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Europäische Geschichte

B. Stelzl-Marx: Stalins Soldaten in Österreich

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Stachel <peter.stacheloeaw.ac.at>
Autor(en):
Titel:Stalins Soldaten in Österreich. Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Reihe:Kriegsfolgen-Forschung 6
Ort:Wien
Verlag:Böhlau Verlag Wien
Jahr:
ISBN:978-3-205-78700-6
Umfang/Preis:865 S.; € 49,80

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Christian Th. Müller, Potsdam
E-Mail: <christian_th_muelleryahoo.de>

Am 15. Mai 1955 besiegelte der Staatsvertrag von Wien das Ende der zehnjährigen alliierten Besatzung in Österreich. Bis zum 25. Oktober 1955 sollten alle Soldaten der Besatzungsmächte abgezogen werden. Österreich verpflichtete sich zur Neutralität und erlangte – anders als das geteilte Deutschland – so schon frühzeitig seine volle Souveränität zurück.

Seitdem ist viel über die Entstehungsgeschichte der zweiten Republik und die Implikationen des alliierten Besatzungsregimes geschrieben worden. Weit weniger war indes über die Lebenswelt und die Binnenperspektive der Besatzungstruppen bekannt. Insbesondere der Mikrokosmos der sowjetischen Besatzungsmacht in Österreich stellte bislang eine Terra incognita dar. Wie war die Besatzungsmacht organisiert? Wie nahmen die sowjetischen Soldaten und ihre Familienangehörigen die fremde Umgebung wahr und wie beeinflussten diese Eindrücke ihr Selbstbild? Wie gestalteten sich der tägliche Dienst, die Freizeitgestaltung und das Leben in den Kasernen?

Diesen Fragen geht Barbara Stelzl-Marx in ihrer Habilitationsschrift, die 2010 an der Universität Graz angenommen wurde, auf den Grund. Ihre Arbeit knüpft an ein bilaterales österreichisch-russisches Forschungsprojekt über „Die Rote Armee in Österreich 1945–1955“ an. Die dabei entstandenen Kontakte zu russischen Historikern und Archivaren waren für den sonst eher restriktiv gehandhabten Zugang zu den russischen Archiven ganz offensichtlich von Vorteil. So kann die Autorin auf eine geradezu beeindruckende Quellenbasis verweisen. Neben österreichischen Archivalien wertet sie in bislang kaum gekanntem Umfang Akten aus diversen russischen Archiven, vor allem des Außen- und Verteidigungsministeriums sowie des FSB aus. Hinzu kommen mehr als 60 überwiegend mit russischen Zeitzeugen geführte Oral-History-Interviews, die lebendige Einblicke in die Praxen des sowjetischen Alltags fern der Heimat und die Wahrnehmung der österreichischen Umgebung bieten.

Die Darstellung gliedert sich in drei große Abschnitte. Zunächst werden die politischen und institutionellen Rahmenbedingungen der sowjetischen Besatzung von den zum Teil widerstreitenden alliierten Konzepten für die Nachkriegsordnung über das Kriegsende in Österreich bis hin zu den einzelnen Handlungsebenen und Aufgabenbereichen des Besatzungsapparates analysiert. Die Darstellung des Besatzungsapparates reicht vom sowjetischen Teil der Alliierten Kommission über das Netz der Militärkommandanturen und die Strukturen des NKWD bis hin zum sowjetischen „Wirtschaftsimperium“, zu dem bis 1955 immerhin 263 Betriebe mit 45.000 Mitarbeitern gehörten (S. 281).

Erstaunlich wenig erfährt der Leser dabei jedoch über die militärischen Aufgaben und die der Zentralen Gruppe der (sowjetischen) Streitkräfte, mithin der eigentlichen Besatzungsarmee, zugedachte strategische Rolle. Während allein die Dislozierung der NKWD-Truppenteile auf neun Seiten (S. 201–209) dargestellt wird, bleiben Zusammensetzung, Dislozierung und Aktivitäten jener weitestgehend im Dunkeln. Bedenkt man die politische Brisanz, die etwa das Thema Manöverschäden im geteilten Deutschland barg, so weist die Arbeit in diesem Punkt eine empfindliche Leerstelle auf.

