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Arbeitskreis Historische Friedensforschung

G. Althoff (Hrsg.): Frieden stiften

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Alexander Korb <alexander.korbvwi.ac.at>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedensforschung. (Redaktionelle Betreuung: Alexander Korb und Christoph Laucht) www.akhf.de/

Titel:Frieden stiften. Vermittlung und Konfliktlösung vom Mittelalter bis heute
Herausgeber:Althoff, Gerd
Ort:Darmstadt
Verlag:Wissenschaftliche Buchgesellschaft
Jahr:
ISBN:978-3-534-23662-6
Umfang/Preis:308 S.; € 49,90

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von:

Thomas Wallnig, Institut für Österreichische Geschichtsforschung
E-Mail: <thomas.wallnigunivie.ac.at>

Der anzuzeigende Band geht auf die erste, im Wintersemester 2008/2009 abgehaltene Ringvorlesung des Münsteraner Exzellenzclusters „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“ zurück. Der Titel der Ringvorlesung lautete „Mediation. Arbeitsweisen und Befugnisse der Vermittler und Friedensstifter“ (S. 147;[1]), was insofern von Bedeutung ist, als die meisten Beiträge nicht nur auf das Konzept der außergerichtlichen Streitvermittlung, sondern auch konkret auf den Begriff der „Mediation“ näher eingehen.

Die Beiträge sind chronologisch angeordnet. Nach einer Hinführung an das Thema durch den Herausgeber führt William I. Miller anhand ägyptischer, altisländischer und frühmittelalterlicher Beispiele in die Vielgestaltigkeit und Ambivalenz des Botenamtes ein. Rainer Albertz stellt den oft bemühten Friedenstopos Jes 2,2–4 so vor, dass die Zerstörungs- und Exilerfahrung des Volkes Israel in eine Äquidistanz seines Gottes zu den Völkern umgemünzt erscheint. Alfons Fürst zeigt die strukturelle Schwierigkeit der alten christlichen Kirche im Hinblick auf gewaltlose Konfliktlösung, etwa im Rahmen von Synoden, und präsentiert zugleich einige Beispiele von Konsensorientierung. Gert Althoff widmet sich Fällen der Konfliktvermittlung im Reich des 10. bis 12. Jahrhunderts, bei denen der König selbst als Konfliktpartei auftrat, und beobachtet dabei eine zunehmende „Emanzipation der Vermittler von den Erwartungshaltungen gerade der Könige“ (S. 92f), ebenso die – auch in den anderen Beiträgen stets latent beobachtbare – Verwobenheit „politische[r], rechtliche[r] und religiöse[r] Aspekte“ (S. 93). Hermann Kamp kommt anhand von Beispielen mit Bezug auf das spätmittelalterliche Burgund zu ähnlichen Schlüssen, wobei er zusätzlich die Rolle des Papstes bei der Friedensvermittlung sowie „Bevorzugung der Äquidistanz gegenüber der unbestimmten doppelten Nähe“ (S. 116) als neue Tendenzen hervorhebt. Barbara Stollberg-Rilinger kontextualisiert und kontrastiert die päpstlichen und venezianischen Vermittlungsbemühungen bei den Westfälischen Friedensverhandlungen als von unterschiedlichen Interessen geleitet („katholischer“ Friede vs. Ansehenszuwachs für die Serenissima) und von unterschiedlichem Prestige untermauert (am oberen bzw. unteren Ende der Rangskala christlicher Mächte). Martina Wagner-Egelhaaf bietet eine Lesart der Lessingschen Ringparabel, die einerseits das familiäre Außen-Stehen Nathans in den Blick rückt und zugleich auf das Wort als friedensstiftendes Medium abhebt. Wiederum ein Papst steht im Mittelpunkt des Beitrags von Hubert Wolf, namentlich Benedikt XV., dessen gescheiterte Friedensinitiative von 1917 anhand der (nunmehr in beeindruckender Weise online publizierten) Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis minutiös nachgezeichnet und kommentiert wird.

