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Mittelalterliche Geschichte

M. Hohlstein: Soziale Ausgrenzung im Medium der Predigt

 
Autor(en):
Titel:Soziale Ausgrenzung im Medium der Predigt. Der franziskanische Antijudaismus im spätmittelalterlichen Italien
Reihe:Norm und Struktur 35
Ort:Köln u.a.
Verlag:Böhlau Verlag Köln
Jahr:
ISBN:978-3-412-20297-2
Umfang/Preis:Geb.; VIII, 336 S.; € 44,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Christian Scholl, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <christian.scholluni-muenster.de>

Mit der Untersuchung des predigtgebundenen Antijudaismus franziskanischer Mönche im spätmittelalterlichen Italien behandelt Michael Hohlstein ein in mehrfacher Hinsicht relevantes Thema: Zum einen ist die Darstellung von Andersgläubigen in der religiösen Unterweisung spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gerückt. Zum anderen ist die Erforschung des von den Bettelorden propagierten Antijudaismus von zentraler Bedeutung für die Frage, warum sich die Lebenssituation der Juden in West- und Südeuropa im Spätmittelalter rapide verschlechterte. So kam Jeremy Cohen 1982 in seiner viel beachteten Dissertation über „The Friars and the Jews“ zu dem Schluss, dass die Bettelorden eine „neue christliche Ideologie“ entwickelt hätten, die den Juden letztlich das Existenzrecht in der europäischen Gesellschaft entzogen habe.[1] Seit der Arbeit Cohens, die im Anschluss an ihr Erscheinen äußerst kontrovers diskutiert wurde, ist jedoch keine Gesamtdarstellung mehr zum Thema Bettelorden und Juden erschienen, sodass eine Überprüfung von Cohens Kernthese bisher Stückwerk blieb. Diese Lücke füllt Hohlstein im Hinblick auf das Wirken franziskanischer Prediger im Italien des Quattrocento vorbildlich aus, wobei er der Leitfrage nachgeht, ob „franziskanische Prediger im spätmittelalterlichen Italien ein Programm sozialer Segregation von Juden [lancierten], das dem traditionellen Toleranzgebot zuwiderlief und damit der Exklusion jüdischen Lebens aus der christlichen Gesellschaft das Wort redete“ (S. 9). Darüber hinausgehend fragt Hohlstein in einem zweiten Schritt am Beispiel Paduas, welche Relevanz das von den Franziskanerpredigern vermittelte Judenbild für die politische Praxis hatte, inwieweit dieses also „handlungsanleitend“ (S. 10) für die städtische Obrigkeit wirkte.

Der Beantwortung der ersten Frage ist das Kapitel „Antijudaismus in der Predigt“ gewidmet. Darin führt Hohlstein zunächst aus, dass sich Christen und Juden als Konfrontationskulturen gegenüberstanden, die beide der Überzeugung waren, allein im Besitz der religiösen Wahrheit zu sein. Vor diesem Hintergrund befasst er sich mit der Frage, ob Predigt im Mittelalter ausschließlich den Christen oder auch den Juden im Sinne einer Missionierung zukommen sollte. Diesbezüglich stellt er fest, dass die Bemühungen um eine Mission der Juden seit dem 13. Jahrhundert zwar stark zugenommen hatten, doch dass zumindest die von ihm untersuchten Prediger in Italien keine nennenswerten Absichten hatten, Juden zum Übertritt zum christlichen Glauben zu bewegen. Grund hierfür war einerseits das Vertrauen auf die endzeitliche Bekehrung der Juden und andererseits die Ansicht, Juden fehle es am Willen die christliche Wahrheit zu erkennen und nicht bloß – wie zuvor postuliert wurde – an der nötigen Verstandeskraft. Anstatt verstärkt Juden von einem Glaubenswechsel zu überzeugen, stellten die Franziskanermönche in ihren Predigten dezidiert heraus, was Christen und Juden in religiösen Fragen trennte, um so die christliche Identität in Abgrenzung von den Juden als ‚den Anderen‘ zu schärfen. Dabei zogen die Prediger unterschiedliche Konsequenzen aus der Andersartigkeit der Juden: Während einige lediglich auf jenseitige Folgen des jüdischen Unglaubens hinwiesen, leiteten andere Schlussfolgerungen und Forderungen ab, die sich auf das Zusammenleben von Christen und Juden im Diesseits bezogen. An diesem Punkt kamen die Prediger zwangsläufig mit dem traditionellen Konzept der tolerantia iudaeorum in Berührung, das den Juden vor allem aufgrund ihrer Zeugnisfunktion für den christlichen Glauben ein Existenzrecht in der christlichen Gesellschaft zusicherte. Wie Hohlstein überzeugend ausführt, gelangten die franziskanischen Prediger in dieser Frage „an eine Grenze der Juden bislang gewährten Duldung, die zuvor eine cohabitatio von Juden und Christen ermöglicht hatte“ (S. 183). Grund hierfür war die von den Predigern vertretene Ansicht, die Juden wären als Wucherer, Blutsauger, Giftmischer, Ritualmörder, Hostienschänder und Gotteslästerer die Universalfeinde des Christentums schlechthin. Dieser kollektiv kriminalisierten Bevölkerungsgruppe (iudeum esse est delictum) musste keine Duldsamkeit mehr entgegengebracht werden; vielmehr sollten die Juden den Predigern zufolge aus der christlichen Gesellschaft ausgestoßen werden.