Der zweite große Abschnitt wendet sich dann der sowjetischen Lebenswelt in Österreich zu. Das erste von drei Kapiteln thematisiert zunächst die Diskrepanz zwischen dem ideologisch überhöhten Selbstbild der sowjetischen Streitkräfte und den nahezu permanenten Problemen in den Bereichen Disziplin und „politisch-moralischer Zustand“. Stelzl-Marx arbeitet dabei auch anhand von Zeitzeugeninterviews klar heraus, dass die Konfrontation mit dem Lebensstandard der österreichischen Gesellschaft für viele Rotarmisten mit einem regelrechten „Kulturschock“ einherging, der sie an der Überlegenheit des sowjetischen Systems zweifeln ließ. Der mit der Besatzung zwangsläufig verbundene Aufenthalt sowjetischer Bürger in Österreich wurde daher von den Partei- und Politorganen ebenso wie den sowjetischen Geheimdiensten frühzeitig als Einfallstor der „politisch-ideologischen Diversion“ problematisiert. Allen Versuchen, die eigenen Soldaten durch verstärkte ideologische Indoktrination gegen die „verderblichen Einflüsse des Westens“ zu immunisieren bzw. diese durch ein rigides Disziplinierungs- und Überwachungsregime von der Truppe fern zu halten, waren jedoch nur sehr begrenzte Erfolge beschieden.

Das zeigte sich vor allem anhand der offiziell stets politisch konnotierten „amoralischen Erscheinungen“, bei denen neben Plünderungen, Sexualdelikten und Schwarzmarktaktivitäten vor allem die „Trunksucht“ ein ständiges Problem darstellte. Diese untergrub nicht allein die militärische Disziplin, sondern konnte insbesondere im Straßenverkehr und durch den Verzehr von Methylalkohol zur tödlichen Bedrohung werden.

Nicht minder problematisch stellte sich die im zweiten, „Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder“ überschriebenen Kapitel erörterte sexuelle Dimension der sowjetischen Besatzung dar. Besonders eindringlich schildert Stelzl-Marx das traurige Schicksal der sogenannten „Russenkinder“, die gerade in ländlichen Gebieten von der österreichischen Gesellschaft ausgegrenzt und gedemütigt wurden.

Das dritte Kapitel widmet sich schließlich den alltäglichen Lebensbedingungen und Aktivitäten von Soldaten und zivilem Gefolge. Vor allem die Mannschaften und Unteroffiziere waren einem streng geregelten Tagesablauf unterworfen. Freizeit war darin nur in homöopathischer Dosis vorgesehen und sollte „sinn- und kulturvoll“, am besten mit dem Selbststudium marxistisch-leninistischer Klassiker im „Leninzimmer“, Kulturveranstaltungen oder Sport verbracht werden. Die formal umfassende Reglementierung erwies sich in der Praxis jedoch als lückenhaft, so dass die Soldaten immer wieder mit den Versuchungen des Stationierungslandes in Berührung kamen. Das war umso mehr bei den Offizieren der Fall. Diese nutzten ihre deutlich größeren Freiheiten, um sich mit Land und Leuten bekannt zu machen. Im Falle von Jagd- und Fischereiausflügen, wenn waidmännische Grundsätze missachtet oder mit Handgranaten gefischt wurde, konnten daraus auch österreichisch-sowjetische Konfliktsituationen erwachsen.

Wo sich die interkulturelle Begegnung zwischen „Sowjetmenschen“ und Österreichern problematisch gestaltete, setzten die sowjetischen Politorgane auf Kulturarbeit in politischer Absicht. Kulturelle Betreuung und die aufwändige Gestaltung von Feiertagen, Jubiläen und militärischen Ritualen sollten das Selbstwertgefühl der sowjetischen Soldaten stärken, während öffentliche Konzerte sowjetischer Ensembles und Ehrungen für österreichische Komponisten das in der Bevölkerung verbreitete Vorurteil einer zivilisatorischen Rückständigkeit „der Russen“ entkräften sollten.

Der dritte und letzte große Abschnitt des Bandes untersucht schließlich das Selbstbild der Besatzmacht und ihrer Angehörigen, wie es sich in Film, Fotografie und Militärpresse darstellte, sowie die Formen und Topoi institutionalisierter und individueller Erinnerung. Bemerkenswert sind dabei vor allem die mündlichen und schriftlichen Erinnerungen ehemaliger Besatzungssoldaten, die im Vergleich zur offiziellen Selbstdarstellung ein deutlich differenzierteres Bild zeichnen.

Das Buch von Barbara Stelzl-Marx überzeugt durch seinen Materialreichtum und eine ebenso kritische wie ausgewogene Analyse. Der Text wird durch zahlreiche Abbildungen und einen umfangreichen wissenschaftlichen Apparat ergänzt. Dem Anspruch, die bislang kaum erforschte Innensicht der sowjetischen Besatzung in Österreich zu dokumentieren, wird die Autorin nahezu umfassend gerecht. Ohne Übertreibung kann man daher bereits jetzt von einem Standardwerk sprechen, dem auch in Deutschland eine breite Leserschaft zu wünschen ist.

ZitierweiseChristian Th. Müller: Rezension zu: Stelzl-Marx, Barbara: Stalins Soldaten in Österreich. Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955. Wien 2012, in: H-Soz-Kult, 18.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-181>.

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