Das Mediationsverfahren im öffentlichen Bereich, wie es in den USA der frühen 1970er-Jahre „neu entdeckt und neu erfunden“ (S. 221) wurde und in zunehmendem Maß auch in Europa bei innergesellschaftlichen Konfliktsituationen angewendet wird, stellt Ulrich Willems vor, ehe Christian Walter „Vermittlung“ aus der Sicht des internationalen Völkerrechts beleuchtet, wobei er unter anderem die Spannung zwischen deren Gestaltungsmöglichkeiten und der Verrechtlichung von Bereichen interstaatlicher Kommunikation hervorhebt. Christian Tomuschat stellt unter Einbeziehung der eigenen einschlägigen Erfahrung in Guatemala das Institut der „Wahrheitskommissionen“ vor, die nach „dunklen Jahren einer Gewalt- oder Unrechtsherrschaft“ einer Gesellschaft eine mögliche „Orientierung für die Zukunft“ (S. 263) geben sollen. Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer bietet seine historische Sicht auf den Nahost-Konflikt als einen nahezu „unmögliche[n] Friede[n]“, und Hans-Georg Soeffner arbeitet, gestützt auf Georg Simmel, den Unterschied zwischen Kompromiss und Versöhnung in menschlichen Konflikten heraus, ehe er mit Verweis auf den in sich gespaltenen „medialen Dritten“ der Gegenwart das neutrale Vermittlungsinstitut insgesamt als problematische Vorstellung anspricht: zusammengesehen mit dem einleitenden Beitrag von William Miller, rahmt den Band also gleichsam „die Skepsis des Anthropologen und des Soziologen, ob der neutrale Dritte, der ‚go-between‘, der Vermittler mehr sein kann als Konstrukt und Illusion“ (S. 17).

Diese Skepsis gewinnt durch die dargebotenen historischen Fallbeispiele ebenso argumentative Substanz wie produktive Plastizität, da die Schwierigkeiten der vermittlerischen Balance zwischen Eigeninteresse und Unparteilichkeit, zwischen Äquidistanz und vertrauensbildender Nähe, zwischen der Anwendung von Druck und der gänzlichen Reduktion von vermittlerischer Eigeninitiative, schließlich die Schwierigkeiten bei der Bestimmung des Verhältnisses des Vermittlungsverfahrens zu den jeweiligen Rahmenumständen als Grundthemen in allen Beiträgen zur Sprache kommen. Hilfreich hinsichtlich der Terminologie sind die begriffsgeschichtlichen Überlegungen von Barbara Stollberg-Rilinger, wo „Mediation“ auch als zeitgenössischer Terminus vorgestellt wird (S. 124f.; vgl. auch S. 89), ebenso der Beitrag von Ulrich Willems, der den heutigen Bedeutungsumfang des terminus technicus „Mediation“ im innenpolitischen Kontext klarstellt, wodurch der Unterschied zum von Christian Walter bearbeiteten völkerrechtlichen Terminus „Vermittlung“ deutlich hervortritt. Hier könnte weiter gefragt werden, und zwar beispielsweise nach Vorstellungen von Gleichheit in spezifischen historischen Konfliktkontexten, etwa im Hinblick auf das Ständewesen, das in den Beiträgen zum Mittelalter gestreift, jedoch im Band nie zentral thematisiert wird. Hier, ebenso jedoch bei der von Christian Walter beschriebenen rechtlichen Konstituierung der Völkergemeinschaft, ist die Frage der Souveränität – nach innen wie nach außen – entscheidend für die Vorstellung, wer sich denn überhaupt in einem Konflikt gegenüberstehen kann.

Einleuchtend ist in dem Band die mehrfach konstatierte topische Überlagerung des konkreten Vermittlers mit Christus als dem Vermittler schlechthin, was gerade im Hinblick auf die mitunter postulierte moralisch-metaphysische Komponente von Überparteilichkeit einen wichtigen Verständnisschlüssel, auch hinsichtlich der Grenzen von Vermittlung, eröffnet. Auch hier kann weitergefragt werden, etwa nach analogen Überlagerungen – oder deren Fehlen – in anderen Religionen.

