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Alte Geschichte

C. Ando: Imperial Rome AD 193 to 284

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Imperial Rome AD 193 to 284. The Critical Century
Reihe:The Edinburgh History of Ancient Rome
Ort:Edinburgh
Verlag:Edinburgh University Press
Jahr:
ISBN:978-0-7486-2051-7
Umfang/Preis:XIV, 256 S.; £29.99

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Christian Unfug, Seminar für Alte Geschichte, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau
E-Mail: <christian.unfuggeschichte.uni-freiburg.de>

Clifford Andos „Imperial Rome (AD 193 to 284) – The critical century“ integriert sich nahtlos in die Edinburgher Publikationsreihe History of ancient Rome mit Überblicken zu Epochen der römischen Geschichte. Die Genese und transformative Weiterentwicklung des Imperium Romanum geben für diese Reihe den interpretativen und chronologischen Rahmen vor. Hierbei dienen Epochenmarkierungen, um die imperialen Entwicklungen zu akzentuieren. Diese dezidierte Abgrenzung begründet Ando für die Zeit von 193 bis 284 mit dem krisenhaften Wandel in der Epoche. Während sich das Antonine Empire durch Prosperität, stabile Herrschaftsnachfolge und militärische Stabilität auszeichnete, sieht Ando für das 3. Jahrhundert die rasante Transformation des politischen Systems auf multiplen Ebenen. Diese „staatlichen“ und sozialen Veränderungen wurden nach Ando durch eine generelle Grenzkrise, das Fehlen einer klaren Nachfolgeregelung, der universellen Bürgerrechtsdistribution und einer flächendeckenden Religionsaktivität dynamisiert. Zahlreiche Krisenphänomene wie wirtschaftlicher Niedergang und Bevölkerungsrückgang antizipiert Ando funktional für das späte 2. Jahrhundert („A critical century“, S. 1–17).

Mit den Epochenmarkierungen 193 und 284 und dem Krisen- und Verfallsmodell schließt der Autor an eine klassische und lange gepflegte Tradition an, die unter anderem über Géza Alföldy, Andreas Alföldi, Michael Rostovtzeff, Jacob Burckhardt und Edward Gibbon bis Cassius Dio und Herodian reicht.[1] So wirken die Tyrannentopik des Commodus und die Vorstellung des Übergangs in eine „rostige“ Zeit in The Critical Century nach. Für den Autor hat das Krisenmodell somit nichts an seinem Interpretationspotential verloren und besitzt axiomatischen Charakter. Revisionistische und kritische Stimmen dieses Krisenbildes weist Ando dezidiert zurück. Zu nennen wären hierbei Christian Witschel, der die unscharfen Begriffe „Krise“ und „Wandel“ heuristisch bestimmt, und Karl Strobel, der gegen ein generelles Krisenbewusstsein und Bedrohungsgefühl im 3. Jahrhundert argumentiert.[2] Weiterhin akzeptieren weite Teile der aktuellen Forschung eine Krisenentwicklung nur noch für die zweite Hälfte des 3. Jahrhunderts.[3] Selbst die klassischen Epochenjahre und -begriffe erhalten keine absolute Akzeptanz mehr.[4] Ein universelles Krisenbild ist somit wohl nicht mehr die communis opinio.

Neben diesem Krisenverdikt diktiert der Autor dem 3. Jahrhundert auch einen von Dynamik und Tiefenwirkung bestimmten Wandlungsprozess, der sich an einem zweiten prominenten Interpretationsmuster der Forschung orientiert.[5] Doch bleibt der Wandlungsbegriff des Autors klar negativ konnotiert. Das soziale und politische Machtgefüge auf imperialer Ebene, die kaiserliche Herrschaftssicherung und -nachfolge sowie die Formen imperialer Kommunikation dienen als Indikatoren eines kritischen Veränderungsprozesses. Diese Kontextualisierung von Herrschaftssukzession und -sicherung sowie Reichskrise kann als klassisch gelten.[6]

