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Zeitgeschichte (nach 1945)

M. Hettling u.a. (Hrsg.): Gefallenengedenken im globalen Vergleich

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Titel:Gefallenengedenken im globalen Vergleich. Nationale Tradition, politische Legitimation und Individualisierung der Erinnerung
Herausgeber:Hettling, Manfred; Echternkamp, Jörg
Ort:München
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-486-71627-6
Umfang/Preis:540 S., 68 SW-Abb.; € 79,80

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Klaus Naumann, Hamburger Institut für Sozialforschung
E-Mail: <klaus.naumannhis-online.de>

Wer sich dem Gefallenengedenken und seinen unterschiedlichen Ausdrucksformen zuwendet, richtet den Blick auf das, was Maya Lin, die Architektin des Vietnam Veterans Memorial in Washington D.C., in einem berührenden Essay einmal als „interface between light and dark“ beschrieben hat[1] und Michael Geyer in seinem Beitrag zum Sammelband die „Zwiesprache zwischen den Lebenden und den Toten“ nennt (S. 506). Dieses Gespräch findet im privaten wie im öffentlichen Raum statt; es wird symbolisiert in Monumenten, Riten und Diskursen. Im Zentrum des vorliegenden Bandes steht der „politische Totenkult“ (Reinhart Koselleck), dessen Umrisse sich aus dem Zusammenspiel (aber auch aus dem Spannungsverhältnis) zwischen (zivil)gesellschaftlichen Initiativen, staatlichen Arrangements, religiösen Praktiken und militärischen Traditionen entwickeln. In 20 informativen Länderstudien, die europäische und außereuropäische Beispiele umfassen, entsteht ein vielschichtiges Panorama der Variationsbreite der Gedenkpraktiken, die sich immer auch als Aushandlungsprozess zwischen den beteiligten Akteuren und Institutionen lesen lassen. In historischer Perspektive wirft diese Bestandsaufnahme die Frage nach den Schicksalen jenes „bellizistischen Konsenses“ (Jörn Leonhard) auf, der die modernen Ausformungen von Staat, Nation und Gesellschaft begleitete, für die allemal der Bezug auf Krieg und Gewalt eine konstitutive Qualität besaß. Am Beispiel nationaler Totenkulte verfolgen die Autorinnen und Autoren des Bandes nun, ob und wie dieser Hintergrundkonsens von den Erfahrungen zweier totaler Kriege sowie angesichts der aktuellen Umstellung auf Regime der globalen Sicherheitsvorsorge tangiert und verändert wurde.

Manfred Hettling gibt dazu einleitend eine instruktive systematische Handreichung. Er nennt drei Hauptachsen, an denen sich die Befunde strukturieren lassen. Zum einen bietet der Gefallenenkult ein Medium gesellschaftlicher Teilhabe, die in seinen Gestaltungen und seinen Sinnthematisierungen zum Ausdruck kommt. Unterschieden werden mehrere Varianten des Umgangs mit der Sinnfrage – das Ausblenden des Einzelnen (Türkei, Irak, Vietnam), die Hierarchisierung von Gefallenengruppen (Sowjetunion/Russland, China, Vietnam), die Distanzierung von vergangenen Sinnzuschreibungen (Deutschland) oder deren Transformation (Japan, Spanien, Irak) sowie als häufigstes Muster die Bekräftigung der eigenen Ordnung und Gemeinschaft. Zum anderen verweist Hettling auf die durchgängige Relevanz religiöser Kodierungen, notiert aber zugleich die Beobachtung, dass „die gesellschaftliche Thematisierung der und die kollektive Erinnerung an die Gefallenen durch die politische Dimension dominiert“ werde (S. 26). Die nationale und kulturelle Grenzen übergreifenden Gemeinsamkeiten, die trotz bestehender religiöser Unterschiede zu beobachten sind (Türkei), seien sonst schwer erklärbar. Nicht schlüssig hingegen ist die Entscheidung der Autoren, die prospektive oder retrospektive Ausrichtung des Gefallenenkults allzu eng an den jeweiligen religiösen Kontext zu binden, es sei denn, man würde diesen um zivilreligiöse Haltungen erweitern. Dann aber kommen interessante Weiterungen in den Blick, die religiös im strengen Sinne ungebunden sind – wie das „Living Memory“ (Großbritannien) oder der utilitaristische Ansatz (Kanada), demzufolge die Ehrung der Toten nach dem Zweiten Weltkrieg in erster Linie darin bestehen sollte, für die öffentliche Wohlfahrt, die Infrastrukturen (Bildung, Gesundheit, Bibliotheken) oder das „Common Good“ Sorge zu tragen. Eine andere, nicht-religiöse Variante einer prospektiven Gedenkhaltung kann man auch in den Selbstzuschreibungen entdecken wie dem „Mateship“-Ideal des australisch-neuseeländischen Armeekontingents im Ersten Weltkrieg (der so genannte ANZAC-Mythos), dem Leitbild des „braven Italieners“ (als militärisches Ideal) oder dem „Peacekeeper“-Ideal der kanadischen Soldaten. Schließlich – als dritte Hauptachse – hebt Hettling die erinnerungspolitische Pfadabhängigkeit der nationalen Gefallenenkulte hervor.