Hervorzuheben ist weiters die Feststellung, dass – hier bei Hermann Kamp – die „gescheiterten Vermittlungsversuche […] bei weitem diejenigen [überwogen], die zum avisierten Ziel führten“ (S. 116); Hubert Wolf konstatiert gerade durch das Scheitern der päpstlichen Initiative 1917 einen Zuwachs von dessen moralischer Autorität. Dies rückt das Prozesshafte des Friedenssuchens in einer Weise in den Blick, die wiederum gut zu der Beobachtung Hans-Georg Soeffners passt, wonach jeder „Frieden […] noch alle wesentlichen Elemente des Ausgangskonfliktes [enthält]“ – und umgekehrt (S. 295). Damit kann eine Fülle an historischen Einzelbeobachtungen durchaus fruchtbar gemacht werden als Panorama sich wandelnder Parameter rund um Konflikte und Auseinandersetzungen, die nicht zwangsläufig auf ihre Pole Krieg und Frieden zu reduzieren sind.

Bewusst ist dem Rezensenten das Anliegen des Bandes, dass die „Mitglieder des Clusters […] ihren Beitrag zu einer angemessenen Vermittlung ihrer Forschungen an die Öffentlichkeit“ leisten wollen (S. 7), weshalb hier auch keine umfassende theoretische Auseinandersetzung mit der historischen Friedens- und Konfliktforschung einzufordern[2], sondern lediglich auf das Potential einer solchen Befassung hinzuweisen ist. Ob dies in demselben Maß auch für die Fachliteratur der Mediation gilt – zumal es „trotz kultur- und epochenübergreifender Arbeiten auf diesem Feld […] erstaunlich [ist], wie häufig Arbeiten, die sich mit Problemen von Mediation in der Gegenwart befassen, dies in voller Unkenntnis der Tatsache tun, dass sie über eine Institution handeln, die in vielen Zeiten und Kulturen zu beobachten ist“ (S. 17) – sei dahingestellt. Um der Einlösung eines solchen Postulats einen Schritt näher zu kommen, müsste man wohl präziser zwischen diplomatiegeschichtlicher Perspektivierung völkerrechtlicher Konflikte, Analyse von Strategien innenpolitischer bzw. zivilgesellschaftlicher Konfliktbeilegung und kommunikationstheoretischer Auseinandersetzung unterscheiden. Dem Rezensenten sind die potentiell fließenden Grenzen durchaus bewusst: Das heute oft fehlende Handlungsmandat gegenüber der mediatorisch beratenen Staatsverwaltung (S. 230) erinnert unweigerlich an den Umgang Heinrichs IV. mit den Vermittlungsversuchen des Erzbischofs Friedrich von Mainz (S. 85ff.).

Der Band ist im Wesentlichen gut redigiert (eine etwas höhere Fehlerdichte lediglich S. 230ff.), die Unterfütterung der Beiträge durch Literatur in der Regel erfreulich („Land und Herrschaft“ von Otto Brunner kann man bei einem generischen Verweis freilich auch in einer neueren als der zweiten Auflage – Brünn 1942 – zitieren: S. 93), und über weite Strecken bereitet das Lesen instruktives Vergnügen, zumal hier in großer Dichte (zwei) Expertinnen und (elf) Experten über Gegenstände jahrzehntelanger Reflexion und Bearbeitung berichten – auch der historische „Lernstoff“ der Ringvorlesung wird damit ansprechend vermittelt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. die Ankündigung der Vorlesungsreihe auf H-Soz-u-Kult am 31. 10. 2008: <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=10300> (17.09.2012).
[2] Als eines unter zahlreichen möglichen Beispielen sei verwiesen auf: Ulrich Bröckling, Gescheiterte Vermittlungen – Symbolisches Kapital? Technologie der Befriedung: über Mediation, in: Benjamin Ziemann (Hrsg.), Perspektiven der historischen Friedensforschung (Frieden und Krieg 1), Essen 2002, S. 229–249.

ZitierweiseThomas Wallnig: Rezension zu: Althoff, Gerd (Hrsg.): Frieden stiften. Vermittlung und Konfliktlösung vom Mittelalter bis heute. Darmstadt 2011, in: H-Soz-u-Kult, 01.11.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-098>.

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