Diese kritischen Veränderungen werden mithilfe machtpolitischer Argumente gestützt, womit an eine populäre Forschungsrichtung angeknüpft wird.[7] Basierend auf diesem Ansatz konzentrieren sich die Ausführungen der Machtstrukturen auf die severische Zeit. Die schärfere und veränderte Form der Machtartikulation und das Ignorieren klassischer Kommunikationsformen stellen für Ando den Beginn des decline and fall des Reiches dar („The principal author of the decline and fall“, S. 18–47). In diesem Kontext wirken die Constitutio Antoniniana und die Grenzkriege des Severus und Caracalla krisenverstärkend („The legacies of Septimius Severus“, S. 48–75). Diese Ursachenbestimmung korrespondiert mit subjektiven Kaiserbewertungen des Autors. So reflektieren für Ando beispielsweise die reaktivierten Grenzkriege im östlichen Imperium die Idiotie und Hybris der severischen Kaiser. Weiterhin personifizieren Elagabal eine kränkelnde imperiale Politik und Severus Alexander die Möglichkeiten kaiserlicher Manipulation. Dem „imperialen Funktionär“ Macrinus wird zudem ein gewisses Mord- und Bestechungstalent attestiert.

Präpotente Bedeutung für die Entwicklungen des 3. Jahrhunderts kommt nach Ando der Constitutio Antoniniana und den imperialen Normen römischer Provenienz zu, dessen Effekte auf das Wirtschafts-, Rechts- und Sozialleben er betont („Law, citizenship and the Antonine revolution“, S. 76–99, und „Religion“, S. 122–145). Zum Proprium der Constitutio Antoniniana, so die Argumentation, gehört ein evidenter Homogenisierungsimpuls, der Druck auf lokales Recht und politische Entitäten ausübte. Auf lange Sicht wird daher eine Transformation des Gesetzes- und Rechtssystems postuliert. Zu diesen Mitnahmeeffekten der Severerzeit werden komplementär die Bedeutung des Heeres und der Bestechung bei der Kaiserwahl als Krisenparameter angeführt.

Grenzkriege und Vorstöße in imperiales Gebiet werden dann mit der strukturellen Schwäche der Zentralmacht und kaiserlichen Reaktionsunwillen assoziiert („The empire and its neighbors“, S. 100–121). Der Autor nutzt hierbei die Gelegenheit, diverse „Soldatenkaiser“ mit einem antoninischen Herrscherideal zu kontrastieren und kaiserliche Fähigkeiten in Frage zu stellen. Als paradigmatisch kann Maximinus Thrax gelten, dem Unwilligkeit zur adäquaten Reaktion, ein auf Einschüchterung und Gewalt reduziertes Handlungssystem und die finanzielle Auspressung provinzialer Oberschichten vorgeworfen wird – ein tradiertes und krisenfokussiertes Stereotyp, das in Teilen der Forschung auch Kritik erfahren hat.[8] Zwar kann der Hinweis auf die Korrelation von provinzübergreifenden Kommandos, Militärkrisen, Machtdelegierung und imperialer Herrscherlegitimation als durchaus sinnvoll gelten, doch vermag die hypertrophe Verwendung von epitheta ornantia nicht immer zu überzeugen, denn weder die Reformbestrebungen des Philippus Arabs noch die Akklamationsannahme Gordians I. sollten mit „Torheit“ oder ähnlichem assoziiert werden. Weiterhin trieben nach Ando die Führungs- und Legitimationsschwäche das Imperium in einen Zustand des Ruins („Failure and fragmentation“, S. 146–175), wobei Ando Gallienus als den pessimus princeps darstellt.

Zuletzt wird im Kapitel „Government and Governmentality“ (S. 176–200) ein Machtmodell vorgestellt, das für den Autor die Umsetzung der zentralen Macht (central government) im täglichen Leben gewährleistete. Besondere Bedeutung spricht Ando hierbei den „depersonalized institutions“ (Zensus, Bürgerrecht), den infrastrukturellen Straßen- und Städtesystem, einem gewachsenen Administrationsapparat, der hierarchischen Aufgabendelegierung und der verstärkten Präsenz imperialer Funktionsträger zu. Auf ein solches Systemverständnis präfiguriert der foucaultsche Begriff Gouvernementalität, der ausdifferenzierte Machtsysteme analysiert. Terminologisch unsicher bleibt aber die genuine Orientierung des Gouvernementalitätsbegriffes am neuzeitlichen Verwaltungsstaat, der von liberalen bzw. neoliberalen Gesellschaftsformen geprägt ist und das Handeln seiner Bürger mithilfe von ausdifferenzierten Regel- und Institutionensystemen reguliert. Diese Antizipation bürokratischer Strukturen bleibt für das 3. Jahrhundert fraglich.

