.

Dem Suizidattentat (c) kommt sicher die größte mediale Aufmerksamkeit zu. Dass die Publikationen zu diesem Thema kaum noch zu überschauen sind, muss hier nicht explizit betont werden. Der Autor beginnt mit einer Kritik verschiedener Begriffe wie „suicide bombing“, „homicide bombing“ und andere (S. 73). In der Definition von „suicide mission“, folgt er unter anderem Assaf Moghadam (S. 73). Ebenso greift er Moghadams enge und breite Auslegung des Selbstopfers auf. Die enge Deutung beinhaltet, dass die Täter während ihrer Handlungen und ohne das Zutun anderer sterben. Beispielsweise wie die Jihadisten während des Angriffes auf das WTC. Der zweite und breitere Zugang verweist darauf, dass es Suizidattentate gibt in denen der Beteiligte oder die Beteiligten bereit sind zu sterben, jedoch dass das Sterben nicht simultan mit dem Tod der Opfer zusammenhängt. Hier macht Graitl auf die Tat von Baruch Goldstein aufmerksam, der erst nachdem er sein Magazin leergeschossen hatte Überlebenden erschlagen wurde. In beiden Fällen haben die Akteure keine Maßnahmen unternommen ihre Tat zu überleben. Auch ist es wichtig in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam zu machen, damit das Suizidattentat nicht mit dem Phänomen Amoklauf verwechselt wird, dass die Täter nicht nur aus persönlichen Motiven heraus ihr Handeln legitimieren, sondern für ihre Gemeinschaft.

Im Kapitel fünf konzentriert sich der Autor auf die kommunikative Dimension des Selbstopfers (S.120-261). Verschiedene Entwicklungen werden berücksichtigt, zum Beispiel technische Errungenschaften wie Sprengstoff und die mediale Inszenierung. Medien in all ihren verschiedenen Varianten ermöglichen, dass ein Suizidattentat in weiter Ferne innerhalb von kürzester Zeit auf der ganzen Welt an Aufmerksamkeit gewinnt. Somit haben es verschiedene Gruppierungen ein wichtiges Mittel, um auf sich und ihre politischen Forderungen aufmerksam zu machen. Keineswegs bedeutet dies aber, dass die Ziele realisiert werden können. Eine mediale Inszenierung ist unabdingbar um eine große Anzahl von Interessenten zu erzeugen, jedoch ist das keine Garantie für den Erfolg. Viele Menschen können beispielsweise mit den politischen Forderungen oder Zielen einer Terrororganisation einverstanden sein und trotzdem müssen sie nicht zwangsläufig die Gewaltaktionen der Gruppe akzeptieren bzw. tolerieren. Aus diesem Grund – wie Graitl richtig festhält – ist ein Selbstopfer nicht a priori ein Akt der automatisch die Zahl der Sympathisanten steigen lässt. Gerade Bewegungen die sich der Taktik des Selbstopfers bedienen, müssen sich vergewissern, dass ihre Strategie und die Akzeptanz ihrer Mittel auf Zustimmung in der eigenen Gesellschaft stoßen und möglicherweise auch außerhalb ihrer Gruppe ein gewisses „Verständnis“ hervorruft.

Das Buch von Lorenz Graitl bietet einen guten Überblick über die Facetten des Selbstopfers und versucht durch Definitionen mehr Klarheit in die Thematik einzubringen. Ebenso versteht es der Autor geschickt aufzuzeigen, dass das Selbstopfer kein Relikt aus einer vorgeschichtlichen Zeit ist (Durkheim), sondern auch in postmodernen Gesellschaften anzutreffen ist.

Anmerkungen:
[1] Hüseyin I. Cicek, Martyrium zwischen Gewalt und Gewaltfreiheit. Eine Kriteriologie im Blick auf Christentum, Islam und Politik, Wien 2011.
[2] Aleida Assmann, Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur?, Wien 2012.
[3] Robert Pape, Dying to Win. The strategic logic of suicide terrorism, New York 2005.

ZitierweiseHüseyin I. Cicek: Rezension zu: Graitl, Lorenz: Sterben als Spektakel. Zur kommunikativen Dimension des politisch motivierten Suizids. Wiesbaden 2012, in: H-Soz-u-Kult, 27.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-177>.

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