Im Hinblick auf die Frage, inwieweit die von den franziskanischen Predigern erhobenen Forderungen nach einer Exklusion der Juden aus der christlichen Gesellschaft in der Praxis umgesetzt wurden, unterscheidet Hohlstein im Kapitel „Predigt im Kontext politischer Praxis“ zwischen kurzfristigen und langfristigen Folgen franziskanischer Predigten: Spontane antijüdische Ausschreitungen im unmittelbaren Anschluss an Predigten waren demnach keine Seltenheit. Auch manch ein Stadtrat verabschiedete nach einem abgeschlossenen Predigtzyklus ein antijüdisches Dekret. Doch von Dauer waren diese unmittelbaren Wirkungen nur selten, was sich beispielsweise darin zeigt, dass ein auf Drängen eines Franziskaners verabschiedetes exkludierendes Statut, etwa ein Verbot der jüdischen Geldleihe, schon bald wieder zurückgenommen oder nicht mehr beachtet wurde, nachdem der Prediger weitergezogen war. Vor allem aber zeigt Hohlstein, dass sich die städtischen Magistrate niemals von den Appellen franziskanischer Prediger alleine leiten ließen, sondern dass deren Entscheidungen im Hinblick auf die Juden immer auch von den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Notwendigkeiten abhängig waren. So ist das im Jahr 1453 – nach über 30 Jahren franziskanischer Agitation gegen den jüdischen ‚Wucher‘ – vom Stadtrat von Padua ausgesprochene Verbot der jüdischen Geldleihe in der Stadt nur vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen Padua und Venedig, zu dessen Territorium die Stadt seit Anfang des 15. Jahrhunderts gehörte, zu sehen. Der Rat von Padua untersagte die jüdische Geldleihe nämlich in einem Akt der politischen Selbstbehauptung gegen die Serenissima, die das in Padua verhängte Wucherverbot dadurch konterkarierte, dass sie die jüdische Geldleihe alsbald im Umland der Stadt wieder zuließ. Insofern war „die Frage der jüdischen Zinsleihe Mittel zum Zweck“ (S. 239) und nicht Ausdruck einer auf Drängen der Franziskanerprediger zustande gekommenen theologischen Grundüberzeugung.

Das einzige, das an der überaus instruktiven und flüssig zu lesenden Arbeit von Hohlstein zu kritisieren ist, ist die Tatsache, dass er seine im April 2004 an der Universität Erfurt eingereichte Dissertation nur „in wenigen Einzelfällen“ (S. V) um neuere Literaturtitel ergänzt hat. Dies führt etwa dazu, dass die im Jahr 2008 erschienene Dissertation von Angela Möschter zur Geschichte der jüdischen Gemeinde von Treviso keinen Eingang in Hohlsteins Darstellung findet, obwohl Hohlstein selbst – vollkommen zu Recht – auf den Mangel an Monographien zur Geschichte der Juden im mittelalterlichen Italien verweist (S. 8). Der Blick in Möschters Arbeit hätte umso mehr gelohnt, als auch die 1439 und 1442 ausgesprochenen Verbote der jüdischen Geldleihe in Treviso, das wie Padua unter venezianischer Herrschaft stand, in einer Zeit verstärkten Einflusses der Franziskanerobservanten und im Zuge der trevisanischen ‚Emanzipationspolitik‘ gegenüber Venedig erfolgte.[2]

Diese Kritik soll den positiven Gesamteindruck der Darstellung allerdings in keiner Weise schmälern: Mit seiner Dissertation hat sich Michael Hohlstein einem Thema angenommen, dem eine enorme Bedeutung im Hinblick auf die zunehmende Exklusion der Juden aus der christlichen Gesellschaft des späten Mittelalters zukommt, das aber gleichwohl sträflich von der bisherigen Forschung vernachlässigt wurde. So kann nach der Lektüre von Hohlsteins Arbeit kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die von Jeremy Cohen formulierte These nach dem überragenden Einfluss der Bettelorden auf die Verschlechterung der jüdischen Lebenssituation zumindest für Norditalien im Spätmittelalter widerlegt ist. Es bleibt somit zu hoffen, dass nach dem Vorbild von Hohlsteins Monographie weitere Arbeiten entstehen, die den Einfluss franziskanischer oder dominikanischer Prediger auf das christlich-jüdische Zusammenleben in anderen Teilen Europas in den Blick nehmen.

Anmerkungen:
[1] Jeremy Cohen, The Friars and the Jews. The Evolution of Medieval Anti-Judaism, Ithaca u.a. 1982, S. 14.
[2] Angela Möschter, Juden im venezianischen Treviso (1389–1509), Hannover 2008, S. 201–260.

ZitierweiseChristian Scholl: Rezension zu: Hohlstein, Michael: Soziale Ausgrenzung im Medium der Predigt. Der franziskanische Antijudaismus im spätmittelalterlichen Italien. Köln u.a. 2012, in: H-Soz-Kult, 17.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-051>.

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