Schließlich werden in „Reconquest and recidivism“ (S. 201–223) die Rückeroberungen Aurelians und typische Herrschaftskonflikte unter Carus und dessen Nachfolgern geschildert. Der Autor schließt idiosynkratrisch dieses Kapitel mit dem Satz: „He [Diokletian] had no intention of being the new Probus or new Aurelian, thank you very much. And a new era began“ (S. 223).

Abschließend lässt sich festhalten, dass Ando einem breiten Publikum eine anregende Lektüre präsentiert und dem Studierenden der Geschichte eine alternative Einführung zum 3. Jahrhundert bietet. Leider führt die überproportionale Bewertung der antonisch-severischen Zeit zu einer starken Schematisierung der Soldatenkaiser. Mit seinem Widerspruch zu einigen zentralen Forschungspositionen gibt Ando der Krisendebatte aber sicher neue Impulse.

Anmerkungen:
[1] Siehe zum Krisenbegriff Thomas Gerhardt, Zur Geschichte des Krisenbegriffs, in: Klaus-Peter Johne / Thomas Gerhardt / Udo Hartmann (Hrsg.), Deleto paene imperio Romano, Stuttgart 2006, S. 381–410; Wolf Liebeschuetz, Was there a crisis of the third century?, in: Olivier Hekster / Gerda de Kleijn / Daniëlle Slootjes (Hrsg.), Crises and the Roman Empire, Leiden 2007, S. 11–20; Karl Strobel, Das Imperium Romanum im ‚3. Jahrhundert‘, Stuttgart 1993, S. 11f.; Christian Witschel, Krise – Rezession – Stagnation, Frankfurt am Main 1999, S. 7f. Zur älteren Literatur siehe Gerold Walser / Thomas Pekáry, Die Krise des römischen Reiches, Berlin 1962.
[2] Siehe Witschel, Krise, S. 12–19; Strobel, Imperium, S. 299f.
[3] Vgl. Michel Christol, L’Empire romain du IIIe siècle, Paris 1997, S. 119–173; Strobel, Imperium, S. 299f.; Witschel, Krise, S. 375ff.; Lukas de Blois, The Onset of Crisis in the first half of the third century A.D., in: Klaus-Peter Johne / Thomas Gerhardt / Udo Hartmann (Hrsg.), Deleto paene imperio Romano, Stuttgart 2006, S. 25–36, bes. S. 26.
[4] Siehe zum Jahr 238 Henning Börm, Die Herrschaft des Kaisers Maximinus Thrax und das Sechskaiserjahr 238, in: Gymnasium 115 (2008), S. 69–86. Vgl. zum Epochenbegriff auch Matthäus Heil, Soldatenkaiser als Epochenbegriff, in: Klaus-Peter Johne / Thomas Gerhardt / Udo Hartmann (Hrsg.), Deleto paene imperio Romano, Stuttgart 2006, S. 411–428.
[5] Siehe plakativ die beiden Sammelbände Klaus-Peter Johne / Thomas Gerhardt / Udo Hartmann (Hrsg.), Die Zeit der Soldatenkaiser. Krise und Transformation des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert n. Chr., Berlin 2008 (von Ando leider nicht erwähnt) und Klaus-Peter Johne / Thomas Gerhardt / Udo Hartmann (Hrsg.), Deleto paene imperio Romano. Transformationsprozesse des Römischen Reiches im 3. Jahrhundert und ihre Rezeption in der Neuzeit, Stuttgart 2006. Vgl. zum Begriff „beschleunigter Wandel“ auch Frank Kolb, Wirtschaftliche und soziale Konflikte im Römischen Reich des 3. Jh. n. Chr., in: Adolf Lippold / Nikolaus Himmelmann (Hrsg.), Festgabe Johannes Straub, Bonn 1977, S. 277–295, hier S. 277f.
[6] Vgl. Felix Hartmann, Herrscherwechsel und Reichskrise, Frankfurt am Main 1982, S. 127f.
[7] Paradigmatisch etwa Inge Mennen, Power and status in the Roman Empire, AD 193–284, Leiden 2011.
[8] Vgl. etwa zur senatorischen Kontinuität Karlheinz Dietz, Senatus contra principem, München 1980, S. 290–300. Siehe auch das differenzierte Bild bei Börm, Herrschaft, S. 69–86; Karen Haegemans, Imperial authority and dissent. The Roman Empire in AD 235–238, Leuven 2010.

ZitierweiseChristian Unfug: Rezension zu: Ando, Clifford: Imperial Rome AD 193 to 284. The Critical Century. Edinburgh 2012, in: H-Soz-u-Kult, 01.07.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-3-001>.

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