Die verschiedenen, alphabetisch nach Ländern geordneten Beiträge bieten dazu reiches Analyse- und Anschauungsmaterial. Ob nun Unabhängigkeitskriege im Zentrum der Geschichtskonstruktion stehen (Finnland, Israel), der Bürgerkrieg (Spanien), der „Great War“ (Großbritannien) oder der Zweite Weltkrieg (Polen, Russland, Niederlande und andere): Immer sind es diese Tradierungen, die sich fortschreiben, die um- und überschrieben werden, um am – vorläufigen – Ende gelegentlich wieder Ausgangsmotive aufzunehmen. In seinem Beitrag über Großbritannien macht Stefan Goebel dies plausibel anhand der neuerlichen Popularität der „Poppies“ (dem historischen Symbol des Kriegsendes 1918) und der „Silence“ (die Schweigeminute, die 1920 die Einweihung des Cenotaph im Whitehall begleitete). Die Auswirkungen der „neuen Kriege“ auf den Gefallenenkult, die in vielen, aber nicht allen Beiträgen untersucht werden, stehen im Schatten dieser Vorgaben.

Trotz der Vielfalt der Befunde ist eine Reihe von Generalisierungen möglich. Die Herausgeber bündeln sie in drei Punkten. Länderübergreifend ist erstens ein andauernder Prozess der Individualisierung des Totengedenkens zu beobachten. Was früher ein (staats)bürgerlicher Anspruch auf (politische wie soziale) Gleichheit und Freiheit gewesen war, die nach der Würde des Namens verlangte, ist heute der Imperativ der Individualisierung, der die Personalität des Gefallenen in den Mittelpunkt des Gedenkens rückt. Gleichwohl bestehen Hierarchisierungen der Gefallenen fort, wo mit der Elle (national)revolutionärer Verdienstlichkeit gemessen wird (China, Vietnam oder Russland). Zweitens ist der Prägestempel nationalgeschichtlicher Besonderung jenseits aller Angleichungsprozesse (beispielsweise durch die elektronischen Medien, die in verschiedenen Beiträgen zur Analyse herangezogen werden) nach wie vor unverkennbar. Auch die Privatisierung, Individualisierung und Personalisierung des Gedenkens, so stellvertretend Maoz Azaryahus Befund für Israel, steht unter der Dominante einer „Nationalisierung der Erinnerung“. Drittens schließlich korrigieren mehrere Länderbeispiele die von Reinhart Koselleck vor längerer Zeit formulierte Annahme, es gebe eine generelle Tendenz von sinnstiftender hin zu sinnfordernder Erinnerung. Stärker als dies in Deutschland der Fall ist, dem die beiden Herausgeber ihre Landesstudie gewidmet haben, steht in den meisten anderen Ländern weiterhin die „Sinnhaftigkeit des gewaltsamen Todes für die Nation, für das Land, für die politischen Werte im Zentrum des Gefallenengedenkens“ (Hettling, S. 41).

Diese Beobachtungen lassen sich noch fortsetzen. Die lange Zeit angenommene „Todesverdrängung“ moderner Gesellschaft ist mit Blick auf den Gefallenenkult ebenso wenig zu konstatieren wie die gern unterstellte Generaltendenz, die Gegenwart befinde sich auf dem Weg in eine „postheroische“ Gesellschaft. Dafür gibt es – nicht nur in den USA, in Israel oder in Finnland – deutliche Gegenbelege. Verändert haben sich gleichwohl die Qualifikationen, die dem so oder anders umschriebenen Heldentum unterstellt werden. Neben den (im engeren Sinne) militärischen Haltungen zeichnen sich hier – siehe das kanadische Image des „Peacekeepers“ – andere und erweiterte Verhaltensstile ab. Auffällig ist generell, wie groß, wenn nicht ausschlaggebend der Beitrag (zivil)gesellschaftlicher Organisationen und privater Initiativen, Vereine und Verbände für die Gestaltung der Gefallenenkulte ist. Hier steht gleichsam der gedenkpolitische Motor, der in vielen der vorgestellten Länder dafür gesorgt hat, dass die Kreise der Totenehrung weiter gezogen werden. So sind Widerstandskräfte oder Verfolgte, Regime- und Terroropfer oder Irreguläre nach und nach in den Blick der staatsoffiziellen Kulte gerückt. Man könnte daher sagen, dass die Inklusions- und Integrationswirkung dieser sich über Jahrzehnte erstreckenden Erweiterungsprozesse noch einmal und häufig (wenn auch nicht immer) gegen den Strich des vormaligen „bellizistischen Konsenses“ die enorme Vergemeinschaftungswirkung von Krieg und Gewalt unterstreicht.

Die Länderstudien bieten einen ausgezeichneten Überblick zu den Entwicklungstendenzen des Gefallenenkults, auch wenn die Einzelbeiträge, wie bei Sammelbänden kaum zu vermeiden, nicht immer homogen ausgefallen sind. Man hätte sich wünschen können, die Fragestellungen noch strikter an den gegenwärtig aufbrechenden Problemlagen der „neuen Kriege“, des Generationswechsels oder des „Memory Booms“ zu orientieren. Bemerkenswert, aber nicht durchgängig ist die Aufmerksamkeit, die den elektronischen Medien geschenkt wird. Nicht begründet wird dagegen, warum ein ganzer Kontinent (Afrika) ausgespart bleibt; und geschlechtergeschichtliche Aspekte führen leider ein Schattendasein. Man kann solche Einschränkungen jedoch auch als Aufforderung verstehen, die gute Vorlage, die dieser Band gibt, für weitere Studien zu nutzen.

Anmerkung:
[1] Maya Lin, Making the Memorial, in: New York Review of Books, 2.11.2000, URL: <www.nybooks.com/articles/archives/2000/nov/02/making-the-memorial/?pagination=false> (08.06.2013).

ZitierweiseKlaus Naumann: Rezension zu: Hettling, Manfred; Echternkamp, Jörg (Hrsg.): Gefallenengedenken im globalen Vergleich. Nationale Tradition, politische Legitimation und Individualisierung der Erinnerung. München 2013, in: H-Soz-Kult, 01.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-002>.

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